Das Testament des Großonkels.
Fünftes Kapitel.
(Fortsetzung)
„Hast Du meinen Brief gelesen?"
„Welche Frage, Harri!"
„Und wie hat Dir der Inhalt gefallen?"
„Ich vermag es nicht in Worten auszudrücken, und dieß macht Alles, was ich feit vier Jahren empfunden, wieder gut."
„Warum sagst Du nicht — was ich seit vier Jahren gelitten — denn das sollte es doch sein? Ueber Euch Weiber, die Ihr nie zufrieden seid! Habe ich es Dir in den vier Jahren, seit denen wir uns kennen, jemals an Etwas fehlen lassen? Doch ich will Dir keine Vorwürfe machen; wenn Eins von uns Beiden gelitten hat, so bin ich es gewesen, und zwar mein ganzes Leben lang, und daß ich gelitten, habe ich nie mehr empfunden, als feit den letzten zwei Jahren, seitdem ich mich frei fühlte." — Und als sie ihn fragend anblickte, fuhr er fort:
„Du weißt, daß die Ehe meiner Eltern keine glückliche war, mein Vater starb, als ich acht und mein Bruder elf Jahre alt war. Meine Mutter haßte ihn, weil er meines Vaters Liebling gewesen, und ließ ihn deßhalb außer dem Hause erziehen. Doch täglich war nur von ihm die Rede, Alles drehte sich um ihn, und wie oft habe ich nicht meine Mutter sagen hören: John ist der rothe Faden, der sich durch mein Leben zieht! — Glaubst Du aber, sie hätte uns deßhalb mehr geliebt? Gott bewahre! Eben weil sie ihren ganzen Haß auf ihn concentrirt hatte, waren wir glücklich genug, uns mit ihrer Gleichgültigkeit begnügen zu dürfen. Er war wenigstens fern von ihrem Hasse, er war frei; wir dagegen wurden unter einem Despotismus erzogen, der über alle Grenzen ging, der nie einen andern Willen aufkommen ließ, als den ihrigen; und wenn sie mir auch nie sagte — Du darfst keinen Willen haben —, so sagte sie mir doch täglich — ich verstoße Deinen Bruder, weil er es wagt, einen Willen zu haben. — Weil aber mein Bruder einen Willen haben durfte, haßte ich ihn auch; er war enterbt von dem Augenblicke an, wo mein Vater starb, und ich mußte dieses Sklavenjoch tragen, um nicht enterbt zu werden. Je mehr ich diese Fesseln fühlte, desto fester wurde in mir der Entschluß, zum Lohn dafür mich zum Herrn des ganzen Vermögens zu machen. Als der alte Großonkel starb, wurde ich Herr des Geschäfts, sie aber blieb Besitzerin des großen Vermögens. Nie würde ich es gewagt haben, ihr mit dem Project einer Heirath zu kommen, zu der nicht sie dm ersten Vorschlag gemacht, jetzt aber haben sich die Sachen geändert, und selbst wenn sie sich mit meinem Bruder die Rollen tauschen lassen möchte, sie würde nicht die Macht dazu haben, denn ich habe sic in der Gewalt."
„Ist dieses das Geheimniß, Harri, welches Du mir in Deinem Briefe an- gedeutet hast, und das Du mir nach Deiner Rückkehr entdecken wolltest?"
„Ja, Maria, doch fei es, was es fei, es genüge Dir, daß ich den Schlüssel zu unserem Glücke in Händen habe, und meines Erfolges so gut wie gewiß bin."
„Ich danke Dir, mein Harri, mein ganzes Leben soll nur Dir geweiht sein." „Laß es gut sein, Maria, sie ist kein verrichtlicher Feind, und ein fast ge- heimnißvolles Glück hat sich bis jetzt an ihre Fersen gefesselt, doch ich werde den Schlag wagen, und wenn sie nicht mit dem Schicksal selbst im Bunde ist, muß er gelingen."
Maria antwortete nicht; die Nacht war weit vorgerückt; Beide saßen sich stumm einander gegenüber. Endlich brach Harri das Schweigen.
