Die Verschwörer von 1799.
Roman von de Saint-Felix.
(Fortsetzung.)
Helene hatte das erwartet; allein Herr Chateauneuf wurde grausam dadurch überrascht. Mehrere Male suchte er den Schläfer durch einige laut gesprochene Worte zu wecken. Helene errieth seine Absicht und sprach mit gebieterischem Tone und unvergleichlicher Ironie:
— Mein Herr, Sic sind zu gut und liebenswürdig, um meinen Vater einer Ruhe berauben zu wollen, welche ihm so woblthätig ist.
— Ich bin bereit, mich zu entfernen, mein Fräulein, antwortete Herr Cha- teauneuf, höchst erfreut über die sich ihm darbietende Fluchtgelegenheit.
— Sie wollten uns verlaßen, mein Herr? fragte Helene. O, nein! Sie können meinem armen Vater nicht diesen Kummer verursachen; er wird beim Erwachen nach Ihnen verlangen. Wollen Sie mich zu den Gartenspalieren begleiten ? Marguerite, mein Kammermädchen, wird uns mit zwei Körben folgen; ich muß etwas Obst pflücken.
Der Vorschlag lautete kurz und bündig wie ein Befehl.
Herr Chateauneuf nahm seinen Hut, seine Handschuhe und seine Reitpeitsche Er folgte Fräulein de Rencey und Margeruite ging hinterdrein.
Herr Chateauneuf kannte zu gut die vornehme Welt, um nicht zu wissen, daß er noch kein Recht habe, einer jungen Dame den Arm zu bieten, die, wie Helene in ihrem Garten mit ihm spazieren ging. Er schritt daher neben und sogar ein wenig hinter ihr her.
Bei den Spalieren angelangt, begannen die jungen Leute die schönsten Birnen der Jahreszeit zu pflücken.
Marguerite ward angewiesen, dieselben je nach ihrer Sorte auszusuchen und in die Körbe zu legen. Auf dem Rasen zwischen ihren Körben Platz nehmend, unterzog sie sich dieser Arbeit, wähnend Fräulein de Rencey mit unserm schönen Muscadin in einer großen Allee auf und ab wandelte.
Die Unterhaltung belebte sich; es war ein ernsthafter Moment
— Ich halte es für unnöthig, mein Herr, sagte Helene, Sie über den traurigen Zustand meines Vaters aufzuklären. Sie haben schnell genug die Wahrheit erkannt . . . Mein Vater leidet seit mehreren Jahren an einer Geistesstörung, welche um so unheilbarer ist, als sie sich an den vernünftigsten Reflek- tionen nährt, Alle Heilmittel sind versucht worben, bisher ohne Erfolg. Diese Krankheit ist höchst seltsam, sie stört durchaus nicht das Gedächtniß. Sie haben gesehen, daß mein Vater Sie vollständig wiedererkannte, mein Herr, und Sie an zahlreiche Familiendetails erinnerte.
__ Ich habe das allerdings gesehen, antwortete Herr Chateauneuf, und ich glaube, dem Kranken nach bestem Vermögen geantwortet zu haben . . .
— Wie man es nimmt, mein Herr, versetzte Helene. Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß Sie mir zuweilen etwas verwirrt schienen.
— Ihre Offenherzigkeit gefällt mir, mein Fräulein, sagte der Muscadin sehr piquirt. Meine Verwirrung konnte in der Anwesenheit einer Dame ihren Grund haben.
— Um's Himmelswillen, mein Herr! Die Complimente sind unter der re- publikanischen Regierung nicht mehr Mode. Ein Kompliment ist eine Lobeserhebung, eine Schmeichelei. Wir schmeicheln in Frankreich Niemandem mehr. Und wollte Gott, man hätte gewissen Personen in diesem unglücklichen Lande niemals geschmeichelt! Wie dem auch sei, mein Herr, Ihre Verwirrung hat mich sehr überrascht. Wenn ich nicht fürchtete, die Offenherzigkeit bis zur Grausamkeit zu treiben, würde ich Ihnen sagen, daß Sie für einen Mann von Ihrem Geiste und Stande unverzeihlich linkisch sind.
— O die kleine Tigerin! dachte Herr Chateauneuf. Wie sie doch mit ihren schönen Zähnen um sich beißt!
— Sie suchen sich nicht zu rechtfertigen, mein Herr? fuhr Helene fort. Sie haben keine Lust, sich zu revanchirm? . . . Was soll ich denn von Herrn Lhateauneuf denken, der mir als ein Bräutigam vorgestellt ist?
— Durch Ihren Herrn Vater vorgestellt, das ist wahr, mein Fräulein, erwiederte lebhaft der Muscadin.
