Einzelbild herunterladen

Feuilleton.

Das Testament -es Großonkels.

Zehntes Kapitel.

(Fortsetzung)

Wiederum war ein Tag verflossen; es war am Morgen nach den im vo­rigen Kapitel beschriebenen Vorfällen; Harri saß mit seiner Mutter und Schwester beim Frühstück und unterhielt sich mit ihnen über das am vorigen Abend gege­bene Stück, als der Bediente mit den Tagesblättern und Zeitungen hereintrat, welche Harri sofort in Empfang nahm, und nachdem er einige Seiten und Spal- ten überflogen, der bei Tische aufwartcnden Dienerin irgend einen Auftrag er- theilte, um bas Zimmer zu verlassen. Dann gab er das Zeitungsblatt seiner Muttermund auf eine bestimmte Stelle hindeutend, sagte er:

Lies diese Neuigkeit, Mama."

Mad. Gratman nahm die Zeitung, las zuerst in Gedanken für sich und dann laut wie folgt:

Wahrscheinlich ertrunken. Gestern gegen Abend fanden einige Männer von Wewhawken, die sich zum Fischen an das Ufer des Flusses begaben, dicht am Wasser den Hut. Rock, Weste, Stiefeln u. s. w-, kurz den vollständigen Anzug eines Mannes. Da man vernruthete, der Eigenthümer dieser Sachen sei in der Nähe beim Baden begriffen, so schenkte man denselben zuerst keine Auf­merksamkeit, doch als Stunde auf Stunde verging, ohne daß der Eigenthümer zurückkam, so mußte man natürlich auf die Vermnthung kommen, derselbe sei beim Baven ertrunken, over es sei ihm sonst ein Unglück zugestoßen. Man stellte daher Nachforschungen an, doch nirgends war eine Spur des Vermißten zu fin­den^ weßhalb man die Sachen zusammen nahm und dieselben auf die Mayors- Office in Hoboken deponirte. Ein Verbrechen kann hier nicht stattgefunden haben, denn es fand sich sowohl die Uhr nebst Kette, als auch die Börse des Vermiß, ten, welche 9 Dollar in Noten und 2,35 Dollar in Silber enthielt. In der Brieftasche, die man in der Busentasche des Rockes fand, befanden sich verschie­dene Schriftstücke und Briefe, aus denen hervorgeht, daß der Vermißte John William Gratman heißt. W e wir hören ist dieser I. W. Gratman ein naher Verwandter oder Bruder des jetzigen Chefs der alten FirmaFletcher und Dry­deck", und war erst vor Kurzem von einer langjährigen Reise auf dem Continent Europas zurückgekehrt. Derselbe ist Verfasser einiger Bände Memoiren, die in englischem Verlage erschienen sind, und ist als Feuilletonist bekannt geworden. Er soll von früher Jugend auf mit seiner Familie auf gespanntem Fuß gelebt haben. Die auf der Mayors-Office hinterlegten Sachen stehen seinen Angehöri­gen zur Disposition."

Also ertrunken," bemerkte Harri, endlich werden wir Ruhe vor ihm haben."

Eveline war aufgestanden und an's Fenster getreten, um ihrer Mutter die hervorbrcchcnden Thräncn zu verbergen, während die Letztere erwicderte:

Wer weiß, Harri, wie das gekommen ist. Wahrscheinlich hatte er, wie gewöhnlich, zu viel Spirituosen genossen uud hat dann in der Hitze des Som­mers sich durch ein Bad Kühlung verschaffen wollen, und da hat ihn der Schlag gerührt."

Sehr wahrscheinlich, Mama," antwortete Harri,doch was kümmern uns die Verschwundenen V" Wird es sich der Mühe verlohnen, daß wir jenen Plun- der von der Mapor's-Office holen lassen, oder sollen wir das dem Schiffervolk droben lassen?"

Mit Nichten, Harri, ich will vielmehr selbst hinüberfahren und mir die Sachen geben lassen. Man kann nicht wissen, was jene Papiere enthalten mö­gen, die uns vielleicht noch compromittiren könnten."

Und sie klingelte und sagte dem hcreintretenden Diener:

Man lasse sogleich meinen Wagen vorfahren, Harri, willst Du mich be- gleiten?"

Verzeihe mir, liebe Mama, doch meine Gegenwart ist in den dringendsten Angelegenheiten unten in der Stadt nöthig, Du mußt mich daher dies Mal entscbulbigen."

Ich dächte, seitdem Du jenes Frauenzimmer nicht mehr zu fürchten hast und jener Mensch Dir nicht mehr lästig fallen kann, könnte bei Dir von drin­genden persönlichen Angelegenheiten gar nicht mehr die Rede sein."

