Feuil
Der B a r b o n e.
(B arbone, im ital. Volksdialect: der Bärtige.) Novelle von Fr. Büchner.
(Verfasser der Preisnovelle „Jugendverirrungen.")
(Fortsetzung.)
Man gönnte den Soldaten nach dem mühsamen Tagesmarsch die nothige Ruhe, und überall sah man Gruppen derselben in dem dichten Grase längs der Straße lagern, — aber es herrschte eine feierliche Stille durch das Heer und nirgends begegnete man fröhlichen, kampfesmuthigen Gesichtern. Ernst, verschlossen sahen die Meisten stille vor sich nieder. Nachdem die Führer bereits mißmuthig lange vergeblich auf das Erscheinen des Obergenerals geharrt hatten, um dessen Befehl zu vernehmen, ob heute noch der Einzug in den Engpaß beginnen, oder damit bis zum anbrechenden Morgen gewartet werden solle, erschien dieser endlich an der Seite eines fremden, unbekannten Mannes — und ertheilte den Befehl, sogleich den Einzug in den Engpaß zu beginnen. Zugleich winkte er einigen Hauptleuten und entließ sie dann, nachdem er einige Worte leise mit ihnen gewechselt hatte, in Begleitung des Fremden, mit dem er soeben gekommen war. —
Etwa eine Viertelstunde entfernt von dem furchtbaren Eingang des Engpasses hinter einer der am weitesten vorgeschobenen Felswände lehnten zwei Männer, die mit gespannter Aufmerksamkeit die Blicke der Straße entlang schweifen ließen. Ein dünnes Gestrüpp, das licht genug war, um einen freien Durchblick zu gewähren, entzog sie völlig den Blicken derer, die von dem Thale aus die Höhe beobachteten. Es war der Mönch und Albrecht von Schauenstein, die hier den Einzug des Heeres in den Engvaß mit Ungeduld erwarteten.
Der Mönch hatte sich weit in das Gebüsch vorgebog'cn, um genauer sehen zu können; jetzt zog er rasch den Kopf zurück und sagte mit einem Ausdruck schrecklicher Freude auf dem Gesicht:
„Sie kommen! Sie ziehen heute Abend noch ein. Dann," fuhr er düster fort, „sind sie alle verloren."
Albrecht von Schauenstein schaute ebenfalls nach dem Eingangsthor und gewahrte, wie die dunklen Massen sich langsam denselben zuschoben.
Nach einiger Zeit sagte der Mönch mit verdrießlichem Tone:
„Sie halten wieder und scheinen die Führer zweifelhaft, was sie thun sollen. Dieses Zögern will mir schlecht gefallen, — und siehe, lösen sich dort nicht einzelne Abtheilungen des Feindes und lenken seitwärts ihren Weg den Bergen zu?" Mit einem Tone ängstlicher Hast fragte er Albrecht:
„Wir sind doch im Rücken durch eine hinlängliche Zahl guter, zuverlässiger Schützen gedeckt?"
„Ich habe es so angeordnet," erwiederte der Jüngling bekümmert; „allein der rechte Gehorsam ist nicht mehr da, seitdem sich Speckbacher und andere Führer von dem Aufstand losgesagt. Jeder möchte für sich gern Rache an dem Feinde nehmen — und bei dem ersten Schuß, der fällt, werden alle in unserem Rücken aufgestellten Posten hierhereilen."
„Das ist schlimm, sehr schlimm," murmelte der Mönch, in tiefes Nachdenken verloren. „Wenn der Feind die Steige über das Gürzich wüßte!"
„Aber die wird er nicht finden," unterbrach ihn der Jüngling, „sie sind selbst den Einheimischen schwer erkennbar."
„Allein werden sie dieselben nicht finden," sagte der Mönch noch düsterer wie vorher, „doch —"
In diesem Augenblick verkündeten ein Paar weithin schmetternde Signale, deren Echo vielfach von den Felswänden widerhallte, daß der Feind in den Engpaß eingezogen war. Der Mönch war bei diesen Tönen emporgeschnellt: seine Augen glühten in düsterem Feuer. „Wenn die Unseren nur nicht zu früh feuern," sagte er mit unheimlichem Ton, „dann sind sie alle verloren."
Kaum aber hatte er das Wort vollendet, da fiel ein Schuß, der vumpf- thr'önend längs des Thales wiederhallte. Jmvem sich heftiger Zorn auf dem Antlitz des Mönches ausprägte, musterte er mit seinem scharfen, durchdringenden Auge die Reihe der Felswände, welche sie von ihrem weit vorspringenden Standpunkte aus übersehen konnten. Als er aber nirgends den aufsteigenden Dampf aus dem Stutzen eines vorlauten Tyrolerschützen wahrnehmen konnte, hefteten sich seine forschenden Blicke hinab auf das immer näher heranziehende Heer. Er entdeckte dort ein leichtes, aufsteigcndes Wölkchen und rief, sobald er dies wahrgenommcn, Albrecht von Schauenstein zu: „Unsere Nähe ist dem Feinde verrathen; aus seinen Reihen fiel der Schuß, und dies ist eine Kriegslist, um die Unseren zu frühzeitig zum Feuern zu bewegen."
