D i e Doppelehe.
Frei aus dem Französischen, von Emma v. Nindorf.
(Schluß.)
Als Derville seiner Frau den Vorsoll erzählte, ließ sie ihm keine Ruhe, bis er ihr versprach, sich des Obersten anzunehmen. Der Anwält erkundigte sich von Neuem nach ihm, erfuhr aber, daß der alte Krieger aus seiner Haft entkommen sei. Fast wollte es dem Advocaten dünken, als ob eine mächtige, geheimnisvolle Hand dabei im Spiele wäre. —
Zu Ende des Monats Juni 1832 fuhr ein bleicher, finsterer Mann, den Hut tief in die Stirne gedrückt, in einen dunkeln Mantel verhüllt, in einem schlechten Wagen durch die große Allee, welche nach Bicetre führt. Es war Robert, der rastlos Umhergetriebene. Heißer Durst nach Rache drängte ihn an die Stätte seines gemordeten Glückes, und endlich, endlich schien die Rückkehr an den blutig ersehnten Ort möglich geworden! Robert's Himmel war vernichtet; er hatte nur noch einen Wunsch. Das Leben war ihm zur Last; aber rachen wollte er sich, rächen einen ungeheuren Frevel an der verhöhnten Menschheit, und dann gerne sterben, ja sich selbst dem Arme der Gerechtigkeit auszuliefern, und so frühe Schuld sühnen, um einst . . . Doch auch die Brust des Verbrechers, des gesunkensten, hat ihre heiligen Mysterien!
Robert gewahrte unter einer Ulme einen von den schneeweißen Greisen, die den Marschallstab der Bettler tragen und im Bicetre leben, wie dürftige Weiber in der Salpetriere. Jener, der zu den zweitausend Unglücklichen gehörte, die in dem Hosspicium hausen, saß auf einem Grenzsteine und widmete seine volle Aufmerksamkeit einer, Invaliden wohl bekannten, Beschäftigung; sie trocknen in der Sonne Tabak aus Taschentüchern, vielleicht, um diese nicht waschen zu müssen. Die Züge des Greises waren anziehend. Er trug den rothen Tuchrock, Vie Schreckenslioree, in welche das Spital seine Gäste kleidet. Robert's geübtes Falkenauge erkannte Vic Gestalt aus dem Parke in Groslay, den Obersten Cha- bert aus jenem unvergeßlichen Gespräche, dessen geheimer Zeuge Robert war. Wild flammte sein Auge: „so gibt mir der Himmel selbst die rächende Waffe!" rief er. „Wie lange und vergeblich forschte ich nach dem Graukopfe!"
Robert sprang aus dem Wagen und flog durch Vie Allee. Der Greis vergnügte sich eben, mit feinem Stocke in Den Sand zu zeichnen. Bei näherer Betrachtung war leicht zu merken, daß der Alte außerhalb der Anstalt gefrühstückt haben mochte. „Guten Tag, Oberst Chabert," sagte Robert. „Nichts Chabert, nichts Chabert! Ich heiße Hyacinth; bin kein Mensch mehr bin Num» mer 164 im siebenten Saale," fügte er hinzu unv sah mit Kinder« oder Greisen- ängstlichkeit nach Robert: „Armer Mann, wollen Sie Geld, um Tabak zu kaufen?"
Der Oberst hielt gierig Vie Hand hin, mit aller Naivetät eines Pariser Straßenjungen. Robert gab ihm einige Frankenstücke, unv empfing als Dank einen seelenlosen Blick. Der Greis that, als lege er Vas Gewehr an, rief lachend „Feuer! Es lebe Napoleon!" und schnitt mit seinem Stocke eine phan- tastische Arabeske.