„Jetzt weißt Du Alles, Maria, ich habe Dir meine Geheimnisse anvertraut. Jetzt bin ich in der Stimmung, den Jungen zu sehen, doch wecke ihn nicht, ich will ihn schlafend betrachten."
Maria nahm das Licht und ging voran in'S Nebenzimmer, Harri folgte ihr, und kurze Zeit nachher lag die Cottage im selben stillen Dunkel, wie die Nacht vorher und das letzte Licht in Hoboken war erloschen.
Sechstes Kapitel.
Als John Gratman an demselben Abend, an welchem sein Bruder Harri sich noch so spät nach Hoboken begeben, den Hudson gekreuzt hatte, war.ihm vom St. Denis Hotel aus dem Befehle Browns gemäß ein untergeordneter Detectiveoffizier der Polizei gefolgt, welcher in Hoboken angekommen im Ferry- hause Posto faßte, da er mit Recht voraussetzte, John werde denselben Weg wieder zurückkommen, um nach New-Iork zurückzukehren, und er demselben in der ruhigen, mondhellen Nacht auch nicht gut weiter folgen konnte, ohne den Verdacht des von ihm verfolgten auf sich zu ziehen. Er blieb al|o im Ferry- hause und knüpfte mit dem dort befindlichen, ihm wahrscheinlich bekannten Bille- teur ein Gespräch an. John dagegen, wie wir schon gehört haben, setzte seinen Weg fort, und als nach Kurzem Hoboken hinter ihm lag, sehen wir ihn langsamer und langsamer, zuweilen in Nachdenken und Beschauen Der schönen Natur stehen bleibend, im Schatten des Waldes verschwinden, durch den sich die Landstraße allmälig den Berg hinanzieht. Auf der Spitze des Berges angekommen, wurde plötzlich die Gegend und Aussicht wieder frei, hier war Der Wal» ver- schwunDen, der BoDen war urbar gemacht unD John befand sich plötzlich in ihm unbekannten Regionen, Häusergruppen, die zusammengenommen ein recht ansehnliches Dorf ausmachen mochten, lagen vor ihm, und das was er vor neun Jahren noch als einen unbebauten Dichten WalD gekannt hatte, sah er jetzt als eine anmutige unD fruchtbare Hochebene vor sich liegen. Er schritt Durch Die Häusergruppen, Die neben kleinen Häusern auch manche stattliche GedäuDe enthielten, unter Denen sich besonDers Die Dimensionen einer großen Brauerei auszeichneten, auf deren Veranda noch einzelne Gäste im Mondenschein versammelt waren. Auch John trat näher, ließ sich einen Trunk reichen, und hier, wo er dreist annehmen Dürfe, Daß ihn NiemanD kennen werDe, richtete er unbefangen verschiedene Fragen an Den Wirth, er erkundigte sich nach Personen, nach Den Verän- Derungen, Die man hier in Den letzten Jahren vorgenommen, nach Dem Wege hierhin unD Dorthin, unD nachDem er über Alles Die gewünschte Auskunft erhalten zu haben schien, nahm er AbschieD unD setzte seinen Weg weiter fort. Er wandte sich Direet jetzt toieDer Der LanDstraße zu, Doch anstatt seinen Weg rechtsum nach Hoboken zu nehmen, wandte er sich linksum, auf diese Weise Den HuDson zur Rechten behaltend. Rechts von ihm war der Wald, links von ihm lag hie und da am Wege ein einzelnes HauS. Er schien dieselben sämmtlich aufmerksam zu prüfen, hie und da schimmerte ein Licht, an einigen Stellen ergingen sich Die Bewohner auch noch in Der Kühle des Abends im Garten, hie und da hörte
