Politische Rundschau.
1. Februar.
Die dem Grafen Bismarck näherstehende „Berlin. Revue" bringt in ihrem letzten Hefte unter der Ueberschrist „Cavolleristlsche Studie" mehrere Aufsätze, welche auf die geringen Leistungen der preußischen Kavallerie im Jahre 1866 Hinweisen, wo die Mainarmee die ihr gegenüberstehcnden Truppen fast ausschließlich mit Infanterie besiegte. Es wird daher, gestützt auf die Thatsache, daß die Spitzkugeln der Zündnadelgewehre jeoen Panzer durchdringen, das Eingehen der Cuirassier - Regimenter verlangt, deren Mannschaften und Pferde an einer anderen Stelle besser verwerthet werden könnten. Derselbe Artikel befürwortet die Errichtung von acht stehenden Lagern und das Eingehen ter meisten Festungen, so daß nur Spandau, Posen, Erfurt, Colberg und Ehrenbreitstein fortbesteben sollen. Für die Gegend zwischen Saar und Mosel wird ein verschanztes Lager gefordert, welches für 2—300,000 Mann ausreichenden Raum bittet. Große Städte, wie z. B. Königsberg, Danzig, Stettin, Magdeburg und Köln würden mit großen Opfern den Fall ihrer Wälle erkaufen. Dadurch ständen dann sofort viele Bauflächen, Exercierplätze, nicht mehr brauchbare Mrlitärgebäude dem Milttärfiscus als werthvolle Wr- kaufsobjecte zur Verfügung. Verschanzte Lager aber seien an solchen Orten anzulegen, wo der Werth der Grundstücke noch ein sehr unbedeutender ist.
Die „Allg. Ztg." veröffentlicht eine von hervorragenden Mitgliedern der Universität und anderen angesehenen Männern Breslau'S an den StiftSprobst Dr. Döllinger gerichtete Zustimmungsadresse zu dessen Erklärung gegen die InfallibilitätSpetition.
Das Pariser „officielle Journal" bringt ein Circular des Justizministers an die Generalprocuratoren über die Anwendung des Gesetzes über die Presse. Die Generalprocuratoren dürfen keine nichtauthentischen Berichte über die Kammerverbandlungen zu- lass.n, noch auch Veröffentlichungen über die Bera- thung'N im Staatsrathe. In dem der Polemik gewidmeten Theile der Journale soll unterschieden werden zwischen Artikeln, welche der Ausdruck von individuellen Theorieen und Doktrinen sind oder welche Kritiken der Handlungen des Ministeriums enthalten und solchen, welche wirklichen Acten gleichkommen. Der Minister will, daß die Procuratoren sich um die ersteren nicht bekümmern sollen, wie verwerflich sie auch scheinen mögen, aber die anderen dürfen sie nicht dulden. In erster Linie unter den Art.keln, welche zu verfolgen sind, stehen diejenigen, welche Beleidigungen gegen den Kaiser, Apo- logieen für Verbrechen oder Vergehen oder direkte Aufforderungen zum Ungehorsam gegen die Gesetze, zur Begehung von Verbrechen oder Vergehen enthalten und besonders auch diejenigen, welche beabsichtigen, die Militäipersonen von ihren Pflichten und dem Gehorsam gegen ihre Oberen abwendig zu machen. Das Circular befiehlt, dieselben Regeln in Bezug auf die öffentlichen Versammlungen anzuwenden. Bis zur Publikation des neuen Gesetzes über die Presse sollen die Generalprocuratoren das bestehende Gesetz anwenden, wenn es nöthig ist. Das Circular schließt: „Ich bin sicher, daß Sie uns mit Eifer behülflich sein werten bei der schwierigen Aufgabe, welche wir übernommen haben; Sie werden dabei ermuthigt werden durch das Bewußtsein Ihrer Verantwortlichkeit, aber auch durch den Gedanken, daß kein Ruhm dem gleichkommt, an ter Befestigung einer freien Regierung mitzuardeiten."
Das „Parlament" veröffentlicht ein Petersburger Telegramm, wonach die Conc.ntrirung türkischer Truppen an der montenegrinischen Grenze zu Besprechungen der Großmächte ernsten Anlaß geboten haben soll.
Der Alexandriner Berichterstatter des „Gaulois" verbürgt, daß ter Wcekönig von Egypten trotz aller officiösen Beschwichtigungsphrasen ein ArmeecorpS von 40,000 Mann zusammenziehe.
2. Februar.
Die Angelegenheit des Prinzen Peter Bonaparte soll am 15. März vor ten hohen Gerichtshof kommen, ter sich definitiv in Bourges versammelt. Die Zahl der Zeugen, welche bis jetzt verhört wurden, beträgt 50, darunter auch d<r Deputirte General Lebreton. Obgleich der Prinz von dem mit der Untersuchung betrauten Präsidenten Olms mit äußerster Milde behandelt wird, so befindet er sich fortwährend in einem sehr erregten Zustande.
