Preis vierteljährig 1 fl. 12 kr. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 kr.
Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Ausnahme Montags.
Expedition: Canzleiberg Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kichen.
Nr. 170. Samstag den 3. December 1870.
Brodpreife vom 3. bis 9. December 1870,
nach eigener Erklärung der Bäcker:
4 Psunv gemischte« Brod 20y2 kr. 2 Pfund gemischtes Brod 10!/4 kr. 4 Pfund Roggenbrod 1?V2 kr. 2 Pfund Roggenbrod 8% kr.
2. December.
Spanien hat endlich den lange vergeblich gesuchten Schlußstein seiner neuen Musterverfaffung gefunden: der Herzog von Aosta hat sich bereit erklärt, die ihm angetragene Königskrone anzunehmen; auch Victor Emanuel ist ganz damit einverstanden, daß das Glück, dem er schon so manche kostbare Gabe verdankt, aus seinem unerschöpflichen Füllhorn neue Ehren über das Haus Savoyen ausgießt. Die Spanier aber haben nach einer stürmischen, an Verlegenheiten und Gefahren reichen Periode, nach langem Hangen und Bangen in schwebender Pein ihre jüngste glorreiche Erhebung zu einem vorläufigen Abschluß gebracht.
Zu einem vorläufigen Abschluß! denn wer möchte die Bürgschaft dafür übernehmen, daß mit der Thronbesteigung des Herzogs von Aosta die traurige Periode der Zerrüttung und des Verfalles, die Aera der gewohnheitsmäßigen Revolutionen und Pronunciamentos endgiltig abgeschlossen ist? Das alte Regime har der Gegenwart eine böse Erbschaft hinterlassen: Die Bourbonen und die Parteiführer haben gewetteifert, die materiellen und moralischen Grundlagen der staatlichen Ordnung zu untergraben und die Achtung vor dem Gesetz, das poli- tische Pflichtgefühl, ohne welches ter Besitz politischer Rechte werthlos, ja verderblich ist, in dem Volke zu vertilgen. Seit mehr als 50 Jahren hat das König- tbum, wenn es sich stark genug im Besitz der Gewalt fühlte, seine Macht in der tückischsten und tyrannischsten Weise zur Unterdrückung jeder freiheitlichen Regung, zur Befriedigung der zügellosesten Herrschsucht und Habgier grmißbraucht. Seit 50 Jahren haben die liberalen Factionshäupter, wenn ihnen ein glücklicher militärischer Handstreich vorübergehend die Macht in die Hand spielte, ihre Herrschaft auf radikale Verfassungsparagraphen zu gründen versucht, für die es der Masse des Volkes an jedem Verständnis gebrach. Für die Bildung des Volkes, für Hebung des Wohlstandes, für Organisation einer kräftigen und gerechten Verwaltung geschah, von einigen anerkennenswerthen Versuchen abgesehen, auch von den Männern, die sich für die Träger des Fortschritts ausgaben, sehr wenig. Man that nichts, um die Massen von dem Einfluß des ebenso herrschsüchtigen, wie unwissenden Clerus zu befreien, um das Schulwesen zu heben, um der europäischen Cultur Eingang zu verschaffen, um den Sinn für Gesetzlichkeit in dem verwilderten Volke zu erwecken.
Man gewöhnte die Nation daran, die Revolution als einen nothwendigen, gewissermaßen regelmäßigen und berechtigten Factor des Staatslebens anzusehen; aus der Revolution einen geordneten Zustand gesetzlicher Freiheit hervorgehrn zu lassen, dem Lande, statt cs durch hochtönende und unwahre Phrasen aufzuregen, die Segnungen der Civilisation zuzuführen, dazu fühlte man sich völlig unfähig.
