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Zinßer'scher Garten.

4929) Das Samstag den 29. Mai ausgefallene

Große Militär-Concert

wird nuninehr Slrmstag den 5. Juni abgekalten werden.

BilletS a 20 fr. ftnb bei den Herren Carl Noloff lind PH. Schlatter zu baden.

Frachtbriefe für die Main Weser- und Eöln-Mindener- Eisenbahn, sowie famn»tliche zollamtlichen Formn- lare, sind zu haben bei Wilhelm Klee, Mauöbiira.

Telegraphischer Bericht, mitgetheilt von dem Haupt-Agenten (£ W. Dietz.

Das Postdampfschiff des Nordd. Lloyd America, am 12. Mai von Bremen ab­gegangen, ist am 27. Mai, Morgens 11 Uhr, wohlbehalten in New-York angekommen.

Das Postdampfschiff des Nordd. Lloyd Main, am 15. Mai non Bremen abge­gangen, ist am 29. Mai, Nachmittags 2 Uhr, wohlbehalten in New-York angekommen.

Das Postdampfschiff des Nordd. Lloyd Union, am 20. Mai von New-York ab- geganaen, ist am 30. Mai, Abends 11 Uhr, nach einer schnellen Reise von 9 Tagen un­weit Cowes angekommen und hat am 31. Mai, Morgens halb 2 Uhr, die Reise nach Bremen fortgesetzt.

Temperatur in Gießen, Mai 1869:

niederste................. 1,0 K.

mittlere.................+ 10 38 .

Mittel früherer Jahre...... -ff 10 38

höchste...... -ff 19,0

Niederschlag: an 18 Tagen...... ... 2,64Bar. Z»li.

im Mittel früherer Jahre: an 14 Tagen . . 2,23

Börsciinachrk'lileu.

1. Juni 1869.

Preuss. 41/gO/y Obi. 935/8

1 Frankf. 3/2o/o obl. 82'/8 Näss. 4 '2O/o Obl. 93

j: Kurh. 40/y Obl. 84//b

Hess. 40/g Obl. b. Roths. 91

» 34/2% do. do. 861/4

j Bayer. 50/0 Obl. 101 Vs

t. 41/2% 1jährige 941/2

" 4'/2% jährige 942

Würtemb. 4i/20/0 Öbl. 93

Baden 4'/2o/o Obl. c. E.L.

I Oestr. 50 g b. R. 57

n 50/g National 54%

5O/o Metall. Obl.

M. steuerf. 517/q

Amer. 60,0 lb82r Bds. 85

6% 1885r 83 >/g

Actien.

, Frankf. Bank 1201/4

Oester. Bank 718

\ ti Creditact. 295

| Darmst. Bankact. 285 '/s

Prioritäten, 5% Östr. F. St. E. B. 3581/2 Ludwigsh.-Bexbach 163 Max bahn 1053/$ Bayer. Ostbahn 1271/4 Hess. Ludwigsbahn 1411/4 30/o östr. Stsb.-Prior. 551/4 3% östr. s. Lombard. 465/g 3°/u Livorneser 341/4 Toscaner 547/g Frankf. Hypoth.-Bank 96 Frankf. Vereins-Kasse 96 5% Elisabeth-Prior. 74/4 do. II. Emiss. 72%

Anlehensloose. Kurh. 40 Thlr. Loose Nassau fl. 25 b. Roth. 36 Vs Gr. Hess. fl. 50 b. R. 165 Gr. Hess. fl. 25 b. R. 421/2 4° 0 bayr. Präm. Anl. 107 4°/o badische Loose 104 Badische fl. 35 Loose 561/4 1858r Prioritätsloose 161 1860r Loose 83j,o 1864r , _ 8

UechMel.

Amsterd. k. 8. 99>Vg AugHb. k. 8. 100Vs Berlin k. 8. 1051/2 Bremen k. 8. 977/g Cöln k. 8. 105

Hamburg k. 8. 881/2 Leipzig k. 8. H>5'/2 Loudon k. 8. 120 Vs Lyon k. 8.

Paris k. 8. 951/2 Wien k. 8. 96% Disconto 3 '/2 % G.

Geldsorten.

Pr. Cass. Sch. 1 44%-45 % Div. Cass.-A.

Pr. Friedrdor. 9 5^-59 Pistolen . . 9 49 51

doppelte 9 50-52 Holl. fl. 10 St. 9 54-56 Ducaten . . 5 37-39 20 Frankenst. 9 32-33 Engi. Souver. 11 57-59 Russ. Imper. 9 50 52 boll, in Gold 2 28-29

Feuilleton.