Am 21. Januar ist den Vätern des Concils unter dem Siegel des Geheimnisses die Scheda de Romano Ponlifice mitgetheilt worden; jenes Siegel hindert jedoch nicht, daß der römische Berichterstatter der „Times" eine lange Inhaltsangabe und theil- weise einen wörtlichen Auszug aus dem Schriftstücke
liefert. Die persönliche Autorität des Papstes wird darin auf eine sehr hohe Stufe gestellt; er wird für das absolute Haupt der unfehlbaren Kirche, über den Concilien und von denselben unabhängig, erklärt. Das Schriftstück berührt sodann die verschiedenen politischen Punkte, die schon im Syllabus angeveutet sind, bestätigt das göttliche Recht der Fürsten, verwirft die Lehre von der Anerkennung vollendeter Thatsachen (eine Wiederholung der Verdammung der Nichtintervention aus Artikel 62 des Syllabus) sowie das allgemeine Stimmrecht. Der wichtigste Theil aber tst der Abschnitt, worin das göttliche Recht des Papstes auf die weltliche Herrschaft festgestellt wird. Er lautet mit Weglassung einiger Weitläufigkeiten: „Auf daß aber der römische Papst das Amt des ihm von Gott übertragenen Primats gebührender Maßen erfülle, bedurfte er jener Schutzvorrichtungen, welche den Verhältnissen und Erfordernissen der Zeit entsprachen. Es geschah daher nur durch besonderen Rathschluß der göttlichen Vorsehung, daß in der großen Vielheit und Mannigfaltigkeit der weltlichen Fürsten auch die römische Kirche ein weltliches Herrschgebiet besitzt, damit der römische Papst, der ganzen Kirche höchster Hirt, keinem Fürsten unterworfen, mit vollster Freiheit sein Hirtenamt übe... . Da aber gottlose Menschen, die alles Recht auf Erden zu verändern trachten, auch darauf ausgehen, diese weltliche Herrschaft .... durch Ränke und Gewalt- thaten aller Art zu stürzen, so verdammen und verwerfen wir unter Beistimmung des heiligen Concils . . . . sowohl die ketzerische Lehre derjenigen, welche die Verbindung der weltlichen und der geistlichen Macht in den römischen Päpsten für einen Widerspruch mit dem göttlichen Rechte erklären, als die falsche Ansicht derer, die da behaupten, es sei nicht Sache der Kirche, über dieses Verhältniß der weltlichen Herrschaft zu dem Besten der ganzen Christenheit irgend etwas festzusetzen, und es stehe den Katholiken frei, von den in dieser Angelegenheit erfolgten Entscheidungen abzuweichen und eine andere Meinung zu haben."
In Monaco hat ein kleiner Aufstand ftattgefunden. Anlaß dazu gab der französische Ex-Capitän Doineau, der bekanntllch vor mehreren Jahren wegen Theil- nahme an der Ermordung mehrerer Personen in Algerien — er war Chef eines arabischen Bureau's — zuerst zum Tode verurtheilt und dann zu einem Jahre Gefängniß begnadigt wurde unter der Bedingung, sich nach abgesessener Strafzeit in'S Ausland zu begeben. Dieser Doineau war feit einiger Zeit in Diensten des Fürsten von Monaco, wo er die Verschönerungsarbeiten zu leiten hatte. Da er aber seine Untergebenen so behandelte, als wenn er noch feine „Araber" vor sich hätte, so rotteten sich dieselben am Donnerstag zusammen und zogen, 300 Mann stark, vor das Schloß des Fürsten, um die Verabschiedung des „Capitäns" , wie man Doineau dort noch nennt, zu verlangen. Der Fürst gab so- fort nach und ertheilte Doineau den Befehl, feine „Staaten" zu verlassen. Dieser weigerte sich, der Ordre Folge zu leisten, und stellte sich unter den Schutz des französischen Consuls, der ihm aber bedeutete, das Beste, was er thun könne, fei, dem Befehle der Regierung Folge zu leisten.
Hessen. Darmstadt, 31. Jon. Nach von dkm König!. Bayerischen Ministerium des Innern erfolgter amtlicher Mit- theilung herrscht dermalen die Rinderpest in NiedenOesterreich, der Bukowina, Galizien, Ungarn und Siebenbürgen. Die Kön. Bayerische Regierung hat sich daher unterm 12. d. M. veranlaßt gesehen, nach Maßgabe der in dem Jahre 1867 unter den vier süddeutschen Regierungen getroffenen Verabredungen bis auf Weiteres den Transport
vbn Rindvieh, Schafen und Ziegen in lebendem und todtem Zustande,
von Rohstoffen dieser Thiere in frischem oder getrocknetem Zustande,
von Heu und Stroh und zwar auch in Gestalt von Verpackungsmitteln,
aus den genannten Ländern nach oder durch Bayern zu verbieten.