Die absolute wie die konstitutionelle Monarchie haben also ihre Proben bis jetzt gleich schlecht bestanden. Die Folge davon war das unerwartet rasche Em- Vorkommen einer besonders auf den Sondergeist der Provinzen und großen Städte sich stützenden republikanischen Partei, der ihre Gegner selbst durch ihre Unent- schlossenheit und ihre mit den empfindlichsten Demüthigungen verbundene Rath- losigkeit in der Zeit des langen Interregnums den größten Vorschub leisteten. Diese republicanische Partei, von beredten und ehrgeizigen, wenn auch meist der politischen Einsicht entbehrenden Führern geleitet, ist eine Macht, mit welcher der neue Monarch zu rechnen haben wird, während auf der entgegengesetzten Seite die zahlreichen Ueberreste der carlistischen Partei, wie es scheint gut geleitet und von den Sympathien eines großen Theils des absolutistisch gesinnten ClcruS ge- tragen, auf dem qui vive stehen. Diesen Parteien gegenüber ist der neue Monarch der Versuchung ausgesetzt, sich nur auf die Häupter der Parteien, die ihn auf den Schild gehoben haben, zu stützen. Aber unter diesen Parteien selbst herrscht leider die größte Zwietracht und Zerfahrenheit. Die Führer haben sich mit wenigen Ausnahmen stets nur von den Motiven des Ehrgeizes und Eigennutzes leiten lassen Werden sie jetzt ausschließlich das Wohl des Vaterlandes ins Auge fassen, die alten Rivalitäten vergessen und alle ihre Kräfte vereinigen, um die Herrschaft des Königs ihrer Wahl zu befestigen? Und wenn sie, wie sich voraussetzen laßt, dazu nicht bereit sind, wird der junge König sich stark genug fühlen, um sie zur Eintracht zu zwingen? Wird er im Stande sein, eine feste Stellung über den Parteiintriguen einzunehmen? Wird er innerhalb der engen Schranken, welche die radikale Verfassung seiner Thätigkeit setzt, überhaupt ver- mögen, einen maßgebenden Einfluß auf die Verwaltung der StaatSangelegenhei- ten zu gewinnen?
Der Empfang des neuen Herrschers wird, wie es scheint, im Allgemeinen ein herzlicher und begeisterter sein. Denn Spanien ist des langen Provisorium- müde, und kann daher, von den Republikanern und Carlisten abgesehen, nicht umhin, die Wiederkehr eines definitiven Zustandes mit Freuden zu begrüßen. Aber Spanien erwartet auch viel von dem jungen Könige. Es erwartet vor Allem die gründliche Befreiung von den chronischen Leiden der Militärrevolutionen und der Palastintriguen, die Wiederherstellung einer redlichen, geordneten, gesetzlichen Verwaltung, die Förderung der materiellen Wohlfahrt und der geistigen Bildung. Spanien würde nicht anstehen, den König dafür verantwortlich zu machen, wenn diese Erwartungen sich nicht erfüllen sollten.
Wenn der König ein Mann von überlegener staatsmännischer Einsicht und
starkem Charakter ist, so wird er gerade aus der Höbe der Erwartungen die Kräfte zur Erfüllung der ihm auferlegten Aufgabe schöpfen können. Er wird sich auf die Nation stützen, um des Beistandes verdächtiger und eigennütziger Freunde und der Nachgiebigkeit gegen offene Feinde entbehren zu können. Ueberläßt er sich dagegen — und die Gefahr, daß er es thut, liegt sehr nahe — dem Einfluß dieses oder jenes Parttihauptes, so wird bald genug das alte Spiel sich wieder- holen, und Spanien wird bleiben, was es war, ein Tummelplatz ehrgeiziger Ge- nerale und grundsatzloser Factionen.
Das erste Jahr der neuen Regierung, ja, das erste Auftreten des jungen Königs wird wahrscheinlich von entscheidender Bedeutung für Spaniens Zukunft werden. Möge es dem Könige gelingen, sofort die richtige, feste Stellung in dem Chaos emzunehmen, welches zu ordnen und neu zu gestalten er berufen ist. Es winkt ihm eine hohe und schöne Culturaufgabe, und ganz Europa hat ein Interesse daran, daß er diese Aufgabe in ihrer ganzen Bedeutung erfaßt und mit Kraft und Einsicht durchführt. Ganz Europa hat ein Interesse daran, daß ein kräftigs, gesetzliches und aufgeklärtes Regiment die Ketten des Aberglaubens zer- breche, welche das so begabte Volk fesseln, und die Anarchie bändige, welche die Kräfte desselben verzehrt. Europa blickt daher nicht ohne Besorgniß, aber mit aufrichtiger, wohlwollender Thcilnahme auf den kühnen Versuch des jungen Prinzen aus dem Hause Savoyen, in dem schwer geprüften Lande dies lange schmerzlich vermißte und ersehnte Regiment zu begründen.
