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D i r D v p p r i r h e.
Frei aus dem Französischen, von Emma v. Nindorf.
(Fortsetzung.)
,Ia, so geht ee nicht in der Justizwelt! Hören Sie auf mich, Oberst: Sie sind Graf Chabert; gut, ich gebe es zu; aber es handelt sich darum, dies den Leuten gerichtlich darzuthun, die ihren Vortheil dabei haben, Ihr Dasein in leugnen. Folglich müssen ihre Acten erörtert werden; dies ziebt 10—12 vorläufige Streitfragen nach sich, die alle widersprechend an den obersten Gerichtshof kommen, und eine gleiche Zahl kostspieliger Prozesse verursachen; letztere ziehen sich in die Länge, trotz allen Anstrengungen, die ich aufzubieten hätte, ^hre Gegner werden ein Zeugenverhör begehren, das wir schwerlich ablehnen können, und welches vielleicht Untersuchungen in Preußen verursacht. Nehmen wir aber den günstigsten Fall an; setzen wir voraus, daß die Justiz Sie ungesäumt als Oberst Chabert anerkennt: sind wir überzeugt, wie die Streitfrage gelöst wird über die sehr schuldlose Bigamie der Gräfin Ferraud? In Ihrer Angelegenheit überschreitet die Rechtsfrage das Gesetzbuch, und kann nur nach Gewissensgrundsätzen von den Richtern entschieden werden; gleich den zarten Streitfragen, welche Die gesellschaftlichen Widersprüche einiger Criminalprozeffe dem Geschworncngerichte bieten. Run gut! Sie haben keine Kinder aus ihrer Ehe, und der Herr Graf Ferraud hat zwei aus der Seinen. Die Richter können die Verbindung, welche die schwächsten Familienbande aufzuweisen hat, zum Vor- thetl der Ehe nichtig erklären, die stärkere knüpfte. Aufrichtig! Würde Ihr Charakter in einem sehr glänzenden Lichte dastehen, wenn ^Sie in Ihrem Alter, in Ihren Umständen, mordicus, eine Frau begehren, die Sie nicht mehr liebt? Sie hätten Ihre Gemahlin und deren Mann gegen sich, zwei gewichtige Personen, die Einflüsse auf die Gerichtshöfe üben dürften. Dieser Prozeß hat also alle Elemente langer Dauer. Ihnen bleibt Zeit, unter den heißesten Kämpfen und Leiden zum Greise zu werden." —
„Und mein Eigenthum?" - „Sie halten sich für sehr begütert?" — Besaß ich doch 30,000 Pfund Einkünfte!" — „Lieber Oberst, Sie hatten 1799 vor Ihrer Vermählung ein Testament aufgesetzt, welches den vierten Theil Ihres Vermögens den Armenhäusern vermachte." — „Wahr!"
,Gut! Mußte man, da man Sie für todt hielt, ntcht zu Inventartum und Liauivation schreiten! Ihre Gattin machte sich kein Gewissen daraus, die Armen m betrügen. Der Werth des Inventars ward auf 600,000 Franken geschätzt. Dabei hütete sich die Gräfin sonder Zweifel, das baare Geld anzugeben, die Juwelen, das gesammte Silberzeug; Vas Mobiliar ward zwei Drittel unter de.n wahren Preise angeschlagen, theils um Ihre Frau ^u vergünstigen, theils um dem Fiskus weniger herauszuzahlen; auch weil die ^»chätzungs - Commission für ihren Anschlag verantwortlich ist; Ihre Wittwe hatte die Hälfte des Be- trrgs auzusprechen. Alles ward geschätzt und von der Gräfin wieder angekautt, durchgängig mit Bortheil; und so erhielten Vie Armenhäuser ihre 75,000 Fr. Da ferner der Fiskus Sie beerbte, und Sie in Ihrem Testamente Ihrer Frau nicht erwähnten, gab der Kaiser durch Decret Ihrer Wittwe ven Tbeil zurück, welcher dem Staate heimfiel. Was haben Sie also anzusprechen? 300,000 Fr., unaeredinet die Kosten. —" •
