Aeitage zu Mr. 86 des Hießener Mnzeigers.
Feuilleton.
Der Darbone.
(Darbone, im ital. Volksdialect: der Bärtige.) Novelle von Fr-Büchner-
(Verfasser der Preisnovelle „Jugendverirrung en.")
(Fortsetzung.)
Wie mißmuthig, daß der Mönch in seiner Erwartung getäuscht, schüttelte er bei diesem Augenblick das Haupt; nichtsdestoweniger aber blieb sein schärfes, durchdringendes Auge unverwandt auf der sich allmählich nädernden Gestalt ruhen.
Der Soldat begann nun, sich hinlänglich sicher wähnend, an den Torten herumzutasten und die Kleider derselben zu durchsuchen. Jetzt hatte er sich auf wenige Schritte dem Mönch genähert, und abermals beugte er sich über einen Leichnam nieder, um sein PlünderungSgeschäft von Neuem zu beginnen, — als der Mönch leise hinter ihn trat. Jetzt bob sich seine Hand, und mit dem Ausruf: „elender Räuber!" faßte er den Soldaten in dem Nacken. Als sich dieser erschrocken ausrichtete und sich dem Mönche zuwandte, schaute dieser in das todten- blciche Gesicht Donay's.
„So ist er es doch," murmelte der Mönch, indem er Donay losließ, zu gleicher Zeit aber mit ter Linken den sicheren Stutzen in die Höhe hielt.
Ein gellender Angstschrei entrang sich der Brust des Elenden, dann sank er in die Kniee, seine Arme umfaßten den Mönch, und mit Lauten, wie sie nur die Todesangst auszupreffen vermag, schrie er:
„Noch einmal Erbarmen, Barbone, Gnade, Gnade!"
Der Barbone neigte mit der Rechten langsam das Crucifix gegen den sich zu seinen Fußen Windenden und sagte mit ruhigem, kaltem Tone: „B.te und beichte, daß Du nicht ohne Absolution von hinnen fährst."
„Vergebung," ächzte der Elende, „Vergebung um der heiligen Jungfrau willen."
Der Mönch schüttelte verneinend das Haupt und ließ langsam das Crucifix vor Donay zur Erde gleiten, erhob dann den Stutzen und brachte die Mündung des Laufs nahe vor die Brust des Daliegenden.
Indem dieser in der schrecklichsten Todesangst den Lauf des Gewehres umfaßt hielt und ihn nieder zur Erde zu drücken suchte, ächzte er wiederum: „Noch einmal Vergebung, Barbone, um des Andenkens Demer Mutter willen."
Der Mönch verneinte abermals.
Da schrie Donay mit einer Stimme, die selbst das Herz des Mönches erbeben machte: „Dann erbarme Dich meiner um Derer willen, die Du einst lieb haltest."
Nach diesen Worten nahm das Antlitz des Mönches einen sonderbaren Ausdruck an; seine harten Züge wurden allmählich weich; — das Gewehr sank tief zur Erde nieder und nachdem er eine Zeitlang den vor ihm Liegenden betrachtet hatte, sagte er: „In ihrem Namen mich zu bitten, gab Gott Dir ein, um meine Hand rein vom Morde zu lassen. Um ihrer willen ist Dir noch einmal vergeben, aber," fuhr er mit schrecklicher Stimme fort, „nun hast Du keinen Namen mehr, in dem Du in der Zukunft noch einmal Vergebung findtn würdest."
Rasch wandte sich der Mönch uach diesen Worten um und verschwand bald in dem nahen Felsen, Donay allein zurücklassend, der noch eine Zeitlang auf der Erve knieend verbrachte, bis er sich von der überstandenen Todesgefahr er- holt hatte und gewiß war, daß der schreckliche Kapuziner nicht mehr in seiner Nahe weilte; dann erhob auch er sich nnv verließ die grauenhafte Stätte, wo er Schrecklicheres erduldet hatte, als einer der Todten, die rings um ihn her zerstreut lagen.
4.
Der Gefangene.
Schon am frühen Morgen des folgenden Tages konnte man in dem Städtchen Scharnitz eine ungewöhnliche Aufregung wayrnehmen. Es halte sich nämlich die Nachricht verbreitet, daß die Tyrvlcr am Gürzich geschlagen worden wären, und daß an diesem Morgen eine große Anzahl gefangener Bauern ein- gebracht würden und darunter auch der Barbone, wie Manche wissen wollten, und ein anderer junger Führer sich befinden sollten. Doch erst gegen Mittag verkündete dumpfer Trommelschlag den Einzug der von dem Haupthecr zurück- gesaneten Truppenabtheilung. In ihrer Milte schritten paarweise die Gefangenen, alle das Haupt ungebeugt in aufrechter Haltung, wie sie dem Gefangenen nur das Bewußtsein, für eine heilige Sache zu le.den, zu geben vermag.
