Ausgabe 
20.4.1867
 
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Tie italienische Ministerkrisis ist beendigt, und Rattazzi hat ein neues Cabinet constituirt. Tiefer Wechsel wird die frii- heren freundschaftlichen Beziehungen zwischen Italien und Preußen kaum enger knüpfen, da Rattazzi viel zu sehr ein blinder Verehrer Frankreichs ist.

Die orientalische Frage ist bei dem vorwiegenden In­teresse an dem luxcmburgcr Handel mehr in den Hintergrund gedrängt worden. Tie Pforte hat den Rath einer Abtretung CankiaS an Griechenland mittelst Abstimmung der Bevölkerung verworfen, und man scheint ihr vorläufig die Verantwortlichkeit für ihr Verfahren überlassen zu wollen.

Aus Amerika erfahren wir, daß der Senat der Vereinig- ten Staaten den Vertrag mit Rußland über den Ankauf der rnssisch-amerikanischen Provinzen saft einstimmig ratificirt hat, und nach republikanischen Berichten aus Mexico wollie der Kaiser Maximilian gegen Zusicherung der Amnestirung aller ihm treu gebliebenen Eingeborenen capituliren. Die Besatzung der Haupt­stadt wird aus 14000, die von Puebla auf 6000 Mann an­gegeben.

Aus Paris bringt dieRh. Z." folgende Warnung für T) eu 11 d) e. Tie zur Ausstellung herkommenden Teutschen werden daraus aufmerksam gemacht, daß die politische Spio­nage zur Zeit wieder in höchster Blüthe steht, und daß die französisch geschulten Horcher eine ganz besondere Fertigkeit darin haben, Jemanden gerade zu den Aeußerungen zu veranlassen, die sich ihnen zur Verwerlhung eignen. Tiefe Agenten treiben sich nicht bloß hier umher, sondern sie sind auf allen Eisenbahnen, die vom Rhein und von Belgien nach Paris führen, selbst im Auslande beschäftigt. Es versteht siä) von selbst, daß diese Stützen des napoleonischen Systems der teutschen Sprache wäch- tig sind. Viele sind Elsässer und deshalb zuweilen an der eigen- thümllchen Mundart zu erkennen; aber leider giebt es unter ihnen auch manchen geborenen Deutschen, der hier äußerlich in solchen Verhältnissen lebt und dem Lantsmannc, den er aus's Korn nehmen will, mit solcher scheinbaren Herzlichkeit entgegen» kommt, daß er das Zutrauen eines arglosen Menschen wohl ge­winnen kann. Selbst von den ehemaligen politischen Flüchtlingen aus Deutschland Hal sich ter Eine oder Andere an die franzö­sische Polizei verkauft. Es ist fast fein Stand, der bei der Spionage nicht vertreten wäre, der Stand der Literaten und Mitarbeiter an Zeitungen nicht ausgenommen. Man sei in Frankreich gegen Jedermann, über dessen Persönlichkeit man nicht ganz genau unterrichtet ist, vorsichtig nicht bloß in Aeußerungen über die französische Regierung, sondern auch in Mittbcilungen über heimatliche Verhältnisse. Man meide überhaupt alle politische Unterhaltung, nicht bloß um sich selbst vor Verdrüß- lichkeiten zu hüten, sondern auch im wohlverstandenen Interesse des Vaterlandes.

Vermischtes.

Literarisches.

