Feuilleton
schlucht gelegenen Sennhütte.
(Fortsetzung folgt.)
Der Barbon r.
(Barbone, im ital. Volksdialect: der Bärtige.) Novelle von Fr. Büchner.
(Verfasser der Preisnovelle „Jugendverlrrungen.")
abführte, verschwunden.
Der Mönch murmelte einigemal vor sich kommen."
hin: „Er wird kommen, er wird
haben würde.
Nachdem der Mönch den Jüngling in die Arme geschloffen, fragte dieser mit gespannter Erwartung: „Aber wie steht es um unser Land, Barbone?" Da trat der Mönch einen Schritt zurück, und sein Antlitz ward von einer noch tieferen Bläffe wie zuvor bedeckt. . .
„Frage mich nicht, Albrecht," erwiederte er. „Verbirg Dich nut nur m etn Kloster und laß uns weinen um das Vaterland bis an das Ende. Der Kampf hat aufgehört. Noch einmal leuchtete uns die Hoffnung. Dort am Jselberg flatterte noch einmal die Fahne TyrolS hoch bei dem Siegessauchzen feiner Kinder, dann aber wurden wir erdrückt durch die Uebermacht des Feindes. Das Land liegt danieder, und die Feinde nehmen furchtbare Rache an Männern, Weibern und Kindern. Wehe über sie, — o daß der Tag des Gerichts bald unter die Mörder und Schlächter hereinbräche! Doch," fuhr er fort, „das Alles könnten wir ertragen, wenn nur — Er — uns geblieben wäre."
„Wer?" fragte der Jüngling bebend.
„Andreas Hofer ist gefangen," sagte der Mönch mit einem Schmerzenston, der tief in der Seele des Jünglings widerklang. „Er ist verrathen durch Donay; die Franzosen nahmen ihn gefangen auf der einsamen Alm, wohin er sich geflüchtet. Er wurde mißhandelt und mit Ketten belastet nach Mantua geschleppt, um dort sein Urtheil von einem Kriegsgericht zu empfangen."
Der Jüngling hatte sein Antlitz mit beiden Händen verhüllt, und ein lautes Schluchzen rang sich unter denselben hervor.
Noch lange, nachdem die Klosterglocke Mitternacht verkündet hatte, saßen Albrecht und Veronica und lauschten der Erzählung des Mönches von seinen Erlebnissen und dem unglücklichen Ausgang des Krieges.
Am nächsten Morgen in aller Frühe nahm der Barbone Abschied, und bei dem Scheiden sagte er noch einmal zu Albrecht von Schauenstein: „Sobald Du sichere Kunde hast, suchst Du mich auf, dann wollen wir zusammen über unsere Zukunft bcrolhen."
Mit einem Händedruck schieden die beiden Männer, der Jüngling, um wie- der in sein einsames Klostergemach zurückzukehren, der Mönch aber, um im Osten ves Klosters seine Schritte der hoben Gebirgskette zuzulenken. welche die Mitte des Landes durchzieht. An seiner Seite schritt der muntere Fränzerl', in der gewöhnlichen Landestracht, während Der Mönch feine Verkleidung beibehalten
hatte. Man merkte es der starken Haltung des Buben an, daß er sich nicht wenig darauf einbildete, neben einem solchen Manne, und von ihm dazu aufgefordert, hinschreiten zu dürfen.
Auf nur den (Singebornen bekannten schmalen Gebirgspfaden zogen sie da- hin, und als sie höher gestiegen, mußte sich ihr Fuß gar oft mühsam den Weg durch Schnee und Eis bahnen. —
An einem der folgenden Tage sah man um Mittagszeit auf einem Felsen- Vorsprung über einen großen Th eil des schönen, ober wilden Passeyerthals gewährte, Den Mönch, den Knaben zur Seite, auf einem Steine sitzend. Sein Auge haftete abwechselnd auf einzelnen Stellen des Thals, die ihn wie alte Freunde zu grüßen schienen, da sie die Orte waren, von wo aus Der Feind so oft überfallen unD vernichtet worden war. Ein Paar Thränen rannen Über das ahle Antlitz des Mönches herab, — aber dann, als ob er gewaltsam diese wehmüthigen Erinnerungen zurückdrängen wolle, wischte er dieselben ab und trat 'esten Schrittes his zu Dem Rande des Felsens und beugte sich weit über Den- eiben vor.
Da unten lag ein kleines Dörfchen, — frieDlich hingegossen in Der Tiefe an dem Fuße Des hohen Felsens, gleichsam unter Dem schattenden Dache Desselben Schutz suchend vor Den Lawinen, die, wenn sich ihre Kraft nicht an Den Felsen brach, nothwendig das Dorf im Niederstürzen begraben mußten. Auf diesem riedlichen Bilde ruhte der Blick des Mönches eine Weile; — aber in seinem Auge wohnte nicht Der Friede.