D i c Doppklehk.

Frei aus dem Französischen, von Emma v- Nindorf.

(Fortsetzung.)

Die Nacht vor meiner Ankunft," fuhr Oberst Chabert fort,mußte ich in den Wäldern von Claye bivouakiren Der kühlen Nachtluft danke ich zweifelsohne die Krankheit, welche mich befiel, als ich durch die Vorstadt St. Martin wanderte. Fast besinnungslos fiel ich an der Thüre eines Eisenhändlers nieder. Beim Er- wachkn fand ich mich in einem Bette im Hotel Dieu. Dort ging mir's einen Monat lang ziemlich gut. Bald schickte man mich weg. Ich hatte kein Geld, mir aber gesund und in der guten Stadt Paris! Wie zog es mich nach der Straße Montblanc, wo ich meine Frau in meinem Hause wußte! Die Straße Montblanc heißt jetzt Chaussee d'Antin. Von meinem Haus war nichts mehr zu sehen; man hatte es verkauft, abgetragen. In meinen Gärten hatten Spe­kulanten verschiedene Gebäude aufgeführt. Da ich nicht ahnete, daß meine Frau neu verheirathet sei, konnte ich auch keine Nachweisungen erlangen. Zuletzt be­gab ich^mich zu einem alten Advocaten, der vormals meine Geschäfte führte. Der Ehrenmann war gestorben, hatte seine Praxis einem jungen Menschen über­tragen. Mit welchen Gefühlen erfuhr ich von diesem die Eröffnung meines Nachlasses, seine Liquidirung, die Heirath meiner Frau und die Geburt ihrer zwei Kinder! Als ich ihm sagte, ich sei der Oberst Chabert, fing er so treu­herzig an zu lachen, daß ich mich ohne weiteren Einwurf davon machte. Meine Haft zu Stuttgart warnte wich vor Charenton; ich nahm mir vor, diesmal klüger zu sein. Ich wußte nun, wo meine Frau wohnt und machte mich zu ihr auf den Weg. Hoffnung schwoll mein Herz. Nun hören Sie, Herr," sagte der Oberst mit verbissener Wuth:ich ward nicht angenommen, als ich mich unter falschem Namen melden ließ; und da ich den meinen nannte, wies man mir die Thüre. Um die Gräfin Morgens bei der Heimkehr vom Balle zu sehen, blieb ich ganze Nächte wie angeschmievet an dem Weichstein der Einfahrt. Ich durchbohrte mit meinen Augen den blitzschnellen Wagen, in welchem ich nur un­deutlich die Frau gewahrte, die mein ist und mir doch nicht gehört. O! seit­dem athme ich nur Rache," rief der Greis mit dumpfem Tone und richtete sich plötzlich hoch auf vor Derville.Sie weiß, daß ich lebe; sie erhielt seit meiner Rückkehr zwei eigenhändige Briefe von mir. Sie liebt mich nicht mehr, und ich? Ich weiß nicht, liebe oder hasse ich sie! Ich ersehne und verfluche sie um die Wette. Mir dankt sie Glück und Vermögen; gut! Nicht einmal die kleinste Unterstützung läßt sie mir zukommen! Oft weiß ich selbst nicht, wie mir geschieht."

Nach diesen Worten sank der alte Krieger regungslos in seinen Sessel zu- ckck. Schweigend betrachtete Derville seinen Clienten und sprach zuletzt maschi­nenartig :Selbst auch die Aechtheit der zu Heilsberg befindlichen Dokumente angenommen, bleibt es ungewiß, ob wir sogleich siegen. Der Prozeß wird vor drei Gerichtshöfen verhandelt. Die Sache will reiflich erwogen sein."O," mtgegnete der Oberst kaltblütig und warf den Kopf stelz in die Höhe, wenn ich unterliege, werde ich zu sterben wissen, aber nicht allein." Verschwunden ®ar der Greis. Des kräftigen Mannes Augen glühten vor Rachedurst und Liebe.Man müßte sich vielleicht vergleichen."Vergleichen! Lebe ich, oder bin ich todt?"

