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Politische Rundschau
4. armttabt, 7. Sept. Die in der Mitzenius'- schen Angelegenheit berufene Bürger-Versammlung sank heute Abend in dem großen Saale der Rit- sert'schcn Brauerei statt. Der ungemein starke Zudrang laßt auf das tiefgehende Interesse schließen, welches die Sache hervorgerufen hat. Die Bera- thungen wurden von dem Fabrikanten E. Reuter eingeleitct, zum Vorsitzenden Kaufmann und Ge- meinderathsinitglied PH. Köhler durch Acclamation erwählt, der zunächst dem Advocaten Ohly das Wort ertheilte. Der Redner führt sodann in längerem, öfter von lebhaftem Beifall der Versammelten unterbrochenen Vortrag das Historische der Angelegenheit den Zuhörern vor, weist insbesondere auf die dem freien evangelischen Geiste der protestantischen Kirche durch Verfolgungen und Maßregelungen, wie sie Seitens der sog. Altlutheraner u. A. gegen Pro- fessor Baumgarten geübt worden sind, drohende Ge- fahr hin, beleuchtet das Verfahren des Großherzogl. Oberconsistoriums gegen Mitzenius, welches beweise, daß diese Behörde eine der päpstlichen ähnliche Un- fehibarkeit für sich in Anspruch nehme. Schließlich verliest Redner den vom Comitö verfaßten Entwurf einer Adresse an den Landesherrn, als Bischof der protestantischen Kirche Hessens, welche in dem Ersuchen gipfelt, es möge dem Großherzogl. Obercon- sistorium aufgegeben werden, das gegen den Mitprediger Mitzenius eingeleitete Verfahren, als den Grund- principien des protestantischen Glaubens widerstreitend, alsbald cinzustellcn. Die Versammlung erklärt sich mit dem Inhalt des Adreßentwurss einverstanden und genehmigt, daß eine aus den Herren Ohly, Köhler und Reuter bestehende Deputation dieselbe dem Großherzog überreiche, nachdem das Schriftstück während eines angemessenen Zeitraums behufs Sammlung der Unterschriften offen gelegen habe.
Berlin, 6. Sept. Die vor einiger Zeit auf's Tapet gebrachte Börsensteuer soll bis jetzt noch nicht in Aussicht genommen sein, da sie, als man sie im Finanzministerium zur Sprache brachte, auf Bedenken stieß, die bis zur Stunde noch nicht gehoben sein sollen. — Der zu Breslau tagende volkswirth- schaftlichc Congreß hat sich für Herabsetzung des Reis- zolles von 1 Thaler auf 15 Sgr. und für Weg- räumung der die Ausdehnung des Eisenverbrauchs hemmenden EingangSzölle auf Roheisen und für Be- seitigung der Elbzölle ausgesprochen. Der nächste Congreß wird wahrscheinlich in Augburg staitfinden. — Die in Altona wohnenden pensionsberechtigten Offiziere der ehemaligen schleswig-holsteinischen Ar- mee sind in Kenntniß gesetzt worden, daß die schleswig-holsteinische Hauptkasse zu Rendsburg beauftragt worden ist, die ihnen seit dem 1. Juli 1867 ge- währte Unterstützung für die Folge als lebenslang, liche Pension zu zahlen.
Dresden, 7. Sept. Der König von Preußen ist heute Abend um 7 Uhr hier eingetroffen und wurde im Bahnhofe vom König von Sachsen in Begleitung des Kriegsminifters, der Generalität und des Offiziercorps begrüßt. Der Kronprinz Albert war dem König bis Röderan entgegengefahren, woselbst er ihm den Rapport über Vas zwölfte (sächsische) Bundesarmeecorps überreichte.
München, 5. Sept. Die schon im vorigen Jahr beabsichtigte Eintheilung der baierischen Armee in zwei Arnieecorps — um auch in dieser Be- ziehung eine Uebereinstimmung mit den Einrichtungen des norddeutschen Bundes zu erzielen — soll nun, wie man in militärischen Kreisen vernimmt, im nächsten Monat zur Ausführung kommen. Das erste Armeecommando würde seinen Sitz in München und das zweite in Würzburg nehmen. — Dem Vernehmen nach wurden die Regierungspräsidenten Zu Rhein und Gutschncider pensionirt und an ihre Stelle der Legationsrath Graf Luxemburg zum Regierungspräsidenten von Untersranken, Ministerialrath Procher zum Regierungspräsidenten der Oberpfalz ernannt.