Gerade am heutigen Morgen erwarte ich die Nachricht, liebe Mama, daß sie glücklich in den Hafen der Ehe eingelaufen ist, erst dann werde ich mich völlig sicher^ fühlen. Auch wünsche ich zu wissen, was man mir down town über die­sen Fall sagen wird."

Und wie gedenkst Du diese Nachricht von Andern aufzunehmen?"

Es wäre gar nicht übel, bei dieser Gelegenheit einige feurige Kohlen auf meines Bruders Haupt zu sammeln, ich werde daher die Beileidsbezeugungen mit ernster gefaßter Resignation entgegen nehmen."

Sehr richtig, mein Sohn, es ist Schade, daß wir nicht katholisch sind, in diesem Falle würde ich einige Messen für ihn lesen lassen. Adieu, auf Wie­dersehen , Harri!"

Auf Wiedersehen, Mama!" antwortete Harri.

Beide entfernten sich nach verschiedenen Seiten und Eveline blieb allein zu­rück. Sie wollte eben auf ihr Zimmer gehen, als ihre Zofe Annie geheimniß- voll mit den Worten auf sie zutrat:

Miß Eveline, Mr. Perry ist im Gartenpavillon."

Und ohne ein Wort zu sprechen, lcnkte Eveline ihre Schritte dahin.

Hast Du es schon gehört?" rief sie dem ihr entgegeneilenden Perry zu. Hast Du es in der Zeitung gelesen?"

Gewiß, liebe Eveline, und bin gleich hierher geeilt, um zu erfahren, welchen Eindruck dieser Unglücksfall hier hervorgebracht haben möchte."

Es ist schrecklich, Perry! So um's Leben zu kommen! Der arme Bruder, er hat nicht viel vom Leben gehabt!"

Und was hat Deine Mutter von diesem Vorfall gesagt?"

Ich habe kaum darauf gehört, Perry, laß uns davon schweigen, laß uns lieber von ihm reden, glaubst Du, daß er wirklich ertrunken ist, Perry?"

Und was denn sonst," antwortete Perry,war Dein Bruder dabei, als die Nachricht kam?"

Er war der Erste, der sie las und unserer Mutter die Zeitung gab." «Und was sagte er dazu?"

Du weißt, Perry, daß Harri und John nie Freunde gewesen sind," er» w"derte sie ausweichend;er ist gleich darauf ausgegangen."

Und hat denn Deine Mutter kein Zeichen der Betrübniß laut werden lassen?"

Doch, Perry, sie fährt hinüber nach Hoboken, um nähere Erkundigungen etnzuziehen und um die gefundenen Sachen in Empfang zu nehmen. Denkst Du, daß man die Leiche finden wird, Perry?"

Möglich," antwortete er,wenn man sich Mühe giebt."

Ich werde Mutter darum bitten, daß sie darnach suchen läßt. Oh, der arme John! Und doch ist ihm wohl, denn er ist jetzt bei seinem Vater bei seinem Vater er hatte einen Vater, und ich hatte keinen," und sie brach in Thränen aus.

Du hattest aber eine Mutter, und er hatte keine. Glaube es mir, theure Eveline, er ist sehr, sehr unglücklich gewesen, ich weiß es, denn ich habe ihn ge- kannt, und noch am Tage vor seinem Tode war er bei mir. Er hoffte auf bessere Tage, er schien glücklich zu sein, und jetzt?"

War es denn nicht möglich, daß Du ihn bewegen konntest, von dem wüsten Leben abzulaffen?"

Wüstes Leben?" fragte Perry.Ich höre Deinen Bruder Harri aus diesen Worten. John führte dasselbe Leben, wie ich es führe und wie hundert Andere es führen, denen auch nicht das Geringste nachgesagt werden kann. Du würdest nie Ursache gehabt haben, über diesen Bruder zu erröthen, und Deine Mutter hätte stolz auf tiefen Sohn sein können. Mögen Sie jetzt sagen über ihn, was sie wollen, glaube es nicht, denn wenn er sich rechtfertigen könnte, würde er der Welt schon beweisen, wer Recht und wer Unrecht hätte."

Perry dachte nicht an's Heimgehen; unter Gesprächen um den verlorenen Bruder verfloß Stunde auf Stunde, und sie überhörten selbst das Rollen des Wagens, das Klingeln an der Hausthür, das Hin- und Herlaufen im Hause, welches durch die Rückkehr der Mutter von Hoboken verursacht wurde.

Mad. Gratman trat in den Salon, und da sie sich allein sah, ließ sie sich auf einen Divan nieder und begann einen Brief von Neuem durchzulesen, den sie erbrochen in der Hand hielt.

