Feuilleton.
Der B a r b o n e.
(B arbone, im ital. Vvlksdialect: der Bärtige.) Novelle von Fr. Büchner.
(Verfasser der Preisnovelle „Jugendverirrungen.")
1.
Der Abschied.
Im October des Jahres 1809 herrschte wie in ganz Baiern, so auch in der Hauptstadt des Landes eine sehr verschiedene Stimmung über die heldenmü- thigen Siege, die in Tyrol von den Bauern unter der Leitung ihrer tapferen und umsichtigen Führer errungen worden waren. Fast jeder Tag des Jahres hatte neue Siegesnachrichten gebracht, und täglich sah man Gruppen von Leuten in der Straße stehen, in deren lebhaftem Gespräch man fortwährend die Namen der Helden: Hofers, Speckbachers, des Kapuziners Joachim Haspinger u. A., nennen und von ihren Siegen und von den Verlusten der verbündeten Franzosen und Baiern erzählen horte. Nun war das ganze Land mit Hulse Oesterreichs von fremden Truppen frei, in Jnsbruck unter Hofer eine eigene Landesregierung eingesetzt.
Während man aber einem tapferen Volke, das für seine Religion, seinen Herrscher und die Erhaltung seines Landes stritt, seine Siege gönnte, so erregten doch die ungeheuren Verluste, welche die baierischen Heeresabtheilungen in den Alpenschluchten erlitten hatten, wieder eine große Erbitterung gegen ein Volk, dessen Land fort und fort das Grab der baierischen Jugend, die nur mit Widerstreben den Befehlen Napoleons zum Zuge gegen jenes Land gehorchte, zu werden drohte. Es nimmt ja ein Volk stets, selbst wenn es die Sache mißbilligt, für die gekämpft wird, Partei für den Waffenruhm seines Heeres, und auch daher kam es, daß man zu gleicher Zeit einestheils der Tapferkeit jener Söhne der Berge die höchste Bewunderung zollen, andererseits ihre Siege mit dem bittersten Grimm schmähen hörte. Nur bei der Jugend, besonders den Studirenden in der Hauptstadt, sprach sich eine warme Theilnahme für den Heldenkampf jenes Volkes aus, weil in ihr im Verborgenen, in stillen, abgeschiedenen Kreisen schon etwas von dem Geiste entzündet war, der später in dem Befreiungskämpfe die heilige Flamme wurde, vor der das auf Unterdrückung der Nationen aufgerichtete Gebäude des Welteroberers in Schutt und Asche sank. Nur die eigene Klugheit und die harten Strafen, die Napoleon unerbittlich über jede freiere Regung in der Nation verhängen ließ, vermochte die Jugend von einem öffentlichen Auftreten für die Sache Tyrols zurückzuhalten. In geheimen Verbindungen, in abgeschloffenen Räumen aber wurden um so mehr die Ideen für die Ehre und Einheit des Vaterlandes genährt und gepflegt. — —
An einem heiteren Herbstabende in der Mitte des Oetoberö 1809 sehen wir aus einem kleinen, unscheinbaren Hause in einer der engen Nebenstraßen Münchens einen jungen Mann vorsichtig umherschauend auf die Straße treten. Ihm folgte ein Mann in Mönchstcacht, lief in die Caputze verhüllt, so daß cs nicht möglich war, auch nur den kleinsten Theil seines Gesichtes zu erkennen. Der Jüngling dagegen ging in der gewöhnlichen Tracht der Studirenden jener Zeit. Sein frisches, blühendes Antlitz mit dem treuen Auge, dem Zeichen der unverdorbenen Jugend, geschmückt, schaute lebensfroh unter dem kleinen runden Barett hervor. Der kurze, altdeutsche Rock, reich mit Schnüren verziert, umschloß den hohen, schlanken, ebenmäßigen Körper; um den Nacken legte sich der breite, weiße Hemdenkragen, einen Theil der Brust offen zeigend; eng anliegende Beinkleider und hohe, fast bis zu den Knicen heraufreichende Stulpstiefel vollendeten den Anzug. Ein blanker Hieber, der von der Seite herabhing, gab dem jungen Mann noch mehr das Aussehen des kecken, unverzagten Jünglings, der muthig in die Gegenwart und erfüllt mit schönen Hoffnungen in die Zukunft blickt. — .
Als Beide eine kleine Weile stille neben einander bergeschritten waren und sich bereits eine ziemliche Strecke von dem Hause entfernt hatten, aus dem sie so vorsichtig heraus auf die Straße getreten waren, mäßigten sie ihre Schritte, und indem der Jüngling leise die Hand auf den Arm des Mönches legte, sagte er flüsternd: „Wie gefällt Dir der Geist, der in der deutschen Jugend für das Vaterland glüht?"