Bayern. München, 29. Jan. Alle Prinzen außer Karl Theodor stimmten bei der Adreß-Dcbatte in der Reichs- rathskamnicr gegen das Ministerium. Der König fort ei te seinen Bruder Otto auf, nickt gegen das Ministerium zu stimmen. In der Vorsitzung dictirte aber Präsident Stauffenberg dem Prinzen Otto einen Brief an den König, in welchen: ec erklärte, er werde gegen das Ministerium stimmen. Ter König ist für Hohenlohe.
München, 30. Jan. Der König hat heute sämmtlicke j Minister und diejenigen zwölf Mitglieder des RrichSrathS, weiche 1 gegen die Adresse gestimmt haben, zur Tafel gezogen.
Sachsen. Dresden. 2b. Jan. In der gestrigen Sitzung der Zweiten Kammer bemerkte der Präsident: er müsse die Kammer bitten, einen dringlichen Gegenstand zu erledigen. Vom K. Justizministerium sei ein Schreiben an das Direktorium eing,gangen, in welchem die Ermächtigung des HauseS nackgesucht werde, gegen den in Mittweida verhafteten RechtS- Candidaten Rüdt laus Vad-n) die Untersuchung einzuleiten, da
derselbe die Aeußerung gethan: „Die Abgeordneten find Hunde." Gr (der Präsident) habe daS Gesuch deS JustizministerS der ersten Deputation zur Berichterstattung überwiesen und ertheile deßhalb dem Vorstände derselben, Abg. v. Könneritz, das Wort zum mündlichen Vortrage. Abg. v. Künneritz gab nun eine Schilderung der Rüdt'schen Vorträge ungefähr folgenden Inhalts: „DaS Sächsische Volk bestehe zu 89 Procent aus Menschen, die ihrer Menschenrechte beraubt seien, und aus 11 Procent Geldsäcken. Diese Geldsäcke würden nichts darnach fragen, wie eS den Arbeitern gehe; in ihren Augen hätten die armen Arbeiter weniger Werth, als die Sclaven in den Augen ter Sclavenhalter, die bis 800 Dollar für einen einzigen Sclaven zahlen müßten. Auch in der Zweiten Kammer säßen solche Geldsäcke, die jetzt sogar die Staats Eisenbahnen verkaufen wollten (stallendes Gelächter auf allen Seiten des Hauses), um mehr Bismarck'sche. Pickelhauben anschaffen zu können." Die Deputation beantragte unter dem Beifall deS Hauses, die Ermächtigung zur Verfolgung RüdtS abznlehnen, wozu der Abg. Näser stolz bemerkte: die „Ehrenhaftigkeit" der Kammer stehe zu hoch, als daß sie durch ein „so confuseS Gehirn" beleidigt werden könne.
Rußland. Petersburg, 18. Jan. Durch Verwendung des Statthalters Grafen Berg ist der ehemalige General- Intendant der Krimarmee, GeneraÜLieutenant v. Sattler, welcher wegen Unterschlagung sehr bedeutender, für die Krimarmee bestimmter Geldsummen und Proviant Vorräthe kriegsgerichtlich zum Verlust des Generalranges, der Ordensdecorationen und deS Adel« verurtheilt war, vom Kaiser begnadigt und in den Besitz aller früheren Titel und Würden eingesetzt worden, v. Sattler lebte nach seiner Verurtheilung in gänzlicher Zurückgezogenheit und beschäftigte sich anhaltend mit der Abfassung und Herausgabe von Schriften über das MilitänVerprovian- tirungS- und Verpflegungswesen, die inßhohem Grade die Aufmerksamkeit der Militärbehörde auf sich zogen und deren Vorschläge vielfach in der russischen Armee zur Ausführung gebracht sind. Durch die vom Statthalter Grafen Berg beantragte Revision deS v. Sattler'schen ProceffeS soll sich herausgestellt haben, daß v. Sattler nickt die Hauptschuld an den ihm zur Last gelegten großartigen Unterschlagungen treffe.
Petersburg, 28. Jan. Eine Commission von Geistlichen ist eingesetzt worden, um die Vorschläge deS hier eingetroffenen Overbeck zu prüfen, der eine Vereinigung der anglicanischen Kirche mit der griechischen anstrebt. Mit England werden über diesen Gegenstand ernste Verhandlungen gepflogen. Der Oberpriester Popoff wurde nach London geschickt, um sich mit englischen Bischöfen zu besprechen. — Die Bauernreform soll einer Revision unterzogen werden. Nach Revolutionären wird noch immer gefahndet.