„Da unten weilt ermurmelte er leise vor sich hm. „Der Bose Der* Elende seine Sinne und führe ihn in meine Hände."
Wieder trat er zurück und ließ sich auf Dem Steine nieder, wo er zuerst mit dem Knaben geruht, und verfiel in ein düsteres Nachdenken. Als ihn end- lich die schmeichelnden Worte des Knaben, dem es in Der Nähe Des schweigsamen Mannes nach und nach ganz unheimlich zu Muthe geworden war, seinen Ge* danken entrisse, sagte er zu diesem: „Fränzerl', bist Du noch bereit, zu gehen
„Ja," sagte Der Knabe, mit einem starken AusDruck in Ton und GebarDen.
Darauf zog Der Mönch ein Papier aus Der Tasche, das er, nachDem er seinen Inhalt noch einmal sorgfältig gelesen, vorsichtig neben sich hinbreitete; dann brachte er Den Stumpf einer Kerze hervor, unD nachdem er dieselbe ange- zÜnDet, begann er an dem Lichte derselben ein Stückchen Dunklen Wachses lang- (am zu schmUzen unD auf das Papier tröpfeln zu lassen.
$Rl)n brachte er ein Petschaft hervor, welches das Siegel sehen ließ, wie es die französiichen Obersten bei Zeichnung ihrer Befehle anzuwenden pflegten, und nachDem er dasselbe ein wenig an der Flamme Der Kerze erwärmt hatte, prägte es Deutlich auf Die Dem Papier aufgetröpfelte Wachsscheibe aus. Nach- Dem er Das wohlgelungene Siegel mit sichtbarem Wohlgefallen beschaut hatte, reichte er Das zusammengesaltete Papier Dem Knaben hin und sagte: „Nun halte Dich wacker, Fränzerl'! Du erzählst, ein Paar französische Hauptleute harreten hier, — unD Du gibst das Papier nur ihm selbst. Wenn Du eS wohl ausgerichtet, Dann hältst Du Dich eine Zeit lang im Paffeyerthal, und dort wirst Du leicht einen Mann finden, ter Dich sicher in das Kloster der „armen Schwestern" zurückbrinqt." . ,.
Der Knabe nickte zum Zeichen, daß er Den Mönch verstanden, leicht mit dem Kopfe und war bald auf Dem steilen Felspfave, Der zu Dem Dörfchen hin-
(Fortsetzung.) ,
Wochen waren hingegangen, und beide Mädchen, von Marimilian unterstützt, Der sich bereits ziemlich erholt batte, fanDen ihre Bemühungen Durch Die allmählich eintretenDe Besserung Des Kranken gekrönt. Bald Durfte Der Kranke feit langer Zeit zum ersten Mal wieDer in Dem kleinen, verborgenen Hausgarten des Klosters Den blauen Himmel schauen und die erquickende Bergesluft athmen. Er ging, von Johanna unterstützt, an Der Seite des geliebten Mädchens, wie ein in süßem Traum Befangener, Der fürchtet, zu erwachen, um seine schönen Traumgebilde entschwunden zu sehen. In dem kleinen, von finsteren Mauern umschlossenen Klostergarten, umgeben von Der Geliebten, Der Schwester und Dem Freund, Der ihm in Den Tagen seines Krankseins eher ein Bruder geworden, so viel Glück auf Diesem kleinen Flecken ErDe vereinigt, schien Albrecht zu groß, als Daß es ihm lange gewährt werDen sollte.
Und wirklich schlug ihnen bald die Trennungsstunde. Tyrol war nach einem nochmaligen heldenmüthigen Widerstand durch die französischen HeereSmassen er* drückt und gewaltsam zur Ruhe gebracht worden. Im Pusterthal, wo den 9. April die ersten Schüsse fielen, krachten am 8. Deccmber auch die letzten. Unter den Truppen, welche das unterworfene Land auf Befehl Napoleons verlassen mußten, befand sich auch die Abtheilnng des Obersten, und ein Brief desselben befahl auf das Bestimmteste Die Rückkehr feiner beiDen Kinder, die er vorerst nach München zurückgeleiten wollte.
Am ersten Tage nach dem Weihnachtsfeste nahmen am Fuße des Kloster- bergeS Albrecht von Schauenstein und Johanna Abschied von einander, — und als auch Maximilian und Veronica sich die Hände reichten und lange in Den Armen hielten, und das Mädchen ohne Sträuben dem Scheidenden Die Lippen zum Kuß reichte, Da wurde es Albrecht zur festen Gewißheit, Daß noch ein en- geres Band, als das der Freundschaft, die Herzen des Freundes und der Schwester umschloß.
7.
Der Verrät her.
Einige Wochen später saß Albrecht von Schauenstein am Abend eines trüben Wintertages in seinem einsamen Klostergemach, das Haupt in die Hande gestützt, in düsteres Nachdenken über das Schicksal Des LanDeS und über seine eigene Zukunft versunken. Während feiner Krankheit hatte er Den Mönch nie gesehen und keine genaue Kunde von den Vorgängen des Krieges erhalten.