Tie allgemeine illustrirte Zeitunglieber Land und Meer" (*Stutt.- qart, Eduard Hallbergcr) hat den laufenden Jahrgang wieder auf das Gluck- Uchst'e begonnen, auf da« Glücklichste dcßhalb, als sie zwei beUetriNgche Beiträge dringt, die ohne Frage zu dem Schoniten und Bedcutendilcn ge­hören, was wir seit Zähren gelesen. Der eine ist eine schlichte ErzuUung von Wilhelm RaabeIm SiegcSkranze"; aber hinter die|er Lchlicklbeit verbirgt sich ein Seelengemälr», wie in ergrei'enderen Accorden, in erschüttern- deren Weisen noch selten eine« unser Herz berührt hat. Sodann ist es die i Novelle von Fran; Dingelstedt,Die Amazone", die den Jahrgang er- . öffnet und sich in den vorliegenden Nummern sortspinnt und die, wai objektive, ersahrungsgemäße Auffaffung des Lebens, psychologstche Keunimß des menschlichen Herzens, feine finnige Beobachtung, künstlerisch gewandte, I humoristisch angehauchte Darstellung anbetriftt, ein wahre« Kabmet«uck deut­scher Belletristik genannt zu werden verdient. Außer der Forlietzung rikser | Novelle bringen die neri.sten Nummern vonlieber Land und Meer" eine an­ziehende Dorfgeschichte aus der Westj-bweiz :Heimatlos", von Robert i Schmeichel und den Anfang einer mit gewohnter Meisterschaft erzählten Familier geschickte :Zwölf Zettel", von dem Herausgeber F. W. Hack- l ä n d er. Die Zeitgeschichte ist wieder besonders reich vertreten! Skizzen und Bilder au« dem Kriegeleben, Schilderung volitischer Ereigmffe, fürstlicher Reisen und Feste, Charakteristik hervorragender Persönlichkeiten, Stillleben im Felde und zu Hause u. s. w., veranschaulichen die reich bewegte Geschichte der Gegenwart. Außerdem ist den künstlerischen und literarischen Leistungen, | den industriellen und wisienschaftlichen Bestrebungen eingehend Rechnung ge­tragen. Eorrespondenzen aus den größeren Städten bringen eine fortlaufend! Ehronik der Tagcsbegebcnheiten, die durch die umsichtig redigirten Notizblatter allseitig ergänzt und erläutert wird. Astronomische Uebersichten, Räthsel, Schach u. s. w. fehlen nickt. Die Illustrationen, welche die uns vorliegenden | Nummern 9 und 16 enthalten nahezu ihrer fiebenzig rühren alle von , namhaften Künstlern her, wieDae Lcichenbegängnitz des Kardinal FurU- Primas von Ungarn" von Katzler,Tie prvjectirte Zionskirchc ,ur Berlin" von Theuerkauf,Ankunft des Königs von Sachsen in Pillnitz" von Reinhardt,Abschied sächsischer Truppen aus einem österreichischen Torfe" von Grögler,Tie Friedenöfeier in der Garnisonolirche zu Berlin" von I. Schlegel,Verwundet und versprengt" von I. Puschkin,Der Zug aus der Schloßkirche bei der Verlobung des Großsürsten-Thronfolger von Ruß­land" von Bogdanvff,Tas Erwachen am Neujahrsmvrgen " von Schmelzer,Neujahr" von Löffler,Tie Amazone de« Thiergarieu« (Berlin)" von C. Blende,Ter Sturm von Shakspere 1. Akt 1. Szene" ton Töpler,Auf dem Eise" von Noerr,Generallicutenant v. Man­teuffel" von Kriehuber,Tas alte und neue Jahr" von Eanon, u. s. w. u. s. w.

