Ausgabe 
4.10.1870
 
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Strolche sofort standrechtlich erschossen worden sind, ohne Lebensgefahr es wagen, in der Stadt herumzugehen. Das Standrecht ist proclamirt und ave Waffen sind weggenommen worden. Einige Stadttheile, namentlich in der Nähe der Finkmatt und der zuerst weggenommenen Lünetten 52 und 53, sind arg mitge­nommen , und in diesen viele ganz in Trümmer geschossene Häuser, nur wenige ganz unbeschädigt. Dagegen sind andere Stadttheile fast ganz vom Bombarde­ment verschont geblieben. Die Citadelle ist ganz in Trümmer geschossen, so daß sich der Commandant allerdings nicht länger halten konnte und dem in zwei bis drei Tagen beabsichtigten Sturm nicht hätte widerstehen können. Natürlich wäre die Stadt dadurch nur noch mehr ruinirt worden. Das Münster hat allerdings einige Beschädigungen erlitten, doch sind sie im Verhältniß zu diesem kolossalen Bau unbedeutend. Die Orgel ist durch eine Bombe zerfetzt, einige Fenster ein» gerissen und am Thurme, wo einige Granaten geplatzt sind, einzelne Stücke aus- gerissen, was aber nicht so schwierig zu repariren sein dürfte, wenn erst einmal das Gerüste dazu fertig und angebracht ist. Das Theater ist ganz ausgebrannt. Das schöne Cafe am Broglieplatz ist ebenfalls stark mitgenommen. Viele Waffen sind von den Franzosen vor der Uebergabe in die III geworfen und von da gestern von badischen und preußischen Soldaten herausgesischt worden. Ein großer Theil derselben war noch dazu zerschlagen und zerbrochen. Die Gefangenen wurden größtentheils schon gestern herausgeschafft und nach Rastatt dirigirt. Einige kleine Trupps sah ich noch auf den Straßen von preußischer Garde-Land- wehr transportiren. Es waren Leute aller Waffengattungen, darunter auch Turkos und Zuaven. Offiziere sah ich noch viele mit ihren Säbeln und Degen; doch heißt es, daß sie ihnen heute abgenommen werden sollen, da Mißbrauch getrieben worden sei. Von der BelagcrungSarmee wurden noch gestern einige Theile, die nicht zur Besatzung von Straßburg verwendet werden, zum Aufbruch nach Paris beordert. Die herrliche Allee von Kehl nach Straßburg, aus mehr als 100jährigen Bäumen bestehend, ist leider ein Opfer des Krieges ge­worden. Die französische Zerstörungswuth hat die Bäume gefällt und den Weg damit verrammelt, während die ganze Umgegend (das niedere Terrain) unter Wasser gesetzt wurde. Man hoffte dadurch die Deutschen abzuhalten, denen aber ihre Kugeln den Weg gebahnt haben. Kehl Stadt ist arg zusammengeschoffen. Davon stehen keine 6 ganz unbeschädigten Häuser mehr. Die Hälfte ist aber ganz demolirt. Kehl Dorf, das entfernter liegt, ist weniger mitgenommen. Seit gestern und vorgestern kehren die Einwohner allmählig zurück und bringen ihre Habseligkeiten wieder mit, denn auch die Bewohner von Kehl Dorf waren größtentheils fort und in die benachbarten Orte gezogen, das Ende der Bela­gerung abzuwarten. Ebenso ist es in Straßburg, wo es den ganz.cn Tag ein­wandert zu Fuß, zu Roß und zu Wagen. Durch das Austerlitzer Thor ist eine wahre Wallfahrt. Es ist durch preußische Garde-Landwehr besetzt. Die badischen bei Kehl aufgestellten 5 Batterien, 2 Mörserbatterien, 2 12-Plunder und eine 24-Pfünder, werden sehr viel von Neugierigen besucht. Sie sind in hohem Grade interessant. Bis jetzt ist der Verkehr über den Rhein nur durch Fähren möglich, doch sind die badischen Pionniere schon zur Ausschlagung einer Schiff­brücke angelangt.

Rastatt, 30. September. Gestern Abend nach 4 Ubr sind die Straß­burger Kriegsgefangenen in der Stärke von etwa 15,000 Mann, escortirt von badischen Truppen, hier eingetroffen.

