Einzelbild herunterladen

w

bei Herrn Göbel im Lindmhof, eine Treppe hoch, wozu die Mitglieder recht zahlreich erwartet werden.

Tagesordnung: 1) Vorstandswahl,

2) Rechnungsabhör,

3) Abänderung der Schießordnung,

4) Vorlage über die nicht eingegangenen Ertra-Beiträge,

5) Uebergabe des Schießplatzes an das 1. Jägerbataillon. Gießen, 14. Januar 1868. Der Vorstand.

w Gießen.

Morgen, Mittwoch -en IS. Januar, Abends 8 Uhr:

Vetter und Base.

Eine Familiengeschichte.

(Fortsetzung.)

Ja, krank am Herzen und am Willen, halb verrückt vor Sorgen," mur­melte Balder, und wandte sich ab.Ich habe heute Abend fünfzig Arbeiter entlassen müssen es war ein Jammer auf der Fabrik, daß mir die Ohren davon gellen! Es waren Verheirathete darunter, und der Winter ist vor der Thüre! Und wie bitter muß den Leuten erst die Armuth werden, wenn sie heute Abend die Fronte und die Fenster dieses Hauses im hellsten Kerzenschein über das Thal hin werden leuchten sehen, wenn der Nachtwind ihnen die fröhliche Tanzmusik hinüberträgt in die Vorstadt, und wenn sie ahnen, daß ich mit dem Gelde, was dieses Fest mich kosten muß, sie noch einen Monat länger hätte be­schäftigen können! Albertine, die Verwünschungen, welche heute Nacht über mich ausgestoßen werden dürften, kommen zum Theil auf Dein Haupt!"

Mich berühren sie nicht, und wenn sie so laut schrieen, daß sie unsere Tanzmusik übertönten," erwiederte Frau Balder kalt-Unser Ball ist allerdings theuer, allein der Zweck, den ich dabei im Auge habe, Roberts und unserer Kinder Zukunft . . ."

Und Deine ungemessene Eitelkeit und Prunkliebe, Albertine!" fiel ihr Gatte ihr düster in's Wort-Ich fürchte, Du irrst Dich in Robert gewaltig, und er billigt so wenig als ich den ungemeffenen unsinnigen Aufwand, welchen Du und Deine Töchter machen! Er ist Kaufmann und eines Kaufmanns Sohn; er kennt den Werth des Geldes besser als Du wähnst. Er wird mich verdam­men und meine lächerliche Schwäche, daß ich in solche tolle Verschwendung willigte, und er hat Recht ich verdiene den herbsten Tadel über meine Nach­giebigkeit; aber was soll ich thun, um mir Ruhe zu schaffen, jene Ruhe, die ich zu meinen Unternehmungen bedarf? Von Dir jedoch, Albertine, ist es un­verantwortlich, daß Du mit meiner Ehre und mit meinem Kredit so frevelhaft spielst, und um Deines zügellosen Ehrgeizes willen . . .

Schweig', Balder!" fiel ihm seine Gattin herb in die Rede;Du hast allein alle Schuld. Früher hast Du mich verwöhnt ich mußte Aufwand machen, Dir Kredit zu schaffen; ich that es und kann folgerichtig nicht wieder abbrechen und zurückgehcn, zumal nicht jetzt, wo wir zwei Töchter zu verheirathen haben. Warum hast Du meinen Rath nicht befolgt? Vor zehn Jahren ver­langte ich, Du solltest einen Theil Deines Kapitais aus dem Geschäfte ziehen, das Gut Sommerau dafür kaufen und auf mich und die Kinder einschreiben lassen, anstatt von Jahr zu Jahr neue Gebäude zu errichten, neue Maschinen anzuschaffen und die Fabriken und damit das Ristco zu vergrößern .... Wenn nun Deine Berechnungen fehlschlagen, und wenn ich den letzten Wurf thue, um wenigstens unsere beiden ältesten Töchter zu versorgen, so ist mein Gewissen um so ruhiger, als ich ja damals wirklich Recht hatte, wo ich meinen Willen wegen Sommerau durchsetzen wollte .... ein ganz praktischer Plan, welcher nur an Deinem Eigensinn, Deiner Kurzsichtigkeit und Verblendung scheiterte, aber Dir je länger desto mehr als gerechter Vorwurf auf der Seele brennen wird. Wie viel ruhiger könntest Du nun sein, wenn unsere Zukunft durch den Besitz eines Ritterguts gesichert wäre! . . ."

