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Frei aus dem Französischen, von Emina v. Nin,dorf.
(Fortsetzung.)
Derville stürzte der Gräfin nach in die Amtsstube; sie mutzte Flügel be- kommen haben — sie war, wie davon geflogen! Als der Anwalt in sein Gabi- net zurückkehrte, fand er den Obersten in höchster Wuth. Mit großen Schritten ging er im Zimmer auf und nieder. „Zu jener Zeit holte sich jeder seine Frau, wo es ihm beliebte," sprach er vor sich hin ; „aber ich wählte schlecht, ließ mich durch den Schein blenden. Sie hat kein Herz." —
„Nun, Oberst, hatte ich Recht, Sie zu bitten, nicht vorzutreten? Von Ihrer Identität bin i ch nun überzeugt. Als Sie erschienen, verrieth die Gräfin eine unzweideutige Gebahrde. Ihr Prozetz aber ist verloren: Ihre Frau weiß, datz Sie unkenntlich geworden sind." — „Ich bringe sie um!" — „Wahnsinn! Man wird Sie festnehmen und guillot'niren, wie einen gemeinen Verbrecher. Zudem verfehlen Sie wohl gar den Todesstoß — und das ist unverzeihlich: man muß gut treffen, wenn man seine Frau ermordet. Ich will Ihre Streiche wieder gut machen, Sie großes Kind! Gehen Sic nur und seien Sie auf der Hut- ich traue ihr zu, daß sie Ihnen eine Falle legt und Sie in Charenton einsperrt. Ich werde ihr unsere Acten notifiziren, damit wir uns vor jedem Ueberfalle sichern." —
Der arme Oberst gab seinem jungen Wohlthäter nach und verließ ihn, Entschuldigungen stammelnd. Langsam stieg der Erstere die Stufen der finstern Treppe hinab. Er war in tiefes Brüten versenkt, niedcrgedonnert von dem Schlage, der ihn am grausamsten, im innersten Herzen getroffen hatte. Da er den letzten Absatz erreichte, rauschte ein Gewand hinter ihm; seine Frau ward sichtbar. „Kommen Sie," sagte sie und nahm ihn auf wohlbekannte, trauliche Weise am "Arme; dabei tönte ihre Stimme so sanft! Der Zorn des Obersten war schnell erloschen; geduldig ließ er sich an den Wagen führen. „Nun, so steigen Sie doch ein!" sagte sie, als Der Diener die Tritte Herabgelaffen batte, und wie durch Zauber saß der Oberst neben seiner Gattin im Coupe. „Wohin, gnädige Frau?" fragte der Bediente. „Nach Groslay," erwiederte sie. Fort flogen die Pferde und durchmaßen ganz Paris —
Mein Herr!" redete die Gräfin den Oberst mit einem Tone an, der eine jener ungewöhnlichen Erregungen verräth, die unser ganzes Inneres erschüttern: Herz, Fibern, Nerven, Züge, Seele und Körper, alles, jede Pore, bebt m solchen Augenblicken. Das Leben scheint nicht mehr in uns zu sein; es ergießt sich außer uns, rheilt sich unsichtbar mit, wie durch Ansteckung, strömt durch Blick, Ton und Gcbährde, dringt Anderen unser Wollen mit mächtiger Electri- citat 'aus. Der alte Krieger zitterte, als er dieses einzige Wort vernahm, dies erste, schreckliche „mein Herr!" Aber es war auch in einem Athem Vorwurf, Bitte, Verzeihung, Hoffen, Verzweifeln, Frage, Antwort. Alles umschloß das kurze Wort. Es gehörte eine gute Schauspielerin dazu, um so viel Beredsamkeit und Ausdruck in ein Wort zu legen. Das Wahre ist nie so vollständig im Erguß, es treibt nicht so aus sich hinaus, es läßt nur in seine innere Tiefe bilden. Tausendfach bereute der Oberst Verdacht, Forderung und Zorn, und senkte die Augen, um seine Verwirrung zu verbergen.
