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Von Fanny Lcwald.

(Aus der Köln. Ztz.)

t/vitr Deutsche Frauen und gefangene Franzosen.

24. August 1870.

ES sind mir in den letzten Tagen von verschiedenen Seiten drei ano­nyme Briefe von Männern zugegangen, die mich aufforderten, es den Frauen vorzuhalten, wie manche von ihnen in ihrem Verkehr mit den gefangenen Fran­zosen die Gränze des Angemessenen nicht einzuhalten verständen. Ich bin diesen Aufforderungen aber bis heute nicht gefolgt, weil ich erstens dieses Eingeständniß weiblicher Unvorsichtigkeit und Tactlosigkeit nicht gern durch die Zeitungen, durch den Mund unserer eigenen deutschen Zeitungen verbreitet zu sehen wünschte, in einer Zeit, in welcher viele Tausende von deutschen Frauen es mit Leistungen und Vorsorgen für die im Felde stehenden Männer, für die Verwundeten und für die zurückgebliebenen Familien derselben deutlich und großartig erweisen, wie auch die Frauen dem Vat.rlance Kriegsdienste zu leisten haben; und zweitens mochte ich der Sache nicht erwähnen, weil ich nicht selber an den Orten ge- wesen bin, an welchen solche Tactlosigkeiten vorgegangen sind, weil ich sie nicht selber habe begehen sehen.

Aber alle Zeitungen, die mir zu Händen gekommen sind: die Kölnische, die Neue Stettiner, die National-Zeitung, die Vossische und die Norddeutsche Allgemeine, erheben denselben Vorwurf, und heute erhalte ich aus Würtemberg einen von einer mir ebenfalls fremden Hand geschriebenen Brief, den ich der Redaciion beilege und aus dem ich den Schluß hierher setzen will. Er lautet: Es bedarf ost nur eines Winkes, um uns von dem falschen Geleise zurückzu­führen, und diese sentimentale Barmherzigkeit und Schönthuerei an und mit gesunden Gefangenen ist ein Abweg. Es wäre doch schmählich, wenn nach be- endeter Gefangenschaft die Franzosen und TurcoS in ihrer Heimath ihren ge- rechten Spott über das sich wegwerfende deutsche Frauengeschlecht loslassen könnten, und mit gutem Fug. Nicht denken kann ich es mir, daß französische gebildete Frauen sich dazu verstehen, die deutschen Gefangenen, deren Zahl hoffentlich gering bleiben wird, mit Zuckerbrod und Wern zu speisen, und den­selben zu erlauben, so in der Nahe mit ihnen zu verkehren. Helfen Sie dazu, daß jene deutschen Frauen zur Besinnung kommen, und es wird Ihnen von Herzen dankbar sein eine deutsche Frau!"

Nun denn! wenn deutschgesinnte Männer und Frauen, wenn unsere Presse, in Hochschätzung weiblicher Würde, darüber einig sind, daß in dem Verhalten mancher deutschen Frauen gegen die französischen Gefangenen etwas verkehrt und dem gesunden Empfinden widersprechend ist, so ist es nicht überflüssig, sondern nothwendig und geboten, es ist dies wie mir scheint um so zweckmäßiger, als wir voraussichtlich noch für eine Zeit lang die gesunden und die verwundetrn Gefangenen in unserem Vaterlande behalten und damit Gelegenheit zu neuen Unvorsichtigkeiten für diejenigen Frauen geboten sein wird, denen der Anreiz des Augenblickes das Nachdenken zu nehmen pflegt. Denn nur solche können jene Unschick.ichkeiten begangen haben und nur auf diese ist es mit diesen Erinnerungen abgesehen, die man sich überhaupt sparen könnte, wenn nicht gerade in diesem Falle die Thorheit Einzelner von den ohnehin oberflächlich urtheilenten und übermäßig eitlen Franzosen der Gesammtheit zur Last gelegt werden könnte.