Nürnberg, 6. Sept. Von dem heute hier abgehaltenen Arbeiter-Vereinstag wurde nach sieben- stündigen erregten Debatten der von Schweigel aus- gearbeitete Programm-Eniwurf mit Empfehlung des Ausschusses an die Bestrebungen der internationalen Arbeitcrassociationen nebst zwei Amendements, das eine von Eichelsdörfer und Sonnemann, das andere von Stuttmann eingebracht, welche die Bezugnahme auf das sogenannte Genfer Programm beseitigen, mit 68 gegen 46 Stimmen angenommen. Ein Theil der Minorität, unter Führung Pfeiffers und Hoch- bcrgers protestirte gegen den Beschluß und wird morgen früh eine Privatversammlung veranstalten.
Nürnberg, 7. Sept. Die heutigen Verhandlungen des Arbeitcr-VereinstageS nahmen einen ruhigen programmmäßigen Verlauf. Die Vereine, welche
gestern gegen den vom Arbeiter-Vereinstag gefaßten Beschluß protestirt hatten, erklärten heute ihren Austritt aus dem Verbände der Arbeitervereine. Die Versammlung ging über diese Erklärung zur Tagesordnung über, weil der Protest Fälschungen und Un- Wahrheiten enthält. Als Vorort wurde Leipzig und zum Präsidenten Bebel ernannt.
Stuttgart, 5. Sept. Gegen den greisen Bi- schof von Rothenburg ist seitens ultramontaner Geistlichen und Laien eine Denunciation an den Papst gerichtet worden, derselbe wisse den Einfluß der Kirche nicht gehörig zu wahren, die Erziehung und Bildung der angehenden Geistlichen werde nicht in katholischem Geiste geleitet, da in katholischen Convicten Lehrer wirkten, die nicht gut katholisch gesinnt seien und den liberalen Zeitideen huldigten. Der päpstliche Stuhl verlangte daraus, daß dem Bischof ein Coad- jutor gesetzt würde, die Regierung hat jedoch dieses Ansuchen abgelehnt. Das bischöfliche Ordinariat ist gegenwärtig beschäftigt, durch thatsächliche Erhebungen die Vorwürfe der Denunciation zu widerlegen. Unter den würtembergischen Katholiken herrscht große Entrüstung über diese ultramontanen Wühlereien.
Karlsruhe, 4. Sept. Am nächsten Montag findet hier und im Laufe der nächsten Woche im ganzen Lande die Wahl der Wahlmänner für die Kreisversammlungen statt. Die beiden großen Parteien des Landes rüsten sich zum Kampfe, doch wird voraussichtlich die Betheiligung beim Wahlgange keine starke sein, da das Institut im Ganzen beim Volke wenig Anklang findet, vielmehr nur als eine Anstalt betrachtet wird, um neue Umlagen zu machen. Dieß ist zwar im Allgemeinen unrichtig, da die Umlagen die alten bleiben und nur anders vertheilt werden; indessen liegt eben einmal ein gewisses Odium auf der ganzen Institution, da man nichts von ihr hört, als das Bewilligen von Geldern. Am heftigsten wird der Wahlkampf wohl im Seekreise verlaufen, wo die Nationalen vor Begierde brennen, die ihnen bei den Zollparlamentswahlen beigebrachte Schlappe auszuwetzen.
Triest, 4. Sept. Diesen Nachmittag traf der Lloyddampfer „Ferdinand Max" ein mit der Neber- landpost, enthaltend Berichte aus Calcutta bis zum 6. August, aus Bombay bis zum 11. August, aus Hongkong bis zum 24. Juli. Die Franzosen hatten wegen Ermordung mehrerer ihrer Landsleute volle Genugthuung empfangen. In Nangasaki (Japan) waren mehrere chinesische Christen zum Tod durch Ersäufen verurtheilt worden. Die europäischen Con- suln hatten dagegen remonstrirt, mit welchem Erfolge war bei Abgang des Schiffes noch nicht bekannt. Einem Gerüchte zufolge sollten in mehreren Depar- tementen der chinesischen Regierung zu Peking Europäer angestellt worden fein.
Paris, 7. Sept. Der „Constitutionncl" sagt: Die Sprache der „Nordd. Allg. Ztg." gibt den Beweis, daß man sich jetzt jenseits des Rheines eine richtige Idee von der Haltung der französischen Regierung und den nationalen Neigungen zu bilden vermag. Es wäre wünschenswerth, wenn die deutsche Presse überhaupt eine gleiche Unparteilichkeit zeigte. — Dasselbe Blatt bestätigt, daß der päpstliche Nuntius dem Minister Marquis v. Moustier keine Note übergeben habe. Die kaiserliche Regierung hat keineswegs die Absicht, ihre Truppen aus den päpstlichen Staaten zurückzuziehen. — Der „Eten- dard" meldet, Lord Stanley und Marquis v. Moustier hätten die friedlichsten Versicherungen betreffs aller wichtigen politischen Fragen ausgetauscht. — Der Zustanv des Grafen v. d. Goltz hat sich verschlimmert. — Die „France bestätigt, daß der Kaiser sich mißbilligend über die aufreizende Sprache der gou- vernementalen Presse Frankreichs ausgesprochen hat. — Dasselbe Journal will wissen, daß in Bulgarien neue Aufstandsversuche vorbereitet werden.