Gießen. Von befreundeter Hand wird UNS folgender Aufruf aus Mexico mrtgetheilt, welcher Zeugniß gicbt von dem hohen Werth, welchen unsere Lands­leute auf ein geeinigtes deutsches Vaterland legen. Mögen Ihre Hoffnungen, welche Sie auf uns gesetzt haben, nicht durch kleinliche Zwistigkeiten bei Con- stituirung des künftigen deutschen Reiches zu sehr herabgrstimmt werdcn. Der Aufruf lautet:

An sämmtliche in Mexico lebende Deutsche. Landsleute!

Der große entscheidende Moment ist endlich da! Deutschland rief seine Sühne zu den Waffen und setzt das Höchste ein für seine Ehre. Alle künstlichen Scheidelinien, die Verblendung und unglückliche Verkettung von Umständen zwischen seinen Stämmen gezogen, brechen mit einem Schlage zusammen vor dem überwältigenden Gedanken: das gemeinsame Vater« land ist in Gefahr! Da fühlen sie Alle, in Nord und Süd, daß sie fest daran halten müssen, mit ihrem ganzen Herzen, fest zusammen stehen und siegen müssen, damit die Welt er­fahre, was Deutschland kann, wenn alle seine Söhne einig find und ernstlich wollen.

Schon hat der Feind, der uns zu provociren wagte, das deutsche Schwert gefühlt und siegreich dringen unsere Armeen vor.

Nicht Allen indeß ist eS vergönnt, activ am Kampfe Theil zu nehmen; aber Alle können in ihrer Sphäre helfen und ihre Ehrenschuld ans Vaterland und Die welche Gut und Blut für dasselbe eirgetzcn, abtragen. Unsere verwundeten und sterbenden Brüder haben das Recht zu erwarten, daß der, der nicht an ihrer Seite kämpfen konnte, für sie und ihre Hinterbleibenden sorge und fein Opfer zu groß erachte, um dies in vollstem Maaße, würdig der großen Sache die uns bewegt, zu erreichen. Das ist das Feld, auf dem der Deutsche im Auslande wirken kann und wirken muß, wo er seinen Patriotismus, seine Liebe zum großen schönen Vaterlande, wovon er so oft gesungen, durch die That beweisen kann. Zeigen auch wir in Merico, daß die große Zeit kein kleines Geschlecht gefunden, daß wir den ganzen Ernst der Situation be­greifen und unsere Pflicht thun wollen im weitesten Sinne des Wortes. Nie ist ein solcher Mo- ment, es zu bethätigen, dagewesen wie jetzt und nie wird er wiederkommen gern und freudig muffen wir geben, damit wir selbst und Andre in spätem Tagen, wenn Deutschland einig, groß und stark dasteht, mit Stolz und Zufriedenheit sagen können:auch die Deutschen in Merico waren 1870 auf der Höhe ihrer Zeit."

Der Vorstand des Deutschen Hauses glaubt im Sinne aller Landsleute zu handeln wenn er sich an die Spitze des patriotischen Unternehmens stellt, Gaben für die verwundeten Bruder und die Hinterbliebenen der Gefallenen zu sammeln. Voll festen Vertrauens und siche­rer freudiger Hoffnung wendet er sich daher an Alle in der Hauptstadt und im Innern Merico'S lebende Deutsche, mit der Bitte um Zeichnung und Einsendung reichlicher Spenden.

. . « öffncn toir uns're Herzen und uns're Börsen unter dem ganzen Einflüsse

deS Gedan^nS, daß Die, denen wir helfen wollen. Alles hergedcn, um das beleidigte Vater- land Zu rachen, seine schönsten Provinzen vor feindlichen Gelüsten zu schirmen und seinen Namen

v mtVUnd gebietend zu machen, drüben und überall; sie sterben, bluten und opfern Hab und Gut ja auch für uns.

Das Eonsulat des norddeutschen Bundes, die Herren Gerardo Warnholtz & (So. sowie die unterzeichneten Mitglieder des Comite'S nehmen Beiträge von hier und auswärts, entgegen und werden deren Verzeichniß s. Z. durch em verbreitetes Journal veröffentlichen.

zr , n- u on Merico im August 1870.

(Jarl Felir. ^tto Schlesinger. Joachim Flebbe. Hermann Stiegler.' Carl Fredenhagen. Carl von der Becke. Herman Bietsch. Mar Boker. B. Desebrock. A. Hölscher. Aug. Hoch.

