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Feuilleton.
Der Barbone.
(Barbone, im ital. Volködialect: der Bärtige.) Novelle von Fr. Büchner.
(Verfasser der Preisnovelle „Jugendverirrungen.")
(Fortsetzung.)
Albrecht Schaudorf entgegnete darauf ungewöhnlich ernst: „In dieser schweren oeft jst Trennung vielleicht Scheiden sür's ganze Leben. Darum wirst Du mir auch eine Bitte nicht versagen. Ich möchte Deiner Schwester Johanna Lebe- wohl sagen, aber nicht da droben in der Gesellschaft, — wo der Mund nicht sprechen darf, was das Herz empfindet, — ich möchte sie noch einmal allein sehen."
Maximilian versprach, der Schwester den Wunsch des Freundes mitzutheilcn, nachdem ihm dieser fest zugesagt, wenigstens diesen Abend noch der Gesellschaft beizuwohnen.
Albrecht war in den hinter dem Hause liegenden Garten elngetreten und schritt nun langsam durch die verschlungenen Wege desselben hin. Der Mond goß sein mildes, friedliches Licht über die dunkeln Gänge und schattigen Bäume aus, unter denen er so manchmal mit Johanna in süßem Gespräch hingewandelt war Da war ja die Laube, wo er das Geständniß ihrer Liebe empfangen, wo sie sich gelobt hatten, unter allen Wechselfällen des Lebens sich treu zu bleiben. Eine schwermuthsvolle Träumerei bemächtigte sich seiner, als er daran dachte, daß er heute zum letzten Mal an diesem Ort weile, und daß er ihn vielleicht nie wieder betreten würde Aber bald entriß ihn ein Geräusch der sich leise öffnenden Thüre diesen trüben Gedanken. Sein Herz pochte stürmisch, als er einen feinen zarten Schritt, der nur flüchtig den Boden berührte, näher kommen hörte. Jetzt sah er ein weißes, schimmerndes Kleid, und mit dem Ausruf meine Johanna" umfing er das Mädchen, das ihn nun mit zitternder Stimme nnd in ängstlicher Hast fragte: „Ist es wahr, Albrecht, Du willst mich verlassen ?"
„Ich kann nicht anders, Johanna," erwiederte der Jüngling. „Morgen muß ich reisen, und ich bin gekommen, Dir Lebewohl zu sagen und noch ein* mal Dein Gelübde zu empfangen, daß Du die meine bleiben willst für alle Zukunft."
„Was ich gelobt, werde ich Dir halten, Albrecht," flüsterte das Mädchen in feierlichem Ernste.
„Auch dann," fuhr der Jüngling, die Hand Johanna'S an seine Brust pressend, fort, „auch dann, wenn vielleicht andere Menschen, vielleicht selbst die Deinigen meine Handlungsweise verdammen, wenn auch selbst in Deinen Augen der Schein gegen mich sein wird, willst Du auch dann an meine Liebe glauben und mir treu bleiben?"
Das Mädchen entzog ihm die dargereichte Hand und erwiederte ernst:
„Albrecht, Du verbirgst mir ein Geheimniß, und vergebens bat ich Dich schon "einmal, mir es zu enthüllen. Du fürchtest in der Zukunft für unsere Liebe durch Enthüllung dieses Geheimnisses, o so laß cs mich in dieser Abschiedsstunde wissen."
„Ein Eid bindet mich," entgegnete der Jüngling. „Ich darf es Nieman- den, selbst Dir nicht anvertrauen, ohne damit ein feierliches Versprechen zu brechen." In diesem Augenblick rief die laute Stimme Maximilian's den Namen „Johanna" zum Zeichen, daß sie in der Gesellschaft vermißt werde. Noch einmal umschloß Albrecht das trauernde Mädchen; ihre Lippen neigten sich zum Ab- schiedskuß, und der Jüngling flüsterte leise:
„Johanna auf ein einstiges glückliches Wiedersehen! — Der Deine auf ewig!"
„Auf ewig," wiederholte das Mädchen zitternd, dann riß sie sich gewalt* sam los und eilte rasch dem Ausgange des Gartens zu.
Träumerisch folgte ihr der Jüngling, und auch er befand sich bald in dem Saale unter der zahlreichen Gesellschaft, in der Niemand außer Maximilian ahnte, was zwischen ihm und Johanna vorgegangen war.
2.
Die Entdeckung.