Eine Pause entstand; der Vorwurf mochte etwas gegründet sein und dem Fabrikherrn zu Herzen gehen; aber das heutige Fest, das so seltsam und ver- hängnißvoll mit der Entlassung der Arbeiter zusammenfiel, schien den Geist des Mannes ausschließlich zu beschäftigen.Ich rede nicht von vergangenen Dingen," sprach er dumpf;es handelt sich nur um die Gegenwart dieses Fest ist ein ganz nutzloses, eine rein muthwillige Ausgabe. Irgend ein Zufall kann Robert unterwegs aufgehalten haben, und er kommt gar nicht, und dann sind nicht nur Deine Erwartungen vereitelt, Albertine, sondern meine Feinde und Neider haben einen gegründeten Vorwurf mehr gegen mich in Händen, wenn . . . ."

Kein Wenn und kein Aber, Balder!" unterbrach ihn die Commerzienräthin, um ihn das gräßliche Wort nicht aussprechen zu lassen, vor welchem ihr selbst graute.Wenn Robert heute Abend nicht ankommt, von irgend einem Hinder­niß aufgehalten, so sind wir außer aller Schuld; aber es wäre ärgerlich, wenn wir uns mit diesem Ball vergebliche Mühe und Kosten gemacht hätten, um ihn zu bewillkoinmen!"

Rieth ich nicht, die Soirse noch um einige Tage hinauszuschieben, wenn sie je so unerläßlich war, wie Du sagtest? ....""

»Ja, dqmit Du Zeit gewannst, sie ganz zu vereitelen abgeneigt wie Du warst gegen mein ganzes Vorhaben!" sagte die Commerzienräthin.Aber genug davon! Die Sache ist nun einmal so, und zu geschehenen Dingen muß man das beste reden! Aber was für ein Brief ist das, den Du eben öffnest? Neue schlimme Nachrichten?"

Nein, nur ein Brief von meinem Bruder. Christian schreibt mir, sein Sohn Rudolph, den ich als zweiten Buchhalter in's Geschäft nehmen will, weil ich in solchen Zeiten nur zuverlässige und discrete Leute um mich haben muß, wo jede Indiskretion meinen Ruin herbeisühren kann," setzte er wie eine mil­

dernde Entschuldigung hinzu, denn er wußte, daß er seiner Frau eine sehr un­angenehme Mittheilung mache;Christian schreibt mir also, daß Rudolph heute Abend eintreffen wird, und ich wollte Dir nur sagen, Albertine, daß, wenn der junge Mensch noch nicht da ist . . . er jedenfalls noch heute kommen und bei uns hier absteigen wird

Hier? bei uns? und gerade heute, an unserm Gesellschafts-Abend? .. sagte die Commerzienräthin und ihr Gesicht erglühte vor Entrüstung.

Als ob Rudolph und fein Vater dieß hätten errathen können?" versetzte Balder trocken.Uebrigens kommt er vielleicht erst spät an und wird eure Freude nicht stören, woran jedoch auch nichts läge, denn ich denke, mein Geschäft geht vor eurem Vergnügen, und ich werde den Jungen schon hier unten beschäf­tigen. Du wirst also die Güte haben, einstweilen ein Zimmer für ihn Herrich­ten zu lassen, daß er ein Unterkommen findet, wenn er eintrifft!

Aber wir haben alle Gastzimmer voll, Gottfried! ich weiß ihn nicht mehr unterzubringen," sagte Frau Balder kalt und entschieden.Das beste Gastzim- wer haben wir natürlich für Robert gerüstet, und in den andere» beiden über­nachten die Fräulein v. Seewald mit ihrer Mama und die junge Gräfin Spaneck, denen wir doch nicht zumvthen können, bei solchem Wetter nach dem Balle zwei Meilen weit auf ihr Gut zurückzufahren. Also wird es wM das gerathenste sein, wenn ich im Englischen Hof ein Zimmer für den neuen Vetter vom Lande bestelle. . . ."