„Seine Kopfwunden haben ihn wahrscheinlich kindisch gemacht," meinte Robert. „Was, kindisch!" rief ein alter Kamerad, Der zusah. „O, es^ giebt Tage, wo man ihm nicht auf Den Fuß treten darf! Das ist ein alter schlau- köpf, Der voll Geist unD Klugheit steckt. Aber heute, sehen Sie, hat er blauen Montag gemacht. Anno 1819 war er schon hier. Da kam ein preußischer Offizier, dessen Callesche Den Weg von Villejuif nahm, zu Fuß vorbei. Wir beide, Hyacinth und ich, waren an der Straße. Der Offizier plauderte im Gehen mit einem anderen, einem Russen, glaube ich; als sie meinen alten ge- wahrten, sagte Der Preuße: „Da ist ein alter Springinsfeld, Der bei Roßbach gewesen sein muß." — „Dazu war ich zu jung," antwortete Hyacinth, „aber alt genug, um bei Jena mitzusechten." — Da machte sich der Preuße auS dem Staube und wollte nichts weiter wissen." —
Im Cabinete des Advokaten Derville stand Robert. Der schöne Mann war früh gealtert. Schmerz und Leidenschaft hatten diese Furchen in dem gelb- lichen Antlitze gezogen. Düster, wie Leichenkerzen, brannten seine Augen. Er war damals im Garten zu Groslay verborgener Zeuge der entscheidenden Gespräche zwischen dem einstigen Ehepaare gewesen, unv hatte auch Vie Unterredung Der Gräfin mit ihrem Intendanten belauscht. Zugleich war es ihm gelungen, sich jener wichtigen Papiere zu bemächtigen, die er am heimlich sicheren Orte niedergelegt und jetzt wieder hervorgeholt hatte. Daher erinnerte sich auch Robert DervilleS Name gar wohl, so wie seiner Mitwirkung in der verwickelten Geschichte; kannte auch seinen Ruf eines evlen Mannes, und beschloß, ihm zu vertrauen.
Manches Blatt seines eigenen Unheillebens hatte Robert dem Anwälte auf' geschlagen; ihm ferner die ganze Scene zwischen Der Gräfin unv ihrem ersten Gatten mitgetheilt, zugleich die ächten, voppeltentwenveten Documente wieder zugestellt, und ChabertS Lage geschildert. Der Advokat ward durch diese Eröffnungen überzeugt, erschüttert. „Bedenken Sie," schloß Robert seine Erklärungen," daß ich bereit bin, für die Wahrheit meiner Aussagen zu sterben." —
In diesem Augenblicke sah Nina zur Thiere herein, zog aber vaS Köpfchen schnell wieder zurück, als sie Den Fremden gewahrte. Derville rief: „Nur her- rin, Kind; hier ist von Deinem Obersten die Rede, also gehörst Du auch da- $u." — Mit stolzer Amtsmiene schlüpfte die kleine, runde Advokatenfrau vol
lends herein und sparte, als sie den Zusammenhang der Begebenheiten erfuhr, nicht Bitten, noch Thränen, ihren Mann zu bestimmen, daß er nachdrücklich zu Gunsten des würdigen VeteranS auftrete. Derville sagte zuletzt: „Diese ganze Sache steht gleichsam auf einem ausgehöhlten Krater; Der finstere Abgrund birgt so vielen Fcuerstoff; mir graut beinahe, die Hand anzulegen ... wäre nicht Chabert und das Bicetre.....tönte nicht das stumme Seufzen im Staube
zertretener Menschheit, wie Posaunenschall an mein Gewissen.....es sei!