Italien. Rom, 29. Jan. Die Nachricht, daß die an den Papst zu Gunsten deS Unfehlbarkeitsdogma gerichtete Petition mit 410 Unterschriften versehen worden fei, ist ungenau. Dagegen bat eine Gegenpetition bereits die Unterschriften fast aller deutschen, österreichischen und ungarischen und mehr als der Hälfte der franzöfichen Bischöfe erhalten. — Der zuletzt hier weilende ehemalige Großhcrzog Leopold von ToScana ist heute Nacht gestorben.
Amerika. New-Bork. Die New Dörfer Handels- Zeitung schreibt: „Große Belustigung erregt hier daS angeblich auf dem Continent umlaufende Gerücht, daß der Präsident Grant einen Besuch bei den europäischen Souveränen beabsichtige und die Reise über den Ocean mit einer GScorte von Panzerschiffen machen werde. Wurde dem armen Manne doch sogar schon seine Ferienreise im Sommer zum Vorwurfe gemacht." Diese Nachricht ist ursprünglich doch auS Amerika herübergekommen, und zwar aus dem Courier deS Etats Unis.
Vermischtes.
Groß-G erau, 30. Jan. Nachdem im Laufe dieser Woche, und zwar am 26. Vormittags 6 Uhr 58 Min., am 28. Vormittags 7 Uhr 2 Min. , am 29. Vormittags 7 Uhr 20 Min. und heute Vormittags 7 Uhr 50 Min. leichtere Erderschütterungen verspürt wurden, fand soeben Vormittags 11 Uhr 15 Min. wieder ein kräftiger, in kurzem Zeitintervall sich wiederholender, vertikaler Erdstoß statt, der seiner Intensität und Qualität nach mit den Stößen dritter Kategorie von Anfang November v. I. zu vergleichen war.
Dresden. Für die Hinterlassenen der im Plauen'scheu Grunde verunglückten Bergleute find seit dem letzten Bericht wieder über 29,160 Thr. eingegangen, im Ganzen somit etwa 434,300 Thaler. Die Gaben werden wahrscheinlich in Form von Renten zur Vertheilung kommen.
Paris, 29. Jan. Eine schreckliche Mordthat wurde gestern Abend gegen 6 Uhr im Faubourg St. Honor6 83 in der Wohnung eines Henn Lomba'd verübt. Die Frau des Genannten befand sich im Zimmer ihres ManneS, der vollständig paralt- firt ist ui d sich nickt bewegen kann, als eines ihrer Dienstmädchen, Namens Francisco, ins Zimmer trat. Dasselbe war angetrunken , und da ihr Frau Lombard einige Bemerkungen machte, so gerieth sie in Wuth, eilte nach dem Eßzimmer, wo der Tisch g, deckt war, ergriff ein Messer, stürzte ins Schlafzimmer zurück und schnitt nach einem längeren Kampf der Frau Lombard den Hals ab. Der arme Mann mußte der ganzen Scene anwohn.n, ohne seiner Frau auch nur die geringste Hülfe leisten zu können. Nach der Mordthat eilte die Mörderin, deren Wuth zunahm, nach der Küche, wo fick die Kückin und der kleine Junge der Concierge befand. Dieselben riefen um Hülfe. Die Frau deS Coneierge und das Kammermädchen der Gräfin Fitz JameS eilten herbei. DaS letztere warf fick über die Mörderin her, um fie zu entwaffnen, diese aber warf dasselbe zu Boden und stieß ihm das Messer in die Brust. Die Concierge ergriff mit ihrem Kinde die Flucht, aber die Mörderin fiel nun über die Köck in her. Dieselbe hielt ihre Hände vorS Gest t, aber der Stoß mit dem Messer war so heftig, daß ihr eine der Hände zur Hälfte abgehauen wurde. Einige Minuten spä'er wurde die Mörderin verhaftet. Sie ist eine Belgierin und stand feit sechs naten in Diensten der Madame Lombard. — In Poiiiy bei Parrs hat auch eine Mordthat stattgefunden. DaS Opfer ist eine Frau w'lche d,S Morgen- früh Kaffee und ScknapS auf der Straße an die Arbiter verkauft. Sie wurde an einem Baume aufgehängt gefunden. Der Beweggrund zur Mordthat war Diebstahl. Man wußte nämlich, daß die Frau immer eine relativ bedeutende Summe Geldes bei sich trug. Die Mörder find noch nicht enideckt. Die Frau war aus Belgien und mit einem Manne von Poiffy ver- beiratbet. (K. Z.)
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


