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Jeitage zu Mr. 123 des Hießener Anzeigers.

Feuilleton.

Die Verschwörer von 1799.

Roman von de Saint-Felix.

(Fortsetzung.)

Wer sind Sie, mein Herr, wiederholte Helene mit funkelnden Blicken.

Wer ich bin? antwortete Chateauneuf. Einer Ihrer Bewunderer.

Ihr Name?

Wohlan, anbetungswürdiges Kind, vernehmen Sie mein ganzes Unglück. Ich liebe mit rafenver Leidenschaft . . . und Sie rauben mir den Gegenstand meiner Liebe. Ich bin ein armes Geschöpf, das um Ihretwillen geopfert wird. Mein Fräulein, unter dieser Verkleidung und diesem angenommenen Namen er­kennen Sie ein Weib, das die Eifersucht fast zum Wahnsinn getrieben, und das sich bei Ihnen cingedrängt hat, um sich ihres Unglücks zu versichern, obschon sie längst den Beweis hatte, daß Sie ihre glückliche und triumphirende Neben­buhlerin sind.

Sie sind ein Weib! rief Fräulein de Rencey aus und trat drei Schritte zurück. O, welch' ein unwürdiger Betrug! Sie haben gewagt . . .

Ihre Hände, Ihre schonen Hände zittern, mein Fräulein, sagte Herr Chateauneuf. Weßhalb schießen Sie nicht? ... Ich habe Ihnen mein Ver­brechen, meine Tollkühnheit, mein Unglück bekannt . . . Feuer! Feuer, Fräulein de Rencey! Ich liebe den Hauptmann Reymond de Vitry.

Helene schloß die Hähne ihrer Terzerole, welche sie wirklich gespannt hatte. Sie steckte dieselben wieder ein, verabschiedete sich ohne ein einziges Wort mit einer Bewegung ihrer Hand von dem Muscadin, rief Marguerite und schritt mit dieser langsam dem Schlosse zu.

Herr Chateauneuf, welcher allein vor den fruchtbclasteten Spalieren stehen geblieben war, empfand nicht die mindeste Lust, sich mit der Gartenkultur zu be­schäftigen. Er sah eine kleine, nach dem Park führende Thür offen stehen, und lenkte nach dieser seine Schritte.

Dort sah er große Alleen vor ihm sich hinziehen, und ein frischer ange­nehmer Waldduft lockte ihn an.

Er wagte sich daher in's Gehölz, wie ein Gefangener, der lange den An­blick des Himmels und der freien Natur entbehrt hat, athmete mit vollen Zügen die herrliche Luft und eilte vorwärts, wohin die Laune ihn trieb.

Die Beichte am Schiebfenster.

Herr Chateauneuf war maschinenmäßig der ersten Allee des Parkes gefolgt, welche sich vor ihm hinstreckte. Er gelangte zu einer Art Kreuzweg, wo sich meh­rere Baumgänge durchschnitten und wo ein großer Eichbaum, von einer kreis­förmigen Bank umschlossen, in der Mitte stand. Die mit Haselstauden über­wachsene Mauer begrenzte den Horizont. In derselben befand sich eine kleine Thür, welche nur durch einen Riegel von innen verschlossen war.

Herr Chateauneuf wollte von hier aus's Feld gehen, als er außerhalb der Mauer die Stimme eines Jägers zu vernehmen glaubte. Die Stimme rief einen Hund.

Die Thür hatte ein kleines Schiebfcnster, durch welches man, ohne die Thür zu öffnen, erst die Anklopfenden in Augenschein nehmen konnte. Dies Schiebsenster aufmachend, suchte Herr Chateauneuf durch die kleine Oeffnung den Jäger zu erkennen. Derselbe hatte sich der Thür genähert; er (ührte einen Jagdhund am Riemen. Herr Chateauneuf hustete.

Der Jäger trat noch einige Schritte näher heran und befand sich jetzt so dicht vor der Thür, daß er ein Paar Worte durch das Schiebsenster flüstern konnte, hinter welchem er wahrscheinlich eine Gestalt bemerkt hatte.

Der Muscadin fand durch einen merkwürdigen Zufall Gelegenheit, ohne gesehen und erkannt zu werden, mit dem Jäger zu plaudern, welcher kein An­derer als der Hauptmann Reymond war.