Nichts da! was fällt Dir ein! meines leibhaftigen Bruders Sohn sollte im Gasthof einquartiert werden, während wir hier landfremde Personen beher­bergen, die keinen anderen Anspruch an unsere Gastfreundschaft haben, als die Befriedigung Deiner Eitelkeit, einige adelige Damen auf eurem Balle zu sehen! Ich sage, Albertine, der Neffe Wird hier Aufnahme finden!"

Dann sorge Du für ihn ich weiß nicht Rath zu schaffen! Ich habe noch so viel zu sorgen und zu ordnen, daß ich kaum weiß wo mir der Kopf steht, und mich nicht um das Unterkommen eines solchen täppischen Bauern» burschen bekümmern kann!"

Bauernburschen? täppisch ?" wiederholte Herr Balder und die Galle ward ihm warm, so daß er seiner Fran einen Blick voll Entrüstung zuwarf; da sie aber denselben mit der kältesten Gleichgiltigkeit erwiederte, so begnügte sich Herr Balder am Ende mit einem Seufzer und stummen Kopfschütteln, und sagte: Nun denn auch gut! Wir Wollen einmal sehen, wer seinen Willen durch­setzt ! Ich werde mich an Paulinen wenden, damit Du und Deine vornehmen Töchter nicht von dem Bauernburschen behelligt werden!" Damit eilte er hinaus.

Die Commerzienräthin sah ihm erstaunt nach.Bah, es lohnt nicht der Mühe, sich darüber zu ärgern. Wenn nur Robert gewiß kommt, was liegt dann an dem Andern?!" Und so rauschte auch sie aus dem Zimmer und ging zu ihren Töchtern hinauf, um diesen die unholde Kunde zu bringen.

Das sind erbauliche Nachrichten!" rief Henriette ärgerlich;es ist doch abscheulich, daß uns jede Freude in's Wasser fallen muß. Nicht genug, daß Robert nicht zu kommen scheint, für den wir uns so sehr angestrengt haben, so muß uns Papa's Schwäche für feine Verwandten auch noch diesen Bauernbur- schen da auf den Nacken setzen! Natürlich wird ihn Papa nun schon uns zum Trotz in die Gesellschaft einführen, und er wird nicht so viel Takt haben, ent­weder Wegzubleihen oder sich wenigstens nicht für unfern Verwandten auszugeben. Mama, was ist da zu machen?"

Die Commerzienräthin zuckte die Achseln.Papa ist heute Abend so ge­reizt , Kinder! ich kann es nicht umgehen, diesen Rudolph hier aufzunehmen, aber wir geben ihm ein Dachstübchen . . ."

Und Du sagst, Stephan, er solle ihm bedeuten, daß er auf seinem Zim­mer bleiben möge, da Du ihn heute Abend nicht empfangen könntest! Nicht wahr, Mama?" fiel Henriette ein.

Nein, nicht so, Mama," bat Adelheid;wir führen ihn lieber hier ein und bitten einen unserer älteren Herren, ihn zu beschäftigen."

Wir haben feine älteren Herren eingeladen, denen wir ihn anvertrauen könnten," sagte Henriette schnippisch.Die alten Herren, welche der Vetter vom Lande heute hier trifft, sind lauter Männer, die sich ein Vergnügen daraus machen würden, diesen täppischen Vetter mit Champagner betrunken zu machen und ihn dann plaudern zu lassen ihm 'die Würmer aus der Nase zu ziehens, wie sie es nennen und dann morgen alles gleich weiter zu erzählen, damit die ganze Stadt auf unsere Kosten lache. Es ist abscheulich von Papa, daß er uns dieß angethan hat," setzte sie ärgerlich hinzu, so daß ihr die Thränen in die Augen traten;aber ich bin dafür, daß dieser Vetter vorn Lande nicht in die Beletage herab komme."

Sei ganz ruhig, meine Siebe!" erwiederte die Commerzienräthin mit eisi­ger Gelassenheit.Ich werde meine Maßregeln schon nehmen. Wenn euer Vater darauf besteht, seine ganze Sippschaft vom Dorfe hier einzunisten und ihnen Unterkunft zu geben, so werde ich gewiß dafür sorgen, daß sie der Familie keine Schande machen. Ich werde Papa schon den Kopf zurecht sehen. Aber nun ärgert euch nicht mehr, meine Kinder, sondern sputet euch, daß ihr mit dem Ankleiden fertig werdet." (Forts, folgt.)