Ausgabe 
16.11.1867
 
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Petersburg. In wenigen Wochen, am 10. (22.) Dezember, erlischt die zweijährige Frist, welche den polnische» Grundbesitzer» in den südlichen und westliche» Gouver»cme»ts für de» freiwillige» Verlauf ihrer Güter gewährt wurde. Es kau» sich jeder wohl selbst denke», daß »»r Wenige ihre Güter verkaufen konnten, einmal weil es an Geld fehlt, dann aber, weil die wenige» Kauflustige» cs vorziehen zu warten, bis lene Güter in die Hände des Staates übergegangen sind, die besicre Bedingungen stellen kann. Es sind auch Falle vorgekommen, wo solche Grnndbesitzer sich einen russischen Schwiegersohn schaffte» »»d ans diese» ihr Gut übertrugen, damit es nur üi der Familie bleibe. Nichtsdestoweniger sind über 650 Guter verzeichnet, für welche im Dezember die zwangsweise Entäuße­rung stattznfinden hat, darunter auch sehr bedeutende mit Jahrcsrevenüen von 4060,000 R- Der Ministerrath hat sich bereits mit der Frage beschäftigt, was der Staat mit die ser neuen Beschcernng anfangen soll, die um so sonderbarer dasteht, als sie dem Staate Lasten aufcrlegt, da man den Be­sitzern sofort Renten geben muß und als sie grade in eine» Augenblick fällt, wo der Finanzmlnister sich angesichts des an- Deficits zn dem Vorschläge genöthigt sieht, einen Theil der Staatsfabrike», Bergwerken u. s. w., weil sie auch schlecht aus- gcbentet werden, zu verkaufen oder zu verpachten. Der Do- mänciuninister soll cs aber vor Allem sein, der ans sofortige Ansführnng der im Dekret vom Jahre 1865 vorgesehene» Konfiskatio» dringt. Seinem Departement, das voriges Jahr schon nahe daran war, unterdrückt zu werde», erwächst dadurch eine neue Wichtigkeit und der hohe Herr soll auch um Käufer nicht verlegen sein, d. h. um Leute, die da wissen, wie gedul- j big der Staat unter manchen Verhältnissen als Gläubiger ist.

Vv» der polnischen Grenze, 24. Oct. Es treffen wieder zahlreiche russische Truppen in Polen ein, die hier, dem Vernehmen nach, Winterlager beziehen sollen, deren eins bereits in der Nähe von Kalisch abgesteckt wird. Die russische Regierung ist offenbar der Ansicht, baß die orientalische Frage ihrer Lösung entgegengehe und daß es im nächsten Frühling zu einem großen Kriege kommen könne; sie will daher den drohen­den Ereigniffe» gegenüber nicht unvorbereitet sein, und sammelt sowohl an den türkischen als a» den österreichischen Gränzen zahlreiche Streitmassen. Wenn nicht solche Besorgnisse vorhan­den wären, würde die Regierung sicher nicht in diesem Jahre, wo Noth .und Theuerung in Polen so enorm sind, Truppen zum Ueberwintern dahin verlegen. Auch die Polen glauben, daß es im Frühjahre zu einem Kriege mit der ottomanischcn Pforte kommen werde, und ziehen ziemlich zahlreich durch Ga­lizien nach der Türkei, nm in die Kriegsdienste des Sultans zu treten, mit dessen Hülfe sie dann Polen wieder herzustellen hoffe». (D. A. Z.)

Konstantinopel, 8. Nov. Gestern soll der österrei­chische Botschafter, Frhr. v. Prokesch-Osten, der Pforte eine besondere Note des Wiener Cabinets überreicht haben, welche Rathschläge in der Angelegenheit Kreta's ertheilt. (Fr.J) - 10. Nov. In Diplomatenkreisen verlautet, Ruß­land habe neuestens an seine Agenten im Ausland eine Cir- cnlard epesch c erlasse», die besage, daß es »icht isolirt inter- veniren werde, »tn die Christen in der Türkei zu unterstützen, obwohl es gerechte Klagen zu haben glaube. Rußland sei be­reit, sich mit den Mächten, welche interveniren wollten, ins Einvernehmen zn setzen. (Fr. I.)