. Er ist es! sagte sich Chauteauneuf. Offenbar kommt er zu einem Stell­dichein ! Offenbar hatte er Fräulein de Rencey von einem Besuche in Kenntniß gesetzt, und ich bin die elende Närrin, welche von zwei Verliebten betrogen wird!

Da der Jäger sah, daß das Schiebsenster nicht wieder geschlossen ward, begann er folgendes Gespräch:

Sie sind es also, mein Fräulein. Welch' eine schöne Gelegenheit, von Ihnen zu hören, ohne den Bann zu brechen, welchen ich mir auferlegt habe! Ach, ich darf Sie nicht mehr im Park sehen, so lange nichts über mein Loos entschieden ist.

Herr Chateauneuf beeilte sich nicht mit der Antwort. Er hielt diese Re­densarten für Worte der Vorsicht.

Er bleibt, dachte er. Er sucht zu erfahren, ob Fräulein de Rencey von ihrem Kammermädchen begleitet ist oder nicht.

Sind Sie allein, Fräulein? fragte Reymond.

Allein, antwortete Chateauneuf, indem er die Stimme Helenens nach­zuahmen suchte, und ein wenig zur Seite trat, um nicht erkannt zu werden.

Macht Ihr Vater gute Fortschritte in der Genesung? Beruhigen sich in etwas seine Gedanken?

Es geht ihm besser, antwortete der Muscadin.

Ist er noch immer unerbittlich gegen mich? immer noch ein Feind der Vitry'S, und weigert sich, mich zu empfangen?

Immer noch, antwortete die Stimme hinter dem Schiebsenster.

Das ist zum Verzweifeln! sagte der Hauptmann; und ohne die tiefe Achtung, welche ich vor Ihrem Willen hege . . .

Nun?

Würde ich die Thür aufstoßen, mich dem würdigen und unglücklichen Greis zu Füßen werfen, und ihm Alles bekennen.

Was denn? fragte Chateauneuf?

O, können Sie mich danach fragen, Helene! antwortete der Haupt­mann. Kennen Sie nicht recht wohl das heilige Gefühl, welches ich ewig für Sie empfinde?

Er wagt nicht, das WortLiebe" auszusprechen, dachte der Muscadin Diese Achtung ist ein Beweis, daß er sie anbetet. '

Mein Fräulein, fuhr der Jäger fort, ich glaube, daß es Zeit ist, einen Entschluß zu fassen. Die Ereignisse drängen sich. Ich werde vielleicht bald ge- nöthigt sein, meinen Zufluchtsort zu verlassen, um mich zu dem General en Chef zu verfügen ... Ich weiß mit Bestimmtheit, daß derselbe in spätestens vierzehn Tagen in Frankreich landen muß . . .

Aha ! dachte Chateauneuf, da erhalten wir zuverlässige Nachricht! Wenn ich wollte . . . Wissen Sie das sicher? fragte er den Jäger.

Ja wohl. Bonaparte wird noch vor dem 15. Oktober in einem kleinen Hafen der Provence landen. Alles ist vorbereitet. Sie werden begreifen, mein Fräulein, daß ich mich an seiner Seite befinden muß, sobald er den Fuß auf'S Land setzt.

Aber, mein Herr,'fragte die Stimme hinter dem Schiebsenster, wie konnten Sie das in Ihrem Versteck erfahren?

Es wäre zu weitläufig, Ihnen das zu erzählen, antwortete der Jäger. Glauben Sie, mein Fräulein, alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln sind getroffen und ich erhalte die besten Nachrichten von Paris, von wo aus man sehr eifrig den Bewegungen Bouaparte's folgt.

Das heißt ein fernsichtiges Auge, versetzte der Muscadin, immer noch bemüht, die Stimme Helenens nachzuahmen. Sie haben also Agenten?

Gott soll mich bewahren! antwortete der Hauptmann. Ich gehöre nicht zur Polizei und andererseits conspirire ich nicht.

Wie ist es sonst möglich?

Das ist leicht zu erklären. Die Feinde des Direktoriums sie sind zahlreich und mächtig wissen Alle, daß ich einer der ergebensten Offiziere Bonaparte's bin. Bonaparte wird aber gegenwärtig wie ein Befreier ersehnt und erwartet. Seine Anhänger haben besser als die ganze Polizei der Regie­rung meinen Aufenthalt zu entdecken gewußt, und sorgen, ohne daß ich mich darum bekümmerte, bestens dafür, mich von allem, was paflirt, zu unterrichten. Erft heute Morgen noch begegnete mir auf der Loire ein Herr, welcher gestern Abend das Postdampfschiff in Orleans bestiegen hatte und von Paris kam. Er traf mich gerade beim Salmfang.