Mein Herr, hoffentlich folgen Sie meinem Rathe. Ihre Angelegenheit svll die meine sein. Bald mögen Sie sich überzeugen, welchen Antheil ich an Ihrer Lage nehme, die fast beispiellos dasteht in den Jahrbüchern der Rechts­kunde. Einstweilen gebe ich Ihnen ein Paar Worte an meinen Notar, der Ihnen gegen Quittung alle zehn Tage fünfzig Franken zustellen wird. Es würde

sich nicht ziemen, daß Sie hier Hülfe suchten. Sind Sie Oberst Chabert, so dürfen Sie keiner willkürlichen Kränkung ausgesetzt sein. Diese Vorschüsse be­trachte ich als Anleden: Sie sind reich, haben Güter zurückzufordern."

Die zarte Schonung entlockte dem Greise Thränen. Derville erhob sich rasch; an einem Advocaten mochte Rührung vielleicht etwas zu Ungewöhnliches sein; er verfügte sich in sein Cabinet, aus welchem er mit einem versiegelten Brief zurückkam; diesen händigte er dem Grafen Chabert ein. Als der Aermste das Papier zwischen den Fingern hielt, fühlte er, daß zwei Goldstücke darin waren.Wollen Sie mir die Acten bezeichnen, mir Namen von Stadt und Land angeben?" fragte per Anwalt. Der Graf dictirte die Anzeigen und be­richtete zugleich die Othographie der Ortsnamen, nahm dann feinen Hut mit einer Hand, sah Derville an, streckte die andere Hand, eine Hand voll Schwielen, nach ihm aus und sprach mit schlichtem Tone:Meiner Treu, Herr, Sie sind ein Biedermann! (Un brave!)" Der Advocat schlug in die Hand des Obersten ein, begleitete ihn bis an die Treppe und leuchtete hinab.Boucard," sprach Derville zu seinem Oberschreiber,ich hörte so eben eine Geschichte, die mich vielleicht auf zehn Goldstücke zu stehen kommt. Bin ich gestohlen, nun, so reut mich das Geld nicht; denn dann habe ich den ersten Schauspieler unserer Zeit gesehen."

Als sich der Oberst in der Straße und vor einer Lampe befand, wickelte er die zwei Fünffrankenstücke, welche ihm der Advocat gegeben hatte, aus dem Briefe und ließ sie einige Augenblicke im Licht funkeln. Seit neun Jahren sah er zum Erstenmale wieder Gold.Nun kann ich doch Cigarren rauchen," sagte er.

Drei Monde waren seit jener nächtlichen Berathung verstrichen. Der Notar, welcher mit Auszahlung des halben Soldes beauftragt war, den der Advocat feinem selßfamen Clienten zahlte, kam nun, mit Derville über eine wichtige An­gelegenheit zu verhandeln, und begann damit, die sechshundert Franken zurückzu- begehren, die dem alten Krieger verabfolgt wurden.

Du machst Dir also den Spaß, die alte Armee zu erhalten," lachte der junge Notar Crollat. Er hatte so eben das Amt erstanden, bei welchem er Oberschreiber war; fein Prinzipal ging nach einem fürchterlichen Banquerotte davon.

Dank, Freundchen, daß Du mir die Sache in's Gedächtniß rufst. Meine Menschenfreundlichkeit wird sich höchstens auf 25 LouiSd'or steigern lassen; fürchte ich doch fast jetzt schon, daß meine Vaterlandsliebe mir einen Streich gespielt hat!" In diesem Augenblicke bemerkte Derville auf seinem Schreibtische die Briefschaften, welche sein Oberschreiber dahingelegt hatte. Längliche, viereckige, dreieckige, rothe, blaue Stempel lächelten ihm auf einem Briefe entgegen, preußische, österreichische, baicrische und französische Postzeichen.Ah!" sagte der Anwalt lachend,da haben wir die Entwickelung der Komödie; nun wird es sich zeigen, ob ich angeführt bin." Er nahm und öffnete den Brief, konnte ihn aber nicht lesen, da er in deutscher Sprache verfaßt war.Boucard, lassen Sidfelbst diesen Brief übersetzen und kommen Sie bald wieder," befahl Derville, indem er die Cabinetthüre öffnete und feinem Oberschreiber den Brief reichte.

Der Berliner Notar, an welchen sich der Advocat gewendet halte, bcnach. richtigte ihn, daß die verlangten Acten einige Tage nach diesem Briefe einlaufen würden, und versicherte zugleich, die Dokumente seien in aller Form Rechtens versaßt und mit den erforderlichen Beglaubigungen versehen. Ueberdies meldete er, daß fast alle Zeugen jener, durch die Protokolle verbürgten Thatsachen noch zu Preußisch-Eylau sich befänden, und die Frau, der Graf Chabert sein Leben dankte, noch in einer Vorstadt Heilsberg wohnte.

(Fortsetzung folgt.)