Die geladene Gesellschaft war vollzählig, und man erwartete, um das Fest beginnen zu können, etwas ungeduldig das Erscheinen des Hausherrn, des Obersten von Holmar. Endlich öffnete sich die Seitcnthüre, und der Oberst trat ein; allein" die Anwesenden bemerkten sogleich, daß sich ein trüber Ernst auf die Stirne des Eintretenden gelagert hatte. Der Oberst, ein Mann von einigen fünfzig Jahren, Den aber die überstandenen Mühsalc des Krieges viel älter erscheinen ließen, grüßte mit leichtem Neigen des Hauptes die Anwesenden und ließ sich dann an dem für ihn bestimmten Ehrenplatz der Tafel nieder. Allein auch wäh- hrenv des Mahles blieb er einsilbig und in sich gekehrt. Als sich nach dem Essen Die Gesellschaft in einzelne Gruppen auflöste, welche sich in Den verschie- Denen tiefen Fensternischen niederließen, und bald darauf nur noch die wirren Töne einer lebhaften, ungezwungenen Unterhaltung durch den Saal rauschten, machte nur eine einzige Gruppe hiervon eine Ausnahme, nämlich die, welche von Johanna und ihrem Bruder, Albrecht und einigen andern jungen Herren und Damen gebildet wurde.
Da die nahe Trennungsstunde jeden Frohsinn bei den beiden Liebenden verscheuchte, gab sich Maximilian Die unsäglichste Mühe, durch eine scherzhafte Unterhaltung diesen Trübsinn zu verbannen. Es trat eine sehr peinliche Stim* munq in dem kleinen Kreise ein, so daß man froh war, als der ehrwürdige Oberst mit seinem gemessenen Gang auf Die Gruppe zuschritt, Da man nun eine Wendung des nur spärlich im Gange gehaltenen Gesprächs erhoffte. Der Oberst nahm Albrecht gegenüber Platz, und man war nicht wenig erstaunt, als derselbe die sonst streng gültige HauSregel: „keine politische Unterhaltung zu dulden," selbst brach und mit den Worten begann:
„Es sind soeben sehr wichtige Nachrichten vom Kriegsschauplatz angelangt. Oesterreich und Frankreich haben am 14. Dieses Monats Frieden in Wien geschlossen, und Tyrol ist Darin seinem Schicksale überlassen."
Die Augen des Obersten richteten sich bei den letzten Worten auf Den ihm gegenübersitzenden Albrecht Schaudorf, Der bei dieser Nachricht sichtbar erbleicht war und mit einer vor Aufregung zitternden Stimme rief: „Dos ist nimmer wahr, nein, nein, — Das ist nicht wahr!"
Der Oberst erwieDerte Darauf ungewöhnlich ernst:
„Sie werden Den Obersten Holmar keiner Unwahrheit zeihen."
„O vergeben Sie mir," stammelte Der Jüngling, „aber Diese Nachricht kann nicht wahr sein. Der Kaiser kann sein treuestes Volk nicht schutzlos an seine FeinDe verrathen."
„Dieses war Die Bedingung des Friedens," sagte Der Oberst kalt.
„Dann ist es ein entsetzlicher, frevelhafter Friede," preßte Der Jüngling mühsam hervor.
„Sie nehmen sich Der Sache Dieses Volkes warm an," fuhr Der Oberst mit schneidender Kälte fort.
Eine flammende Röthe zuckte über das Antlitz des Jünglings, — und als wenn er sich jetzt erst Daran erinnere, wo er sich befinde, sagte er stotternd:
„Gewiß — selbst nach Dem Urtheil des Feindes — verdient dieses Volk eine andere Behandlung."
„Und warum das?" erwiederte Der Oberst. „Die Einsetzung einer eigenen Negierung in Jnsbruck zeugt dafür, was aus diesem Aufstand entstehen könnte, wenn man ihm den Zügel schießen ließe."
„Aber das geschah mit Bewilligung Oesterreichs," entgegnete Der Jüngling, Der allmählich wieder seine frühere feste Haltung gewann.
„Nein, Dieses Volk verdient eine Züchtigung," begann Der Oberst weiter; „es verdient sie wegen Der abscheulichen Kamvfweise, Die es eingehalten. Nicht wie Soldaten, sondern wie Banditen haben sie gekämpft."
„Nein, das thaten sie nie und nimmer," rief der Jüngling, indem er sich in fast drohender Haltung von seinem Sitze erhob.
Auch der Oberst war aufgestanden, — und Die ganze Gesellschaft, Durch Die laute Unterhaltung aufmerksam geworden, hatte sich um Die Beiden gesammelt unD mit NeugierDe unD mit geheimer Befürchtung, wie die Unterhaltung enden werde, blickte Jedes auf sie hin.
Der Oberst fuhr fort: „Man nennt Den Kampf dieses Volkes einen helden- müthigen, — und wie führt eö ihn? Aus verborgenen Schlupfwinkeln schießen sie auf Den wehrlosen Feind, in jeder Schlucht begraben sie ihn unter Felsstücken, die sie von ihren Bergen herabstürzen lassen; — diese Art Des Kampfes ist feige."
„Nein," entgegnete Albrecht, „es ist nur die verzweifelte Nothwehr eines für seine Religion unD sein Vaterland kämpfenden Volkes gegen einen zehnfach überlegenen, blutdürstigen, grausamen Feind."
