Feuilleton.
Vetter und Base.
Eine Familiengeschichte.
(Fortsetzung)
„Und darf man denn fragen, Herr Vetter, was Sie in einem einfältigen Gesichtchen lesen?" fragte Pauline lächelnd.
„Ich lese darin, daß Sie ein edles, gutes, reines Gemüth sind, gerade und offen, bieder und treu, das streng gegen sich und mild gegen Andere ist, das für Andere zu jedem Opfer bereit ist, das nie undankbar und selbstsüchtig sein kann, der Wahrheit unerschütterlich anhängt und . . ."
„Genug, genug, Schmeichler!" rief Pauline und suchte ihm ihre Hand zu entreißen, die er in seine beiden gefaßt hatte und an sein Herz drückte.
„Nein, lieb Väschen, Sie müssen mich ruhig enden lassen- Sie sind eine reine starke Seele, im Denken und Handeln eins. Sie sind ein Wesen, ganz geschaffen, einen Mann zu beglücken; Sie sind mir gut, und wissen, daß ich Sie im Stillen anbete und vergöttere . . ."
„Falsch gelesen, grundfalsch!" siel sie ihm beinahe heftig in's Wort. „Es ist wahr, ich verehre in Ihnen den Retter Jva's und des Oheims, den ehrlichen wackern Vetter, den edlen Freund, der mich vor den Unbilden der Tante und der Cousinen beschützt hat, — aber über diese Gefühle der Achtung hinaus kann und darf Ihnen das arme Waisenkind nichts zollen?"
„Pauline, liebes Väschen, ist dieß Ihr voller Ernst?" fragte der Buchhalter beinahe wehmüthig und vorwurfsvoll. „Dürfen Sie mir denn nicht so gut sein, wie ich Ihnen? Hat ein Anderer Rechte auf Ihr Herz?"
„Mein Herz?" erwiederte sie mit einem beinahe wehmüthigen Lächeln; „ach Du lieber Himmel, wer hat sich je um solch ein dummes Mädchenherz wie das meinige bekümmert? Mein Herz ist noch frei, und soll frei bleiben! Wie trüg' es denn zu dem Leiv der Verlassenheit noch das einer unglücklichen oder vergeblichen Liebe?"
„Einer vergeblichen, liebes Väschen?! Und wenn ich Ihnen nun sage, daß . . . ."
„Sagen Sie mir nichts, Herr Vetter!" fiel sie ihm erschrocken und heftig in die Rede: „ich will und darf nichts hören! Sein Sie barmherzig! Sie wissen ja, daß ein armes, abhängiges Mädchen wie ich, gar sehr seines Kopfs und seiner Kraft bedarf — wollen Sie mir beide rauben?"
„Zweifeln Sie denn an der Redlichkeit meiner Absichten, Pauline?"
„Nein, Vetter, aber dennoch . .
„Dennoch mißtrauen Sie mir?"
„Offen gestanden, ja, Herr Vetter!" sagte sie mit einem geraden Blick und ziemlich fester Stimme, obschon eine deftige Röthe über ihre Wangen hinflog. „Seien Sie erst was Sie scheinen, oder überzeugen Sie mich, daß Sie nicht mehr sind als Sie scheinen wollen, dann . .
„Nun? was dann? . . ."
„Dann soll Ihnen Antwort werden!" sagte sie hastig, und eilte aus der Thüre.
Der Buchhalter sah ibr betroffen nach, als er vergebens sie znrückzuhalten versucht hatte. „Da haben wir es, murmelte er; „sie ist scharfblickender und umsichtiger als alle anderen — oder sic hat irgend eines meiner Geheimnisse belauscht, ;— oder Vetter Rudolph hat mich ihr verrathen. Doch gleichviel, ich habe eine Tugend und einen Vorzug mehr an ihr kennen gelernt!" Und er ging nun gedankenvoll und tiefsinnig im Zimmer auf und ab, bis der Oheim herüberkam.
Der Commerzienrath schien noch aufgeregt vom vielen Reden und sein Auge flämmte, seine Wange glühte. „Rudolph, Junge!" Hub er an, „wenn Du einmal heiratbcst, so wähle Dir nur eine gescheidte, einsichtsvolle, gemüth- reiche Frau von anspruchslosem Wesen und starkem Charakter und halte sie lebenslang fein niedrig. Eine winzige Nachgiebigkeit, ein einziges Entgegenkommen von Deiner Seite bei einem schwachen Weibe, und der Hochmutysteufel hat sie mit Haut und Haar, und Du mußt in alles willigen!"
Der Buchhalter betrachtete seinen Oheim lächelnd und fragte: „Haben Ihnen die Damen noch tüchtig zugesetzt wegen des Verkaufs, lieber Onkel?"
„Nicht so sehr, Rudolph ! Meine Henriette ist ein kluges, wackeres Mädchen; sic begreift die Sachlage, und sie vermittelte sehr ernstlich bei ihrer Mutter, die natürlich noch allerhand Bedenken hat. Jetzt ist sie zwar leidlich ruhig geworden,^ aber wer bürgt mir dafür, daß ihr nicht über Nacht ein anderer Kopf wächst? Darum will ich konsequent sein und so entschieden und rasch zu Werke gehen, daß kein Rücktritt möglich bleibt!"