— Und wer sollte das anders thun, wenn ick fragen darf, mein Herr? gab sie zur Antwort. Mein Vater leidet hinsichtlich mancher Punkte an Wahn
sinn, ich weiß es; aber was die Ehre seiner Familie und das Glück seiner Tochter betrifft, so hat er darüber, kann ich Sie versichern, die klarsten und vernünftigsten Gedanken.
Herr Chateauneuf senkte das Haupt und überließ sich den verschiedenartigsten Reflektionen. Er fühlte sich gedemüthigt vor der imponirenden Ruhe des Fräuleins de Rencey.
Zwei mächtige Gefühle kämpften in ihm: die Eifersucht und das bis auf'S Blut verletzte Selbstgefühl. Er suchte nach einem Mittel, den gewohnten Vor- theil jener Ueberlegenheit zu gewinnen, welche ihm in den Kämpfen seines Lebens so häufig genützt hatte. Er fand keinS.
Plötzlich kam ihm ein Entschluß. Er sprach bei sich selbst:
— Wenn der Hauptmann mein Jncognito verrathen und ihr seit gestern ein Billet zugestcllt hat, um mich vor ihren Augen zu demaSkiren, so schwöre ich, den Hauptmann zu verderben, und ich weiß, was ich dazu thun muß. Wenn der Hauptmann mir vertraut und sich jeder verrätherischen Benachrichtigung enthalten hat, so schwöre ich, eben so ebelmüthig, wie er, zu handeln und ihn nach wie vor zu beschützen, selbst in seiner Liebe.
Dieser letzte Schwur wurde dem Herzen des Herrn Chateauneuf schwer genug. Aber wir haben schon gesagt, es war eine edle Natur, welche hier kämpfte — eine Natur, welche sich auf Vie Pfade der Leidenschaft verirrt, aber dabei eine große Seele bewahrt hatte.
Solche Erscheinungen mögen selten sein,, aber sie kommen vor.
— Mein Fräulein, nahm Chateauneuf mit bestimmterem Tone das Wort, Sie haben vollkommen recht. Ich habe mich im höchsten Grade linkisch gezeigt. Ist das in Ihren Augen ein Verbrechen?
— Nein, mein Herr; allein ihre Verlegenheit bei der Beantwortung der Fragen meines Vaters könnte mir Zweifel an Ihrer Rechtlichkeit erwecken.
— Das heißt, Sie halten mich für einen Abenteurer, der sich einen fremden Titel und Namen angemaßt hat.
Helene de Rencey blickte Herrn Chateauneuf fest in die Augen, welcher diesmal ihren Blick, ohne zu erblassen oder zu erröthen, aushielt.
— Ein Abenteurer! antwortete Helene. O nein, mein Herr, das glaube ich nicht. In welcher Absicht könnte ein Abenteurer dies Haus betreten? Um uns zu bestehlen? wir sind arm. Meinen Ruf zu kompromittiren? er liefe Gefahr, wie ein ehrloser Räuber den Tod zu finden.
— Den Tod, mein Fräulein, und durch wen? fragte der Muscadin, Plötzlich vor ihr stehen bleibend.
— Durch mich selbst, antwortete Helene mit der größten Kaltblütigkeit.
Sie setzten ihren Spaziergang fort. Herr Chateauneuf betrachtete mit Bewunderung das schöne Profil des jungen, neben ihm herschreitenken Mädchens.
— Ich begreife, daß man dies Weib leidenschaftlich lieben kann, sagte er sich mit leidenschaftlicher Bewegung.
— Nimmt das Wunder? fügte Fräulein de Rencey hinzu.
— Nein, versetzte Chateauneuf, es entzückt mich. Und wie würden Sie es anfangen, einen tollkühnen Abenteurer zu tövten, mein Fräulein?
— Sehr einfach, erwiederte das junge Mädchen. Ich würde zwei Terze- role so auf ihn richten, und ich schieße sehr gut.
Bei den letzten Worten hatte Fräulein de Rencey hurtig zwei sehr schön gearbeitete Terzerole aus den Taschen ihres Gewandes gezogen, und richtete die beiden Läufe auf die Brust des Muscadins, welcher drei Schritte von ihr entfernt stand.
Wir müssen zu seinem Lobe bekennen, Herr Chateauneuf sprang weder zu- rück, noch erbleichte er.
— Es ist eine Probe Ihrer Rolle, welche Sie mich sehen lassen, nicht wahr, Fräulein? versetzte er lächelnd.
— Ja wohl, mein Herr, antwortete sie. Lassen Sie uns die Scene einmal aufführen. Ich mache £en Anfang: wer sind Sie, mein Herr? Ihr wirklicher Name?
— Gut, mein Fräulein, sehr gul! rief Herr Chateauneuf, noch immer im Bereich der beiden Terzerole. Jetzt kommt die Reihe an mich. Ich werde antworten. Aber verstehen Sie mich recht, es ist eine Rolle, welche ich spiele, um Ihnen gefällig zu fein.
