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Feuilleton.

Die Rache eines deutschen Mädchens.

Ein Ereigniß aus dem Leben.

Novelle von N. v. Hof.

Wenn wir Vie Themse von London aus ungefähr eine halbe Stunde auf­wärts verfolgen, da, wo sie langsam den herrlichen Gärten von Kew zuströmt, so erblicken wir auf einer mäßigen Anhöhe, von einem Kranz immergrüner Sträucher und Bäume umringt, ein Landhaus, welches sich weniger durch seine Größe und Pracht, als durch den einfachen, edlen Stil, in dem es erbaut, aus­zeichnet.

Der kleine Park erstreckt sich über den Hügel, auf dem das Landhaus steht, bis dahin, wo der Themse weiche Welle das tiefe Grün der Ufer spielend koset; ein Arm des Flusses schlingt sich in die lichten Baumparthien und bildet dort einen stillen Weiher, von schneeigen Schwänen langsam durchzogen.

Der Weiher glänzt und schimmert wie ein großer, großer Smaragd, laue Lüfte des Sommers wehen leise darüber hin, seine Oberfläche nur wie mit schwe- benkem Flügel berührend und wenig kräuselnd.

Lindenduft füllt die Luft, denn eine schöne Allee, die den Park durchschnei- bet, steht gerade in voller Blüthe, sie führt bis zu einem Thor in dem eisernen Geländer, welches die Grenze zwischen diesem und dem nächsten Besitzthum be­zeichnet.

Die Allee durchwandelte ein hoher, schlanker Mann, der trotz seiner hell- blonden Lockenhaare und offenen, treuherzigen, graublauen Augen, seiner ganz offenbar deutschen Physiognomie voll Intelligenz und Güte einen so stark gebräun­ten Teint besitzt, daß man sofort schließen möchte, er habe sich diese Färbung unter einem anderen Himmel, in einer heißeren Zone geholt; und dieser Schluß ist ein richtiger.

Die wenigen Worte, die er im Herankommen laut werden läßt, bestäti- gen es.

Ja, schön ist der Atlas mit seinen steilen, spitzen Felsen, die, wie schlanke Minorcts in die unendlich klare, hohe Luft hinein ragen und dann wieder jäh in das Meer, das bläulich gefärbte, hinabsinken. Schön ist Deutschland mit seiner Wälder Pracht, seiner ewig wechselnden Mannigfaltigkeit, und Italien! Ha mich schauderts. Italien ! schönstes Land auf Gottes Erde, aber die schwüle Luft ungezügelter Leidenschaften bildet seine Atmosphäre.

Wie anders hier: So still, so heimathlich die Schönheit der Natur.

Der grüne Ton, den jede Landschaft athmet, die zarte Frische, die sie um­schwebt, das ganze Hoffnungkündende dieses ewig keimenden, knospenden, grünen­den Erdreichs.

Nur für mich grünt keine Hoffnung mehr?"

Er war jetzt am Ende der Allee angelangt, öffnete sachte das Thor im Eisen­gitter und trat mit scheuem, ehrfurchtsvollem Schritt ein wenig vorwärts zu -einem kleinen, kleinen Rosengärtchen, welches hier in dem großen, parkähnlichen Garten ein Plätzchen gefunden.

Er nahm seinen grauen Filzhut vom Haupte und entblößte so eine hohe Stirne, welche in ihrem auffallenden, fast mädchenhaften Weiß mit dem tiefen Braun des übrigen Antlitzes gar sonderbar contrastirte.

Und was geschieht nun?

Der hohe Mann steht in vorgebeugter Stellung, der Hut in seinen Händen bebt, seine Lippen murmeln leise, leise ist's ein Gebet?

Jetzt drückt er den Hut wieder in das schöne, reiche Lockenhaar, bückt sich tief und will eine der weißen Röschen, die aus dem kleinen Gebüsch so zahlreich hervorschimmern, brechen.

Aber nein! er versagt es sich, wendet sich wieder dem holden Schatten der Allee, welchen die frühe Morgensonne hier und da durchleuchtet, zu und schlen­dert in Gedanken richtiger Gedenken versunken langsam weiter.

Seine Miene nimmt indessen nach und nach wieder den gewohnten Ausdruck von Unternehmungsgeist, Thatkraft, Entschlossenheit und ruhigem Muthe an.

Dom entgegengesetzten Ende des Baumganges kommt der kurze Schritt eines Franzosen:Albrecht!" ruft er, aber der Andere hört nicht.

Albrecht Bernau!" ruft er wieder, da schaut der blonde Mann auf, eilt vorwärts und umarmt den einsamen Wanderer mit den Worten:

Iocelin de Margautin! Bist Du's! wahrlich Du selbst?