„Ich verstehe ihn nicht recht, erwiederte der Mönch ebenso leise; — „das sind Gedanken, die uns nimmer kommen dürfen; das sind Ideen, die sich nicht mehr an das Wohl unserer heiligen Kirche, an den Fürsten und bas enge Vaterland unserer Geburt anschließen, das sind Pläne, um die einzelnen Theile einer großen Nation, wie sie auch durch Religion, Sitten und bürgerliche Einrichtungen getrennt sein mögen, durch eine große Idee: „Die Kinder Eines Volkes zu sein", zu einem Ganzen mit einander zu vereinigen. Von Erweckung einer solchen Erkenntniß hoffen sie für die Zukunft die Freiheit und Größe des Vaterlandes ; — o," fuhr er fast wehmüthig fort, „das sind Träume der Jugend, — dahin wird es nicht kommen, solange wie — —Er verstummte plötzlich und faßte spielend, wie in tiefem Sinnen, die Enden des rauhen Strickes, der sein grobes Gewand um die Hüfte festhielt.
Der Jüngling schaute auf, und die Gedanken des Mönches errathend, rief er aus: „Du bist nicht von Herzen Mönch geworden, ich weiß es, — Dich ekelt es an, wenn Du siehst, wie nur blinder Fanatismus die Menschen zum Kampf für die heiligsten Güter entflammt."
„Ich liebe meine Religion," sagte der Mönch ernst, — „doch die Liebe einer Nation muß stärker sein, als daß die Religion in ihr eine Scheidewand für die einzelnen Völker werden dürfte."
„Doch," ries der Jüngling freudig aus, „ist das nicht derselbe Gedanke, den Du vorhin in unserem Kreise aussprechen hörtest?"
„Nein, nein," sagte der Mönch; „der Jugend schwebt ein anderes Ziel vor, ihr Reich liegt in der Zukunft."
„Ja, und in der Zukunft wird es kommen," rief der Jüngling, sich vergessend, so laut aus, daß einige Vorübergehende stehen blieben und verwundert dem langsam dahinwandelnden Paar nachschauten.'
En Händedruck des Mönchs erinnerte den Jüngling daran, wo sie sich befanden. Nachdem sie noch eine Zeitlang stille nebeneinander hingeschritten waren, blieben sie, auf der Hauptstraße angelangt, in der Nähe eines hcllerleuchteten Hauses stehen.
„Hier müssen wir uns trennen," sagte der Mönch, des Jünglings Hand ergreifend. „Morgen reisen wir."
„Morgen reisen wir," wiederholte der Jüngling. „Ich will ihr noch Lebewohl sagen, dann hält mich nichts mehr zurück."
„Ich sehe Dich nicht gern in dem Hause des Obersten," fuhr der Mönch fort. „Wenn ich auch nichts für Deine Gesinnung fürchte, so bangt mir doch für Deine Sicherheit, wenn man Deinen wahren Namen erführe. Bist Du auch der festen Freundschaft des Sohns des Obersten so gewiß, daß er nicht zum Verräther an Dir wirb?"
„Maximilian ist ein wahrer Freund," erwiederte der Jüngling warm, — „aber auch er kennt mich nur unter Dem Namen „Schaudorf" ; doch würde er mich auch nie, nie verrathen. Zwar kennen wir uns nur sehr kurze Zeit, — aber ich glaube daran, es gibt einen Zug des Herzens, eine innere Verwandtschaft , die uns von Dem ersten Augenblicke an, wo wir einander begegnen, mit unwiderstehlicher Gewalt anzieht oder von einander entfernt. An dem ersten Tage, wo wir uns sahen, gewannen wir und lieb, und seit jener Zeit steigerte sich unsere Freundschaft immer mehr."
„Weiß er um Deine Liebe zu seiner Schwester?" fragte Der Mönch.
„Er ahnt es wohl," erwiederte der Jüngling, „doch habe ich es ihm noch nicht anvertraut, da auf meinen Wunsch unsere Liebe vor Dem Obersten ein Ge- heimniß bleiben soll, bis sich Die Verhältnisse wieder so friedlich gestaltet haben, daß ich bet' ihm um Johanna werben kann und auf seine Einwilligung hoffen zu dürfen glaube."
„Möge sich die Zukunft für Deine Liebe segensreich gestalten!" sagte ,Der Mönch bewegt. „Möge unglückliche Liebe nie Dein Leben elend machen!"
„Auch Du hast ihre Schmerzen empfunden in Der Vergangenheit," sagte der Jüngling, wie fragend zu seinem Begleiter aufschauend.
Ter Mönch erwiederte nichts. Sein bleiches Gesicht leuchtete aus Der dunkeln Kaputze hervor, und nachdem sein Auge lange sinnend aus Dem Antlitz des Jünglings geruht, rannen ein Paar Thränen langsam seinen Wangen herunter, dann breitete er die Arme aus und schloß Den Jüngling an fein Herz, — und indem er ihn heftig an sich preßte, küßte er ihn und sagte leise: „Albrecht, werbe glücklich, aber erwähne nie mehr meiner Vergangenheit." —
Eben wollten die Männer mit einem herzlichen Händedruck von einander Abschied nehmen, da huschte leise wie ein Schatten eine männliche Gestalt an ihnen vorüber, von Der sie bisher n'chts gemerkt hatten. Der Jüngling fühlte, wie Die Hand des Mönches krampfhaft seinen Arm preßte, gleichsam, als wolle er ihn dadurch zurückhalten, ein lautes Wort zu sprechen.
