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Feuilleton.

Das Testament des Großonkels.

Viertes Kapitel.

(Fortsetzung)

Wenn das der Fall ist, John, so mußt Du Dich tief und bitter an ihr vergangen haben, denn sonst würde ein solcher Fall unerklärlich sein."

Perry, das ist eine lange, lange Geschichte. Um mich zu vertheidigen, müßte ich sie anklagen, und dieß will ich nicht. Doch ich werde mich auf andere Weise vertheidigen, Dir gegenüber, nur Dir allein gegenüber, wenn Du mir Dein Ehrenwort geben und schwören willst, nie etwas von dem zu verrathen, was ich Dir jetzt zeigen werde."

Warum sollte ich nicht, John, hier meine Hand darauf, ich verspreche es Dir." _

Wohlan," sagte John,Du hast meinen Vater nicht gekannt, doch Du hast Verwandte, Freunde, bejahrte Bekannte, die ihn gekannt haben?"

Gewiß, mein Freund, und wo nur immer noch heute nach vier und zwan­zig Jahren seines Todes sein Name genannt wird, da wird er mit Achtung und Ehrfurcht ausgesprochen."

Das weiß ich, Perry, und jetzt sage mir, ob Du mir unter allen Burgern New-NorkS, die meinen Vaier gekannt haben, auch nur einen Einzigen bringen kannst, der im Stande wäre, zu sagen: Dr. Gratman war fähig, eine Lüge zu sagen!"

Das ist unmöglich, John, denn selbst seine College» Feinde kann ich nicht sagen, da er keine hatte reden nur mit der höchsten Achtung von ihm."

Du würdest also meinen Vater für unfähig halten, eine Lüge mit in sein frühes Grab genommen zu haben?"

Ganz gewiß," John Gratman.

Nun wohlan, so lies dieß!" sagte John, und nahm aus einer auf dem Tische stehenden Schatulle ein einfaches Schreibbüchelchen in Sebezform und in rothem Umschläge.Kennst Du meines Vaters Handschrift?" fuhr er fort.

Ja, denn ich erinnere mich, bei Evelinen eine Bibel gesehen zu haben, in der er Eure Geburtsjahre eingeschrieben hatte."

So lies dieß," erwiederte John, und gab ihm das rothe Schreibbuch.

Perry nahm dasselbe und begann zu lesen; es herrsch!- eine feierliche Stille von einigen Minuten; John bliche in Perry's Antlitz und sah, wie dessen Züge ängstlicher und ängstlicher würben, je länger seine Augen über Die vom Alter vergilbten Zeilen hinflogen. Endlich entsank das Buch seiner Hand, ff bedeckte mit der andern sein Gesicht und rief aus:

O, John, das ist entsetzlich, das ist fürchterlich!"

Siehst Du jetzt, Perry," sagte John in ruhigem, ernstem Tone,daß zwischen mir und meiner Mutter kein Dritter stehen kann? Was wir mit ein­ander auszumachen haben, geht keinen Dritten etwas an, hier heißt es jetzt: Äug' um Auge, Zahn um Zahn! und wer Sieger in diesem Kampfe bleiben wird, das weiß nur Gott allein, unser einziger Richter!"

Und was soll aus Evelinen weiden, John, die Erkenntniß eines solchen Geheimnisses würde sie tödten!"

Und wer sagt Dir, daß ich von demselben Gebrauch machen will, es ist mir genug, im Besitze desselben zu sein. Laß uns davon au-hören, Du siehst, daß ich Dir Vertrauen geschenkt habe, jetzt vertraue Du auch mir und überlaß mir cie Zukunft. Glaube mir, mein Freund, mein rächender Arm soll nicht auf die Häupter der Unschuldigen fallen, und was auch geschehen möge, Du sollst vor­her Alles wissen. Ich habe freilich meine Schwester kaum gekannt, doch ich will ihrer gedenken um Deinetwillen. Jetzt, Perry, laß mich allein, ich fühle mich angegriffen und bedarf der Ruhe."

Werde ich Dich morgen noch sehen können, John?"

Nein, Perry, ich verlasse morgen die Stabt; versuche nicht mir nachzu­forschen, es würde vergebens sein; außerdem habe ich Dir versprochen, daß Du binnen Kurzem von mir bereu sollst; Du darfst mir glauben, denn ich sage Dir die Wahrheit, und gehe nicht weit von hier."

Lebewohl, John!" sagte Perry, und beide trennten sich mit einem warmen Händedruck.

Sobald John Gratman allein war, zog er die Klingel und befahl dem eintretenden Kellner, dem Buchhalter unten in der Office zu sagen, daß er für Niemanden mehr zu Hause sei, und ließ sich dann einen kalten Imbiß und Wein auf sein Zimmer bringen. Er ab und zu ein wenig, nahm dann und wann ein Glas Wein, war aber im Uebrigen ganz und gar mit seinen Gedan­ken beschäftigt. So verging Stunde auf Stunde; das Sonnenlicht draußen war verschwunden, Dämmerung herrschte im Zimmer und draußen flackerten die hellen Gasflammen.