Mit Ihren Zeugnissen bewaffnet," sagte er zu Robert, „dürfen wir die Gräfin ferner nicht mehr fürchten. Doch möchte vielleicht Der Graf die Gattin vertreten und....." — „Dafür lassen Sie mich sorgen, mein Herr." —
Man feierte den Namenstag der Gräfin von Ferraud. Sie neigte sich seit einiger Zeit etwas zur Frömmigkeit und hatte sich den ganzen Morgen in stillem Gebete, wie es hieß, in ihr Kabinet eingeschlossen. Jetzt saß sie an Der Mittagstafel, noch immer blumenbekränzt, von Diamanten funkelnd, meist mit Festgeschenken ihres Gatten geschmückt, von einem vornehmen Kreise umgeben. Die Gefeierte strahlte von Vergnügen; zuweilen unterbrach sie die lebhafte Unterredung mit ihren Nachbarn, um durch Die schimmernden Tafel - Aufsätze zärtlich nach ihrem Gemahle hinüber zu lächeln, der ihr gegenüber saß.
Beim Dessert brachte man ein zierliches Kästchen und einen Brief an den Grafen, mit der Bitte, beides sogleich zu übergeben. Der Brief enthielt nur einen kleinen Schlüssel. Der Graf steckte ihn in das Schloß des Kästchens; der Deckel sprang auf. Die allgemeine Neugierde steigerte sich immer mehr. „Sicher eine Ueberraschung von der Prinzessin Sorges," lächelte Die Gräfin Ferraud voll befriedigter Eitelkeit. Der Graf zog aus vielen Papieren und Umschlägen ein Bild in reicher Goldrahme hervor: es war eine rosenbekränzte Nympfe, die unverkennbar, nur im ersten Jugendglanze, Züge und Gestalt Der Gräfin FerrauD trug. Der Graf reichte es umher; man betrachtete das artige Räthsel, darin irgend einen sinnigen Scherz vermnthend. Die Hausfrau war etwas betroffen, suchte dem Gespräche eine andere Wendung zu geben und das Gemälde wieder in die Hand zu bekommen. Eine stolze, boshafte Marquise, Der Gräfin schwn lange nicht hold, bemerkte zuerst einen kleinen Zettel, welcher an Der Rückwand hing, beugte Die hochadelige Nase tief darauf nieder und las mit lauter Stimme folgende Worte: „Das Portrait Der ehemaligen schönen, berüchtigten Rose, die der nachherige Oberst Chabert, Der mehr als einmal Begrabene und Doch nicht Gestorbene, aus Dem Palaisroyal entführte. Ein Maler copirte einst Vies Bilv für Rosens zahlreiche Freunve, unv einer Vcrselben hat jüngst keine Mühe gescheut, unter Staub unv Schutt diese kostbare Reliquie aufzufinden, als würdiges Angebinde für die Frau zweier Männer." —
Die Gräfin erblaßte; es ward dunkel vor ihren Augen; ihre Kniee zitterten, Doch hielt sie sich aufrecht; Der Graf erglühte, die Adern auf seiner Stirne schwollen; er fuhr sich wiederholt schnell mit der Hand durch Die Haare und rückte rasch Den Stuhl. Alles stand auf 'Die Gäste sahen sich mit großen Augen an und schlichen so schnell als möglich Davon. Das Ehepaar blieb allein zurück in den prangenden Gemächern: Die Fensterscheiben zitterten von den letzten fortrollenden Equipagen. Der Graf maß seine Frau mit einem niederschmetternden Blicke. Wie vernichtet wand sie sich zu seinen Füßen. In diesem Augenblicke ward Herr Derville gemeldet, der Den Grafen in einer wichtigen Angelegenheit dringend zu sprechen wünsche. Er sah seine Gemahlin nie wieder. Ein Kloster verbarg ihre Schmach.
Derville fuhr mit seiner Frau und einem Freunde, Dem er sein Amt verkauft hatte, nach Bicetre, um Den Oberst abzuholen, ihm anzukündigen, daß sein Prozeß wieder aufgenommen sei und einer glücklichen Entscheidung oder einem vortheilhaften Vergleiche entgegengehe. Nina hielt auf ihrem Schooße Kleider und Kuchen für den geehrten Greis, und sah mit nassen Augen ungeduldig Der Allee entgegen. Bittere Empfindungen über die späte, unzulängliche Gerechtigkeit verkümmerten Dem Exanwalte Den frohen Augenblick, Dem er entgegensah.