London, 6. Sept. Soweit sich die vorbereitenden Manöver und Gefechte in den Wahlkreisen des ganzen Landes für den bevorstehenden großen -olitischen Kamps im Dccember überblicken lassen, hat die liberale Partei an Stärke und Entschloss: nheit die Oberhand. Kaum ein Tag vergeht, wo nicht irgend ein Mann von Bedeutung sich mit Nachdruck nr die Hinwegraumung des großen Unrechts der irischen Staatskirche ausspricht, und aus den Nach- richten über die Wahlvorbereitungen ergibt sich, daß der denkende Theil der Nation überwiegend sich um den Wahlspruch „Gerechtigkeit für Irland" scbaart.
Vermischtes.
_ Gießen. Wir «ollen nicht unterlassen, das Publikum auf zwei aus dem bekannten Verlag von „C. (5. Meinhold u. Söhne in Dresden" hervorgegangene literarische Erscheinungen
aufmerksam zu machen, von denen die eine als Novität die andere als würdige Fortsetzung der früheren Jahrgänge auftritt
Das Erstere, mit einem guten Bildniß und kurzem Lebens- abriffe Mozarts versehen, enthält in seinem ersten Heft unter dem Titel': „Liederperlen deutscher Tonkunst, ein Sammelwerk iet besten deutschen Tondichtungen für eine und zwei Sinq- stimmen mit Pianofvrtebegleitnng, heransgegeben von Volkmar Schur,g" sieben beliebte Gesangstücke von Beethoven Havdn Schubert, Gluck. Mozart und Böhner s„Wie ist es möglich dann ...Das ganze Werk erscheint in Bänden von zehn Heften ü 5 Bogen Nvtenformat (das Heft kostet im Abonne-
Sssr., einzeln 7«/2 Sgr.), und kann nach Auswahl und Ausstattung der vorliegenden ersten Lieferung nur empfohlen werden. '
Die „Kinderlaube", deren ersten acht Hefte des sechsten Bandes vor uns liegen, ist seit ihrem Bestehen seit Jahren in d,e jugendliche Leseiwelt mit den glücklichsten Erfolgen bereits so tief eingedrungen, daß wir nur deßhalb hier auf dieselbe noch emmnl zuruckkommen, weil uns in mancher Beziehung ein Fortschritt gegen früher hervorzutreten scheint, besonders in der Auswahl der belehrenden wie unterhaltenden Aufsätze und Erzählungen, sowie der eingedruckten Zeichnungen und Bilder Wenn die Richtung, welche Jugendschrjsteu einhalten, bei dem /»^kängllchen Alter ihrer Leser doppelt schwer ins Gewicht fallt und eingreifend wirkt auf alle spätere Bildung und Charakteranlage, so kann die „Kinderlaube" in unseren Augen leder derartigen Kritik sich in der Zuversicht aussetzen, daß sie dieselbe bestehen wird.
Darmstadt, 31. Ang. Bekanntlich beabsichtigt man, auch die preußische Klassensteuer hier einzuführen. Die zu diesem Zweck vorgenommenen Probeabschätzungen sind qrößten- theils beendigt, z. B. in Michelstadt, und sollen zu dem Re- fultäte geführt haben, daß die neue Steuerart einen bedeutend höheren Ertrag wie die in Wegfall kommende Personalsteuer liefern würde.
Hssemstadt, 5. Sept. Das Eramen zum einjährigen Freiwilligendienst haben auö Starkenburg 58, aus Rheinhessen 43 aus Oberheffen 30 junge Männer gemacht. Obgleich dasselbe gegen das Vorjahr bedeutend verschärft war ist das Resultat als ein ganz besonders erfreuliches zu bezeichnen indem beiläufig 9/w d,e Prüfung gut bestanden haben.
Friedberg. „Abfall. August Schwenck, seither protestantischer Pfarramtseandidat, Vtear in König, Höchst,e. ic. ist zur römischen Kirche abgefallen!" — In vorstehender Weise theilt das „Hess. Kirchenblatt" seinen Lesern den Verlust eines seiner Getreuesten und Eifrigsten mit. Wer »übrigens den Da- hingegangenen und seine streng orthvdore Richtung gekannt wird in dem Neber,ritt desselben zur katholischen Kirche nichts ueber sch w en ckliches mehr erblicken können, sondern nur eine durch die vertretenen Ansichten gebotene Eonsequenz. Vivat segnens! erzählt man sich, soll der ermunternde Scheidegruß des nach Rom Abschwenkenden an seine Freunde und Gesinnungsgenossen gewesen fein zum nicht geringen Schrecken derer Frauen und Brautchen.