Wirklich fielen nun rasch hinter einander längs der Bergreihe einige Schüsse, die dem Feind noch keinen Schaden zufügten, aber ebenso schnell verstummten sie auch wieder, weil man die Absicht des Feindes erkannt hatte. Es herrschte wieder eine Todesstille.
Während aber nach und nach der gleichmäßige Schritt des immer näher rückenden Feindes vernehmbar wurde, verharrte der Mönch und sein jugendlicher Gefährte im tiefsten Schweigen und mit der Beobachtung des nahenden Heeres beschäftigt Nun aber, als einzelne Abtheilungen schon an ihnen vorübergegan- flcn, sprach der Mönch feierlich:
„Nun ist die Stunde da; aber Albrecht, nicht tollkühn heute! Halte Dich stets in meiner Nähe!"
Nachdem sich Beide die Rechte gereicht hatten, trat der Mönch hervor und stand mit wenigen, sicheren Schritten auf der Spitze des Felsens. Die Sonne war im Untersinken und schien nur noch mit ihrer großen, dunkelrothen Scheibe einen Augenblick länger zu verweilen, um ihre letzten Strahlen über das merkwürdige Wesen auszugießen, welches nun da oben erhaben aus dem einzelnen Felskegel unbeweglich wie ein fernes Standbild anzuschauen war. Die Linke hielt das große, schwarze Crucifix hoch in vie Höhe, die Rechte die Fahne, die ein Kreuz mit einem Strahlenkranz in den Farben Tyrols in ihrem Felde trug. Auch den Jüngling erfaßte das allgemeine Gefühl, welches der Anblick des Mönches bei dem Volke hervorzubringen pflegte; Verehrung und Grauen mischte sich darein: Verehrung vor dem Muthe dieses sonderbaren Mannes und zugleich Grauen vor ihm, wenn er bedachte, wie derselbe, ohne selbst den Wahn seines Volkes ’.u theilen, den religiösen Fanatismus zum Haupthebel für die Anfachung einer teoesmuthigen Begeisterung bei seinem Volke gebrauchte.
Kaum war die wohlbekannte Gestalt des Mönches auf dem Gipfel des Felsens sichtbar geworden, — da ging längs den Höhen eine merkwürdige Um-
l e t o n.
Wandlung vor sich. Ueberall ertönte der Ruf: „Tyrol und die heilige Jungfrau" ; hinter jeden Felswand sahen die Stutzen hervor und sandten ihre mörderischen Geschosse in das noch ruhig dahinziehende Heer.
„Jetzt sind sie am Scheideck," rief der Mönch unheimlich dem noch ruhig da lehnenden Albrecht von Schauenstein zu. „Sie sind nun ihrer Vernichtung gewiß; haltet Eure Aexte bereit," fuhr er zu einigen in der Nähe stehenden Bauern gewendet fort. Diese erhoben langsam die Aexte, jeden Augenblick be- reit, dem Befehl des Mönches nachzukommen, um die Seile zu kappen, welche eine Anzahl schwerer Baumstämme hielten, die bestimmt waren, im Hinabrollen durch ihre Wucht einen Theil des Feindes in den Engpaß zu zermalmen.
Als aber der Mönch nun mit lauter Stimme rief: „Kappt die Seile!" da ertönte plötzlich ein furchtbares Geschrei über ihren Häuptern. „Der Feind, der Feind, wir sind überfallen," dieser Ruf erschallte von allen Seiten — und wirklich wurden gleich darauf einzelne Abtheilungen der Feinde sichtbar, welche die Tyroler umgangen und bereits ringsum eingeschlossen hatten.
„Wir sind verrathen," rief der Mönch den sich rings um ihn sammelnden Bauern zu. „Albrecht, bleibe an meiner Seite; ich will uns retten, wenn es möglich ist."
Aber vergeblich sah sich der Mönch nach demselben um; denn der Jüngling hatte sich bereits mit einer kleinen, todeSmuthigen Schaar einer Abtheilung des rasch andringenden Feindes entgegengeworfen, und als die forschenden Blicke des Mönches nach ihm suchten, sah er, wie derselbe mit seiner kleinen Schaar von dem Feinde übermannt und gefangen wurde. „In dem Namen der heiligen Jungfrau, es gilt die Rettung Albrecht's von Schauenstein," schrie der Mönch mit furchtbarer Stimme; allein vergeblich warf er sich mit den um ihn geschaar- ten Bauern dem Feinde entgegen. Ein Kämpfer nach dem anderen fiel an seiner Seite, und bald sah sich der Mönch gänzlich allein gelassen.
Da der gemeine Soldat nicht zu bewegen war, Hand an dieses gespenstige Wesen zu legen, das allein wieder im dichten Kugelregen unverwundet geblieben war, sprangen einzelne Hauptleute an die Spitze Der Soldaten, um sich gemeinsam des Kapuziners zu bemächtigen. Dieser war langsam zurückweichend wieder in die Nähe des Felsens ongelangt, von dem er das Zeichen zum Angriff gegeben hatte. Er sprang in das lichte Gebüsch und verschwand gleich darauf hinter der Felswand.
