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Die Geheimnisse einer jungen Mamsell.

(Fortsetzung)

Clara hörte, wie Herr Hantelmann mit dem Kammerdiener französisch sprach, aber die Worte blieben ihr größtenthcilS unverständlich.

Wiewohl das Antlitz dieses Mannes ihr alt und häßlich erschien, bemerkte sie doch, scharf hinblickend, in den Zügen eine auffallende Aehnlichkeit mit dem Gesicht des jungen Sander.

Ach, mein feiner Herr," murmelte sie,jetzt werden wir bald Mittel findens die Dich zur Anerkennung Deines Sohnes und zur Hülfe für Deine arme Familie zwingen werden. Auch sollst Du den Schuldschein des guten Adolph herausgeben. Wir fassen Dich bei Deiner Eitelkeit; da wirst Du schon klein beigeben."

Da Clara ihren Zweck erreicht, hatte sie für den Augenblick dort Nichts

Sj/erhob sich von den Knieen, drohte mit dem Finger nach der Glas- thüre hin, schloß die Thür, die nach dem Corridor führte, leise auf, und war nun von der Furcht, entdeckt zu werden, befreit. ,

Mit fröhlichem Herzen hüpfte sie die Treppe hinunter, bet sich denkend: Mosje Jean wird sich höchlichst verwundern, wenn er die Thüre offen findet und sich den Kopf zerbrechen, wie das zugegangen, da er doch den Schlüssel umgedreht hat.

In der guten Stimmung, in der sie sich befand, beschloß sie, ihren treuen Helfer in dem so glücklich überstandenen Unternehmen sogleich mit einem guten Trinkgeld zu belohnen. r ,

Sie rief Bork aus dem Keller herauf und in thr Stübchen.

Dort drückte sie ihm ein paar Zweidrittelstücke, damals gangbare Münze in Hamburg, lächelnd in die Hand.

Der ehrliche Hausknecht wollte sie zurückgeben.

Was ich gethan habe, Mamsell/ sagte er,habe ich aus Liebe vor Ihnen gethan, aber nicht um's Geld."

Clara klopfte ihm auf die Schulter.

Für Ihre Anhänglichkeit danke ich Ihnen mit herzlichen Worten, lieber Bork." Ihre Mühe aber muß klingend belohnt werden. Behalten Sie also das Geld und hören Sie, was ich da oben erfahren habe."

Sie vertraute nun dem Manne das ganze Resultat ihres Unternehmens

^Wenn es uns nun noch gelingt, den alten Patron, der sich Abends wie ein jugendlicher Dandy geberdet und beinahe auch so auösieht, zu zwingen, seine Pflicht gegen seine Familie zu thun, dann, braver Christian, können Sie sich rühmen, einen großen Theil zur Entlarvung des Heuchlers beigetragen zu ha­ben, und der junge Herr Sander wird Sie gewiß reichlich dafür belohnen."

Bork schüttelte den Kopf. ,

Was habe ich denn gethan," versetzte er.Ein btschen Komodte gespielt und dem Musche Jean eine Nase gedreht. Davor verlange ich keine Bezahlung."

Clara lächelte. ,

Aber ohne ihren verstellten Schwindel wäre tch ntcht in das Zimmer gelangt und noch unwissend, wie zuvor. Nein, wackerer Bork, Sie sollen bei dieser Sache, wenn sie einen glücklichen Ausgang nimmt, woran ich jetzt nicht zweifle, nicht leer ausgehen. UebrigenS mache ich Ihnen noch das Kompliment, daß Sie Ihre Ohnmacht recht natürlich gespielt haben."

Der Hausknecht verzog schmunzelnd den breiten Mund.

Wenn ich mal wieder den Swindel kriegen soll, befehlen Sie man."

Schön, ich werde Sie dann benachrichtigen."

Christian steckte das Geld ein und ging an seine Arbeit.

Dasselbe that auch Clara. r

Hatte sie früher ihre Pflicht lachend und singend gethan, an diesem Tage strahlte ihr Antlitz noch von größerer Heiterkeit, als sonst, und eine lustige Me- lodie nach der andern entquoll halblaut ihren seinen Lippen, so daß die Kellner und die Hausmädchen unter einander flüsterten:

Mamsell Clara sieht heute aus, als wenn sie ein Viertel vom großen Loose gewonnen hätte." ,

Den Vormittag gebrach es ihr an Zeit, den jungen Sander auf feiner Stube aufzusuchen, auch war sie nicht gewiß, ihn zu finden, da er tn dieser Tageszeit in der Stadt umherlief, und sich als Musiklehrer zu empfehlen suchte.

