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zu ver-

Abkunft sprechen

obgleich

seiner verstorbenen Schwester, als einen kostbaren Schatz, den sie durch Auf­opferung ihres Lebens für ihn erkauft, und die arme kleine Hyacintha wurde die Adoptivtochter des Herrn von Bergen.

Sie war ein ganz wunderliches kleines Mädchen mit rosigen Wangen, rothen, schwellenden Lippen, blauen Augen und goldenen Locken und sprach keine Sylbe schwedisch, sondern nur französisch, sehr stark mit Wörtern einer Sprache vermischt, die schlechterdings Niemand im Hause, selbst nicht einmal der Baron, der doch Frankreich und die meisten europäischen Länder bereist hatte,

stehen vermochte.

Felicie erklärte inzwischen, das Kind müsse jedenfalls von hoher sein, denn die Kleine pflege von ihrer Mama alsla Princesse zu und häufig nach ihrem weißen Pony und ihren Mädchen zu fragen.

Außerdem wer auch der Anzug, in welchem sie an'S Land gekommen, durch Seewaffer verdorben, von sehr kostbarem Material und ihre Wäsche mit

den feinsten Spitzen besetzt gewesen.

Die beiden Knaben beteten Vas Kind förmlich an und Hyacintha war, so­bald sie groß genug wurde, der steten Aufsicht ihrer Wärterin weniger zu be­dürfen, fast st?ts in ihrer Gesellschaft anzutreffen.

Bisweilen ritt sie, die Aermchen um Bertholv's Hals geschlungen, auf seinem Rücken auf dem großen, schönen Rasenplatze vor dem herrschaftlichen Hause umher, bisweilen wiegte der ältere der beiden Zwillingsbrüder sie auf dem Knie und erzählte ihr Feenmärchen, während ihre großen blauen Augen in kindlicher Verwunderung und hohem Entzücken an seinem Antlitz und Munde hafteten.

Nur eine einzige, jedoch auch sehr ernste Sorge verursachte sein Adoptiv- töchterchen dem Baron.

Felicie theilte ihm nämlich mit, daß seine Schwester ihr strenge eingeschärft habe, über Die religiöse Erziehung des Kindes zu wachen.

Die Mutter war katholisch gewesen, Hyacintha selbst durch die Taufe in die Kirche von Rom ausgenommen worden und Mathilde von Bergen hatte das feste Versprechen gegeben, die Kleine ebenfalls in diesem Glauben aufzuziehen.

Bei uns zu Hause wird vaS allerdings seine Schwierigkeiten haben, Felicie," hatte die gute Dame dabei gegen ihr Kammermädchen bemerkt.

Bergen gerieth über diese Mittheilung in nicht geringe Verlegenheit.

Die Wünsche seiner Hingeschiedenen Schwester waren ihm heilig, er selbst dabei aber eifriger Protestant, und es wollte ihm sündhaft erscheinen, das arme Kind in der Religion erziehen zu lassen, die er schlechterdings nur für eine irrthümliche ansehen konnte.

Doch Mathilde hatte einmal ihr Versprechen gegeben und dieses mußte auf alle Fälle erfüllt werben.

Hyacintha wurde also dem Unterrichte Felicien's übergeben, bis sie endlich ein Alter erreichte, welches cs nöthig machte, eine Gouvernante für sie zu enaagiren.

Dann nahm Bergen, obgleich erst nach vielen Seufzern des Widerwillens und unter bitteren Klagen gegen Willert, eine Französin für diesen Posten in's Haus, deren Anwesenheit dort aber so herbe Scenen und ärgerliche Auftritte ver­ursachte, daß er sie so schnell, wie sich dies thun ließ, in ihr Heimathland zurücksandte und den Lehrer seiner Söhne aufforderte, den Unterricht der Kleinen mit dem der Knaben gemeinschaftlich zu übernehmen.

Eine ganz bedeutende Gehaltserhöhung unterstützte dies Verlangen, dem der Informator denn auch entsprach.

Hyacintha wurde von ihm mit dem Knaben zusammen unterrichtet bis diese auf das Gymnasium der nächsten Stadt geschickt wurden, und bann allein.

Als balv darauf aber auch Willert das Haus seines Gönners verließ, um ruvörderst noch auf der Schule, dann jedoch auf der Universität auch fernerhin die Leitung der Privatstudieu seiner Zöglinge zu übernehmen und sie endlich auf Reisen zu begleiten, mußte für Hyacintha nothwendlger Weise noch einmal eine Gouvernante engagirt werden.