Es ist im Grunde ein alter Schade, der in diesem Gebühren zu Tage kommt: cs ist die kindische und müßige Lust an allem Fremden, das Spielen und Schönthun und Sichbrüsten mit demselben, das ich schon früher bei ver­schiedenen Anlässen in diesen Blättern gekennzeichnet habe, die sich so bereitwillig dazu herbeigelassrn haben, uns ihre Spalten für die Vertretung der Frauen­rechte darzubicten. Bald war es eine blinde Nachbeterei französischen Wesens, bald blinde Bewunderung ter Engländer, und es waren hier vor Allen die kleinen Höfe und die vornehme Frauenwelt in den Kleinstaaten, welche die Eitel­keit der Fremden auf Deutschlands Kosten groß gezogen. Sie haben dafür in den französischen Romanen und vor Allem in Tyackeray's unvergleichlichemMarkt der Eitelkeit" ihren grausamen und wohlverdienten Lohn empfangen. Nichts­destoweniger haben viele Frauen und nicht bloß in den Kleinstaaten und in den kleinen Städten, sondern bei uns und überall ein wahres Gelüste nach allem Fremdländischen behalten, und eine Leidenschaft, damit zu prunken. Fran­zösisch und Englisch wie dort Eingeborene zu sprechen, war ihnen ein Ehrgeiz, Während sie ihre Muttersprache nur zu oft in nichtswürdiger Weise vernachläs­sigten. Das 1 mouillee und die Zusammenstellung von gn nicht ganz mit fran­zösischem Accent zu sprechen, war ihnen anstößig, aber sichfurchtbar zu freuen", eine Sacheschrecklich nett" zu finden und die Ausdrücke, in welchen der Ueber- muth junger Männer sich in den Wirtbsstubcn erging, in die Sprache der gebilde­ten Familien aufzunehmen, trugen sie kein Bedenken; und wo es den Umgang mit Ausländern betraf, waren jene Frauen ost eben so wenig wählerisch wie manche deutsche Höfe, die in England dafür bekannt und verspottet waren, Mr. Ro­bertson und Mrs. Brown in ihren Sälen zu empfangen, denen die Säle ihrer heimischen Gesellschaft sich nicht öffneten. Es war soungeheuer amüsant" mit Fremden zu verkehren, in verschiedenen Sprachen zu sprechen; es knüpften sich hier und da in den kleinen Orten, wo cs wenig Manner in der Gesellschaft gibt, allerlei Hoffnungcn daran, man wollte den Fremden zeigen, wie ge­bildet man sei, man wollte den Fremden gefallen und gewöhnte sich dabei, im Vcikehr mit den Fremden für erlaubt zu halten und ihnen zu erlauben, was man den Landsleuten nicht zugestano. Das war schon zu Göthe's Zeiten so ist immer so geblieben und rächt sich jetzt, wo mißverstandene Men­schenliebe und übel angebrachte Großmuth das Uedel ärger machen.

Schon bei dem Kriege von 1866 wurde dieselbe Klage laut. Damals galt dos unnüJCGetbue" den Oesterreichern, deren Sprache so fremd klang, den Ungarn und Eroaten, die gor nicht Deutsch konnten; und ein Herr von Rcizenstein, ein preußischer, die Gefangenen bcwachcnder Officier, der dürstend auf seinem Posten stand, während schöne Hände mit freundlichsten Blicken den Oesterreichern die Gläser füllten, fand sich berufen, jenen Frauen zu sagen: Vergessen Sie nicht, meine Damen! daß wir es sind, die Ihnen mit unserem Blute dieses Spielzeug erkauft und hergebracht haben!"

" war dir ^pvryeit weniger oedenkitch und weit weniger übel

angebracht als jetzt. Unsere österreichischen Landsleute und auch die Ungarn bilden sich nicht ein, die unwiderstehlichen Besieger der Frauen zu sein. Die Sitten der österreichischen Deutschen, ihr Verhältniß zu den Frauen ist dem unseren ziemlich gleich; bei den Franzosen und vor Allem bei den französi- schen Soldaten ist das nicht der Fall. Ich spreche hier nicht von den Turcos und Zuaven, mit denen schön zu thun nur der völligen Narrheit in den Sinn kom­men konnte und mit deren unsauberer Begrüßung sich wohl kaum eine oder die andere Frau lächerlich gemacht haben kann; ich spreche von den französischen Officieren, denen vielleicht am ehesten Gelegenheit geboten werden könnte, in deutsche Familien zu kommen und vor dieser Gesellschaft möchte ich Sie warnen, wie bereits eine solche Warnung von Seiten einer Frau eben in der Kölnischen Zeitung ausgesprochen worben ist. Der französische Officier ist daheim nur ausnahmsweise in der Gesellschaft gelitten, lebt meist mit Frauen, die er aus einem Standquartier in das andere mitschleppt, in freien Verhältnissen, und seine Formlosigkeit und Sittenlosigkeit sind so sehr anerkannt, daß Louis Na­poleon selber, als ein Mitglied der englischen Gesandtschaft sich über die Form­losigkeit beklagte, welche ein Officier gegen eine Dame begangen hatte bei Hofe, achselzuckend die Antwort gab:Was wollen Sie? sie sind Alle so, sie fom- men aus Afrika!" Ja freilich, sie kommen aus Afrika! und eben weil sie und weil die Franzosen iw Allgemeinen sittenlos sind, erscheint kein junges Mädchen, erscheint keine junge Frau jemals in Frankreich unbegleitet auf der Straße, kommen junge Mädchen fast niemals in die Gesellschaft von Männern, am wc- nigsten in einen so zufälligen Verkehr mit Soldaten, wie er jetzt für unsere Frauen bei den Bewirthungen auf den Stationen Statt gefunden hat.