Em lauter Freudenschrei wurde von den Hauptleuten ausgestoßen, denn sie wußten nun, daß der Mönch ihr Gefangener war, da sich der Fels allein von Den übrigen gesondert aus dem Boden erhob. Nachdem derselbe schnell in doppelten Reihen umstellt war, begannen die Führer selbst, da sich die gemeinen Soldaten hartnäckig weigerten, die einzelnen, nicht tiefen Einschnitte des Felsens zu durchsuchen. Allein jede Nachforschung blieb erfolglos; der Mönch war und blieb verschwunden, und nirgends fand sich die geringste Spur, welche die Art der Flucht deffelben zu enthüllen vermocht hätte. Die Führer blickten einander verwundert an und tauschten ihre Ansichten über dieses sonderbare Verschwinden aus, der gemeine Mann aber fand das sehr-natürlich und ward nun noch mehr in dem Wahn bestärkt, daß der Mönch mit bösen Mächten im Bunde stehe.
Bald lag der Ort — soeben noch der Schauplatz des erbittertsten und verzweifelten Kampfes — in einsamer Stille und das Dämmerlicht breitete seinen friedlichen Schatten über die Menge der Todten, die hier Feind neben Feind in Eintracht schliefen. Aber nicht lange verhüllte das Dunkel des Abends dieses kleine, dicht mit Leichen übcrsäete Schlachtfeld, — allmählkg wurde das Licht der Sterne leuchtender, und bald goß ihr zahlloses Heer an dem unbewölkten Himmel seinen milden Glanz über die Blutstätte — und ließ die einzelnen Todten mit ihren bleichen, größtenthcils schrecklich verzerrten Gesichtern erkennen. Hier und da sah man einen Soldaten und einen Tyrolerbauern noch sich umfaßt haltend, in der schrecklichen Umarmung verharrend, in der Der Tod sie beide überrascht hatte. Nun schienen sie Freunde, die, um sich gegenseitig zu schirmen, eng umschlungen, neben einander zu erquickendem Schlummer sich nie- dergelaffen batten. Zwei Stunden mochten seit Der Beendigung des Kampfes verflossen sein, als an Der einen Seite des Felskegels, wo Der Mönch auf so wunderbare Weise spurlos verschwunden war, — ein hervorspringendes Felsstück sich langsam wegschob und eine Oeffnung sehen ließ, die groß genug war, daß ein Mensch hindurch zu kriechen vermochte. Jetzt schaute vorsichtig das Gesicht des bleichen Mönches daraus hervor, Dann wurde ein Arm sichtbar, der Den kurzen Stutzen festhielt, — nun hatte sich der Mönch ganz durchgedrängt und stand aufrecht vor dem Felseneinzang. Nachdem er noch einmal mit der größten Vorsicht nach allen Seiten hingelauscht hatte, schloß er mit einem kräftigen Druck Die Oeffnung wieder mit Dem weggeschobenen Stein und schlich dann langsam hervor auf das kleine, aber zahlreich mit Todten besäete Schlachtfeld. Als er eine Weile starr darauf hingeblickt, wandte sich sein Auge aufwärts zu Dem ruhigen, hellflimmernden Sternenhimmel.
„Nur Da oben ist Friede," murmelte er, „aber auf Erden ist Haß, entsetzlicher, mitleidsloser Krieg."
Er sank auf die Kniee und als er den Stutzen nahe neben sich zur Erde niedergelegt hatte, so daß er ihn jeden Augenblick zu erfassen vermochte, faltete er Die Hände zum Gebet.
Aber es war kein Gebet eines Priesters, Der nach dem Vorbild des Welt- erlösers um Vergebung für feine Feinde bat; es war ein heißes Gebet um Verderben Der Unterdrücker seines Vaterlandes; nur für Einen bat er Rettung von Gott, für Den gefangenen Kampfgefährten Albrecht von Schauenstein.
Das Gebet war vollenDet und er erhob sich, um, wie es schien, diese traurige Stätte zu verlassen, aber plötzlich blieb er stehen uno sagte leise vor sich hin:
„Ich will noch eine Stunde harren, — trügt meine Ahnung nicht, — Dann wird er kommen."
Er ließ sich hinter dem schützenden Vorsprung des Felsens auf einen Stein nieder, stützte das Haupt in die Hände und saß nun vielleicht eine Stunde be- wegungslos, in tiefen Gedanken vor sich hinstarrend, da. Auf einmal erhob er leicht das Haupt und neigte sich lauschend nach Der einen Seite hin. Es war keine Täuschung, man vernahm Den leise schleichenden Fußtritt eines in kurzer Entfernung Herannahenden. Der Mönch trat noch mehr zurück und verharrte in athemloser Spannung, bis die Erscheinung sichtbar wurde. Jetzt erschien ein Mann in Der Kleidung eines gemeinen baierischen Soldaten und schaute sich vorsichtig nach allen Seiten um.
(Fortsetzung folgt.)


