Feuilleton.
mit
eine
dem
so Vieles zu fragen.
noch
(Fortsetzung folgt.)
— Madame haben gestern Abend durch einen meiner Dragoner einen Brief vom General erhalten. Man hätte mir eher das Leben, als ,den Brief genommen, welchen ich von Kairo mitgebracht habe; aber man hätte mich zweimal titoten müssen, um mir denjenigen zu rauben, welchen ich einzig der Hand Madame Bonaparte's selbst überreichen sollte.
Josephine zitterte vor Erwartung und ihr heller, durchdringender Blick ruhte auf der Brieftasche, welche der Hauptmann unter seinem Rocke hervorzog.
— Hier ist der Brief, Madame. Der General hat ihn zwei Stunden vor meiner Abreise geschrieben.
Madame Bonaparte erbrach das Siegel des Briefes, dessen Inhalt sie mit gieriger Hast durchflog.
Der Hauptmann verlor keine einzige ihrer Bewegungen aus den Augen. Niemand wohl besaß in höherem Grave als Josephine jene leidenschaftliche Erregbarkeit, welche für die menschliche Seele dasselbe ist, wie die Schwingungen der Musik für empfindsame Nerven. Indem Josephine den Brief ihre« Mannes las, erbleichte und erröthete sie abwechselnd, und ihre schönen sanften und aus- drucksvollen Augen füllten sich mit Thränen. Mehrmals unterbrach sie ihre Lee- tiire, um das Gesicht des Ordonnanz-Offiziers durch einen Blick zu befragen, ob ihm der Inhalt dieses Briefes bekannt sei.
— Madame, antwortete er, ich bin in der That nichts als ein Courier — ich weiß nicht, was in meinen Depeschen geschrieben steht.
— O mein Herr, sagte Josephine, es ist unmöglich, daß der General Sie nicht zum Vertrauten seiner Pläne gemacht hätte .... Wie! er denkt daran, ohne die Bewilligung des Direktoriums nach Europa zurückzukehren! - - - Aber berechnet er wohl, daß er feine Stellung dadurch zu einer höchst gefährlichen macht? Der Brief sagt mir, daß ich von Ihnen mündlich verschiedene Aufklä-
Ein Bedienter ohne LivrÄ öffnete ihm.
— Der Herr ist wohl der Hauptmann Reymond? fragte der Diener.
— Ja wohl, Bürger, versetzte der Offizier, sehr verwundert über den Titel, welchem er angerebet ward-
Der Bediente lächelte und fügte hinzu:
— Madame hat das Billet empfangen und mir den Auftrag ertheilt, den
Herrn zu ihr zu führen.
— Teufel! dachte Reymond, indem er dem Diener folgte; wo soll ich denn all' die Bürger und Bürgerinnen anbringen, welche ich von Egypten mitgebracht habe? Es scheint, daß in Frankreich die gute Gesellschaft sich schon stark zu häuten beginnt.
Man schritt über einen Vorplatz, auf dem einige Marmorbüsten standen, und gelangte in einen Salon zu ebener Erde, dessen Fenster auf einen mit Blumenbosketten verzierten Rasenplatz blickten.
Der Hauptmann blieb einen Augenblick allein. Das Erste, was ihm ausfiel, war ein lieblicher Dust von Verbenen, welcher die Atmosphäre des Salons schwängerte. Reymond erinnerte sich in diesem Augenblicke der berauschenden Düfte, welche der Abendwind unter dem schönen Himmel Egyptens von den den Ufern des Stromes herüberträgt. Nichts führt uns so lebhaft auch die fernsten Erinnerungen zurück, wie bekannte Gerüche. Wenn unser Leser, wie wir durchaus nicht bezweifeln, einen feinen Geruchssinnn und ein empfängliches Gemüth besitzt, wird er mit uns bekennen, daß ihm häufig eine ferne Erinnerung lebendig und frisch wieder aufgetaucht ist, wenn er unerwartet solch' einen Duft emathmete.
Allein eine Thür öffnete sich im Hintergründe de? Salons und der Offizier sah eine Frau von mittlerer Größe eintreten, gekleidet in einen eleganten Mo» genrock von weißem Mousselin, mit bloßem Kopfe und mit einem geöffneten Brief in der Hand, den sie wahrscheinlich mehrmals gelesen hatte.
Diese Frau zählte dreißig Jahre; allein ihre Asmuth, ihre Haltung und vor Allem ihr Lächeln waren offenbar feit ihrem zwanzigsten Jahr unverändert dieselben geblieben; der weiße, knapp anschließende Morgenrock ließ eine volle und üppige Büste von unvergleichlicher Schönheit errathen.
— Herr Hauptmann, nahm diese Frau das Wort, wie sehr bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet! Gestern erst angelangt, haben Sie mir sofort diesen Brief zugestellt. Ach, ich hatte ihn lange erwartet!