Vor dem Hause, welches der Oberst mit seiner Familie bewohnte, wurden die Gefangenen aufgestellt. Es war ein langes, düsteres Gebäude, aus rauhen dunklen Steinen aufgeführt, das früher der Sitz eines Gerichts gewesen und dessen eine Hälfte lange Zeit als Gcfängniß für leichtere Verbrecher gedient hatte.
Die gefangenen Bauern, die Freiheit ihrer Berge für ihr höchstes Gut achtend, sahen mit Grauen auf diese düstere Steinmaffe, von der sie wußten, daß sie bestimmt war, sie auf ungewisse Zeit ihrer Freiheit zu berauben und die sie vielleicht nur verlassen durften, um einen schimpflichen Tod von ter Hand des erbitterten Feindes zu erleiden.
Auch Albrecht von Schauenstein richtete die Blicke dorthin und sie hafteten besonders auf den kleinen, meist mit starken Gittern velfehenen Fenstern, welche tief in die Mauer eingelassen, großen Schießscharten nicht unähnlich waren. Als er wieder ewporsah, wurde sein Blick von einem Fenster gefesselt, hinter dessen Scheiben eine weibliche Gestalt sichtbar wurde. Unverwandt schaute er dorthin, als sich das Fenster öffnete und sich ein jugendliches Mädchen w.it vorlehnte, um Vie Gefangenen besser Überschauen zu können. Ein Taschentuch, mit dem es einigemal über die Augen fuhr, ließ erkennen, wie sehr die armen Gefangenen ihr Mitleid erregten.
Da erklang plötzlich ein lauter Schrei: „Johanna" aus der Mitte derselben und indem sie unwillkürlich den Blick der Stelle zuwendete, von woher der Ruf ertönt war, erkannte sie Albrecht von Schauenstein, der, gänzlich seine Umgebung vergessend, mit der Rechten zu ihr emporwinkte, als wenn er ihr Damit sein letztes Lebewohl sagen wollte.
Johanna, ihrer Sinne nicht mehr mächtig bei diesem Anblick, erwiederte
I ken Gruß, indem sie einigemal mit dem Taschentuch hinabwinkte; dann aber taumelte sie zurück und sank, das Antlitz mit Todtenbläffe überzogen, auf den Boden des Zimmers.
Als sie aus dem Zustand der Ohnmacht, die ihr wohlthätig einen Augenblick das Schreckliche, was siegeseben, verhüllt hatte, wieder erwacht war. wankte sie noch einmal mit unsicheren Schritten dem Fenster zu. Aber der Platz war leer; nur hier und da noch einzelne Gruppen von Weibern und Kindern, die mit finsteren Mienen das Gebäude anstarrlen und in leisem Gespräch auf dasselbe hinwiesen, das bereits die Gefangenen in seine finsteren Mauern ausgenommen hatte. —
Der Oberst von Holmor befand sich allein in seinem Zimmer, nachdem ihn kaum die Hauptleute verlassen hatten, welche ihm die Befehle des Obergenerals wegen der Gefangenen überbracht hatten. Er saß, in einen alten, groben Holz- seffel gelehnt, unverwandt auf das entfaltete Papier vor sich hinstarrend, welches das LooS der Gefangenen bestimmte. Da wurde er aus seinem Nachsinnen aufgeweckt, indem sich ein weißer Mädchenarm um seinen Nacken schlang und eine zitternde Stimme ihn mit dem Worte: „mein Vater!" begrüßte. Als er die Tochter erkannt hatte, faltete er, wie durch ihren Anbl'ck erschreckt, rasch die Papiere zusammen und legte sie auf den neben ihm bcfinelichen Tisch. Aber das Mädchen, dem der Ausdruck der Verwirrung auf dem Antlitz des Vaters nicht entging, fragte diesen mit tonloser Stimme: „Vater, es sind Gefangene eingc- bracht worden, gestehe mir, was wird ihr Loos sein?"
Nach einiger Zögerung erwiederte der Oberst: „Man will den Weg der ' Milde versuchen, um das verblendete Volk nicht noch mehr zu erbittern; einstweilen bleiben sie hier gefangen bis auf weiteren Befehl."
„Aber ist das auch das Loos Albrechts von Schauenstein?" fuhr das Mädchen bebend fort.
Der Oberst senkte den Kopf und gab keine Antwort.
„Was ist sein Loos? Ich will die Wahrheit wissen, täusche mich nicht," sagte das Mädchen heftig zitternd.