Und er hat Ihnen gesagt . . . ?

Daß Barras den Kopf verliere. Der Hochmuth macht ihn zum Narren; je näher die Gefahr, desto gesicherter wähnt er sich vor dem Einfluß Bonaparte's. Er denkt nur an seine Vergnügungen und führt das Leben eines Rouös zur Zeit der Regentschaft, vielleicht um sich zu betäuben. Aber Sieyös ist klüger. Man versichert mich, daß er gegen den General en Chef keineswegs mehr feind- selig gesinnt sei und daß, wenn der Letztere plötzlich nach Paris käme, SieyöS, sein früherer Gegner, sofort zu seinen Fahnen übergehen werde, und nicht min- der der Direktor Ducos, aus welchem er macht, was ihm gutdünkt. Man geht sogar noch weiter, man behauptet, wenn ein militärischer Staatsstreich das Mi­nisterium stürze, so werde Sieyös, welcher einen Tag vorher nebst seinem Freunde Ducos seine Entlassung eingereicht hätte, am folgenden Tage, an der Spitze der gemäßigten" Partei, Bonaparte anbieten was meinen Sie wohl?

Eine Krone? fragte die Stimme hinter dem Schiebsenster.

Nicht viel Geringeres, Fräulein ein Konsulat. Wir würden drei Consuln an der Stelle von fünf Direktoren erhalten.

Drei Räder am Wagen statt fünf wird er dabei wohl besser fahren?

Sie sind witzig, mein Fräulein, sagte der Jäger. Wenn aber Bona- parke zur Herrschaft käme, so würde der Wagen verlassen Sie sich darauf vortrefflich fahren, wie ungleich auch die Zahl seiner Räder sein möchte.

Was Sie mir von Sieyös berichten, setzt mich in Erstaunen, bemerkte

die Stimme hinter der Thür.

Um die Zweifel Fräulein de Rencey's zu widerlegen, antwortete Rey­mond, genügt es, ihr einen gewissen Brief des Abbö zu zeigen. Ich trage ihn bei mir in der Tasche. Er ist an einen einflußreichen General, einen Freund Bonaparte's adressirt. Der General hat mir denselben geschickt, um ihn dem Besieger Egyptens zu senden oder persönlich zu überreichen.

' Sie conspiriren also doch, fragte die Stimme.

Ich? wahrhaftig nicht! Ich lasse nur die Andern conspiriren. Hier ist der-Brief. Ich vertraue ihn Fräulein de Rencey an, welcher ich all' meine Gedanken, auch die geheimsten, offen bekenne. Ich erbitte mir denselben morgen

ein edles Herz.

(Fortsetzung folgt.)

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Das heißt, Sie verlangen ein neues Rendezvous von mir? fragte die Stimme.

Ich ersuche Sie darum, Fräulein. Morgen, hier um dieselbe Stunde. Diese Thür wird verschlossen bleiben, wie jetzt . . .

Es fei, antwortete die Stimme.

Und eine weiße Hand ohne Handschuh zeigte sich am Schiebsenster. Sie nahm den Brief mit den Fingerspitzen in Empfang und zog sich sofort wieder zurück. Reymond war glücklich.

Jetzt, versetzte die Stimme, muß ich Ihnen noch erzählen, daß ein Be­such hier gewesen ist . . .

O, ich kann es mir denken, rief der Hauptmann, mein Freund Cha­teauneuf ! Fräulein, ich hätte Ihnen gern diesen Besuch erspart . . . aber mein Gefühl ließ cs nicht zu. Er hatte mir seine Absicht anvertraut, er hatte von mir verlangt, daß ich völlig darüber schwiege. Durfte ich durch eine Benach­richtigung mich einer Angeberei schuldig machen?

Sie sind rechtschaffen, sagte der Muscadin, frei aufathmend, denn er hatte bis jetzt gefürchtet, zu hören, daß ihn der Hauptmann verrathen habe.

Rechtschaffen? Ich hoffe es, Fräulein, antwortete er. Nun, was denken Sie von Chateauneuf?

Was denken Sie von ihm?

Ich? Sehr viel Gutes, mein Fräulein. Er ist ein Sprudelkopf, aber