„Uno va« heißt Ihr Gerechtigkeit?" — ..Allerdings." — „Schone Ge- rechtigkeit!" — „Nicht anders, mein armer Oberst! Es ist nicht so leicht, als »,e glaubten. Frau von Ferraud kann sogar den ihr vom Kaiser geliehenen Aniheil behaupten wollen." — „Aber ste ist >a nicht meine Wittwe, nichtig das Decret . . .“ — „Sicher! Aber man kann über Alles prozesstren. Sehen Sie, unter diesen Verhältnissen möchte ein Vergleich den Knoten am besten für beide Thcile löten Sie würden dabei ein beträchtlicheres Vermögen gewinnen, als 3blicil von Rechtswegen jukomatt. - „Das hieße, meine Frau verkaufen." —
Mit 8000 Franken Einkünfte in Ihrer Stellung wird cs nicht an Frauen sthlen" die fähiger sind, Sie zu beglücken. Ich habe vor, die Frau Grästn noch beute'zu besuchen, um das Terrain zu erfortchen. Doch mochte ich diesen Schritt naht ohne Ihr Wissen thun." — „Wir wollen zusammen hingehen." — „Wie ■Sie hier vor mir stehen? Nein, nein, Oberst, nein! Da« konnte uns den ganzen Prozeß kosten." - „Ist er denn zu gewinnen?" -
In allen Instanzen. Aber etwas lassen Sie außer Acht, mein bester Oberst Chabert! 34 bin nicht reich, habe meine Stellung noch nicht ganz ab- bezahlt. Falls Ihnen die Gerichtshöfe auf Abschlag Ihres Vermögens eine lliitcrbaltssumme bewilligen, werden Sie es nicht früher thun, als bis Sie in t(r Eigenschaft des Grafen Chabert, Großkreuz der Ehrenlegton, anerkannt wurden " - „Richtig, id> habe auch da« Großkrcu, der Ehrenlegion! sagte „ voll Naivetät. „Nun gut," nahm Derville von Neuem da« Wort, „müssen wlr nicht prozesstren bi« dahin, Advocaten bezahlen, Rechtsspruchc decken, Ge- ,ich,«diener aüfmuntern und - selbst leben? Die Kosten der vorläufigen In- üanzen mehr 12-15000 Franken, lassen sich an den Fingern herzahlen. 3ch wüßte sie nicht aufzutreiben, denn ich selbst erlieg- beinahe unter den Ungeheuern Zinsen für die Summe, mit der ich mein Amt erkaufte. Und Sie. Woher
Au« den trüben Augen de« grauen Krieger« rollten schwere Tropfen über lit gefurchten Wangen, so viele g-häust- Hindernisse enlmulhigten ihm Wie e,n AI» lasteten der ganze Menschenvercin und die Iustizwelt auf seiner Brust. „An »en Fuß der V.ndomesaule gebe ich," rief er, „und schreie hinauf: „Ich bin ... Oberst Chabert, der bei Eplau da« große russisch- Quarre durchbrach! Da, Ersen wird mich erkennen." - „Und man wird Sie ohne Zweifel na» Charenton bringen." - „Der g-fürch.-t- Name kühlte die B-g-.st-rung de« Keieaer« Ließe sich Venn beim KriegSmimstenum gar nichts für Mich thun < _ oj'. Canzleien! O nur ntcht dahin, ohne einen rechtskräftigen Aus- speuch, der Ihren Todtenschein ungültig erklärt! Euch all- au« d-r Kais-rz-,t möchten Vie Canzleien gerne vernichten."