Plötzlich erhob Jobn Gratman sich rasch vom Sopha, zündete ein Llcht an und begann von Neuem Toilette zu machen. Als er fertig war, verschloß er Alles sorgfältig und verl dann durch den Dameneingang, der auf den Broad­way führt, das Hotel, sprang in den nächsten Omnibus und fuhr nach City Hall hinunter bis zum Astorhaufe, wo er ausftieg und dann die Barclaystreet bis dicht vor Greenwichstreet hinabging und an der rechten Seite in einen Billard- salon eintrat. Rechts vom Eingang befand sich ein Büffet für Getränke, links eins für Speisen. Er setzte sich auf einen jener hohen Stühle ohne Lehnen und verlangte Kaffee. Als ihm der Aufwärter denselben brachte und ihn mit auf­merksamen Blicken zu firiren begann, richtete er mit der größten Unbefangenheit einige Fragen an denselben, und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein in einem so schauderhaften Englisch mit französischem Accent, daß demselben, wenn er ihn wirklich erkannt haben sollte, jeder Verdacht schwand, und er vielmehr zu glauben anfing, er habe einen seit Kurzem angekommenen grünen Franzosen vor sich. Als er mit seinem Kaffee zu Ende war, fragte John:

Heißt der Platz da drüben auf der anderen Seite des Wassers nicht New-Jersey?"

Der Staat heißt New-Jersey," antwortete der Aufwärter,die Stadt aber heißt Hobokcn."

Sind Sie bekannt da drüben?"

Meine Eltern wohnen drüben, nicht in Hoboken selbst, aber oben auf dem Berge, man heißt das Union Hill."

Kennen Sie drüben einen Schiffscapitän, Namens Mack Lane?"

O ja, ihn und seinen Sohn, doch Beide sind auf See; die Familie wohnt aber auch nicht mehr in Hoboken, sondern auf dem Berge."

John bezahlte seine Zeche, verließ das Lokal und näherte sich dem Flusse.

Der Mond war aufgegangen und warf seine silbernen Strahlen auf den Spiegel des Hudson. John Gratman bestieg ein Fährboot, welches ihn in we­nigen Minuten auf das andere Ufer hinüber brachte, wo wir ihn auf einige Zeit den Blicken unserer Leser verschwinden lassen müssen, um zu den anderen handelnden Personen in unserer Geschichte zurückzukehren.

Uhr, Madame Grat- Berathung in ihrem

Fünftes Kapitel.

Es war an demselben Abend zwischen acht und neun man befand sich mit dem Advokaten Veerenborg in geheimer

Cabinet.

Ich denke, Sie sind mit meinen Nachrichten zufrieden, Madame," sagte Veerenborg,es war Alles, was wir erfahren konnten. Zuerst halte Brown im Broadway seine Spur verloren, doch er rnuthmaßte mit Recht, daß er sich in einem der Höiels im oberen Theile der Stadt aufhalten müsse, und schon nach zwei Stunden wußte er, daß er sich im St. Denis Hotel befinde."

Dazu bedurfte es freilich keiner großen Kunst," erwiederte Madame Gratman.

ES war doch nicht so leicht, als Sie glauben mögen," fuhr Veerenborg fort,denn er hatte sich unter dem Namen Charles Preston in'S Fremdenbuch eingeschrieben. Seine Verhältnisse scheinen nicht ärmlich zu sein, wie nur Brown versicherte, Denn er ist als ein mit Allem wohlversehener Gentleman im Hotel angekommen."

Das wird hoffentlich nicht lange dauern," warf Madame Gratman da- zwischen.

Brown," fuhr Veerenborg fort,wollte sich bei ihm unter dem Vorwande einsühren, um ihn zu fragen, ob er ein Taschenbuch verloren habe, welches man im Wagen gefunden halte, der ihn hergefahren, doch er hatte gemessenen Befehl ertheilt, allein sein zu wollen, nachdem er einen Besuch empfangen halte, und wer glauben Sie wohl, daß dieser erste Besuch gewesen sei?"

Nun, wer sonst, als einer seiner plebejischen Zechkumpane, dem er seine Ankunft brieflich miigelheilt und im Hotel zu einem Rendezvous eingeladen halte?"

Weit gefehlt, werthe Frau, jener erste Besuch war niemand anders, als Ihr täglicher Hausfreund, Herr Perry Myers."