(Fortsetzung folgt. )
Politis lche W u tt - s eh a u.
Berlin, 11. Oct. Der „alte Conservative" "in der „Kreuzztg." (Prof. Heinrich Leo) stimmt eine Jeremiade über den Verfall des altpreußischen Geistes an. > Es sei zwar nach 1866 nothwendig, daß spccifisch preußische Art weniger betont, deutsche Art und deutsches Interesse geneigter hcrvorgehobcn werde. Leo will vicß „nicht zu sehr beklagen"; aber, fährt er fort, Gott behüte uns nur, daß Damit nicht bei uns früher das preußische Gefühl zu sehr geschwächt werde, bevor das Deutsche dis zu einer vorkommenden Falles rettenden Energie erstarkt ist. Alles, was in der Welt Thatkraft beweisen soll, muß in gewissen Grenzen ein bornirtes sein; was ins Allgemeine verschwimmt, ist ohne Charakter, ist ohne Thatkraft. Gott erhalte uns also unsere preußi- sche Bestimmtheit, d. h. Bornirtheit und lasse uns nicht widerstandslos ins Deutsche verschwimmen, bettet dieß Deutsche ein stark Bornirtes geworden ist, so daß man sich auf dessen Charakter stützen kann." Der Conservative beklagt sodann, daß kein kräftiger Haß mehr vorhanden sei. „Seit unseren letzten Siegen", sagt er, „verschwinden nicht nur die Antipathien gegen Oesterreich, verschwinden auch die Antipathien gegen Baiern und Würtembcrg, die aus dem Kriege von 1806 in der Erinnerung der alten Generationen noch so scharf, zum Theil grimmig vor»
Händen waren, — sogar die Antipathien gegen Frankreich verdünnen 'sich gewaltig, und die jüngere Generation scheint sehr wenig geerbt zu haben von der Erinnerung satanischen Uebcrmuthes, dm die Franzosen in Deutschland, namentlich in Norddeutschland, vor Allem in Preußen von 1806 dis zu den Freiheitskriegen geübt haben." Dieses Dünnwerden unserer nationalen Bornirtheiten beklagt der Verfasser in tiefster Seele.
Berlin, 12. Oct. Die unlängst verfügte Rekrutenmaßregel hat zwar Nachschüsse zu den Matri- kularbeiträgey unnöthig gemacht, aber sie ist, wie uns von unterrichteter Seite mitgethcilt wird, nicht ausreichend gewesen, um eine Menge von Verlegen- heilen älteren Datums zu beseitigen. Die Maßregel hat nur das Anwachsen eines höchst gefährlichen Minus verhindert, indeß Ersparnisse sind durch sic nicht erzielt worden, Ersparnisse, die ausreichend gewesen wären, um frühere Vorschüsse, die sich die Militärverwaltung machen ließ, zurückzuerstatten. Der jährliche Etat ist immer nur ein ungefähres Bild von tyn Ausgaben und Einnahmen, die wirklich Vorkommen. Man sagt, die Errichtung des Bundes- Heeres nach preußischem Muster sei mit Opfern verknüpft gewesen, deren Höhe sich im Voraus nicht übersetzen ließ, und so hoch auch immer die Sach
verständigen mit ihren Etatsforderungen gegriffen hätten, so wären ihre Anschläge doch hinter dem wirklichen Bedürsniß zurückgeblieben. Zum Theil ist die Zehn-Millionen-Anleihe für die Marine schon der Armee zu Gute gekommen, denn es werden durch die Anleihe Ausgaben bestritten, die streng genommen der Armee-Etat auf sich nehmen mußte, und hat diese außerordentliche Geldquelle der BundeS- nulitärverwaltung Vortheile gebracht, so sind sie immer nicht so groß gewesen, daß alle Verlegenheiten durch sic beseitigt werden konnten. Es liegt das bloße Sparen in der absoluten Unmöglichkeit; auf das sparsamste wird schon jetzt in allen Brauchen gewirthschaftct. Soll ein vollständiges Gleichgewicht zwischen Ausgabe und Einnahme zum Vorschein kommen, ist eine weitere Armeercduction unerläßlich.
Prag, 12. Oct. Gestern Nachmittag hat in der Vorstadt Smichow eine große Volksversammlung stattgefunden, welche erst durch das Einschreiten des Militärs zerstreut werden konnte, wobei mehrere Verwundungen vorkamcn. Abends war die Ruhe wieder hergestellt. Heute erließ der Leiter der Statt- Halterei, General Koller, eine Proklamation, worin er zur Einhaltung der Ruhe und Ordnung auffordert, indem er erklärt: es sei seine Aufgabe, die gesetzliche Ruhe und Ordnung wieder herzustellen, er