Mein Herr," wiederholte die Gräfin nach einer kaum merkbaren Pause, ich habe Sie wohl erkannt." — „Rosine, dies Wort ist der einzige Balsam auf meine Wunden." — Zwei schwere Tropfen fielen brennend auf die Hand der Gräfin, die der Oberst mit Vaterzärtlichkeit drückte. „Mein Herr," fuhr sie fort, „warum erriethen Sie nicht, wie viel es mich kosten müßte, vor einem Fremden in einer so unglücklichen Stellung zu erscheinen, wie die meine ist? Muß ich erröthen über meine Lage, fo sei es nur im Familienkreise. Sollte dies Gehkimniß nicht in unfern Herzen begraben bleiben? Hoffentlich vergeben Sie mir meine scheinbare Gleichgültigkeit für das Unglück eines Chabert, an Deffen Dasein ich nicht glauben konnte. Ich erhielt Ihre Briese," sagte sie lebhaft, da sie in den Mienen ihres Gatten den Einwurf las; »aber fie gelangten erü'13 Monde nach Der Schlacht von Eylan in meine Hände, waren erbrochen, befleckt, unleserlich geschrieben: so mußte ich, Deren neuen Ehecontract Napoleon sanktionirt hatte, fürchten, einem Betrüger als Spiel zu dienen. Um die Ruhe des Grasen Ferraud zu sichern, heilige Farnilienbande nicht zu verletzen, sah ich mich also genüthigt, gegen einen falschen Chabert auf der Hut zu fein. That ich Unrecht? Sagen Sie selbst."
Ja, Du hattest recht und ich bin ein Dummkopf, daß ich die Verhältnisse nicht besser erwog. Aber wohin fahren wir?" fragte der Oberst, als er sich nabe den Barrieren De la Chapelle sah. „Auf mein LanDhaus bei Groslay, im Thale von Montmorency. Dort wollen wir gemeinschaftlich auf einen AuSwcg sinnen Ich kenne meine Pflicht. Gehöre ich Ihnen auch Dem Rechte nach, so aehöre ich Ihnen Doch Der That nach nicht mehr. Wollen Sic uns zum Mahr- chen von ganz Paris machen? Nie erfahre Das Publikum ein Verhältniß, Daö mich lächerlich macht. Es gilt unsere WürDe! Sie lieben mich noch," fügte sie mit einem süßtraurigen Blicke auf Den Obersten hinzu; „aber ich, war ich nicht berechtigt, neue Bande zu knüpfen? Eine Stimme der Hoffnung flüstert mir zu, daß ich Ihrer bewährten Herzensgüte vertrauen Darf. Wo ist Denn Das große Unrecht, einzig unD allein Sie zum SchieDenSrichter über mein Loos zu wählen? Sein Sie Richter unD Parthei. Ihrem eDIen Sinne Darf ich mich getrost übergeben - Sie sind großmüthig genug, mir Die Folgen eines unschuldigen Vergehens »u verzeihen. Es sei Ihnen Denn gestanden: ich liebe Ferraud; ich glaube mich berechtigt ihn zu lieben und erröthe vor diesem Geständisse nicht; wenn es Sie auch beleidigt, verletzt cs doch Ihre Ehre nicht. Thatsachen darf ich Ihnen nicht verhehlen. Als Der Zufall mich zur Wittwe machte, war ich nicht Mutter. — Der Oberst hieß Durch einen Wink mit Der HanD feine Frau schweigen. Beide sprachen eine halbe Stunde lang nicht eine Silbe. Chabert glaubte, die zwei Kleinen vor sich zu sehen.
Rosine!" — „Mein Herr?" — „Die Todten haben also sehr Unrecht, wieder zu kommen?" — „O mein Herr, nein, nein! halten Sie mich nicht für undankbar. Sie finden nur die als Liebende, als Mutter, Die Sie als Gattin verließen. Steht es auch außer meiner Macht, Sie zu lieben, weiß ich doch, wie viel ich Ihnen verdanke, unD Darf Ihnen ein Tochterherz weihen."
