Ertra-Beilage zu Nr. 16 des Auzcigeblattes.

Die Ncdaction

Rundschau.

Anzeige-Blattes für Provinzialhauptstadt Gießen.

Die diplomatische Sprache zwischen Preußen und Oesterreich wurde immer gereizter, man rüstete gegenseitig erst heimlich, dann offen, jeder suchte dem andern die Schuld zuzuschicben, um sich im Auslande, sowie bei den deutschen Mitrelstaaten keine Gegner zu schaffen. Nachdem Preußen mit Italien ein Schutz- rind Trutzbüudniß geschlossen, begann cs gegen Oesterreich vorzugehen, indem es dasselbe anklagte, die bestehenden Lcrträge gebrochen zu haben. Damit sei auch cs an dicsclben nicht mehr gebündelt, und sein Mitbesitz in Holstein trete wieder ein.

Den Worten folgte alsbald die That. Der seitherige Gouverneur von Schleswig, Mantcufel, rückte mit seinen preußi­schen Truppen in Holstein ein, die Oesterreicher , nm unnützes Blutvergießen zu sparen und die Brigade Kalik, die seither Holstein besetzt hatte, nicht zu opfern, zogen sich nach Altona zurück, und der Herzog von Augustenburg, der bis dahm m Kiel residirt hatte, war gezwungen, das Land zu verlassen, um nicht in die Hande der Preußen zu fallen. Der Wortkrieg war hiermit beendet, die Waffen mußten allein entscheiden. Die furchtbarsten Rüstungen folgten den bereits vorangegangenen auf allen Seiten nach. Von zwei Seiten, nördlich von Preußen, südlich von Italien bedroht, erinnerte sich Oesterreich wieder seines lange Zeit vergessenen Freundes, des deutschen Bundes, dessen Rechte es im Bunde mit Preußen mit Füßen getreten hatte und suchte den unlösbar gewordenen Knoten durch dessen Hilfe zu löseu. Das formale Recht dieses Bundes wurde wie­der von österreichischer Seite anerkannt, aber diese Anerkennung schloß nothwendigerweise eine nur uoch größere Zerklüftung, ja Auseinandersprengung des Bundes in sich, indem er in Mitlei­denschaft gezogen wurde und sichfür" oderwieder zu eut-

scheiden hatte. , ......

Der 14. Juni des Jahres 1866 war der denkwürdige Tag, der den Kampf von ganz Deutschland entschied. Die Bun­desversammlung stimmte an diesem Tage mit 9 gegen 6 Stim­men dem Anträge Oesterreichs auf Mobilisirung der Bundcs- armee bei uiid zwar in der Weise, daß das 7 bis 10 Armee­corps (alle nicht preußischcn und nicht österreichischen) mobilistrt würden. Preußen gegen das allein diese Mobilisiiiing gerichtet war, erklärte nach diesem Beschlüsse alsbald seinen Austritt aus dem Bunde und erließ bald darauf au die verschiedene« deut­schen Mittelstaaten die Aufforderung, entweder auf seine Seite zu treten und den von ihm erstrebten Bundesreformplan anzu- nehmcn oder als Feind betrachtet zu werden.

Die kleineren nördlichen Staaten fügten sich. Hannover, Kurhessen, Nassau, Großherzogthum Hessen, Baden, Würtem- berq, Bayern, Sachsen und einige der kleineren Sachscnlander ' weigerten sich dagegen, Preußens Fahne zu folgen und erklärten, ftrenq an dem Bundesrecht festhakten zu wollen. Der größte und mächtigste Theil der Mittelstaaten stand sonach auf Oester­reichs Seite und war von um so größerer Gefahr für Preußen, als Kurhessen und Hannover sich wie ein Keil zwischen dessen Hauptlande (Rhein-Preußen und Ost-Preußen) gezwängt hatte. Während darum die Hauptarmeen Preußens und Oesterreichs sich zum Eutscheidungskampfe an der schlesischen Gränze sam­melten, die österreichische Brigade Kalik von .Altona den 9tud> zuq über Hamburg, Hannover, Kurhessen :c. angetreten hatte, sielen 3 kleinere preußische Corps in Hannover, Kurhessen und Königreich Sachsen ein, das erstere unter dem General von Falkenstein, das zweite unter dem General von Beyer, das dritte unter dem General von Herwarth.

Diese That bestimmte den deutschen Bund zur Beschleu- niguug seiner Schritte. Ein Obercommandant wurde m dem Prinzen Karl von Bayern ernannt, ebenso die Kommandeurs der verschiedenen Armeecorps bestimmt. Derjenige des 8. Armee­corps, zu welchem unsere darmstädtischen, sowie die wurtember- qischen und badischen Truppen gehören, ist ein Pnnz unseres Hauses, der schon im letzten österreichischen Kriege gegen Italien mit Auszeichnung genannte Prinz Alexander von Heffen. Wah­rend dieser seine Truppen bei Tarnistadt zusammeuzog und all- mählig nach Frankfurt und Friedberg vorrückte, hatte sich bereits ein Theil des Kriegsdramas abgespielt.