Darmstadt, 28. September. Von einem mehrtägigen Aufenthalt bei un­serer Division zu Ars sur Moselle zurückgekehrt, halte ich mich zu oer öffentlichen Mlttheilung verpflichtet, daß dem Nothstand unserer Truppen, unter welchem die­selben bei dem schlimmsten Wetter in den Bivouaks bei Rezonville schwer ge­litten hatten, nunmehr genügend abgeholfen ist. Ich hatte Gelegenheit, einen großen Theil der Division bei einem Feldgottesdienst zusammen zu sehen und

war erstaunt, über den guten Zustand, tn welchem sich die Kleidungsstücke noch befinden. Dem Bedürfniß nach wollenen Unterkleidungsstücken ist durch die frei, willige HülfSthätigkeit für den Augenblick schon ziemlich Genüge geleistet, und die von den Landstänten bewilligten Anschaffungen werden das Fehlende noch ergänzen und voraussichtlich selbst bet einer noch Monate fortdauernden Cerui. rung von Metz den jeweiligen Bedarf decken. Die Verpflegung ist nach mir Re. wordenen vielfachen Versicherungen von Offizieren und Soldaten dermalen durch, aus geregelt und gut, ja an manchen Gegenständen, z. B. Cigarren rc., ist zeit­weise solcher Ueberfluß, daß die herbeigereisten Spekulanten ihre Waare nicht los werden können. In ArS selbst schaffen die Kaufleute, Metzger, Bäcker und Wirthe, nachdem sie gesehen, daß Alles baar bezahlt wirb, genügende Vorräthe herbei, so daß man einen großen Theil des Bedarfs dort kaufen kann. Die dcrmalige Lage unserer Division, von welcher stets ein Theil in Quartieren lie^t gicbt also tn Ansehung ihres Standortes und der Verpflegung dermalen zu keinerlei Besorgnissen mehr Veranlassung, scheint vielmehr so gut zu sein, als dies unter den gegebenen Verhältnissen überhaupt möglich ist. Ich gebe deßhalv allen Angehörigen und Freunden von Soldaten den Rath, in weiteren Sen­dungen an dieselben nicht voreilig zu sein, vielmehr die durch den raschen Post­verkehr sehr erleichterte Anforderung abzuwarten und sich bei Sendungen jeden- falls auf notbwendige oder zweckmäßige und dem Verderb nicht ausgesetzte Gegen­stände zu beschränken. Durch diesen Rath entspreche ich vielfachen Wünschen von Soldaten und Offizieren. A. Ohly, Hofgerichts-Advocat.

Frankfurt, 1. Oct. Die Kronprinzessin Victoria überreichte dem Polizei- Präsidenten Madar tausend Thaler für Straßburg.

Mainz, 30. Sept. Auf den öffentlichen Plätzen und den Militärge- bauden, den Casernen rc. sind heute wieder die Siegesflaggen aufgezogen; die Stadt dagegen zeigt wenige oder keine Zeichen der Freude. Sie ehrt zwar den Erfolg der deutschen Waffen; aber sie ist mehr wie jede andere in der nicht beueidenswerthen Lage, die coloffalen unverschuldeten Opfer zu würdigen welche Straßburgs Bürgerschaft erwachsen sind. Gestern Nacht ist der erste der für mehrere folgende Nächte angekündigten starken Züge Kranker hier durchpassirt. Diese Züge laufen direct von Pont-d-Mousson ab, und werden gegen 7000 Kranke von den Truppen vor Metz heimwärts befördern. Dieses sind gerade keine erfreulichen Zeichen, und stimmt schlecht zu den Versicherungen, daß dort jetzt kein Uebelstand und keinerlei Mangel unter den Truppen herrsche. Eines läßt sich freilich constatiren, nämlich Das, daß unter diesen Kranken allerdings nicht viel Chargirte angetroffen werden. Das vor etwa drei Wochen von Metz hierher verlegte 67. preußische Infanterie-Regiment wird wieder zur mobilen Armee, und zwar nach dem Elsaß, abgehen, wo es zur Besatzung von Straßburg stoßen soll. Auch hier werden die bisher zu Lazareth- oder anderen militärischen Zwecken verwendeten Räume des Gym- nastums, der Realschule und der Volksschulen mit dem nächsten Montage ihren eigentlichen Bestimmungen wieder zurückgegeben und der Unterricht wird allgemein nach zweimonatlicher Unterbrechung wieder beginnen. Der Dnrch- zug der päpstlichen Armee hat begonnen; morgen werden 3000 Zuaven von derselben erwartet.