Als Die Gestalt ein Paar Schritte von ihnen entfernt war, drehte sie sich noch einmal um und verschwand in dem Dunkel Der gegenüberliegenden Häuserreihe. —
„Hast Du ihn erkannt?" flüsterte Der Mönch? „Nein," sagte Der Jüngling, „ich kenne hier Niemanden, außer Der Familie Des Obersten."
„Es war Donay," fuhr Der Mönch mit einem Anflug von ängstlicher Hast in Der Stimme fort. „Donay," rief Der Jüngling in Der größten Ueberraschung — „Du irrst, wie sollte Donay hierher fi^nnicn ?"
„Du kennst noch nicht Die Menschen, Albrecht," begann Der Mönch mit düsterem Tone. „Von Den zwölf Jüngern des Herrn war Einer nicht rein. — Unter Dem Priestergewand Donay's schläft Das Herz eines Verräthers."
„Nein, nein," rief Der Jüngling aus, „Das kann ich nimmer glauben; Du hast Dich gewiß getäuscht."
„Gehe jetzt," sagte Darauf Der Mönch, „aber verweile nicht lange. Ich will hier warten, Denn ich muß Gewißheit haben, ob mein Verdacht gegründet ist oder nicht."
Der Jüngling verschwand in Dem Hause des Obersten Holmars, der Mönch aber trat gegenüber unter ein Haus und verbarg sich in Dem Dunklen Schatten eines weit vorspringenden Pfeilers Desselben, von wo aus er Die gegenüberliegende Häuserreihe genau beobachten konnte. Nicht lange währte es, Da sah er Die Gestalt, welche vorhin so lautlos an ihnen vorübergeschlüpft war, wieder langsam Der Straße entlang, wo sie verschwunDen, zurückkommen. Nun stanD sie stille und schaute eine Zeit lang, gleich wie wenn sie in ihrem Entschlüsse noch nicht fest fei, zu Den erleuchteten Fenstern Des Hauses empor; dann aber trat sie auf Dasselbe zu unD verschwand mit raschen Schritten in Dein Eingang. Das helle Licht Der in Der Hausflur ausgestellten Kerzen beleuchtete mit einem Augenblick mit greller Farbe Das Gesicht Des Fremden. Der Mönch zuckte krampfhaft zusammen, und indem er Dumpf vor sich hinmurmelte: „Er ist es, ich habe mich nicht getäuscht," hüllte er sich noch tiefer in seine Kaputze und trat noch mehr in das Dunkel des Pfeilers zurück. —
An diesem Abende war das Haus Des Obersten von einer heiteren Gesellschaft angefüllt, da Maximilian von Holmar und seine Schwester Johanna Freunde und Freundinnen eingeladen hatten, um das Namensfest des Vaters in fröhlicher ungezwungener Weise feiern zu helfen. Als Der Jüngling, Den wir zuletzt in Dem Gespräche mit Dem Mönche verließen, in das Haus eingetreten war, ließ er seinen Freund Maximilian durch einen Bedienten rufen. Als dieser gleich darauf erschien, bewies die freudige Bewillkommnung beider Jünglinge genugsam, welche aufrichtige Freundschaft sie mit einander verband.
„So kommst Du doch endlich, Albrecht," sagte Maximilian vorn Holmar freudig. „Ich," setzte er schelmisch lächelnd hinzu, „und auch Johanna haben Dich gestern vergeblich erwartet."
„Ich konnte nicht kommen," erwiederte Albrecht Schaudorf mit einem Anflug tiefer Trauer, „ich habe Besuch aus Der Heimath gehabt, und ich bin gekommen, um AbschieD zu nehmen. Mein Later ist schwer erkrankt," fuhr Der Jüngling fort, indem eine merkliche Rothe auf seinem Antlitz sichtbar ward ; „in der unsicheren Zeit wünscht er, Daß ich ungesäumt iu das väterliche Haus zurückkehre."
„Du willst uns verlassen," rief Maximilian schmerzlich, „jetzt, da wir uns kaum gesunden?"
„Es muß sein," erwiederte Albrecht traurig, aber fest. „Die Pflicht trennt die Freunde, aber unsere Freundschaft soll sie nie trennen."
Beide Jünglinge reichten sich die Hände, als wenn sie damit noch einmal ihren Freundschaftsbund für alle Zukun t erneuen wollten.
Aber lange darfst Du nicht bleiben, suhr Maximilian fort, bald wirst Du wieder in unserer Milte sein?
(Fortsetzung folgt.)