man Die Klänge Des Pianos, Dann an einem anDern Platze laute Stimmen unD fröhliches Gelächter, Dann wieder die eintönige Weise eines amerikanischen Liedchens. John hatte beinahe die letzten Häuser erreicht, als Der Klang einer Stimme an sein Ohr Drang, Die seinen Schritt plötzlich hemmte. Er trat in Den Schatten einiger Dem Hause unD Garten gegenüberliegenDen Bäume an Der andern Seite des Weges, und wenn er auch das Gespräch nicht Wort für Wort verstanD, so erschien Doch Der Klang jener Stimme Erinnerungen in seinem Her- zm wach zu rufen, bei Deren Auflauchen Die innersten Fibern Desselben erbebten. Er gedachte nicht des vorrückenden Abends, er horchte nur unD horchte, dis endlich Die letzten Töne sich in's Haus zurückzogen unD Dort verhallten. Jetzt erwachte er aus seiner Träumerei, schritt noch eine Strecke auf Der LanDstraße weiter, unD schlug Dann einen schmalen Fußsteig ein, Der rechts vom Wege ab in Den WalD führte. BalD ging es steil bergab, Der HuDson und auf Der ent- gegengesetzten Seite Ncw-Aork wurDe sichtbar, Das Rauschen Der Wellen schlug an fein Ohr, er eilte rasch bergab, bis er Die in Der Tiefe nahe bet Der Wew- hawken-Ferrh gelegenen Häuser erreicht hatte. Es war fast elf Uhr AbenDs, als er hier ankam, unD Da noch eine Gesellschaft verspäteter Hobokner sich hier Der Abendkuhle erfreute, betrat John gleichfalls Das HauS, ließ sich eine Er- frischung reichen unD richtete verschieDene Fragen an Den Wirth, Die Dieser zu feiner Zufriedenheit zu beantworten schien. Da Das Ferryboot nicht mehr ging, gelang es John, Der Den weiten Weg über Hoboken nicht mehr zurückmachen wollte, für Gelb unb gute Wort einen Kahn zu bekommen, Der ihn nach Der 48. Straße übersetzte, von wo er sich nach Dem BroaDwap begab unD per Omnibus nach seinem Hotel zurückfuhr.
Mittlererweile hatte Der Detektive die ganze Nacht im Hobokener Ferrphause auf seine Rückkehr gewartet, und als Dieselbe auch am Morgen um 8 Uhr noch nicht erfolgt war, kehrte er nach New-Jork zurück und begab sich Direct in'S St. Denis Hotel, wo man ihn auf seine Anfrage nach Herrn Charles Preston zur Antwort gab, Derselbe sei vor etwa einer halben StunDe mit seinem särnrnt- lichen Gepäck in einem nicht zum Hotel gehörigen Wagen lavongefahren. Eine halbe StunDe später lag eine Depesche Dieses Inhalts mit allen ihren Einzeln- heilen vor Veerenborg, Der Dieselbe sogleich zu MaDame Gratman expeDirte, welche übelgelaunt beim Frühstück saß, Daß ihr Sohn Harri schon so früh auf's Comptoir gegangen war. So war John, ohne selbst Die geringste AhnDung Davon zu haben, Den Spionen entgangen.
Harri hatte Hoboken gleichfalls um acht Uhr Morgens verlassen, unD in New-Aork angekommen, wandte er sofort seine Schritte Die Greenwichstreet rechts hinunter nach seinem Comptoir, wo er von seinem Vertrauten, Jansen, und dem übrigen Comptoirpersonal auf's Freundlichste begrüßt wurde.
„Heute noch Nichts von Geschäften, lieber Jansen," redete er diesen an, „ich weiß, Alles war in guten Händen, lassen wir Das bis morgen, unD be- schästigen wir uns heute mit unseren eigenen Angelegenheiten. Lassen Sie sich jetzt nicht in Ihrer Arbeit stören, ich werbe Sie bald zu einer PrivatunterreDung rufen lassen."