„Rosine," entgegnete Der Greis mit sanfter Stimme, „ich hege keinen Unwillen mehr gegen Dich. Wir wollen alles vergessen," setzte er mit einem Lächeln
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hinzu, Dessen heilige Anmuth immer Den Abglanz einer schönen Seele zurückstrahlt. „Ich bin nicht unzart genug, Liebeszeichen von einem Weibe zu heischen, Daö mich nicht mehr liebt." Die Gräfin sanDte ihm einen so DankourchDringenden Blick, daß der arme Chabert gerne wieder in seine Eylauer Grube hinabgestiegen wäre. Ja, es gibt Seelen, die Kraft zu solchen Opfern befitzen und ihren Lohn in Der Ueberjeugung finden, das Glück geliebter Menschen begründet zu haben! „Mein Freund, „wir wollen über alles das später mit mehr Ruhe sprechen," sagte die Gräfin.
Die Unterhaltung nahm nun eine andere Richtung, Denn unmöglich konnte sie lange auf diesem Gegenstände verweilen. Obwohl beide bald auf ernste Weise, bald durch Anspielungen auf ihre wunderliche Lage zurückkamen, ward die Reise doch dadurch sehr verschönert, daß sich jene alle Umstände ihrer früheren Vereinigung und viele Nachklänge des Kaiserreichs zurückriefen. Die Gräfin wußte diese Neminiöcenzen mit süßem Reize zu umgeben und dem Gespräche einen Anflug von Schwerinnth zu leiben, der Den nöthigen Ernst bewahren half. Sie ließ ihren ersten Gemahl alle Geistesschätze errathen, Die sie erworben hatte, unD strebte, ihn an Den Gedanken zu gewöhnen, sein Glück nur in Den Freuden zu suchen, Die ein Vater bei Der Tochter findet.
Auf Seitenwegen gelangte Der Oberst Chabert unD die Gräfin an einen großen Park, in Dem kleinen Thale gelegen, Das Die Höhen von Margeucv von Dem artigen Dorfe Groslay trennt. Hier besaß Die Gräfin ein hübsches Haus, in welchem Der Oberst bei feiner Ankunft alle Anstalten fand, Die seine unD seiner Gemahlin Anwesenheit heischten. Das Unglück ist eine Art Talisman, Der unseren angestammten Kräften unD inneren Anlagen Doppelten Schwung gibt; bei gewissen Gemüthcrn Mißtrauen und Bosheit vermehrt, wie bei edlen Herzen Die Güte erhöht: Den Obersten hatte Das Mißgeschick noch edler und besser gemacht, als er schon war. Er vermochte in das Geheimniß weiblicher Schmerzen einzu- dringen, das den meisten Männern verschlossen bleibt, mit Salomons Siegel. Doch konnte er, trotz seinem geringen Hange zum Argwöhne, nicht umhin, seine Frau zu fragen : „Sic waren also fest überzeugt, mich hierher zu bringen?" — „3a," antwortete die Gräfin, „sobald ich im Kläger Den Obersten Chabert fände." — Die volle Wahrheit, welche Die Gräfin in diese Erwiederung zu legen wußte, zerstreute die leichten Zweifel des Obersten so sehr, daß er sich dieselben zum Vorwürfe machte.