Sie fanden nur ein neues Grab, und Nina übte den letzten Liebesdienst, kränke es mit Blumen. „Diesmal war es Ernst," sagte sie; „er kommt nicht wieder. Warum Durfte er nicht auf feinem Ehrenbette bet Eylau ruhen, mußte die Erde, welche er mit Blut erkämpfte, auch noch mit Thränen Düngen ! — ist es schwerer, als Märtyrer zu leben, denn als Märtyrer zu sterben?" —
„Welch Verhängniß!" sprach Derville. „Aus dem Finvelhause hervorge« gangen, kehrt er in's Spital zurück, um dort zu sterben, nachdem er in Der Zwischenzeit mit Napoleon Aegypten und Europa eroberte .... Wissen Sie, Lieber," fuhr Derville nach einer Pause fort, gegen seinen Freund gewandt, „wissen Sie auch, daß es in unserem Gesellschaftöbunde drei Wesen giebt, Priester, Arzt und Rechtsgelehrter, welche Die Welt unmöglich achten können? Sie haben schwarze Amtskleiver, vielleicht, weil jene Trauer tragen für alle Tugenden, alle schönen Träume. Wie viel lernte ich nicht in meinem Berufe? Ich würde nicht enden, sollte ich alles erzählen, was ich erlebte. Ich sah viele 93er- brechen, über welche Der Justiz keine Macht gegeben ist. Ja, alle Schauder, welche Romantiker zu ersinnen glauben, bleiben noch immer hinter Der Wahrheit zurück! S-ie werden diese erbaulichen Dinge selbst erfahren, mein junger Freund. I Ich meinerseits ziehe mit meiner Frau auf das Land : Paris ist mir ein Greuel."
» i i t i f eh e Rundschau
Darmstadt, 5. Juli. Unter den neuen Eingaben an Die zweite Kammer erwähnen wir Die Interpellation des Abgeordneten Metz, welche das Ministerium um Aufschluß ersucht, ob gegen den Bürgermeister von Heimchen in Oberhessen, welcher sich bei der Wahl des Reichstagsabgeordneten Buff Ord- nungswivrigkeiten und Wahlbeeinflussungen zu schulden habe kommen lassen, eine Untersuchung eingeleitet sei, um denselben zur strengsten Bestrafung zu ziehen. Der Reichstag habe diese Wahlbeeinflussungen bereits constatirt und habe eine Beanstandung Der
Wahl in feiner Mehrheit nur deßhalb abgelehnt, weil doch die Majorität der Wähler für Buff und gegen Oppenheim gestimmt habe. Abg. Dernburg, der in einer der letzten Sitzungen eine 93cmerfung über die vermeintliche schlechte Organisation des Lan- deszuchthauseö zu Marienschloß gemacht hat und bezüglich seiner Mittheilungen von Dem Abg. Hall- wacds einer unrichtigen Angabe bezuchtigt worden ist, hält dieselben aufrecht und erblickt in Dem ihm von Hallwachs gemachten Vorwurf eine Beleidigung. Der Präsident Buff sowohl wic HallwachS erklären,
daß Die Regierung Recherchen in Marienschloß angeordnet habe und von deren Ergedniß Der Kammer Mittheilungen machen, sich also Der wahre Sachverhalt alsdann Herausstellen werde. HallwachS fügt noch bei, daß Die Nachrichten, Die ihm zug klommen, Die Angaben Dernburg'ö als nicht richtig erscheinen ließen. Die heutige Tagesordnung enthalt nur Gegenstände ohne allgemeines Interesse.
Darmstadt, 6. Juli. In der zweiten Kammer steht heute Der Antrag des Abgeordneten K. I. Hoffmann auf Vorlage verschiedener, Die Mainz-