Bedenken Sie also, daß jeder französische Soldat, der die sichere Freiheit sieht, mit welcher Sie Sich vor und in den Reihen unserer Landsleute, unserer Soldaten bewegen, etwas erlebt, wofür ihm jeder Maßstab fehlt. Er kennt die Zusammensetzung unseres Heeres, er kennt unsere Sitten nicht; er weiß nicht, wie ungefährdet, wie geachtet wir sind, wenn wir hinausgehen, diejenigen zu erquicken, die davon ziehen, mit ihrem Blut und Leben uns vor der unfreiwil­ligen Bekanntschaft mit den Franzosen zu bewahren; er weiß nicht, wie dankbar und wie ehrfurchtsvoll die Hülfe angenommen wird, welche Sie den Männern leisten, die verwundet von den blutgetränkten Siegesfeldern wieder­kehren. Unsere Heere bestehen aus Bürgern, deren Familienleben mit dem un­seren zusammenhängt; das ist bei den Franzosen nicht der Fall. Jeder Franzose, der Frauen sich in der deutschen Freiheit bewegen sieht, die gesitteten Frauen zukommt, hält sie eben keßhalb nicht für gesittete Frauen, und wofür er sie hält, wenn sie ihm besondere Freundlichkeiten angebeihen lassen, das sprechen Sie Sich nach dem Gesagten selber aus!

Aber abgesehen davon, haben Sic seit drei, vier Wochen die Zeitungen nicht mehr gelesen? Wissen Sie nicht, daß an 60,000 deutsche Männer, die Feder sträubt sich und es rieselt Einem kalt durch alle Glieder, wenn man es niederschreibt, daß viele Taufende deutscher Männer auf den Schlachtfeldern von Frankreich gefallen sind, um die herausfordernden Prahlereien, um die Raub­gelüste der Franzosen nach deutschem Grund und Boden in ihre Schranken zu­rückzuweisen , um Sie alle vor dem Elend zu bewahren, das ein Einfall der Franzosen in Deutschland über uns gebracht haben würde? Haben Sie es nicht gelesen, wie die Redacteure desGaulois" es ausgesprochen haben: daß die TurcoS sich schondie Schnauze leckten, wenn sie der Wagen voll Frauen ge- dächten, die sie nach Frankreich bringen würden?" Haben Sie nicht gelesen, wie Herr v. Ring, der als französischer Gesandtschafts - Sccretär in Berlin in manchem deutschen Hause ehrliche deutsche Gastfreundschaft genossen hat, das Wort niedergeschrieben hat, daß unter gewissen Umständenselbst die Frauen und Kinder nicht verschont werden würden?!" Ist Ihnen entgangen, wie Girardin sich berühmt hat:daß man die deutschen Armeen" Ihre Väter, Gotten, Söhne, Brüder, Freundemit Kolbenstoßen in den Rücken über den Rhein zurückjagen werde?" Haben Sie nicht erfahren, daß der Herzog von Ioinville die Bauern als gute Patrioten belobte, die unherausgefordert auf Ihre vorüber­kommenden Landsleute schössen? Daß 68,000 Ihrer Landsleute mit ihren Frauen und Kindern urplötzlich aus Frankreich ausgetrieben und vorher noch mißhandelt worden sind? Daß französische Blätter es unumwunden aussprechen:Alles, was der verwundete Feind zu fordern habe, sei, daß man ihn vom Wege fort und an den Rand des Grabens werfe, an dem er umkommen oder nicht um­kommen könne?" Aller der Gräuel nicht zu gedenken, die von Franzosen an unseren armen Verwundeten auf den französischen Schlachtfeldern verübt wor­den sind!

Gewiß! die üble Angewohnheit, sich mit Kleinigkeiten zu beschäftigen, die üble Angewohnheit des sichNieblichmachens" hat Sie verblendet. Denn wenn wir uns auch nicht zu dem alttestamentarifchenÄug' um Auge, Zahn um Zahn" bekennen wollen, hat- doch selbst das christlichesegnet, die Euch fluchen!" seine Gränze in der wirklichen Welt, und Sie wären der diutschen Männer, die für uns und unser Vaterland im Felde stehen, nicht werth, wenn Sie es auch nur in einem Augenblicke und mit einer Miene vergessen könnten, wer die Urheber des furchtbaren Unglücks find, das über Hundcrttaufente von Deutschen heraufbeschworen wordcn, wenn Sie vergessen könnten, was Sie dem Andenken unserer gefallenen Helden, was Sie dem Schmerze der Trauernden, was Sie Ihrem Vattrlande, was Sie uns anderen Frauen, was Sie Ihrer eigenen Würde schuldig sind.

Wir dürfen in dem Gefangenen, in dem Verwundeten, in dem Franzosen ben Menschen nicht vergessen, aber wir dürfen und wollen es nicht vergessen, daß er in diesem Augenblick unser Feind und der Feind unseres Vaterlandes ist. Mag er zu Haufe einst Zeugniß davon geben, daß wir barmherzig sind und baß wir wissen, was sich ziemt und was wir uns selber schulden. Es sollen und dürfen den Feinden nicht Belege zu den Carricaturen geboten werden, mit denen französische Eitelkeit und Sittenlosigkeit auf Kosten deutscher Frauen schon im voraus die Tornister der Soldaten angefüllt. Was uns obliegen wird, wenn uns das Glück des Friedens wiederkehrt, davon sprechen wir dann später.

Gießen, 31. Aug. Sr. Großherzoglichen Hoheit dem Prinzen Ludwig wurde von Sr. Majestät dem Könige von Preußen wegen seines tapferen Verhaltens in der Schlacht von Metz das eiserne Kreuz verliehen.

Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen