Feuilleton.
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— Biete ich selbst.
— Es ist ein Wahnsinniger, dachte Bonaparte. Es giebt deren letzt viele. Er stand auf und wollte das Zimmer verlassen, als ihn der junge Mann den Rockschössen zurückhielt und die Worte sprach:
— Bleiben Sie sitzen! Ich komme soeben von Barras, wo ich mit dem
fuhr der General fort. ,
— Nehmen Sie an, daß es in Ihrem Interesse geschieht. Wünschen Sie Gewalt, ja oder nein?
— Wollten Sie mir dieselbe verschaffen, junger Mann?
— Gewiß nicht, antwortete dieser. Ich will Ihnen nur von einem Hinderreden, das Sie auf Ihrer Bahn finden werden.
— Ah, und dies Hinderniß?
General Bernadotte geplaudert habe.
Bonaparte nahm seinen Platz wieder ein. Er war etwas verwirrt und betrachtete von Neuem die Züge des Unbekannten.
— Mein Herr, sagte er, ich liebe nicht die Angebereien und ich bezahle keine Denunzianten. ,
— Was habe ich Ihnen enthüllt? fragte der junge Mann. Sie sind zu voreilig, Herr General.
So viel selbstbewußte Sicherheit hätte wohl jeden Andern außer Fassung gebracht.
Die Verschwörer von 1799.
Roman von de Saint-Felix.
(Fortsetzung.)
Der General Bonaparte, welcher nach seiner Rückkehr von Egypten häufig das Schauspiel besuchte, hatte für den Abend, von welchem die Rede ist, eine Loge für sich und zwei oder drei seiner Freunde reserviren lassen. Mad. Bonaparte befand sich nicht im Theater.
Jndeß hatte man dem General für den heutigen Tag eine sehr gesuchte Loge zur Verfügung gestellt. Es war eine der Proseeniumslogen des ersten Ranges, vor deren jeder sich ein Salon mit besonderem Eingang befindet.
Es genügte, daß der General den Wunsch aussprach, in's Theater zu gehen, um die Direktion zu bestimmen, für ihn die beste Loge zu reserviren, hätte man sich auch deßhalb mit der ganzen Regierungsmacht überwerfen müssen. Woher kam diese übertriebene Willfährigkeit? Ahnte man schon das Kaiserthum? Die Höflinge haben eine vortreffliche Spürnase . . . Rom trat an die Stelle von Sparta; schon ließ Bonaparte den künftigen Napoleon durchblicken . .
Die erwähnte Loge besaß ein kleines Vorzimmer. Man gelangte in dasselbe mittelst einer besonderen Treppe, deren Eingang sich in der Rue de Co- lonnes, jener egyptischen Straße befand, welche heutzutag gleich einem alten Kolosse in drei oder vier Stücke zerschnitten ist.
Bemerken wir beiläufig, daß Vie Eingangsthür, die Treppe und der kleine Salon heute noeh existiren. Dies an so berühmten Erinnerungen reiche Lokal wird gegenwärtig von einem Zahnarzte, gewiß einem höchst respektablen Manne, bewohnt, der aber vielleicht nichts von all' den glänzenden Erinnerungen ahnt, welche sein Atelier umschweben. Wenn dieser ehrenwerthe Burger ein wenig Charlatan wäre, könnte er aus seinem Aushängeschild und seiner Wohnung großen Vortheil ziehen. Aber kehren wir zu unserer Geschichte zurück!
Bonaparte war bei seinem Eintritt in die Prosceniumsloge mit den lebhaftesten Beifallsbezeugungen von Seiten des ganzen Publikums begrüßt worden. Als er im Theater erschien, stand alles auf. Es war Cäsar, der Besieger der Gallier, welcher sich im Podium des Amphitheaters blicken ließ.
Der General war an dem heutigen Abend von Lannes und Murat be- ülcitct«
Während eines Zwischenaktes öffnete die Logenschließerin die Thür, und Murat ging auf einen Wink der Frau einen Augenblick hinaus. Als er zurückkam, sagte er dem General einige Worte und fügte hinzu:
— Meiner Treu! an Ihrer Stelle würde ich in den kleinen Salon gehen, auf die Gefahr hin, eine Arie Martins zu verfehlen.
— Sei es! versetzte der General. Ich komme bald wieder zurück. Bleiben Sie in der Loge! .
Er verließ seine beiden Freunde und begab sich in den Salon, wo em junger Mann ihn erwartete. , , ,u
Auf ein Zeichen Bonaparte's entfernte sich die Schließerin. Die beiten Thüren wurden zugemacht. , ,
— Mein Herr, begann der General, Ihr Gesicht nimmt für Sie em. Ich beqe zu Ihnen Vertrauen. Was wünschen Sie von mir?