„Ich darf es Dir nicht verkünden," antwortete der Oberst ernst.
„O gestehe cs mir," schrie Johanna schluchz»nd, „ich will eS ruhig anhörcn, ganz ruhig, Vater;" und gleichsam um gefaßt zu erscheinen, auch das Schrecklichste zu vernehmen, stellte sie sich in aufrechter Haltung vor den Vater hin.
Dieser sagte nach kurzem Nachdenken: „WaS würde es helfen, wenn ich cS verschwiege! Morgen würdest Du doch die Wahrheit erfahren. Schauenstein ist als Anführer zum Tode verurtheilt."
„Und wann soll er sterben?" fragte Johanna, noch immer scheinbar gefaßt.
„Morgen! Morgen frühe um 6 Uhr," erwiederte zögernd und ohne auszu- blicken der Oberst.
„Und was wirst Du thun, Vat>r?" fuhr das Mädchen, den Arm um des Vaters Nacken schlingend, leise fort.
„Dem Befehle gehorchen," sagte düster der Oberst.
„Nein, nein," schrie bei diesen Worten Johanna laut auf, „Schauenstein Darf nicht steibcn, um Deines armen Kindes, Deiner Tochter willen."
Der Oberst wehrte mit Mühe das Mädchen ab, das sich leidenschaftlich über ihn geworfen hatte und antwortete: „Ich kann den Befehl nicht ändern; er ist kurz und bestimmt abgesaßt und alle Hauptleute kennen ihn bereits. Ich bin Bürge auf meine Soldatenehre, daß der Befehl vollzogen wird."
„Nein," rief das Mädchen schluchzend, „Du wirst Dein K-nd nicht der Verzweiflung preisgeben. Diese furchtbare Stunde muß es offenbar machen; Albrecht von Schauenstein ist mein Verlobter, erbarme Dich Dein-s unglücklichen Kindes, mache es nicht ganz elend, lasse ihm wenigstens Die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft noch."
„Du hast mir vertraut, was ich längst ahnte," erwiederte der Oberst ernst, indem er Die Hand auf die heiße Stirn des flehenden Mädchens legte; abir," setzte er Dann zögernd hinzu, „ich kann ihn nicht retten."
„Du kannst es, Vater," r ef Johanna in ergreifendem Schmerzenstone, „sende einen Boten um Begnadigung an dm Lbergmeral, entdecke ihm Alles; er wird nicht fühlloS sein."
„Der Be ehl lautet bestimmt auf morgen und es gibt keine Aenderung," entgegnete Der Oberst. „Aber," fuhr er nachsinnend fort, „jede Bitte winde auch vergeblich sein; Schauenstein war als Kundschafter in der Hauptstadt, unD dieses Vergehen wird unerbittlich nut dem Tode bestraft."
„So muß er sterben, sterben," rief Johanna entsetzt. „Nein, nein," fuhr sie mit zitternden, einschmeichelnden Tönen fort, „Du wirst ihn retten, Vater, Du wirst ihm einen Weg zur Flucht offnen."
„Das kann ich nicht, auch wenn ich wollte," sagte der Oberst; „fein Ge- wahrsam ist Überall mit starken Wachen umstellt. Aber," fügte er, feine ganze männliche Festigkeit in seiner Stimme aussprechend, hinzu: „Ich kann ihn auch nicht retten ; es ist w'der den Eid, den ich geschworen habe."
DaS Mädchen fühlte, daß nach diesem Worte jedes weitere Bitten bei Dem Vater vergeblich war. Es zuckte schmerzhaft zusammen unD kauerte neben Dem Vater auf Der Erde hin.
Das Auge des Obersten ruhte theilnehmend auf Der ganz ihrem Schmerz überlassenen Tochter. Nach einer kleinen Weile erhob er sich und ergriff Die Hand des Mädchens, welches dadurch abermals zur Hoffnung erweckt zu ihm aufichaute — und sagte dann in mildem Tone: „Johanna, Gott gibt Dem Weibe oft wunderbare Stärke in Zeiten der Angst — und läßt oft Wege Der Rettung finden, wo der Mann verzweifelnd und rathlos dasteht. Ich kann und darf nicht helfen, aber ich werde heute diesem Hause fern (ei und erst spät in der Nacht mit Maximilian zurückkehren, der versprochen hat, heute mit seiner Truppe wieder einzutreffen."
„Kannst Du ihn ritten, versuche es mit Gott, und," sagte er mit gedämpftem Tone, „er lasse es Dir gelingen !" Er ging, als könne er den Jammer Der verzweifelnden Tochter nicht länger mehr ansehen, mit raschen Schritten Der Thüre zu.
(Fortsetzung folgt.)