Nach diesen Worten ging er in fein Privatzimmer und nach den kurz Darauf cintretenDen Folgen, Die Der Leser balD erfahren wird», mußte sein Jdcengang etwa folgcnDer sein:
„So weit wäre Alles nach Wunsche gegangen unD Maria besitzt Das vollste Vertrauen zu mir. Sie wird» also nie eine AhnDung Davon haben, Daß per Schlag von mir kommt. Ich werDe meine theure Mutter nicht zwingen, Diese Heirath möglich, fonDern Dieselbe unmöglich zu machen. Sie muß Die ganze Verantwortlichkeit auf sich nehmen unD ich werDe in Mariens Augen rein wie ein ®ngel Dastehen. Wenn ich meine Mutter je Darum gebeten haben würbe, mich von Dieser Last zu befreien, so würbe sie Die Achseln gezuckt unD mich keiner Antwort geroürDigt, ober sie würbe höchstens gesagt haben: Wenn Du Verhältnisse selbst anknüpfen kannst, so kannst Du sie auch selbst wieber abbrechen. Jetzt aber wirb sie auf sich nehmen müssen, mich von dieser Last zu betreten, unb ich werbe noch manche Jahre lang Mariens guter Freunb bleiben. Sehen wir jetzt, wie wir mit bem guten Jansen fertig werben."
Er klingelte unb einen Augenblick nachher trat Jansen ein.
,Setzen Sie sich, lieber Jansen, unb lassen Sie uns ein Wenig von meinen Privatangelegenheiten reben. Ich bin kein Freunb von vielen Worten, es möge Ihnen baher bte einfache Versicherung genügen, Daß ich mit Ihrer Leitung meines Hauses währenD meiner Abwesenheit auf bas vollständigste zufrieben bin. Was meine persönlichen Angelegenheiten betrifft, so haben Sie biefelben mit einer Zartheit überwacht, bte Ihnen Ehre macht, unb für bie ich Ihnen zum tiefsten Danke verpflichtet bin."
Ich habe nur meine Pflicht gethan," anwortete Jansen.
„Ich weiß, baß bie Bescheidenheit Eine Ihrer Tngenben ist," fuhr Harri fort, ''unb meine Freunbin Drüben, Der ich am heutigen Morgen einen flüchtigen Besuch gemacht, ist Ihres Lobes voll. Sie ist es, von Der ich mit Ihnen reDen wollte. Haben Sie ihr selbst jeDen Monat Die Summe, Die ich ihr ausgesetzt hatte, überbracht?"
„Das versteht sich, Denn ich würDe keinen Commts mit diesem Auftrage betraut haben." r , .
Sehr wohl, und wie ist Ihre Lebensweise wahrend meiner Abwesenheit gewesen? Haden Sie irgend welche Gelegenheit gehabt, Etwas zu beobachten, was gegen die gute Sitte gewesen wäre?"
„Niemals, Herr Gratman; Madame de Witt hat sehr zurückgezogen gelebt, und hat selbst Einladungen an Vergnügungen Theil zu nehmen, die ich ihr auf Ihre Veranlassung gemacht, abgelehnt. Die einzigen Zerstreuungen, welche sie sich erlaubt, bestanden im einzelnen Ausflügen nach Albany zu einer einzigen Verwandten, die sie hier hat."
„Ein sehr lobensWerther Charakter," erwiederte Harri, „um so schwerer wird mir der Schritt, den ich jetzt zu thun gezwungen bin. Denken Sie sich Jansen, meine Mutter verlangt mit aller Gewalt, daß ich mich verheirathe. Sie sehen mich fragend an, Sie denken, daß hätte ein oder das andere Mal doch so kommen müssen, doch nein, es war meine Absicht, Maria De Witt zu meiner Frau zu machen. Als ich jeDoch meiner Mutter mein Verhältniß zu ihr mitge« thcilt, ist sie in Den höchsten Zorn geraten unD hat mir mit ihrer ganzen Um gnaDe, ja, mit Enterbung geDroht, wenn ich je noch an eine solche Serbinpung zu denken wage. Rathen Sie mir, was soll ich in dieser verzweifelten Lage thun, denn Maria glaubt sich binnen kurzem am Ziele ihrer Wünsche zu sehen.
(Fortsetzung folgt.)