Ich dachte mir Dich noch in transatlantischen Bereicherungsversuchen be- griffen!"

Californien? Pah! Goldscbwindel ausgefiebert! Aber Du? Abenteuer­süchtiger? Ausgetobt? Zur Ruhe gelangt? An Rosenketten gelegt?"

So fragte der lebendige Franzose, dessen jetzige Heimath, wie Vie Albrecht's, an der langsam strömenden Themse lag, fort und fort in seiner ihm eigenen^ abgerissenen Weise, so daß der ruhige Bernau erst den Fluß seiner Rede ver- rauschen lassen mußte, ehe er zur Antwort gelangen konnte.

Auch war ihn bei den Worten: an Rosenkctten gelegt? eine tiefe Weh- muth überkommen, deren er nicht sofort wieder Herr werden konnte.

Endlich begann er:

,^Abenteuersüchtig? Ja, Du hast es getroffen! Das ist das rechte Wort!

Siehst Du, Iocelin, der Traum ist verflogen, ich bin erwacht erwacht von einem wie soll ich es doch nennen? Nun, von einem Alpdrücken, denn ich kann jetzt diese Sucht nach dem Außergewöhnlichen, dem Abenteuerlichen selbst nicht anders bezeichnen."

Nun, nun, Alpdrücken?

Wenn man eine Erbschaft von nahezu einer halben Million in Empfang nimmt und sich mit der schönsten Frau Neapels verheirathet!

Kein übles Alpdrücken! Indessen Clara Lindner?"

Albrecht überhörte letztere Frage und erwiederte nur:

Nein, so bedeutend war die Hinterlassenschaft meines Onkels in Genua nicht, und über dies hätte ich sie ja auch hier in Empfang nehmen können."

Ganz recht, aber dann hätte man ruhig sitzen müssen, in das streng ge- regelte Elnerle, des Geschäftslebens eintreten müssen, und Dein dürstender Blick lachte das Weite! __

Aber Clara Lindner? Deines alten wunderlichen Landsmannes, des Cello- virtuosen, liebliches Töchterlein? Sie gab doch Dir den Vorzug!

Hatte sie ,hn mir gegeben, wären alle Schätze CalifornienS nicht im Stande gewesen, mich von hinnen zu führen.

Nun, wird sich auch schon an dem Unbeständigen, der sein Herz an s Aben­teuerliche hing, gerächt haben, indem sie sich von dem österreichischen Baron iu seine Baronin machen ließ?" 9

"Wenn sie eine Französin wäre," dachte Albrecht,so möchte dies wohl geschehen sein."

Diesen Gedanken sprach er aber nicht aus, sondern zog seines Freunde- Arm durch den seinen und lenkte mit ihm in die Strauchparthien ein.

Es drängte ihn, das volle Herz einmal auszuschütten, und dieser Drang bemeisterte sich seiner ganz in der Stunde, wo er dem treuen Jugendfreunde einmal wieder in das braune, ehrliche Auge geschaut hatte.

Familien, Bernau's sowohl als Margautinö, hatten sich in dürftigen Umständen hier an der Themse immergrünem Ufer angesiedelt, als die beiden jungen Männer noch in den Knabenschuhen steckten.

Wie sie selbst heran gewachsen, so auch ihre Freundschaft, der Wohlstand ihrer Eltern, obwohl die Bernau's in letzterer Beziehung doch die Margautin's überflügelt hatten.

Zwischen ihren Landhäusern und kleinen Parks schob sich ein blumenreicher, besonders rosenreicher Garten mit einem Cottage*) hinein, dort hauste der wun­derliche, alte Künstler Lindner mit seinem einzigen Kinde, dem lieblichen Mäd­chen, welches Iocelin schon zweimal erwähnte.

Auch Iocelin war und zwar so eben von seinen Reisen zurückgekehrt.

Beim Vorüberfahren hatte er seine Droschke anhalten lassen, als er den Freund in der Allee gewahrte, und sprach bei ihm vor, ehe er den kurzen Weg zu seiner eigenen Behausung fortsetzte.

Sein Sinn nun schien eben so unabwendbar dem Ziele, welches er in der Unterhaltung verfolgte, zugewandt wie Albrecht augenscheinlich einem andern zu­lenkte.

Daher begann Iocelin zum dritten Male, da sein Freund momentan schwieg:

Nun, und Clara Lindner? Ich sehe sie ewig vor mir, wie sie uns zuletzt Abschiedsgrüße nachwinkte.