Der Hauptmann verbeugte sich, und da eine majestätische und freundliche Handbewegung ihn einlud, Platz zu nehmen, rückte er einen Sessel in die Nähe der Herrin des Hauses.
Der Leser hat vielleicht schon errathen: — diese Frau von elegantester Einfachheit des Benehmens, verbunden mit der vornehmsten Würde, mit einer sanften Stimme und berauschendem Blick und Lächeln, diese Frau war Madame Bonaparte.
Der Hauptmann Reymond empfand bei ihrem Anblick eine Aufregung, die man sich leicht erklären kann, wenn man sich erinnert, wie leidenschaftlich diese Frau damals von dem General en Chef der egyptischen Armee geliebt und wie sthr sie in Paris verehrt und bewundert ward. Bald jedoch fand er seine Geistes- tzegenwart wieder, und an den Zweck seine« Besuches gedenkend, hob er an:
rungen erhalten soll.
Der Hauptmann Reyilwnd sah, daß seine Lage klar und bestimmt geworden, und sichtlich erleichtert von einer großen Befangenheit, nahm et das Wort.
— Wohlan, Wadame , sagte er, da mein'General en Chef mich mit f» viel Vertrauen beehrt, darf ich Ihnen nicht verhehlen, daß er die Verhältnisse in Frankreich derartig ansieht, daß er zur Rückkehr entschlossen ist, um Ne Republik von der schlechten Bahn, welche sie eingeschlagen hat, zu retten. Unsere Eroberungen in Italien sind fast verloren gegangen; Verrath und Ungeschick haben uns gänzlich von der Bahn zurückgeworfen, auf der wir vorwärts gingen. Oesterreich nimmt allmälig alle unsere festen Stellungen ein; die Lombardei ist verloren und Piemont wird uns entrissen werden. Bald wird Wurmser die See-Alpen überschreiten, und binnen wenigen Wochen wird das französische Gebiet selbst angegriffen fein. „Ach, unsere schönen Eroberungen in Italien!'" rief der General oftmals aus, „was haben die Elenden seit meiner Abreise auS ihnen gemacht?" Außerdem aber, Madame, scheint es, daß die StaatS-Angele- genheiten im Innern nicht auf's Beste berathen sind. Die Unordnung herrscht überall; Schlemmerei und Erpressung sind an der Tagesordnung. Es ist eih organisirteS Plünderungssystem. Das Gouvernement läßt mit Vorbedacht die Expeditions-Armee im Stiche. Denken Sie sich, daß matt in Egypten seit sechs Monaten durchaus gar keine Proviantftndnng von Frankreich erhalten hat; der Soldat bezieht keinen Sold mehr, und ohne unsere Siege über die Türken, die Beys und die Mamelucken wäre die Armee aufgerieben. Die Disciplin freilich ist vortrefflich aufrecht erhalten; aber wem verdankt man das? Einzig der Hel» denmüthigen Kraft, sprechen wir es aus: dem Genie des Generals en Chef.
. . Und lieber Gott! die neidischen
Ohne ihn, würde Alles verloren sein . „
ßungen haben ihn nicht einmal inmitten seiner Triumphzüge durch die Levante
junge, sehr schöne Negerin in das Gemach.
— Mein Frühstück! tagte ihre Herrin; aber hier, auf diesem Tischchen. Der Hauptmann war aufgcstanden und wollte sich entfernen, als er mit anmuthigsten Tone von der W-It gebeten ward:
„Wollen Sie nicht während meines FrüystückS hier bleiben ? Ich habe Sie
geschont.
— Ja, ja, bestätigte Josephine, sie haben sogar ein Mittel ausfindig gemacht, ihm den General Kleber zu verfeinden, welcher doch ein so edles Herz besitzt.
— Madame, Kleber ist vielleicht sein Nebenbuhler auf dem Felde der Ehre, aber nicht sein Feind. Ich kann das nicht glauben, fuhr der Hauptmann fort, namentlich seit dem bewunderungswürdigen Briefe, welchen ihm der General en Chef geschrieben und welchen er mir in die Feder diktirt hat.
— Ihnen, mein Herr! rief Josephine mit lebhafter Freude aus. Und entsinnen Sie sich dieses Brieses?
— Hier ist er, Madame. Ich habe eine Copie davon behalten; nur Madame Bonaparte darf sie besitzen.
Der Ordonnanz-Osfizier nahm ein Papier aus seiner Brieftasche und überreichte es der bewundernswerthen Frau, mit welcher er sich unterhielt. Josephine las mit halblauter Stimme jenen Brief, welchen damals noch Niemand in Frankreich kannte und welcher seitdem mit Recht so berühmt geworden ist:
„Glauben Sie an den Werth, welchen ich auf Ihre Achtung und Freundschaft lege! Ich fürchte, wir sind ein wenig mit einander entzweit; Sie thäten mir Unrecht, wenn Sie an dem Schmerz zweiselten, welchen ich darüber empfinde. Auf dem Boden Egyptens verschwinden die Wolken, so ost solche vorhanden sind, innerhalb sechs Stunden; wären bei mir solche vorhanden gewesen, so würden sie in dreien verschwunden fein."