Herrieden, 31. Aug. Nur allmählig erholt sich die europäische Atmosphäre von der durch die heftigen Nvrdwest- sturme über England her eingedrungenen Eismeer-Temperatur welche in Gebirgsgegenden wieder Schneefälle verursacht batte" Obwohl sich im Westen unseres Erdtheiles ein hoher Liistberg SefiBbet, so sind die Luftdifferenzen Europa'g doch noch immer Swß und die Passate noch nicht so gelagert, wie es qewöhn- lich eine anhaltend schone Septemberwitterung bedingt) indem ver Passat quer nach den Längengraden Mitteleuropa durchzieht und ihm zu beiden Seiten nördlich und südlich zwei Antipassate parallel laufen.
Gotha, 7. Sept. Die Nachrichten über die deutsche Nordpol-Erpedition reichen bis zum 19. Juli aus 80i/2o nötb« Ucher Breite. Die Untersuchungen wurden bis 100 Meilen nor.'östlich von der Bären-Jnsel ausgedehnt, wo die Crpedition am 5. Juli ankam, während die schwedische Expedition erst am 22. 3uli dort eintraf und bis 27. Juli dort verweilte. Die „Germania" ging, weil das Eis und die Witterung das wettere Vordringen verhinderten, nach einer Landung auf Spitzbergen zum Zweck der Wassereinnahme, direct nach Norden Das Wetter war feit dem 10. Juli schön.
Frankfurt. Wenn früher ein wohlhabender junger Mann nach Frankfurt kam, mußte er zunächst außer einigen Hundert Gulden Stempeln -, Sporteln - und Advokatengebühren — denn ojme Advokaten war überhaupt nichts durchzufetzen — für die bloße Ertheilung des Bürgerrechts, je nach Vermögen, zwei drei und mehr Taufend Gulden zahlen. Hatte der junge Mann das Unglück, uuverheirathet zu fein, so mußte er seine Junggesellenschaft durch Zahlung einer weitern Summe von 1000 bis 1500 Gulden als Kaution sicher stellen, und diese Summe war unrettbar verloren, sobald sein Herz aus keine Frankfurterin fiel. Wollte er diese zum Beginne des Geschäftes nothwendige Summe also nicht verlieren, so war er schon gezwungen, eine Bürgerstochter zu heiratheu. Das ist jetzt anders geworden, die heirathssähigen jungen Männer heiratheu, von wo und wen sie Lust haben, ohne sich vorher die hohe Er- laubniß des Staates dazu einzuholen. Aber nun beklagen die sitzen gebliebenen Jungfrauen Frankfurts den Verlust „einer althergebrachten berechtigten Eigenthümlichkeit."
Italien. Nach der „Mailänder Zeitung" hätte Victor Emmanuel kürzlich auf der Jagd bei Valdieri in großer Lebensgefahr geschwebt. Er war beim Verfolgen eines Wilds auf einen mit Schnee bedeckten Felsen gerathen, von dem er nicht wieder herabkonnte. Da erschien, wie ehemals dem Kaiser Mar auf der Martinswand, ein Hirte des GebirgS, der ihn glücklich wieder zurückbrachte. Der König dankte auf's Herzlichste feinem Retter, schenkte ihm 1000 Scudi (etwa 2500 g.) und außerdem noch eine lebenslängliche Reute.
Newhork. 3m Auftrage des Senats' und Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten ist nunmehr ein Prachtband fertig gestellt worden, welcher unter dem Titel: „Tributes ol the Nations to Abraham Lincoln“ (Cbrenhuldigungcn der Nationen für A. Lincoln) auf 930 Seiten die öffentlichen Adressen imb, Beileidsbezeugungen bei dem Tode des Präsidenten enthält Der Adressen aus Großbritannien und den Colonien sind 456 auf 360 Seiten, ans der Schwei; 137 auf i2 Seiten, aus Italien 72 auf 51 Seiten, aus den Vereinigten Staaten 62 auf 89 und aus Frankreich 50 auf 132 ©eiten. Ans Deutschland sind folgende Adressen eingelaufen: Preußen 18, Oesterreich 9, Hansestädten 9, Baden 4, Baiern 3, Würtemberg 3, Hessen-Darmstadt 2, Braunschweig und Sachsen-Meiningen je 1.
Redaktion, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Cbr. Pietsch) in (Ziehen.
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