Wie sie dastand, bezaubernd in ihrer kindlichen Anmuth: ein rosenfarbenes Frühlingswetter wie Göthe sagt umschwebt ihr liebliches Gesicht, und Zärtlichkeit für mich. Ihr Götter! ich hofft' es, ich verdient' es nicht. Nein, nicht mir, sondern Dir, Albrecht, hatte sich dies schöne Herz geneigt.

Als wir sie zuerst kennen lernten, zur Zeit, wo sich ihr Vater hier ankaufte, lag etwas Lilienhaftes, fast möchte ich sagen Madonnenartiges über ihr Wesen ausgegossen; nur nach und nach färbte es sich zu wärmerem Ton, es zitterte ein Etwas in der Tiefe ihres Gemüthes, wie der Purpur des Abendrothes in dem Kelche einer weißen Rose."

Ein sehr fühlbarer Ruck von Albrecht's Arm ließ ihn für einen Augenblick im Strom seiner Rede einhalten, dann fragte er wieder nach seiner Art:

Der Alte geigt jetzt in Madrid?

Macht die Leute fast toll mit seinem Spiel, sie vergessen sogar den Stier­kampf, um ihm zuzuhören?

Der kühne Krieger und die stolze Donna 'schämen sich der Thränen bei seinen Tönen nicht, sagt man?"

Und Clara! hat sie»^Dir denn dort mit Dolch und Giftpokal gedroht?"

Wenn sie eine Spanierin gewesen, möchte wohl so Etwas wie blutige Rache denkbar sein," erwiederte Bernau,doch höre mich, mein Freund!

Nachdem ich den Atlas durchstreift, wollte ich in Neapel, wo ich landete, einige Zeit ausruhen.

Eines Tages trieb mich die Sommerhitze, die nicht länger zu ertragen war in diesen dunstigen Straßen, in den Schatten einer abgelegenen Capelle.

Dieselbe war leer, bis auf eine einzige weibliche Figur, die hingegossen in unbeschreiblicher Grazie still betend am Altäre ruhte.

Sie schien mich nicht zu bemerken, nur beim Hinausgehen warf sie mir einen flüchtigen Seitenblick zu, einen solchen, dessen nur allein das neapolitanische Auge mit feiner unergründlichen Tiefe fähig ist.

Unwillkürlich folgte ich ihr, angezogen nicht so wohl von ihrer außerordent- lichen Schönheit, als von dem unglückseligen Hange zu Abenteuern und Geheim­nissen."

Ein schalkhafter Blick des jungen Franzosen ließ ihn sich unterbrechen.

Ich schwöre Dir es, Iocelin, ich liebte sie nicht; Du vergissest, daß ich einen Talisman gegen all dergleichen mit mir herum trug."

Dabei hatte er in feine Brusttasche gegriffen und ein Etwas wie flüssiges Gold schlang sich durch seine Finger: es war eine Haarlocke.

Zocelin's Auge hing daran, wie an einem Heiligthume.

Clara's Haar?" rief er bewegt.

Albrecht schob es an feinen alten Platz, indem er bejahend nickte.

Dann fuhr er fort:

Wie mir die Locke ewig nahe ist, so schwebte sie mir ewig vor der Seele mit ihrer unschuldsvollen Miene, dem holden Kindermund, dessen weiche Lippen niemals eine Drohung ausgesprochen.

Indessen zurück zu meiner Geschichte.

Ich folgte also der schönen Unbekannten, bis sie über die Schwelle ihres Hauses glitt.

Den nächsten Tag, um dieselbe Stunde, trat ich abermals in die Capelle ein.

Siehe da, das schöne Weib war an demselben Platze!

Die Kunst der Verstellung war ihr nicht eigen, wenigstens hatte sie dieselbe nicht cultivirt, beim ersten Blicke errieth ich, daß sie Jemanden erwarte.

Wen? so fragte ich mich.

Ich beobachtete sie aus der Ferne, ob sie noch jetzt den Blick erwartungs­voll nach der Thür richtete.

Nein, ihre Erwartung war offenbar erfüllt.

Dies bestimmte mich natürlich noch mehr, ihr heute abermals zu folgen.

Auf dem Wege nun hatte ich wiederum Gelegenheit, zu bemerken, daß sie eine Veranlassung zum Zurückscbauen suchte; diese war denn auch bald gefunden, und nun traf mich zum ersten Male ihr voller Blick."

Hier folgte ein Schweigen, als sei der Erzähler noch heute zu sehr über­wältigt von den Gefühlen, die ihn damals durchströmt hatten, als daß es ihm möglich, sogleich fortzufahren. (Forts, folgt.)

*) Eine kleine, bescheidene Art von Landhäuschen in schweizer Chület Style erbaut-