Jft's möglich!" rief Madame Gratman aus,Evelinens schmachtender Liebhaber! So hätte ich ihn also falsch beurthcilt; ich habe ihn immer für weiter nichts, als einen gewöhnlichen Alltagsmenschen, erträglichen GeMchafier und guten Geschäftsmann gehalten, der mit der Zeit einmal hätte mein Schmie- gersohn werden können; jetzt aber lernen wir dieß Herrchen also auch von der iniriguanlen Seite hnnen."

Brown hat ihn selbst herauskommen sehen, er sagt, er habe sehr nieder- geschlagen ausgesehen."

Und glauben Sie, Veerenborg," fragte Madame Gratman,daß Eveline nicht mit um diese Julrigue gewußt habe? denn er vertraut ihr alle Geheim­nisse. Sehen Sie, mein Freund, so bin ich überall verrathen und verkauft, nicht einmal auf meine eigenen Kinder kann ich mich verlassen, wem soll man da noch trauen?"

Sie sehen also, Madame, daß meine Nachrichten nicht so ganz werthloS waren. Als Perry Myers das Hotel verlassen und Brown's Besuch nicht an­genommen wurde, hat er die Bewachung des Hotels einem gewöhnlichen Polizei- Diener übergeben, der dasselbe von außen im Auge zu behalten und im Falle ihr Sohn ausgehen sollte, ihm zu folgen hatte ich erwarte heute Abend bei meiner Nachhausekunst, oder jedenfalls morgen früh weitere Berichte. Sie wer- den einsehen, daß sich vor der Hand nichts weiteres machen läßt, als ihn zu beobartuen und genau zu erfahren, was er macht, damit wir im geeigneten Au­genblicke eingreifen können."

Sie gedenken also, daß wir den Angriff abwarten sollen?

"sffienn das auch nicht, wenigstens aus seinen Handlungen zu erfahren suchen" was er zu thun, wie er anzu^reifeu gedenkt, und dann, wenn wir seinen Plan kennen, ihm zuvorkommen, selbst angreiien und ihn vernichten."

Ich muß Ihnen beipflichten und überlasse Ihnen daher blindlings die Leitung dieser Angelegenheit. Ranzius hat natürlich keine Ahnung davon, welche Wichtigkeit ich derselben beilege, er denkt, ich lasse meinen Lohn heimlich be- wachen seines eigenen Besten wegen und als hätte ich gar noch eine in Der Ferne liegende Absicht, mich ihm wieder zu nähern. Im Uebrigen werde ich seine Aufmerksamkeit durch weitere geschäftliche Aufträge, die ich ihm geben werte, von dieser Angelegenheit abziehen. Er paßt sehr gut zu einem Geschäftsmann; doch diese feinen, 'delieaten Angelegenheiten gehen jiber seinen Horizont h naus. Ich würde jetzt gleich mit meinep Tochter nach Saratoga gehen, wenn Harri iurückkäme." (fortf. folgt.)

M i s c k l l r n.

Ungeheurer Durst, lieber den ungeheuren Bierverbrauch in Baiern, schreiben DieDeutschen Blätter", ist immer Fabelhaftes berichtet, ober Sicheres bisher noch nicht festgestellt worden. Jetzt hat man wenigstens in Bezug auf München ermittelt, daß auf jeden Kopf der dortigen Bevölkerung doch jährlich 1281, sage und schreibe eintausend zweihundert und einunvachtzig Quart Bier kommen, also täglich nicht weniger als zehn Seidel. Da man nicht annehmen kann, daß Frauen, Kinder und schwache Greise ein solches Quantum genießen, so läßt sich hieraus der Schluß ziehen, daß die tägliche Ration der einzelnen Biertrinker eine noch weit bcträchilichere als zehn Seidel ist. (Es fragt sich nur, ob bei dieser Berechnung das ansehnliche (Kontingent der Fremden, von welchen doch auch Manche in Der Biervertilgung Erkleckliches leisten, beruckstch- iigt ist.) _____

Gutes Gesicht eines Blinden. Aus Berlin erzählt diePost" vom 3. März.Am Sonntag Nachmittag trug sich auf dem Wege nach dem Ge­sundbrunnen in der Brunnenstraße folgender komische Vorfall zu: Em -olincer, Der als Leiter einen Hund an einem Stricke neben sich hatte, stand an einem Baume und bettelte, als plötzlich ein Knabe vorbeieilte, rasch Den Strick mit einem Messer durchschnitt und den Hund, einen wunderschönen Pudel, an Dem abgeschnittenen Stricke fortzog. Kauni war Dieß geschehen, als unser Blinder, Die Augen sich ein wenig reibend, auffprang, dem Diebe nachlief, ihn mit seinem Stocke tüchtig durchprügelte, dann mit seinem Pudel zurückkehrte, Den «trick zu- sammenknüpfte unD in aller Ruhe wieDer seine Rolle als Blinder ausnahm."