„Ueberall," sagte Der Oberst mit vor Zorn geröthetem Antlitz, „umgibt uns Der Vcrrath. Ucberall hat Dieses Volk seine geheimen Späher. Jeder Anschlag von uns mißglückte, weil Die ausgesandten Spione ihn Den Anführern Der Bauern hinterbrachten. UnD selbst in Der HauptstaDt unterhält es seine Spione," setzte Der Oberst, einen durchbohrenden Blick auf Den Jüngling wer- fenD, hinzu.
Abermals übergoß eine Dunkle Röthe das Antlitz desselben und unwillkürlich senkte sich sein Auge zu Boden.
„Ja," fuhr der Oberst mit zitternder Stimme fort, „selbst hier schleichen sie in Die Häuser ein, um im Gewand der Freundschaft die Pläne des künftigen Feldzugs auszukundschasten. Auch mein Haus birgt einen dieser Spione."
Aller Blicke wandten sich auf den Jüngling, der sich bei Den letzten Worten des Obersten stolz cmporgerichtet hatte unD diesen wie fragend mit festem Auge anschaute.
„Ja," begann Der Oberst, sich zu der Gesellschaft wendend, wieder, „blicken Sie auf diesen jungen Mann hin. Er heißt nicht Albrecht Schaudorf, sondern er ist Der Tvroler Bauernführer Albrecht von Schauenstein."
Die Ausrufe Der Überraschung, Die allgemeine Bewegung im ganzen Saal bekundeten hinlänglich, wie sehr Der Name Schauenstein's bekannt war.
Als dieser nun in einem ruhigen Tone zu Dem Obersten sagte: „Ich habe niemals Ihr Haus in einer solchen Absicht betreten," fuhr Der Oberst fort: „aber deßhalb waren Sie in Der HauptstaDt. Mein Stand unD mein Amt schreiben mir strenge mein Verhalten Darüber vor. Albrecht von Schauenstein! Sie sind von diesem Augenblicke an als Spion verhaftet."
Die großen Flügelthüren des Saales öffneten sich, um sich bald wieder hinter etwa einem Dutzend bärtiger Soldaten zu schließen, die in streng militärischer Haltung eintraten, um den Gefangenen in Empfang zu nehmen und in sicheren Gewahrsam zu bringen. Der Jüngling ließ forschend fein Auge Durch Den Saal schweifen, — aber da er sich überzeugte, daß hier an ein Entkommen nicht zu denken fei, ergab er sich ruhig in sein Schicksal. Er wandte sich noch einmal um und sah auf Johanna hin. Sie lag bleich, wie eine Ohnmächtige, in den Armen ihres Bruders, der mit strengem, vorwurfsvollem Blick auf Albrecht schaute. Ein schmerzlicher Ausdruck ward auf dem Antlitz des Jünglings sichtbar, und willenlos, ohne irgend eine Teilnahme zu beweisen, ließ er sich von den Soldaten umgeben, Die neugierig Den jugenDlichen unD doch schon so gefürchteten Anführer betrachteten. Was sein Schicksal und dann das Johanna'S werden würde, dieser Gedanke beschäftigte allein Die Seele des Jünglings.
Das „Marsch" Der Soldaten ertönte, und sie setzten sich, Den Gefangenen in ihrer Mitte, nach Der großen Flügelthüre in Bewegung.
Da öffnete sich Diese plötzlich, — und eine sehr unerwartete Erscheinung ward in Derselben sichtbar. Es war Der Mönch, fast gänzlich sein Antlitz in Der Kaputze verhüllt, wie wir ihn früher gesehen. Nun aber schlug er Dieselbe zurück, — ein hageres, bleiches Gesicht kam zum Vorschein, in Dem ein langer rother Bart von Lippe unD Kinn hinab bis zur Mitte der Brust wallte.
Da schrieen aus Der Mitte Der Soldaten Stimmen, in Denen sich Angst unD Entsetzen aussprach:
„Die heilige Jungfrau stehe uns bei, — das ist der Rothbart, das ist der Barbone!"
Und wie wenn de/ Mönch die Wahrheit dieser Worte hätte bekräftigen wollen, schlug er langsam sein grobes Gewand zurück, unter dem ein Paar blanke, schimmernde Pistolen in dem Gurt sichtbar wurden. Der Ausruf: „der Barbone", mit welchem Namen Joachim Haspinger in dem Munde des Volkes am bekanntesten war, hatte wie ein clectrischer Schlag auf Die Anwesenden gewirkt. Fast alle Gesichter wurden bleich, einzelne halbunterdrückte Schreie der Mädchen wurden hörbar, die Soldaten senkten verlegen den Blick vor diesem Manne, Der schon lange bei ihnen als eine Art übernatürlichen Wesens galt. Daß er in Diesem Augenblick, wo Dem Freunde Gefahr Drohte, hier stand in Der Hauptstadt BaiernS, bestärkte sie noch mehr in Diesem Aberglauben.
(Fortsetzung folgt.)