Ein Glück war es für das junge Mädchen, daß Madame Winter sich in jeder Beziehung der Wahl des Informators für diesen Posten würdig bewies, denn unter ihrer Leitung verwandelte sich Hyacintha'S etwas wildes, knabenhaftes Wesen allmälig in weibliche Grazie, bildete siich nach und nach das feinste Gefühl für zarte Sitte und Anstand in ihr aus.

Ohne irgend welche nennenswcrthe Ereignisse in der Familte des Barons rollten so vierzehn Jahre dahin. r , ,, ,

Endlich kehrte Karl von Bergen, der ältere der beiden Zwillingsbrüder auf das Gut zurück, dessen einziger Erbe, da es Majorat war, er als Stammhalter der Familie einst werden sollte, um dort, Mit Unterbrechung einiger Monate jährlich, die er in Berlin zuzubringen gedachte, für die Zukunft gänzlich seinen preußischen Militärdienst und stand in einer der südlichen Keilunaen dieses Staates in Garnison.

Willert, der alte Informator, lebte noch immer auf dem Gute und ward jetzt die rechte Hand, der vertraut- Freund und^ stete Gefährte des Barons.

In dem schönen, alten Speisezimmer der herrschaftlichen Hauses saßen an einem herrlichen Junitage der Baron, der Informator und Hyacintha bei der roar so eben erst halb vier Uhr, die Sonne strahlte hell und freundlich durch die bemalten Scheiben des südlichen Fensters des Gemaches und goß ein rosiges Licht über die schneeige Stirn des Mädchens und das Silberhaar des guten alten Barons aus.

Ja, Hyacintha ist wirklich zu einer seltenen Schönheit herangewachsen.

Dir Namenlose.

Novelle von Theodor König.

(Fortsetzung.)

DaS Geheimniß ihrer Herkunft schien auf immer bei Arcona im Meere begraben zu liegen.

Sie war augenscheinlich von den Ihrigen verlassen und gänzlich der Barm- Herzigkeit der Familie, in deren Mitte das Schicksal sie in so seltsamer Weise geführt, überantwortet.

Der Baron betrachtete sein Pflegekind als ein geheiligtes Vermächtniß

Ihr Teint von der zartesten, durchsichtigsten Klarheit, Vas reiche, nußbraune Haar quillt üppig unter einem coquetten Käppchen hervor.

Ihr Kleid, von elegantem Zitz, mit langem Leibchen und einem Besätze kostbarer Spitzen, umfließt von der schlanken Taille an den ebenmäßigen Wuchs in werten, zierlichen Falten.

Ihre großen, sanften Augen blickten mit dem Ausdrucke dir Unschuld ruhig und rein wie die eines Kindes in die Welt hinaus,

Das rosige Mündchen wölbte sich zum schalkhaften und piquanten Bogen und die kleine zierlich geschnittene Nase ist relroussö zu nennen.

Der gute alte Baron sah trotz der seit dem Beginne unserer Erzählung über seinem Haupte dahingezogenen vierzehn Jahre noch immer wohlerhalten und rüstig aus.

Eine größere Veränderung ist mit Willert, dem würdigen Informator, vor­gegangen, wiewohl seine Jahre die des Barons lange nicht erreichten.

Seine Gestalt ist hagerer, fein ganzes Aussehen bedeutend älter geworden, obgleich er in seinem Wesen noch immer so einnehmend und liebenswürdig zu sein vermag, wie einst, wo er überhaupt einen angenehmen Eindruck hervorzu­bringen wünschte.

Ein Phyfiognomist würde freilich dessenungeachtet sein Gesicht keineswegs ein durchaus Vertrauen erweckendes genannt haben.

Carl von Bergen pflegte zu sagen, die Natur selbst habe dem biedern und gewissenhaften Informator schon durch die Stellung seiner Augen einen schlimmen Streich spielen wollen, denn diese lagen ganz merkwürdig dicht neben einander.

Im Zustande der Ruhe trug das Gesicht einen scharfen, habichtähnlichen Ausdruck, "obgleich dieser, wenn er redete und seine Zuhörer freundlich und günstig für sich stimmen wollte, außerordentlich sanft zu werden pflegte.

So eben war das Dessert aufgetragen und Hyacintha begann mit den zierlichen Fingern die schönen süßen Erdbeeren auf ihrem Teller in die Sahne

zu tauchen.

Glaubst Du, daß Berthold und Carl heute Abend noch nach Hause zurück- kehren werden, Papa?" fragte sie,dabei.