Wie gerne hätte er auch unter den Verteidigern gestanden und bis zur letzten Stunde für fein Vaterland gestritten, allein seine Genesung schritt so lang- fam vorwärts, daß er an eine Theilnahme an dem Kampfe noch nicht denken
Da trat Veronica ein, und das freudestrahlende Antlitz des Mädchens verkündete sogleich, Daß sie die Ueberbringerin einer frohen Botschaft war. „Der Mönch ist angekommen," sagte sie, dem Bruder einen leichten Schlag auf die Schulter versetzend, um ihn aus seinem Nachdenken zu erwecken, „Der Mönch mit Dem Fränzerl' ist Da, wollte Gott, daß er Nachrichten bringt, Die Dich fröhlicher stimmen!" ,
Albrecht erhob langsam das Haupt und blickte nach Der sich abermals off- nenDen Thüre, durch die nun ein hageres, fahles Gesicht hereinschaute, das er im ersten Augenblick nicht erkannte. Aber bei dem Gruße des Eintretenden: „Guten Abend, Albrecht!" rief Der Jüngling, rasch aufspringend: „Der Barbone! Gott sei gelobt, daß Du hier bist!" In dem Aeußeren des Mönches war eine wunderbare Umwandlung vorgegangen. Der sonst fast das ganze Gesicht beschattende Bart war verschwunden, — und statt seinem Mönchsgewanv war er in die Uniform eines baierischen Hauptmanns gekleidet, — und war auf diese Weise so unkenntlich geworden, daß ihn auch der beste Freund nicht erkannt
Dann lehnte er sich nachlässig wider den Felsen und versank wieder in fein voriges Nachdenken.
Nach längerer Zeit erhob er sich wieder und trat abermals an Den Nanv Deö FelsenvorsprungS, Der einen Theil des zum Dorf abführenden Wegs übersehen ließ. Sein Gesicht nahm einen abschreckenden Ausdruck an, als er, un- weit von sich, einen Mann allein, vorsichtig umherschauend, die Felsen empor- klimmen sah Er trat noch mehr hervor, um dem Nahenden, durch seine Kleidung ihn täuschend, anzuzeigen, daß er hier zur Zusammenkunft erwartet würde. Als derselbe sich ober bis auf eine kleine Strecke genähert hatte, trat der Mönch zurück hinter einen Felsen, um hier abzuwarten, bis der Mann, Der eben über Dem Vorsprung sichtbar wurde, an ihm vorbeigeschritten sein würde.
Derselbe kam näher, — nun war er an dem Verstecke des Mönches vorüber — da sprang dieser hervor, unD wie ein Raubthier auf seine Beute loS- stürzt, faßte er ihn, und die Worte: „Donay! Verräther!" klangen diesem schrecklich in das Ohr. .
„Der Barbone?" schrie Donay laut auf, indem Todtenblaffe fein Gesicht bedeckte, und ein heftiges Zittern durch seine Glieder lief.
„Ja, der Barbone," rief Der Mönch, „Den Du auch wie die Anderen entflohen" glaubtest, — Der Barbone, der Dir zweimal Gnade geschenkt hat."
Gnade," ächzte Donay, „noch einmal Gnade!"
',D,r soll so viel Gnade werden," sagte Der Mönch mit einem Tone, in Dem eine entsetzliche Kälte lag, „als Die, welchen Du Den AnDreaS verrathen hast, diesem gewähren." , . O¥ _
„Aber was willst Du mit mir thun?" schrie m Der entsetzlichsten Angst Donay.
„Vorerst," erwiederte Der Mönch mit einer Stimme, in Der sich Grimm bitterer Hohn paarte, „vorerst sollst Du nur mein Wegweiser werDen. Du sollst mich auf Die Alm führen, wo Du Die FeinDe hinführtest, um Den Andreas ihren Händen zu überliefern." „
Donay wollte noch einmal reden, aber Der Mönch sagte mit furchtbarem Ernste: „Nun fein Wort weiter! Du wirst vor mir hergehen, — unD ein Ton von Dir vDcc Der geringste Versuch zur Flucht kostet Dich in derselben Minute Dein Leben. Nun gehe voran!"
Finster schr-tt Donay vor Dem fürchterlichen Mönch dahin, — einem Opfer gleich, das der Döse an Den Ort Der ewigen Verdammniß geleitet.
Höher und höher stiegen sie, wo fein Menschenlaut mehr an ihr Ohr rührte, und nur noch daS widerliche Gekrächze einzelner Raubvögel das Dasein lebendiger Geschöpfe anzeigle. Endlich hatten sie nach mühsamer Wanderung die höchste Alm erreicht, und bald standen Beide vor Der in einer engen FclS-