Den Kurhessischen Truppen war es noch gelungen, dem von Gießen über Marburg nach Cassel vorrückenden General

Während in den vergangenen letzten 50 Jahren fast alle Länder der Erde von politischen Umwälzungen und Kriegen heimgesucht waren, insonderheit Frankreich sich wieder unter den Napoleoniden zu einem Kaiserreich erhob und die vereinigten Staaten Nordamerikas in der Niederwerfung der Sclaven- barone ihre Einheit retteten, erfreute sich unser gesegnetes Paterland eines Friedens, der alle Quellen des Wohlstandes öffnete und Industrie uiid Handel zu nie gekannter Größe em- portrieb. Wäre cs in diesen Friedensjahren gelungen, den berechtigten Drang des gestimmten Volkes nach Einheit zu stillen und die verschiedenen Stämme unter gleichen Rechten, Pflichten und Lasten zu vereinige», so würden wir in der Ge­genwart nicht an einem so fürchterlichen Abgrunde stehen. Dre Eifersucht der beiden deutschen Großmächte wäre auf diese Weise abgeleitet, die furchtbare Militärlast von den Schultern Preußens genommen, und das Ganze gekräftigt worden. Cs sollte nicht also sein. Die alte Narbe der Uneinigkeit Deutsch­lands brach wieder auf, und zwar au einer Stelle' wo maii es am allerwenigsten hätte erwarten sollen. .

Das lang gepflegte und geliebte Schmerzenskind Schleswig- Holstein, das nach kurzem, wenn auch hartem Kampfe vou Däne­mark losgerissen worden, gab die äußere Veranlassung. Anstatt dieses Land unter seinem'angestammten Herzoge Friedrich von Auaustenburq zu vereinigen, behielten es die beiden erobernden Großmächte Preußen und Oesterreich, nachdem sie zuvor den deutschen Bund.in dieser Sache unschädlich gemacht hattem m ihrem Besitz und prüften daran ihre Kunst, den bestmöglichsten Vorteil gegenüber dem anderen daraus zu ziehen. Preußen er­strebte den Alleinbesitz, Oesterreich eine jedenfalls entsprechende Entschädigung an anderweitigem Besitz. Die Gegner hielten sich die Wage, ein Ausschlag wollte nicht erfolgen, und der Ver­trag voii Gastein der Schleswig in den Alleinbesitz Preußens, Holstein in den Alleinbesitz Oesterreichs lieferte, war so gestaltet, daß eine jede Parthie in ihm einen Sieg erfochten zu haben glaubte. Oesterreich tröstete sich dabei, an einem Kriege vorbel- qekommen zu sein, ohne eines seiner Rechte aufgegeben zu haben, Preußen hoffte, mit der Zeit einen Umschlag m der Gesinnung Schleswigs bewirken und es mit Sack und Pack m sein Lager führen und seinem Lande eiuverleiben zu können (annectlren). Letzteres wollte nicht gelingen. Die Stimmung in Schleswig wurde sogar gegen Preußen erbittert. Dies, sowie der innere Verfaffungskampf in Preilßen selbst, der mit aller Macht gegen das Ministerium Bismark-Schöuhausen geführt wurde, orangte dieses Ministerium zu entscheidenderen Schritten. Das Groß- Preußenthum konnte nicht bloß den Sturm im Innern stillen, son­dern auch die gewünschte Vergrößerung Preußens herbeifuhren.

richtet werden.

Wo aber könnten wir damit besser beginnen, als gerade an dem verhängnißvollen Jahre 1866, durch dessen erschütternde Ereignisse die seit 50 Jahren bestandene Ordnung gestürzt ist und auf deren Trümmern ein neues Deutschland jetzt gegründet werden soll. Wir werden uns gänzlich fern halten von jeg­licher Parteinahme und nur die Thatsacheu. reden fassen.

Gießen im Februar 1867.

des die

Vielseitig an uns gerichtete mündliche und schriftliche Wünsche:

Dem Anzeige-Blatte auch insoweit mehr Ausdehnung zu geben, daß wir für die Folge kurzgcfaßte Nachrichten aus den verschiedenen deutschen Ländern und auch dem Auslande im Abdruck bringen möchten, da das Interesse hierfür täglich wachse, und cs nicht Jedem vergönnt sei, eine kostspielige Zeitung halten zu können."

veranlassen uns von jetzt ab in einerRundschau" wöchentlich das Wissenswertheste unseren Lesern mitzutheilen, wodurch sie beständig von den Vorkommnissen im größeren und engeren Vaterlaude sowohl, als auch von denen im Auslande unter-