Ich hoffe es, liebes Kind," war die Antwort.

Wie unendlich lange es doch schon her ist, seit wir den Heben guten Berthold zuletzt sahen," für das junge Mädchen fort.

Ich glaube fast, er wird mich gar nicht einmal wieder erkennen. Meinst Du nicht auch, Papa?"

Nun, stark gewachsen bist Du allerdings, Du kleiner Schelm," entgegnete Bergen lächelnd, indem er an seinem Glase nippte.

Er wird nicht wenig verwundert sein, statt des kleinen Fräuleins Cynthia eine so reizende Dame wiederzufinden," bewerte Willert scherzend.

Sie schlug ein leichtes, musikalisches Gelächter auf.

Ich möchte mich ihm wohl unter einem anderen Namen vorstellen lassen, um wich zu überzeugen, ob er mich wirklich noch wiedererkennt," sagte sie schalkhaft. .

Er wird wahrscheinlich selbst nicht minder.verändert fein wie Sie, gnädiges Fräulein," warf der Informator hin.Auch städtische und militärische freiere Sitten wird er sich natürlich angenommen haben."

Nun, bei Gott, das möcht ich doch nicht wünschen, ich hoffe vielmehr, das alte bittere, treuherzige Wesen an ihm wiederzufinden," fiel der Baron heftig ein.

O, das wirst Du auch sicherlich, Papa" sagte Hyacintha sehr eifrig.

'Ich bin ganz fest überzeugt, unser Berthold wird gewiß eben so schwer zum faden Gecken werden, wie der ehrliche Fivo hier zum schwanzwedelnden Schooßhündchen."

Bei diesen Worten streichelte sie den Kopf eines mächtigen Hundes, der neben ihrem Stuhle saß.

Nun, ich werde dies Glas auf Bertholv's Wohl leeren, Cynthia! Wirst Du mir Bescheid thun?" t

Hyacintha hielt Dem Informator ihr Glas hin, Der es füllte, dann stieß sie mit Dem ihres Pflegevaters zusammen.

Auf Bertholv's Wohl!" flüsterte sie, nippte und erhob sich Dann mit Den

Worten: _

Heute aber darfst Du mir nicht zu lange beim Weine sitzen, Denn Du mußt'mich auf einem Spaziergange begleiten, um Den Brüdern entgegen zu gehen !"

So blieb mir Denn wohl Nichts weiter übrig, wie Dir zu gehorsamen, Du eigenwilliges Kind," lächelte der Baron.Ich werde zu guter Zeit bei Dir sein."

Dank, Dank!" entgegnete sie.Ich wünschte, Papa, Du trankest gar keinen Wein mehr," setzte sie Dann auf Dem Wege zur Thür, neben ihm auf einen Augenblick ihren Schritt anhaltend und ihn auf die Stirn küssend, hinzu.

Du wünschtest, ich tränke niemals Wein? Sag' doch einmal, Kind, ist Dir das Köpfchen denn plötzlich verwirrt geworden?" entgegnete Bergen ver­

wundert. ,

Nein, mein Kind, Landedelleuten und Jägern kann es nun einmal nicht anstehen, gleich den Feen, von welchen Du mir früher so häufig erzähltest, den Durst mit Thau zu stillen."

Nun, heute aber wenigstens wirst Du thun, warum ich Dich bitte," sagte Hyacintha und schritt mit einer leichten Verbeugung gegen Willert, Der Die Thür für sie geöffnet hielt, zum Zimmer hinaus.

Die junge Dame zog sich aus Dem Speisezimmer in ein Sommergemach mit einer Glasthür zurück, welche auf einen großen Rasenplatz des Parktes hin- ausführte, und nahm ihren Platz in einem tiefen, offenen Fenster, durch welches sich ein frischer, sanfter Lufthauch hereinstahl, Der Die Düfte von hundert ver- schiedenen Blumen auf seinen Fittigen trug.

Sie nahm ein Dort neben ihr liegendes Buch aus und öffnete es, während sie sich mit Dem Taschentuche Kühlung zufächelte.

Mochten ihre Augen aber auch Dann und wann auf die gedruckten Lettern niedersinken, sie blickten noch häufiger gedankenvoll zum Fenster hinaus in's Weite, fast als bemühten sie sich, in der Zukunst zu lesen, in jener Zukunft, von welcher Die Jugend stets gerne so reizende Träume von Freuden und Erden­glückseligkeit träumt.

(Fortsetzung folgt.)