Sie haben ganz Recht, lieber Onkel! nur ein einziges Mal sein Sie fest und brechen Sie den Eigenwillen der Tante. Haben Sie erst die alte richtige Position wieder gewonnen, so ist cs ein Kleines, dieselbe zu behaupten. — Aber was gedenken Sie zuerst zu thun?■'
„Das sollst Du sogleich hören, Rudolph! Ich will Robert überzeugen, wie sehr ich ihm für seine wackere Hülfe verbunden bin, und wie sehr es mir mit dem Vorhaben Ernst ist, durch die vernünftigste Sparsamkeit die alten Scharten auszuwetzen. Ich will mich seines Vertrauens würdig zeigen. Daher sollst Du morgen alsbald das ganze Schlingelsvolk von Dienerschaft entlassen und ablohnen, sollst die Equipagen und Wagenpferde verkaufen, alle bis auf die Paar Braunen auf der Fabrik und die alte Droschke. Der Hausstand wird re- ducirt; Pauline als Wirthschaftcrin bleibt im Hause, dazu eine, Köchin, ein Stubenmädchen, ein Mädchen für meine beiden Töchter, — kein Lakai und kein anderer Müssiggänger wehr. Verstehst Du?"
„Vollkommen, lieber Oheim ! geben Sie mir nur Vollmacht I hab' ich diese schwarz auf weiß, so'hat es größeres Ansehen!"
„Ich schreibe sie Dir sogleich..— Hier! Genügt Dir das?"
„Gewiß, lieber Onkel! und was nun weiter?"
„Wenn mein Neffe zurückkommt, soll er uns bereits auf der Fabrik angesiedelt finden," fuhr Der Commerzienrath eifrig fort. „Ich lasse morgen früh die Zimmer ausräumen und scheuern — das Ausbessern und Verschönern verschieben wir auf die bessere Jahreszeit — Nachmittags aber sollst Du im Verein mit Paulinen und Jettchcn diejenigen Möbeln hinunterschaffeii lassen, welche früher in der alten Wohnung standen; Henriette soll sie Dir bezeichnen; ich will alles so eingerichtet wissen, wie es vordem war, ehe ich den thörichten Einfall hatte,. die Villa zu bauen. Hörst Du? Nur diejenigen Möbeln, welche allfällig nicht mehr vorhanden wären, sind aus den neueren in dem Salon dro
ben zu ersetzen, und auch dann nur von den bescheidensten . . . Warum schüttelst Du den Kopf, Junge?"
„Weil ich befürchte, lieber Onkel, daß ich selbst mit Ihrer Vollmacht diesem Auftrag nicht werde nachkommen können," erwiederte der Buchhalter. „Wird mich die Tante gewähren lassen?"
„Hm, Du hast Recht, Rudolph. Sie wird sich wie rasend geberden, wie immer. Und doch muß alles in ihrer Abwesenheit geschehen, wenn ich meinen Willen durchsetzen soll! Wie aber greife ich es an, daß ich sie beseitige?"
„Ganz einfach, lieber Onkel! bitten Sie sie, wenigstens in den ersten Tagen des Geredes, welches der Verkauf Hervorrufen wird, sich von hier zu entfernen ! Schicken Sie sie nach Erlau zu Ida, oder in die Residenz, oder wohin Sie wollen, ■— nur fort von hier!"
„Gut, Du hast ganz recht: sie soll auf einige Tage nach Erlau. Du weißt doch für alles Rath. Und dann sogleich eine Versteigerung von allem andern entbehrlichen Mobiliar und Inventar in der ganzen Villa!"
„Mit nichten, lieber Onkel! Damit mag es noch Verzug haben, bis der Vetter hier ist," versetzte der Buchhalter. „Lassen Sie uns nicht zuviel auf einmal wollen. Geben Sie mir nur noch Vollmacht wegen des Wohnungswechsels und Ausräumens. Und dann, wozu auch jetzt zu schlechten Preisen den ganzen Werth verschleudern, lieber Onkel? Wenn Robert das Landhaus vermiethen will, wie er beabsichtigt, so wird er ein Inventar von Möbeln, Taftlgeräthe, Betten, Silbergeschirr u. dgl. m. bedürfen, welches er Ihnen gerne abmiethen oder abkaufen wird!
„Um so besser, Rudolph! sagte Herr Gottfried Balder fröhlich. „Ich sehe schon, daß ich am besten thun werde, Dich allein gewähren zu lassen. Jetzt schreibe ich Dir eine Generalvollmacht, und lasse für alles Weitere Dich sorgen. Rur dieß will ich auf mich nehmen, daß Albertine Dir morgen den Platz räumt. Und dann genug für heute) Du braver treuer Junge Du! Ist doch wahrlich heute einer Der ereignißreichsten, fröhlichsten Tage, die mich Der liebe Gott Hai erleben lassen!"
16.