Also endlich werde ich in den Besitz dieser schändlichen Blätter kommen," begann sie, welch' ein Glück, daß ich hinüberfuhr, um mich seiner Papiere zu bemächtigen! Hier haben wir also die Gewißheit. Ein Brief, adressirt an mied, er enthält eine Originalseite von meines Mannes Hand, und das Andere ist Copie von seiner Hand. Also ist es doch wahr, und diese Papiere exiftiren!"

Und sic begann langsam zu lesen:

Dieses Buch, wünsche ich, soll meinem ältesten Sohne zugestellt wer­den, wenn er das fünf und zwanzigste Jahr zurückgelegt hat, auf daß er, wenn er das Alter der Erfahrung erreicht, einen Begriff davon be­komme, was sein Suter hier auf Erden gelitten hat. Ja, ich muß es hier gestehen, im Angesichte des Todes, daß es keine Seelenleiden. ,vaß es keine schmerzen giebt, die ich nicht habe empfinden . ystit

meiner Verheirathung mein Leben nichts weiter gewesen t|», -v^e.ne lange Kette der Pein und Qual, und baß ich jeden Tag, bis zu meinem letzten Athemzuge, den Tag meiner Verheirathung verfluchen und ver- wünschen werde. Ich trage die unheilbarste Krankheit im Herzen, ich bin selbst Arzt, ich weiß, daß ich nicht vier Monate mehr unter meinen Lieben wandeln werde. So wahr wie ich jetzt an der Schwelle des Grabes stehe, so wahr spreche ich hier die Wahrheit. Diejenige, die mir mein ganzes Leben zu einer fortgesetzten Qual, zu einer wahren Hölle gemacht, die Alles gethan hat, was in ihren Kräften stand, um mir jede Stunde des Lebens zu verbittern, die mich verfolgt hat, wie das personificirte Princip des Bösen, die meinen Tagen den Frieden, meinen Nächten den Schlaf geraubt hat sie ist---

Dein Weib! ' rief sie aus, und zermalmte fast das Papier in ihren Hän- den.Warum konntest Du das Geheimniß nicht bei Dir behalten," rief sie wüthend aus,Alles wäre gut gewesen und er hätte nie etwas erfahren! Warum konnte das Geheimniß nicht mit Dir sterben! Doch jetzt soll es sterben! Der Vater ist todt und der^Sohn ist tobt, und ihre Gedanken sollen auch tovt sein, nur ich will leben. Sie sollen vergessen werben unv mich wird die Welt be­wundern, denn ich bin eine gute, fromme Mutter. So sollen es die privilegir- ten Diener des Herrn verkünden, dieses heuchlerische Gesindel!"

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und ein Diener meldete:

Der Ehrwürdige Herr Drusen."

Kommt gerade wie gerufen, antwortete Mad. Gratman,laßt ihn ein- treten."

Das Gesicht der Mad. Gratman hatte schnell einen anderen Ausdruck an­genommen, es gelang ihr sogar, ihren Augen ein Paar Thränen zu entlocken- und als der Preoiger Drusen in den Salon trat, bot sie nichts als ein treues Bild des tiefsten, stummen, doch ergebenen Schmerzes. Sie reichte dem Geist­lichen die Hand und begrüßte ihn mit den Worten:

Das ist schön von Ihnen, Ehrwürben, daß Sie meiner im Unglück ge- vcnken; wahrlich, ich gedachte nicht, als ich vor wenigen Tagen bet Ihnen war, daß ich Sie so balv unter solchen Umständen Wiedersehen müßte."

Ich will nicht hart fein, meine Tochter," crwiebctte der Geistliche,jetzt aber ist zur Versöhnung keine Zeit mehr, er hat den Groll seiner Mutter mit in fein frühes Grab genommen.

Ich verdiene Ihre Vorwürfe, Ehrwürden," antwortete Mad. Gratman, doch das Wenige, was ich noch gut machen kann, will ich wieder gut machen, helfen Sie mir bei diesem Werke. Ich versichere Sie, bei meiner Ehre und Seligkeit, daß ich die Absicht hatte, mich mit meinem Nettesten zu versöhnen, ihm meine Mutterarme zu öffnen und die ganze Vergangenheit zu vergessen. Sie mögen es mir glauben, oder nicht, doch ich gebe Ihnen Cie heiligste Versicherung, daß dem so ist, meine Kinder können es bezeugen. Jetzt freilich bleibt mir nur wenig zu thun übrig."

«Möge der Allmächtige Ihnen beistehen, das, was Ihnen noch zu thun übrig bleibt, zu erfüllen."

(Fortsetzung folgt.)