Sie wartete, bis die tadle dhöte vorüber war, bei der diesmal Adolph Stiller nicht so traurig dagesessen, weil Clara ihm ermutigende Blicke zuge- werfen hatte. Dann erkundigte sie sich bei dem Portier, ob Herr Sander nach Hause gekommen sei.

Der Portier antwortete:

,Herr Sander befindet sich schon seit einer halben Stunde auf seiner Stube

Clara beschloß keine Minute zu versäumen.

Der arme Mensch soll noch heute erfahren, was ich erkundet habe, dachte sie. Auch müssen wir zusammen überlegen, was nun weiter für Schritte *U ^Bald"stand sie dem durch sie vom Tode Geretteten gegenüber.

Nun frisch den Kopf in die Höhe," rief sie,ich bringe Ihnen gute Nachricht, mein Freund."

Sander sah sie erstaunt an.

Und welche?" fragte er.

Wenn mich alle Zeichen nicht trügen, so habe ich ^hren garstigen Papa aufgefunden."

Der junge Mann schlug die Hände zusammen.

O, mein Gott! wäre das möglich!"

Es hat aber auch Mühe gekostet," versetzte da- Mädchen lächelnd,und war auch nicht ganz ohne Gefahr. Hätte man mich erwischt, ich wäre gewiß von Herrn Hantelmann und seinem Kammerdiener in derber Weise aus der Thüre koinplimentirt worden."

Bei dem Namen Hantelmann war das Erstaunen des jungen Mannes auf S Höchste gestiegen.

Er ergriff Clara's Hand.

Hantelmünn!" rief er,Hant'elmann!"

Ja, der junge bübfche Herr Hantelmann ich spreche natürlich von seiner Abendtoilette ist weder jung noch hübsch, sondern ein Sechziger und

auch ziemlich häßlich, wenn seine Züge auch den Ihrigen gleichen. Seine ganze Abend'Schönbeit ist das Werk seines Kammerdieners, der die Kunst, alte Leute jung erscheinen zu lassen, wahrscheinlich in Paris gelernt hat."

Halb verstehe ich Sie, Fräulein Clara. Ich bitte, geben Sie volle Klarheit."

Das soll geschehen," sagte sie.

Beide setzten sich und Clara erzählte ihrem Schützling nun ausführlich das an diesem Morgen von ihr so kühn und glücklich bestandene Abenteuer.

Sander führte Clara's Hand an seine Lippen. Das Gefühl der Dank­barkeit und die Bewunderung, die er ihrer Klugheit und der Energie, die in ihrem Wesen lag, zollte, trieb ihn zu dieser Huldigung. Er sah sie mit inni- gen Blicken an. Welch' ein thatkräftiger Geist belebte diese zarte Gestalt! Welch' ein muthiges, edles Herz schlug in der Brust dieses kleinen Geschöpfes!

Fräulein Clara!" rief er,in Ihnen hat Gott mir seinen Engel zuge­sendet! Sie haben mir den Glauben an die Menschheit, das Vertrauen auf eine möglichst glückliche Zukunft wicdergegeben. O, daß ich nicht im Stande bin, Ihnen jemals Ihre Theilnahme, die sich schon zu lebendiger That verkör­perte, vergelten zu können!"

Bah," versetzte das Mädchen leicht,Sie schlagen, was ich bis jetzt für Sie that, viel zu hoch an. Und was Sie von Vergeltung sprechen, so bin ich mit der zufrieden, die ich im Anschauen des Glückes Ihrer Familie haben werde. O, ich habe immer hoffnungsreiche Träume, und gewöhnlich gehen sie in Er­füllung. Ihr reicher Papa muß feine Geldkasten offnen, seine verlassene Gattin mit einem ansehnlichen Iahrgeld bedenken und seine Kinder zu Erben einsetzen. Dazu muß er im Nothfalle, wenn er sich nicht gutwillig dazu herbeilassen will, durch das Gericht gezwungen werden. An unsrer table dhöte speis't ein sehr geschickter und rechtlicher Advokat, der soll Ihre Sache führen. Vorher aber wollen wir es versuchen, den würdigen Herrn Hantelmann in Güte zu seiner Pflicht zurückzuführen,"

Wenn er ober läugnet, daß er die betreffende Person ist," warf Sander ein.