Der Buchhalter hatte sich angelegen fein lassen, den Weisungen des Oheims rasch und pünktlich nachzukommen. Sobald die Frau Commcrzienräthin auf das Anrathen ihres Gatten sich bequemt hatte, für einige Tage dem Gerede in Stocksheim auszuweichen und ihre jüngere Tochter in Erlau >u besuchen, wurde die Dienerschaft entlassen, abgelohnt unr jedem noch Der Lohn für zwei Monate vorausbezahlt; dann ward Der Umzug vorgenommen, und am Abend des zweiten Tages war die Villa öde und beherbergte niemand mehr als den alten Gärtner Zirkler und dessen Gehülfen, welche der Buchhalter beibehalten und Denen er Die Bewachung Der Villa überantwortet hatte.
Am Dritten Tage war man in Der frühem behaglichen Wohnung auf Der Fabrik ganz eingerichtet. Das Herrenhaus war zwar nicht so groß und prunkvoll wie Die stolze Villa Balder auf Dem Morgenbühl, aber äußerst wohnlich und sonnig. Auf Drei Seiten des Hauses Überschaute der Blick die Fabrikgebäude, die im Hufeisen um dasselbe her lagen; auf der vierten lag ein kleiner Garten mit einer englischen Anlage um einen See hemm, welcher das Wasserreservoir zu Den technischen Zwecken der Fabrik und gegen etwaiges Brandunglück bildete. Henriettens und Panlinens ordnende Hand hatte alle Möbeln und Einrichtungen so anfgestellt und arrangirt, wie sie ehedem gewesen waren, und Henriettens Gedächtniß hatte Die alten Eindrücke noch treulich genug bewahrt, um jedem Zimmer so viel wie möglich seine frühere Gestalt und Möbeln wieder zu geben.
Ms Der Commerzienrath diese Räume nach ihrer neuen Besiedlung zum ersten Male wieder betrat, überkam ihn eine tiefe Rührung; er ergriff die Hand Henriettens, welche ihn durch die ganze Wohnung führte, und sagte mit innig bewegter Stimme: „Mein liebes Kind, mir ist zu Mnthe, wie einem Manne, Der von einer langen, planlosen Wanderung in die Heimath zurückkehrt; so traulich und heimisch grüßen mich Diese Räume, in denen ich mein Glück erblühen unD mein Geschält um mich her wachsen und gedeihen sah! Mir ist wieder so wohlig und behaglich hier, tote wenn mir ein Alp von Der Brust genommen wäre. Wollte Gott, Dir und Deiner Mutter ginge es ebenso!"
• Henriette blickte mit ihren großen Augen voll Thränen zu Dem Vater auf unD sagte: „Was mich anbelangt, Papa, so theile ich ganz Dein Gefühl. Auch mir ist so frei unD behaglich hier, als wäre wirklich ein böser Traum unD ein beengenDer Zwang von mir abgestreift. Ich fühle mich so zufrieden in diesen natürlicheren Verhältnissen, und wir wollen zu Gott hoffen, daß die liebe Mutter auch zu dieser Einsicht kommt!"
„Ja, Gott gebe es!" sagte der Commerzienrath mit einem Seufzer, der aber nicht sehr sanguinische Hoffnungen aussprach. „Aber sich', sich', mein Jett- chcn! tote Du umgewandelt bist! das einfache Thibetkleiv steht dir besser, als die seidenen Fahnen mit all den Garnirungen und Falbalas, und das schlichtge- cheitelte Haar mit Dem Samnttbande paßt hübscher als Die früheren kunstreichen Coiffuren nach Dem Modejournal. Du bist ein gutes KlnD, Jettchcn, und Du wirst Dem Vetter nun noch besser gefallen als vvrDcnt! setzte er liebreich hinzu und streichelte ihr zärtlich Die erglübenDe Wange.
„Glaubst Du, bester Papa?" fragte sic unD lächelte durch ihre Thränen zu ihm herauf. „Ob ich ihm aber in Dieser Erscheinung besser gefalle oder nicht, Papa, ist mir am Ende gleichgültig, wenn nur mein Gewissen ruhig und zufrieden ist unD ich mir bewußt bin, meine Pflicht gethan zu haben. DieBor- schung hat mir die Augen geöffnet und wird mir helfen, daß ich sic nicht wieder gegen Die Pflicht verschließe."
„Amen!" sagte Herr Balder und umarmte sein gutes Kind. „Gott erhalte Dir nur immer ein einfältiges Herz und lasse Dich niemals wieder vom Satan des Goldes und des Stolzes geblendet werden!" Sic barg ihre Wange an seinem Herzen und umfing mit ihren Armen so zärtlich seinen Hals, als ob sie ihm ein Gelübde ablegen wollte.
(Fortsetzung folgt.)
Temperatur in Gießen, Februar 1868 :
niederste.................~~ $,0° R'
mittlere.................+ 3,24 „
Mittel früherer Jahre............— 0,05 „
höchste.................+ 10,5 „
Niederschlag: an 16 Tagen.......... 1.00 Par. Zoll.
„ ‘ Mittel früherer Jahre: an 13 Tagen . . 1,35 „ „