Er setzte sich auf ein kleines Sopha, gegenüber dem Kamin, in welchem ein Helles Feuer knisterte. Ein Armleuchter mit vier Kerzen brannte auf einem Consol. Der General sah nicht ohne Erstaunen den jungen Unbekannten mit der Ungenirtheit eines Prinzen neben ihm Platz nehmen.
— Ah, sagte er, ich wollte Ihnen gerade einen Stuhl anbieten.
— Danke General, erwiederte der Fremde. Man sitzt besser auf einem ©0^)0^ ptnb ^)r ungenirt, mein Herr . . . Was wünschen Sie von mir?
— Sehr wenia, antwortete der junge Mann ohne die geringste Verlegenheit.
— Dann warmes nicht der Mütze werth, mich zu stören, mein Herr, versetzte der General in sehr ernsthaftem Tone.
— Um Entschuldigung! Es ist für öte von größter Wichtigkeit.
_ Nun? fragte der General. Hat irgend ein Elender einen Anschlag auf mein Leben gemacht?
__ Nein, General. Ich komme einfach her, um Sie zu fragen, ob es wahr ist, daß Sie das Direktorium zu stürzen gedenken, um sich der Gewalt iu bemächtigen?
Bonaparte wandte sich lebhaft um und betrachtete das Gesicht des jungen Mannes, welches er nur im Profil erblickte. Dieser klopfte, ohne im mindesten außer Fassung zu gerathen, mit einem Rohrstöckchen auf seine Stiefelschäfte.
_ Mein Herr, fragte der General, was soll eine derartige Frage?
— Offenbar eine bestimmte Antwort erhalten.
— Sie sind sehr kühn, mein Herr!
— Versteht sich, antwortete der junge Herr. Wer nichts wagt, gewinnt nichts. Dem Kühnen gehört das Glück. ,
_ Welches Interesse haben Sie, eine solche Frage an mich zu richten?
— Sie besitzen unglaublich viel Kaltblütigkeit! versetzte er. Kommen wir zur Sache! Wer sind Sie?
— Warum haben Sie nicht gleich hiermit begonnen? antwortete der junge Mann. Wer ich bin ? Fragen Sie lieber, wer ich nicht bin? Ich wiederhole Ihnen, wenn Sie nach der Herrschaft streben, müssen Sie mit mir verhandeln. Ereifern Sie sich nicht; wir sind uns hier an Kräften gleich. UebrigenS mögen Sie vor Zorn grün und gelb werden, soviel es Ihnen beliebt.
— Mit Ihnen verhandeln, junger Herr! sagte Bonaparte. Und worüber denn, wenn ich fragen darf?
— Ich denke Ihnen weder die Geheimnisse des Direktoriums noch die Pläne Bernadotte's zu verkaufen, der um jeden Preis die Aufrechthaltung der Verfassung vom Jahre 3. verlangt. Jedem sein Vergnügen! Ich will Ihnen nur sagen: wenn Sie mit größerem Erfolg Ihre einzigen Pläne — fahren Sie nicht so auf! — verfolgen wollen, so müssen Sie einer gewissen Heirath, die Sie begünstigen, in den Weg treten, sonst . . .
— Nun? fragte der General.
— Sonst, fuhr ter junge Manu fort, werte ich dafür sorgen, daß Sie mit dem Hals in eine Schlinge gerathen, von ter Sie nichts träumen.
— Ihre Unverschämtheit geht zu weit, mein Herr! rief der General. Ich kann mir teufen, daß Sie wahnsinnig in eine junge Dame verliebt sind, welche heute Morgen bei Madame Bonaparte einen Besuch gemacht hat — denn um diese wird es sich handeln — ich kann mir denken, daß sie einen Nebenbuhler ausstechen möchten . . . aber meine Zukunft von Ihrem Glück oder Unglück abhängig machen wollen, das ist doch ein wenig stark!
— O, es ist sogar sehr stark, antwortete der junge Mann. Wollen Sie tiefe Heirath verhindern, ja oder nein ?
— Ich will, daß diese Heirath stattfinde, mein Herr.
— Dann müssen Sie darauf verzichten, an die Stelle des Direktoriums zu treten. Es ist abgemacht.
— Ich verzichte darauf, mit einem überspannten Menschen zu reden.
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, welche aus der Loge in den Salon führte. Ein Offizier erschien auf der Schwelle; es war der General Lannes. o
— General, sagte er, Martin tritt auf die Bühne. Wollen Sie kommen? — Gehen Sie! rief der junge Mann. Martin wird eine prächtige Arie singen. — Ich komme, antwortete ter General, sich gegen Lannes wendend, ter sich zurückzog unt tie Thür hinter sich zumachte.