Aus dem reichhaltigen Verlage von S. Mode in Berlin liegen un­einige Merkchen vor, welche wir denjenigen unserer Leser empfehlen möchten, welche fick in den Musestunden die Seit auf angenehme Weise vertreiben wollen. W>r nennen hier : 1) Paul Morphy, Schachspiclkunst (Preis 20 Sgr.). Ein vortreffliche« Buck mit vielen Figuren, Beispiele- und leickt verständlichen Erklärungen, so daß man selbst ohne jede Vvrkenntniß de« edler. Sckackspiel« daffelbc bald erlernen kann. 2) E. Meyer, der unübertreff­liche Whist-, Boston- und L Hon bre,pieler iPreie 15 Sgr.). Cben,alls eine praktische Auleitung, diese Spiele zu erlernen. 3) Hierzu gesellt sich für Hundeliebhaber ein Werk von dem bekannten Tresiuikiinstler Cd. Zborzill; te betitelt sich : Tie Treffur de« Hunde«, und enthält die genaue Anleitung, um den verschiedenen Hunde-Raeen die unterhaltendsten Trefiurkünstc beizit- bringen. Auch von den Krankheiten der Hunde handelt diese« interesian« Buch und fehlen auch die nöthigen Abbildungen nickt Tie kleinere Ausgabt des Bucke« kostet 18 Sgr., die größere, welebe noch einen zweiten Theil, tit mnemonische Treffur, umfaßt, kostet 1 Thlr.

Tie genannte Schrift hält jede Buchhandlung vorräthig.

Locales.

Tie bei Großh. Bezirksstrafgcricht Gießen in öffentlicher Sitzung gefällten Urthcile.

I. Am 11. April d. I. wurden verurtheilt :

Wilhelm Stamm von Himbach, wegen Körperverletzung, in eine Vorrec- tion«hau«strafe von 6 Monaten. n ,

H^ndch Möckel VII. von Langenhain wurde wegen Verletzung der.tmts- und Dienstehre von Strafe und Kosten fteigesprocken.

®ie Untersuchung gegen Georg Häuser II. und Consorten von Steinberg, wegen öffentlicher thätlicher Ehrenkränknng, wurde durch Vergleich erledigt.

II. Am 16. April d. I. wurden verurtbeilt :

1. Christian TörniS von Wetterfeld, wegen Körperverletzung, in eine

CorreetionShauSstrafe von 4 Monaten. . ..

2. Daniel Becker von Reinhardshain, wegen Diebstahl«, in eine Gefang- nißstrafe von 6 Wochen. n, ,, , k

3. Julius Bauerfeld von Laubach, wegen Verletzung der UmtS- und Dienstehre, zu einem gerichtlichen Verweise.

Tie Untersuchung gegen Philipp Lind III. von Gonterskirchen, wegen thätlicher Ehrenkränkong, wurde durch Vergleich erledigt.

Tie Publicalion de« UrtheilS in der Unter,uckung gegen Johannes Kappe« von Göbelnrod, wegen Unterschlagung und AmtSehreverletzung, wurde vertagt.

In der Osterwoche wird keine Sitzung gehalten.

Die österreichische «Regierung hat am 6. d. M. d e Landtage in Böhmen, Mähren und Krain durch die Statthalter dieser Provinzen eröffnet, und der letztere hat noch ^an demselben Tage die Reichsrathswahlen vollzogen, worauf die «ession sofort geschloffen werden konnte. Der jetzige LandeSauSschuß von Böhmen dagegen, der aus dem vorigen Landtage hervorgegangen ist und unter seinen Mitgliedern nur zwei Deutsche zählt, documentirt seine czechische Unversöhnlichkeit durch Beanstandung fast fammt» fieber deutschen Wahlen; es wird dies indcß wenig an der Sache ändern, und der böhmische Landtag wird den ReichSrath eben so gut beschicken, wie die von Mähren und Krain. Der Kaiser ist am 7. d. M. nach Wien gereift, wird sich aber bald wieder nach Pesth, begeben, wo am 26. Mai die Krönung stattfinden soll.

In Frankreich 'st viel von einem möglichen Minister- wechsel tue Rede, in sofern Drouin de L'Huys Aussicht hatte, wieder in das Cabinet zu treten. Man sagt, es sei ihm gelun­gen, den Kaiser zu einem Verfahren ähnlich dem vor Ausbruch des Krimkrieges zu bestimmen, so daß er die Annexions-Frage Luxemburg's fallen ließe und ausschließlich die Räumung der Festung verlangte. Die deutschen Zeitungen werden in Paris sämmtlich unterdrückt.

(Hierzu eine Beilage.)