O, da wenden wir uns an unsere hochlöbliche pfiffige Polizei. Auch leben ja gewiß noch viele Leute hier, die Ihren Papa in früheren Zeiten ge­kannt haben. Sehen Sie ihn, wie ich ihn diesen Morgen erblickt habe, werden Sie ihn schon wiedererkennen. Aber wir wollen nicht lange zögern, sondern rasch zum Werke schreiten. Finden Sie sich gefälligst heule Abend um acht Uhr unten im Speisesaal ein. Etwas später verläßt unser Abendgast seine Zimmer und erscheint unten, um flüchtig die Zeitungen zu durchstöbern. Eh' er kommt, sprechen wir uns noch. Es ist in meinem Kopfe noch nicht recht klar, wie die Sache am besten anzugreifen. Bis dahin aber hoffe ich, eine glückliche Idee gefunden zu haben. Für jetzt adieu, die HauSmamseü wird unten gebraucht. Halten Sie den Gedanken fest, daß Hantelmann Ihr Vater ist. Es thut mir um Ihretwillen leid, daß ich ihn nicht eintn guten, rechtsck'affenen Vater nennen kann indessen, er ist vielleicht noch zu bekehren. Ein guter Sohn kann auch einen schlechten Vater bessern. Ich denke mir in allen Dingen im­mer das Beste."

Clara verließ, dem jungen Manne noch einen aufmunternden Blick schen- kend, das Zimmer.

Sander aber sagte, als er 'allein war:

Werde ich reich und glücklich, Du, herrliches Mädchen, dann gibt es vielleicht ein Mittel, Dir Deine edle Theilnahme zu vergelten, wenn Du dies Mittel nicht verschmähen wirst."

Der Ungeduld des jungen Mannes krochen die nächsten Stunden im Schneckengange dahin. Er blieb auf seinem Zimmer, bis die mit Clara ver­abredete Stunde herankam. Dann schritt er mit klopfendem Herzen nach unten und betrat den Speisesaal.

Er fand Clara dort allein.

Sie winkte ihm zu sich.

Beide traten in eine Ecke des Salons, die von der Thüre am weitesten entfernt war. Kam zufällig ein Gast, oder ein Kellner herein, so konnten sie dort, wenn sie nicht laut sprachen, nicht verstanden werden.

Das Gespräch hatte nur einige Minuten gedauert, als die Person des Herrn Hantelmann schon in der Thüre sichtbar wurde.

Clara und Sander trennten sich schnell.

Sie beschäftigte sich an einem der letzten Tische im Salon.

Der junge Mann ließ sich unfern der Stelle, wohin Herr Hantelmann sich begeben, und ein Journal in die Hand genommen, nieder, ergriff ein ZeitungS- blatt, that, als lese er darin, blickte aber verstohlen über das Blatt hinweg, um seinen Vater in spe genau zu betrachten.

Er mußte unwillkürlich den Kopf schütteln, so sehr frappirte ihn die Er- scheinung dieses Mannes.

Monsieur Jean hatte an diesem Tage wieder Wunder gethan und seinem Herrn anscheinend dreißig Jahre von seinem Dasein weggenommen.

Das Haar des Herrn Hantelmann strahlte im glänzendsten Schwarz. Seine frische Gesichtsfarbe deutete nicht im Entferntesten auf ein höheres Alter als fechsunddreißig hin. Seine Haltung war die eines noch jungen Lebemannes. Er war elegant gekleidet. An seiner Brust blitzte eine Brillantnadel, gleiche Ringe schmückten seine Finger.

Und doch Clara konnte ja nicht die Unwahrheit gesprochen haben.

Sander blickte nach seiner Verbündeten hin, indem er ihr ein Zeichen gab, das sein Erstaunen über den Anblick dieses Mannes verrieth.

Sie bemerkte diese Verwunderung. That, als wenn sie an ihm vorbeiging und flüsterte ihm zu:

Staunen Sie nicht, Freund, sondern handeln Sie. Der entscheidende Augenblick ist da." ,

Der Abendgast, der so an einem Tische saß, daß er Beiden den Rucken zukehrte, bemerkte Nichts. Er las ruhig weiter.

Da faßte der junge Mann sich ein Herz.

Er erhob sich vom Stuhle, legte das Zeitungsblatt auf den Tisch, schritt aus Herrn Hantelmann zu und sagte mit lauter, fester Stimme:

Guten Abend, mein werther Herr Sander! Es freut mich unendlich, Sie in Hamburg wieder zu treffen."

'Der Abendgast wandte rasch den Kopf. Der junge Mann sah ein Ge­sicht, das unläugbar Schrecken und Verlegenheit ausdrückte. Aber es wahrte nicht lange, so hatte Herr Hantelmann seine Fassung wiedergesunden. (Forts, folgt.)