— Sie flut noch immer da, an der Seite eines überspannten Menschen, Herr General, versetzte der rücksichtslose Spötter.
— Ihr Name, mein Herr, Ihr Name? wiederholte Bonaparte. Ich will
ihn erfahren.
— Der König von Frankreich sagte: wir wollen, antwortete der junge Manu. Ich will, klingt mir zu befehlshaberisch, Bürger. Ich bin nicht Ihr Soldat.
— Beim Himmel, wenn Sie es wären, rief der General aus, so würden Sie sich eines anderen Tones befleißigen.
— Das weiß ich, General. Aber ich bin ein guter Junge, vielleicht besser, als Sie denken. Ich gehorche nicht dem Befehl; dagegen bin ich gerne bereit, eine verzeihliche Neugier zu befriedigen. Ich heiße Chateauneuf.
Der Genera! sprang vom Sopha auf. Er stand aufrecht ba und betrachtete mit verschränkten Armen unverwandt die seltsame Persönlichkeit, welche vor ihm saß, und Deren angenommenen Namen und Charakter er recht wohl aus Den vertrauten Mittheilungen kannte, welche der Hauptmann Reymond ihm vor vierzehn oder vierundzwanzig Tagen auf Dem Wege von Frejus nach Valence gemacht hatte. „ ,
— Nun? fragte Der MuScaDin, sind Sie zufrieden? Sie sehen, daß ich in Die schöne Helene sehr wenig verliebt und sehr wenig Dazu geeignet bin, bei ihr Die Rolle Des Paris, viel weniger ober noch Die Des unglücklichen Menelaos zu spielen.
— Ich sehe, mein Fräulein, antwortete Der General, Daß Sie einen Charakter von unglaublicher Festigkeit und einen bewundernswürdig regen und in- triguanten Sinn besitzen. , ,
— Jntrignant! rief Chateauneuf aus, pfui doch! Ich tntngutre nicht, ich gehe mit unerschrockener Gradheit auf mein Ziel los. Das ist Die beste Diplomatie. Es ist auch die Ihrige, Herr General.
Die Logenthür öffnete sich abermals.
— General, sagte Murat, nur seinen Kopf mit dem schöngelockten schwarzen Haar durch Die Thürspalte streckend, Elleviou tritt soeben auf. Er wird gleich mit Martin das famose Duett singen. .
— Es ist wirklich famos, versicherte Der junge Mann. Gehen Sie doch,
General! ,, ,,
— Nein, antwortete Bonaparte dem General Murat, ich führe hier eine
ernsthafte Unterredung.
Die Thür schloß sich und der General lehnte sich in aufrechter Stellung dem Sopha gegenüber an den Kamin.
— Endlich hob Chateauneuf an, beginnen Sie, meine Worte ernsthaft aufzunehmen. Das ist für mich sehr schmeichelhaft. Sie wissen, wer ich bin — ich sehe es, und Ihr Offizier hat Ihnen im Vertrauen mitgetheilt, welchen Ern- floß ich besitze und welcher Art meine Beziehungen zu Den höchstgestellten Per- fönen Des Landes sind- Der schöne Herr Offizier ist ein Bischen indiskret. 9. itr einerlei! De minimis non curat praetor. Wenn Sie mich fragen, wo ich mein Latein gelernt habe, so antworte ich Ihnen, daß das ganze Institut, dessen Mitglied zu fein Sie so stolz sind, bei mir aus und ein geht. Kommen wir zum Schluß! Es handelt sich um eine Heirath; diese Heirath mißfallt mir, ich will sie hintertreiben. Wenn Sie dieselbe begünstigen, werde ich Ihr unveiionlicher Feind. Erwägen Sic wohl das Wort: unversönlich; es begreift ein ganzes Kriegssystem in sich. Ich habe Die Hand voll von Geheimnissen; wenn ich sie Der Oeffentlichkeit preisgebe, finD viele Leute verloren. Sie werden mich verstehen . . - Hiemit empfehle ich mich Ihnen, Herr General. Niemand bewundert Sie mehr als ich, aber Niemand.fürchtet Sie weniger. Als ein wichtiges Postseript möchte ich noch hinzufügen, daß Ihr Offizier, welcher so plötzlich reich geworden ist — Denn er hat mit blanken Louisd'or ein schönes Schloß gekauft — in Dem Rufe steht, sich dem Auslände, Den verbündeten Mächten verkauft zu haben, und daß cs mir eben so leicht ist, dies auf eine unwiderlegliche Art zu beweisen, wie dieses Rohr zu zerbrechen.