Ein feines Pfeifen lockte die Gräfin noch spät in den Park. Robert stand vor ihr. Sie winkte ihm hastig von der mondhellen Stelle in den Schatten einer blühenden Akaziengruppe. „Nun, Vicomte, kann ich Ihnen Glück wünschen — „Recht, Gräfin, nichts mehr von alten Namen, begraben die Vergangenheit. Nur Zukunft, Zukunft! Hoffnung schwellt mit tausend Segeln diese kühne Brust. Ich habe Helmine wieder gesehen, sehe sie beinahe täglich, und dieser Engel — wag ich's nur zu denken? — neigt sich in süßer Liebe zu Dem Unwürdigen. Ia^ ein Engel, anö schöneren Welten in den Abgrund niedergestiegen, um mit reiner Hand einen schweren Fluch zu lösen, Dem Verworfenen Ahnung künftiger ParaDiese ..." — „Wer hätte gedacht, daß die Liebe Sie zum Schwärmer nmwandlen würde! Muth, mein Freund! Versichern Sie sich nur der Neigung Ihrer Göttin. Alles Andere kommt von selbst. Abgöttisch hängt der alte Her- zog an rem Kinde; er wird sie nicht unglücklich machen wollen, ihren Herzenswunsch erfüllen. Muth, Vicomte, nicht nur Amor, auch Fortuna, mit ihrem reichsten Füllhorne, wird Ihnen lächeln!" — „O Rös, wenn Der Himmel sich einem Sünder nicht verschlösse, wenn der gefallene Engel .... sieh, ich bin früh hinausgestoßen worden in das wilde Leben; früh hat man Verbrechen auf meine junge Seele gehäuft, die granitschwer auf ihr lasten; Verbrechen, ehe ich Laster und Tugend kannte. Und später — o da hielten mich eiserne Schranken, an denen ich im ohnmächtigen Wahnsinne rüttelte! Mir wehrte die Gesellschaft, die stolzen, kalten Egoisten, den Rücktritt zur Tugend, zum willenlos verlassenen Eden. Wenn cs mir jetzt gelänge, wenn Thränen tiefer Reue alle Schuld, jeden Flecken meines früheren Seins tilgen, gute Thaten Sühne werden könnten! Den Finch meiner Frevel über Die, welche mich in Den Staub getreten, meine ahnungslose KinDheit gebranDmarft haben! Fluch über Die, Die mit Verachtung, über- rnüthigherzlose Bevorzugte des Schicksals, auf mich nicDersahen, Das Fünkchen, welches wieDer im schnldertöDteten Herzen aufglimmte, gewaltsam erstickten, mich zurückdrückten in Den Koth! O seid nicht so stolz auf Euren reinen Wandel! Wie leicht wird Euch die Tugend! Sie kommt Euch ja fast selbst entgegen auf dem ebenen, breiten Pfad. Nicht so uns, den AuSgestoßenen. Wir bilden einen Staat im Staate, den Auswurf, vor dessen Pesthauch jeder flieht; Die räudigen Schafe, was ist an uns gelegen? In Die Hölle mit und — ob auch Der Himmel uns Darüber verloren ginge! Ketten, Eisenstäbe Den reißenden Thieren; ganz Thiere, nur Thier, was frommt uns die Seele? Nur tief, tief in Den Schlamm mit ihr! UnD sie rühmen sich ihrer menschenfreundlichen, weisen Anstalten, die bloS zum Seelenmorde tauglich sind! Ich kann urtheilen: ich habe sie durch und durch studirt. Es waren meine Schulen. Wahrlich, man sollte beinahe glauben, die Gerichte straften wie schlimme Stiefmütter, aus Lust und schwingen die Geißel über uns, wie der Bärentreiber über seine tanzenden Thiere! Ihre Gesetze hängen uns nur einen Maulkorb vor, daß wir nicht beißen ..."
„Genug, Vicomte, Der finstern Grillen! — ertoieDerte Die Gräfin. In Hel- mina's Armen werden Sie vergessen ..." — „Ist diese befleckte Hand würdig . . . Darf ich wagen, meinen Blick zu Der Heiligen zu erheben?" — „Vicomte , man möchte mich vermissen, gute Nacht!" — siüsterte die Gräfin voll Ungeduld, im Begriffe, sich zurückzuziehen. „Einen Augenblick!" bat er und faßte ihre Hand : „ich weiß, datz man meinen früheren Genossen Winke gegeben, ihren Argwohn erregt hat; weiß, daß man ihnen zutrug, ich wolle mich von ihnen lossagen, sie verrathen. Sie drohen mir, wenn ich nicht zu ihnen zurückkehre, mit Verfolgung und Tod; ich kenne keine Furcht für mich selbst, aber..." „Die Freundschaft wacht, Muth! Ich werde gesucht ..." — Sie entschlüpfte. Er ballte die Faust auf Der Brust und murmelte: „Ich habe das leise Leben ihrer Hand in der meinigen gefühlt: wenn sie es wäre! Sollte meine Ahnung nicht lügen — nun Dann, meine Rache über ihr Haupt, eine Rache, die zermalmt, vernichtet. O Der giftigen Schlangenfalschheit, der Doppelzüngigen!"
(Fortsetzung folgt.)