— Madame, fuhr der Offizier fort, es ist unmöglich, daß Kleber den freundschaftlichen Gefühlen des Generals Bonaparte lange Zeit wiederstehen kann. Ja, wissen Sie nicht, daß am Ende des Tages bei den Pyramiden Kleber im Galopp auf der Stelle anlangte, wo der General en Chef sich befand, vom Pferde sprang und, wie von einem elektrischen Schlage berührt, den Helden des Tages mit dem Ausruf in feine Arme schloß: „General, Sie sind so groß wie die Welt!"
— Ich wußte das schon, antwortete Josephine, ihre schönen Augen trocknend. Hoffen wir also das Beste, Herr Hauptmann!
Nach einigen Fragen voll mütterlicher Sorge in Bezug auf Eugen Beau- harnais, der femm Adoptiv-Vater nach Egypten gefolgt war, fetzte Madame Bonaparte einen Klingelzug in Bewegung, und fast in demselben Augenblick trat
Die Verschwörer von 1799.
Roman von de Saint-Felix.
(Fortsetzung)
2.
Josephine.
Nachdem er am folgenden Morgen im Quartier des Generalstabes die nö- thigen Formalitäten wegen seines Aufenthaltes in Paris erfüllt hatte, begab sich per Hauptmann Reymond nach der Gegend der Chaussee d'Antin. Er war in gewöhnlicher Feldzugsuniform; aber er hatte seiner soldatischen Toilette heute besondere Sorgfalt gewidmet, so daß er fast elegant aussah. Ein Schneider hatte ihm am frühen Morgen in seiner Wohnung besucht, und mit Hülfe eines ausgezeichneten Friseurs, und eines renommirlen Stiefelfabrikanten unseren egyp- tischen Offizier in einen sehr hübschen Pariser Militair verwandelt.
Reymond zählte kaum sechsundzwanz'g Jahre. Seine Taille war nicht eben dünn, aber schlank und jugendlich. Er war von edlem Wuchs, mittlerer Größe, und besaß einnehmende Züge, einen lebhaften Geist, einen leichten, aber dabei entschlossenen Sinn, und eine trotz seines bewegten Lebens gründliche und vielseitige Bildung. Im Ucbrigen hatte der Hauptmann Reymond durch seinen Umgang mit den ausgezeichnetsten Heerführern eine Geradheit und Zwanglosigkeit de« Benehmens erlangt, welche fast immer auf eine große Ueberlegenheit Meßen lassen. Fügen wir diesen Eigenschaften eine vollkommene Vorurtheil«- wsigkeit der Ansichten, eine angeborene Heiterkeit des Temperaments und eine leidenschaftliche Verehrung der Schönheit und des Ruhmes hinzu, so werden wir uns ein ziemlich richtiges Bild von.den geistigen und körperlichen Anlagen unsere« Offizier« zu machen im Stande sein.
Kehren wir jetzt zu ihm zurück ; denn er befindet sich schon am Eingänge der Straße der Chaussee d'Antin und gedenkt noch vor Mittag die Straße Chantereine (heutigen Tages die Straße de la Vieioire) zu erreichen.
Der Hauptmann schien sich an diesem Tage nicht sonderlich mit den Vc» änverungen zu beschäftigen, welche da« Ansehen von Paris, das er seit länger al« sieben Jahre verlassen hatte, verwandelt haben mochten. Er schritt in grader Richtung vorwärts und erhob nur von Zeit zu Zeit die Augen, wie um die Länge und Breite der großen Struße zu messen, welche er durchwanderte.
Endlich an der ersehnten Stelle angelangt, bog er rasch um die Ecke der Straße und beschäftigte sich einzig mit den Nummern der Häuser. Plötzlich blieb er stehen.
— Nummer 30 l. Hier ist es also! Ich werde sie sehen.
Und als ob er sein Herz gewaltsam pochen fühlte, sog er einen Augenblick lang mit tiefen Athemzügen die frische Luft ein, welche von den hohen Bäumen vor den Steinmauern verbreitet ward.
Der Hauptmann klopfte an ein grün angestrichenes Thor und befand sich halt) in einer langen Linden-Allee, welche zu einer Rotunde führte, in deren Mitte sich ein kleine« Haus von einfacher Bauart erhob, dessen reinlich elegantes Aussehen und mit Blumenvasen geschmückter Ausgang jedoch verriethen, daß die Anmuth und Vornehmheit hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten.