Der Oberst stanv einen Augenblick stumm, unbeweglich, mit stieren Blicken, im Abarunde ver Verzweiflung versunken. Die Milttärjustiz rst redlich, beflügelt; sie cntscheivet auf gut Osmanisch, aber fast immer gerecht! Das war v.e Gerechtigkeit, welche Chabert kannte. Jetzt, da er Vas Labyrinth gewahrte, in ras er sich verstrickt hatte, da er sah, wie viel Geld darin als leitender Anavne- faden erforderlich war, sand sich sein Geist tödtlich getroffen, erschüttert in der innersten Willenskraft. Unmöglich vünkte es ihm, mit einem Prozesse zu leben; viel einfacher, leichter, arm, Bettler zu bleiben, vielleicht als gemeiner Reiter in
irgend ein Regiment zu treten. Moralische und körperliche Leiden hatten bereits die wichtigsten Triebräder seines Organismus aufgerieben, jene Krankheit vor- bereOet, deren Namen Vie Arzneikunve nicht kennt; ihr Sitz ist gewissermaßen beweglich, wie Vas Nervengewebe, welches unter allen Vorrichtungen ver künstlichen Menschenmaschine am tiefsten verletzt zu sein scheint. Man könnte diese Schwäche den Spleen des Unglücks taufen. Wie tief Vies unsichtbare, aber wesentliche Uebel auch schon Wurzel gefaßt hatte, dennoch konnte eine glückliche Catastropbe es heilen. Diesen kräftigen Körperbau völlig zu untergraben, genügte. Ein neues Hinverniß, irgend ein unvorhergesehener Fall; wie leicht mochte ein solcher alle Schwungfedern lähmen, jenes Schwanken erzeugen, jenes unverständliche, innerlich zerrissene Streben, für Seelenkenner Meikmale eines Wesens, das Mißgeschick zerrüttete! Derville, der nun alle Anzeigen tiefer Niedergeschlagenheit an seinem Clienten bemerkte, sagte zu ihm: „Nur muthig! Vie Entwickelung dieser Angelegenheit kann sich blos günstig für Sie gestalten. Prüfen Sie sich nur vor Allem, ob Sie mir Ihr volles Vertrauen schenken, blindlings bas annehmen können, was mir das Beste dünkt." —
„Handeln Sie nach Belieben." — „Ja, Oberst, Sie übergeben sich mir, wie ein Verurtheilter, den man zur Richtstätte führt." — „Muß ich nicht stand- und namenlos bleiben? Ist das zu ertragen?" — „Bester Oberst, so verstehe ich es nicht: es wird ausbevungen, daß wir auf friedlichem Wege einen Rechts- spruch nachsuchen, der Ihren Todtenschein zugleich mit Ihrer Ehe ungültig erklären, Sie wieder in Ihre Rechte einsetzen soll. Durch Graf Ferraud's Ver- Wendung treten Sie sogar als General in die Reihen der Armee zurück und erhalten zweifelsohne Pension." — „Nun denn! ich verlasse mich ganz auf Sie." — „Recht! ich schicke Ihnen eine Vollmacht zum Unterschreiben," saate Dcr- ville'; „Gott befohlen! sein Sie getrost; brauchen Sie Geld, so rechnen Sie auf mich!" — Chabert drückte mit Innigkeit die Hand des Anwalts, vermochte aber nur, ven Rücken an Vie Mauer lehnend, ihm mit den Augen zu folgen. Gleich allen, Vie in Rcchtshändeln schlecht bewandert sind, so graute es ihm vor dem neuen, unerwarteten Kampfe.
Wäbrenv dem Gespräche tauchte hinter einem Pfeiler der Einfahrt wiederholt das Gesicht eines Mannes auf, der in der Straße auf den Advokaten zu lauern schien, unv sich auch wirklich beim Fortgehen in seine Nähe machte. Jener war bejahrt, trug eine blaue Weste, gleich Landleuten, einen weißen faltigen Rock unv auf Dem Kopfe eine Biebermütze. Sein Antlitz gebräunt, hohläugig, voll Furchen, von übermäßiger Arbeit erhitzt und sonneverbrannt. Er nahm Derville bei ver Hanv unv sagte: „verzeihen Sie, Herr, daß ich so frei bin, Sie anzureden; aber ich vermuthete in Ihnen, gleich auf den ersten Blick, ven Freund unseres Generals." — „Nun?" fragte Derville, „in wie fern berührt Euch ... wer seid Ihr?" — „Ludwig Bergniaud, Viehhalter. Ich hätte ein Wörtchen mit Ihnen zu sprechen." — „Ihr