Coblenz, 29. September. Die eingezogenen Landwehrleute verschiedener Truppengattungen, welche 1852 bis 1853 eingUreten, sollen in ihre Heimatb cntlüfj'en werden. Dagegen hat ein Theil unserer FestungSartillerie, jüngere Jahr­gänge, Marschordre erhalten zur Verstärkung des Be'.agerungscorpS bei Paris.

Nach Miitheilung eines Soldaten vom Metzer BelagecungScorpS vom 27. September muß in der Festung schon bedeutender Mangel an Lebensmitteln Herrschen, indem die Vorposten Nachts häufig von großen Schaaren Franzosen beunruhigt werden, welche sich jedoch nur für den Bestand der Kartoffelfelder

tnteressiren und dann eiligst mit ihrer Beute in die Festung schlüpfen. Ebenso

sollen deutsche und französische Truppen sich Morgens um das Kaffecwasser prügeln. Heute früh ging eine seltene Ladung nach dem Zeltlager der gefangenen

Franzosen auf der Wahner Haide von hier ab: man spcdirte nämlich eine große

Schafherde per Schiff rheinabwä'rts.

Fulda. Die Fürsten Löwenstein-Wcrlhheim, Isenburg -Birstein, Cajus Graf ^lolberg-Stolberg rc. fordern, angesichts der Bedrängniß des Papstes, die Katholiken Deutschlands zu einer Wallfahrt nach dem hier befindlichen Grabe Bonifacius auf. Die Wallfahrt soll am 12. Oc,ober staitfinden. Nach der soll, wie der Aufruf sagt, eine vertrauliche Besprechung der wichtigsten rengt^en Fragen stattfinden, welche erforderlichen Falls an den folgenden Tagen fortgesetzt werde.

Berlin, 28. September. In diesen Tagen passirte durch Berlin die M^E-B-esenkEve, welche, nachdem sie 1867 auf der Pariser Ausstellung Aller Blicke auf sich gezogen, nach Schleswig-Holstein zur Küstenbefestigung ge- schickt wurde. Dem Monstrum war es nicht vergönnt, eine Probe gegen die französische Flotte abzulegen, und so macht es jetzt zum zweiten Male den Weg nach Jhriß, um dort seinen gewaltigen ehernen Mund zu öffnen.

, Berlin, 1. Oct. Der Hausminister v. Schleinitz hat auf Befehl des Äonigö 5000 Thlr. zur Merstütznna der Straßburger Nothleidenden abge­sandt. DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" dementirt das Gerücht von der Abberufung des Frhrn. von Arnim.

, , .EEN, 1. Oct. Der Kaiser von Rußland hat dem General v. Moltke

den höchsten rtissischen Orden, den Georgsorden (2. Cl.), übersendet.

Stuttgart, 28. Sept. Der Staats-Anzeiger sagt: Die Münchener Mi- mster->Conferenz wurde am 22. September eröffnet, am 27. September geschlossen. ' 3m Gegensatz zu den Unterhandlungen auf Grund von Vollmachten wurde der Charakter von Besprechungen unter Feststellung schriftlicher Anhaltspunkte aller- stlts gewahrt. Der Gegenstand der Besprechungen war die Gründung einer Bundesvttfassung zwischen den Nordbundstaaten und den süddeutschen Smaten, zunächst Baiern und Württemberg. Die von den letzteren als durch ihre Ver­hältnisse geboten erachteten Bestrebungen wurden hierbei erörtert. Der Verlauf der Besprechungen soll von den Betheiligten als ein befriedigender betrachtet werden. Zunächst scheint nun einer Kundgebung der preußischen Regierung ent­gegengesehen zu werden, wonach erst die wirklichen Unterhandlungen folgen können.

Oct. Der Kriegsminister v. Suckow ist aus Frankreich zuruckgekehrt. Derselbe überbrachte dem Könige ein Schreiben des Königs von Preußen. D

tu NlUNberg, 1. Oct. Der Magistrat beschloß die Ueberweisung von 35,000 Gulden für die National-Victoriaftiftung.

Freiburg i. B., 29. September. Commandant Uhrich, der auf das Ehren- wprt, vorerst nicht mehr gegen Deutschland die Waffen zu führen, entlassen ist, hat soeben unsere Stadt passtet, um über die Schweiz nach Frankreich zurück-