Die Niederlage der französischen Nordarmee in der Schlacht bei Amiens, oder bei VillerS-Bretonneux in der Nähe von Saleux, wie sie selbst sie nennen, stellt sich als immer bedeutender heraus, denn selbst die Delegation in Tours hat sich ohne Säumen entschlossen, schon am 28. dieselbe unter geringer Reserve einzugestehen, und die Stimmung soll in Folge dessen in Tours eine überaus ent- mutbigte sein. Die „Jndependance belge", welche sich durch ihre Berichte wohl bei Niemand in den Verdacht gebracht hat, daß es ihr ein besonderes Vergnügen macht, die Erfolge der preußischen Waffen zu verherrlichen, gibt über die Niederlage der Nordarmee am 29. folgenden Bericht: „Gestern Sonntag ist südöstlich von Amiens eine bedeutende Schlacht geschlagen worden. Die Franzosen, die sich auf ein stark verschanztes Lager stützten, hatten ihren rechten Flügel von Villers- Brctonneux, an der Eisenbahn von Amiens nach Rheims, ihren linken Flügel in Boves und Dury, Dörfer, von denen das erste südlich von Amiens an der nach Breteuil führenden Chaussee, das andere östlich an der Linie von Amiens nach Clermont liegt. Die Deutschen batten das Centrum ihrer Stellungen in Moreuil, an der Chaussee von Amiens nach Compiegne. Aus den Telegrammen, die uns aus Tours und Versailles zugegangen sind, ergibt es sich, daß der erbitterte Kampf den ganzen Tag gebauert hat. Er endigte mit der Niederlage der Franzosen. Auf ihrem rechten Flügel durch überlegene Streitkräfte zerschmettert, wurden sie nach Boves zurückgetrieben, und sie behaupteten ihre Stellung nur in Dury auf ihrer äußersten Linken. Die deutsche Depesche besagt, daß sie gegen die Somme und Amiens zurückgetrieben worden sind, was topographisch mit den Angaben der ranzösischen Depesche übereinstimmt. — In Folge dieser blutigen, aufs Tapferste bestandenen Schlacht ist Amiens in die Gewalt der Preußen gefallen. Die Nord- armee hat die Stadt, ohne einen neuen Kampf zu erwarten, aufgegeben, um nicht von ihrer Operationsbasis abgedrängt zu werden."
Das in Paris erscheinende Organ Blanqui's, die „Patrie en Danger", gibt in ihrer Nummer vom 18. November dem Genera! Trochu folgende Titel: General de Bonaparte, Fürst von Gottes Gnaden, Trappist, Prediger, Monk der orleanistischen Dynastie, gestiefelter Jesuite, der seinen Liguori besser kennt als Jomini, orthodoxer Säbel, Gendarm der Ordnung und Bote der heil. Inquisition, militärischer. „Cretin", Held des heil. Ignatius, Cäsar des Gebetbuchs, zaudernder Landsknecht, clericaler und militärischer Cagliostro, Mangin (eine bekannte Per- lönllchkeit, welche auf den Straßen von Paris Bleistifte verkauft), Ober-Gcneral und Pascha.
Der bekannte Pariser Weinhändler Sorg, der seit seiner Ausweisung aus )aris sich in Belgien aufhielt; geht heute nach Versailles ab, um mit dem preu- zischen Präfekten dieser Stadt im Namen einer großen Antwerpener Gesellschaft wegen der Verproviantirung dieser Stabt und der verschiedenen preußischen Armeen in Unterhandlung zu treten. Diese Gesellschaft erbietet sich auch, Paris nach dessen Fall sofort mit den nothwendigen Lebensmitteln zu versehen.
Aus Liverpool kommt die Kunde von einem brutalen Morde, der dort am Freitag Abend an einem Deutschen, Namens Christian Flueck, Sprachlehrer und Inhaber einer Privatschule, verübt wurde. Man fand den Unglücklichen in einem Wohnzimmer, aus vier klaffenden Kopfwunden blutend,- die vermittels einer in der Nähe gefundenen schweren eisernen Haspe zugefügt worden zu sein scheinen, in besinnungslosem Zustande vor. Bald darauf gab er seinen^ Geist auf. Der That bringend verdächtig wurde ein Sprachlehrer Namens Huspian, ebenfalls ein Deutscher, verhaftet, mit dem der Ermordete in fortwährenden Mißhelligkeiten gelebt. Man glaubt, daß Rache das Motiv zu dem Morde gewesen.
Schlag auf Schlag kommen jetzt wieder die Meldungen über agrarische