seid also der, welcher den Obersten Chabert so schlecht beherbergt?" — „Um Vergebung, Herr, er hat das schönste Zimmer! Ich würde lieber im Stalle schlafen und ihm meines abtreten, wenn ich nur Eins hätte; — dem Manne, Der so viel vurchgemacht hat, meine Würmer lesen lehrt, General ist und ein Egypter!! Min, sehen Sie, er ist vortreff, ltch untergebracht! Was ich habe, theile ich mit ihm. Leider tst's nicht viel: Brod, Milch, Eier — ein Schelm, der mehr gibt als er hat! Es kam aus gutem Herzen. Aber er hat uns zum Narren gehabt!" — „Wer, Der Oberst?" — „Ja, Herr, zum Narren gehabt, wie man zu sagen pflegt; ich nahm ein Anwesen, Dem meine Mittel nicht gewachsen sind; er sah's wohl. Ob ihn das nicht quälte! Er streichelte und putzte den Gaul! Ich sagte: aber mein Gene- ral? ! „Bah! ich mag fein Tagdieb sein und sichre schon längst die Bürste." Ich hatte bei einem gewissen Gradoö — kennen sie ihn, Herr? auf meinen Kuhstall unv das übrige Eigenthum ein Anlehen gemacht und mehrere Anweisungen ..." — „Mein Guter, ich habe unmöglich Zeit, Euch anzuhören! Sagt mir geschwinv, wie Der Oberst Euch angeführt hat." —
„Zum Narren hat er uns gehabt, so wahr ich Ludwig Bergniaud heiße und mein Weib Die Hellen Thränen darüber vergoß! durch unsere Nachbarn er- fuhr er. Daß wir noch keinen Sou für unfern ersten fälligen Wechsel auftreiben konnten; der alte Brummbär hat Den Schuldschein ausgewittert und bezahlt. Warte nur! Wo doch mein Weib und ich wissen, daß er keinen Tabak hat, der arme Alle, und ihn recht vermißt! O jetzt bat er jeden Morgen seine Cigarren ! Ich wollte lieber . . . nein! wir sind angeführt. Unv so wollte ich Ihnen denn Vorschlägen — weil wir wissen, Daß Si: ein redlicher Mann sind — uns 100 Thälerchen auf unsere Wirtschaft zu borgen, damit wir ihn kleiden lassen und sein Zimmer einrichten können. Er hat uns auslösen wollen, nicht wahr? ^sefyr wohl! Im Gegentheil, sehen Sie, der Alte hat uns in Schulden gestürzt . • - und zum Narren gehabt! Er hätte sich nicht brandschatzen sollen. Uns zum Narren haben, solche Freunde!! So wahr ich ein ehrlicher Mann bin und Ludwig Bergniaud heiße — lieber würde ich Soldat, als daß ich Ihnen datz Geld nicht wieder zahlte!" —
Derville betrachtete den Viehhalter und wandte sich noch einmal zurück, um Haus, Hof, Stall und Kinder noch einmal zu besehen. „Wirklich und wahrhaftig!" dachte er; es gehört unter die Hauptmerkmale, an Denen wir Die Tugend erkennen, Daß sie kein Eigenthum besitzt. „Geh' nur, Du sollst Deine hundert Thaler haben, und mehr noch! Dir Oberst wird bald selbst reich genug sein, Dir zu helfen und ich darf ihm Die Freude nicht wegnehmen." — „Gewiß, bald?" — „Ja doch!" — „O Gott, wie wird sich mein Weib freuen!" Neues Leben blitzte'bei diesen Worten über das verschrumpste Gesicht des Vieh- Halters.
Während dieser Unterredung hatte sich ein junges Mädchen in Der Nähe blicken lassen, war bald verlegen still gestanden, bald nach unv nach näher geschlichen, ohne die Augen von den Sprechenden zu wenden, und schien sich nun fast hinter Vergniaud verbergen zu wollen. Er drehte sich um und nickte. „Mein Töchterchen Ninette," sagte er freudigstolz, „meine Aelteste. Gehört aber nicht da her. Mein Weib und ich entbehren sie freilich in Der Wirtschaft; aber dazu ist sie zu gut, unser Täubchen, nein! Die Darf nicht hier bleiben. Die Perle unter.....lieber wollte ich ja.....Herr, sie ist bei ihrer Pathe
erzogen, und wie!? Die treffliche Madame Gvrier — vielleicht wissen Sie... — ach! hat leider nun längst in'§ Gras beißen müssen und das so plötzlich; da haben Die lachenden Erben meine Ninette . ... ist auch verschmerzt.
(Fortsetzung folgt.)