Die Antwort der Psorte ans die letzte Decla­ration der vier Mächte soll, wie aus Wien geschrieben wird, nicht crflosscn, wohl aber soll, wie in diplomatischen Kreisen verlaute, Fuad Pascha schon bei der Ueberreichung ter Decla­ration Anlaß genommen haben, den Vertretern Rußlands und Frankrcicks gegenüber sich mündlich über den Inhalt der Col- lectivnote auszusprechen, und seine Aeußerungen sollen sehr pikanter Natur gewesen sein. Wie man nämlich erzählt, be­merkte Fuad u. a.: vergeblich sinne er nach, was die Mächte darunter verstehen, wenn sie erwähnen der Pfortemoralischen Beistand" undmaterielle Unterstützung" geleistet zu haben, und beides fortan versagen zu müssen. Was speciell die kri­tische Angelegenheit anbelange, so habe wahrlich die Psorte von Seiten der Mächte weder moralischen noch materiellen Beistand erfahren. Mit weit größerem Recht könnte man davon sprechen, daß die Mächte zu Gunsten der Aufständischen und ihrer Hel­fershelfer eingeschrittcn seien. Wenn also der Pforte mif Ent­ziehung der Unterstützung gedroht werde, so könne sie sich hierüber beruhigen; sie fordere von den Mächten nicht mehr, als was

sie jetzt in Aussicht stellen: gänzliche Enthaltung jeder Ein- mischung. Angesichts solcher Enthalrung werde sie sicherlich sehr gern die Verantwortlichkeit für ihr Verfahren ans sich nehmen, welche man ihr jetzt zuweise.

6. Nov. Ei» Schreiben aus Santa vom 3. d. M. meldet: Mehrere Distrikte, welche die ersten Schrille des Groß- vezirs kalt Hinnahmen, haben sich jetzt entschlossen, Dclcgirte an ihn abzusenden. Die Pacificirung der Insel schreitet rasch vorwärts. Seit Ankunft des Großvezirs thale» die kaiserlichen Truppen keinen Schuß mehr. Die vou Frankreich, Italien und Preußen an die Pforte überreichte Role scheint eine Nachgie­bigkeit gegen Rußland. Die Form derselben ist den Griechen günstig, erweist sich aber, für die Türkei vortheilhaft.

Nelvyork, 30. Ocibr. Das Ucberwachungscomite i» Richmond wies mehrere weiße Bürger ans der Stadl. Die Süd-Presse prophezeit einen allgemeinen Aufstand im Süden iiud verlangt vou Johnson eine Vermehrung der Militärmacht, um die Neger einzuschüchtern.

--DieÄnglo-Ämerikanischc Correspondeuz" meldet: In Havti ist eine allgemeine Revolution bevorstehend; die Regierung befindet sich ohne Geldmitteln.

Ein Sturm (wahrscheinlich derselbe, der auf St. Thomas so furchtbar wüthete) richtete schreckliche Verwüstungen in Clarksville, Bagdad und Brownsville an nnd legte sie wie mehrere andere texanische Städte theilweise in Trümmer; viele Menschen kamen dabei um. (Es scheint also, daß der Orkan über die kleinen und großen Antillen nach Texas hinbraustc, und dann wäre» noch schlinime Unglücksposte» zu erwarten.)

Die Akkreditive des Admirals Tegethoff, die vor Auslieferung der kaiserlichen Leiche Maximilians von der me­xikanischen Regierung verlangt wurde», sind angenommen. Es ist hiernach Hoffnung vorhanden, daß nun endlich die Auslie­ferung der Leiche erfolgt.

Vermischte Nachrichten.

Gießen. Auf die im hiesigen Anzeigeblatt veröffentlichte dringende Bitte des Kgl. sächs. General-Consuls in Frankfurt sind schon von hiesigen mildthäligen Bewohnern ziemlich bedentende Gaben an Geld und Kleidungs­stücken für die Abgebrannten in Johann-Georgenstadt bei der Erpedition ein­gegangen. Möchle doch Jeder, der ein Herz für fremde Roth hat, schnell geben, denn dies ist doppelt gegeben; die Noth ist entsetzlich.

Darmstadt, 6. November. D er Verein für Bau von Arbei­ter Wohnungen hielt gestern unter Leitung seines Vorsitzenden, des^Herrn Hofmarfchall v. Westcrwellcr, seine statutenmäßige Generalversammlung.' Aus dem Rechenschaftsbericht, der durch Herrn Otto Wolfskehl erstattet wurde, ergab sich, daß nunmehr 16 Wohnungen im Preise von 80 und 60 st. das Jahr erbaut sind und mehr Anfragen nach solchen erfolgen, als der Verein befriedigen kann. Die Dividende, die statutenmäßig vier Procent nicht über­steigen darf, wurde auf drei Procent festgesetzt. Das Ergebniß ist in Betracht, daß cs das erste Bctricbsjahr war, ein sehr zufricdensteUendcs. Auf Antrag des Vorsitzenden wurde beschlossen, den Bau weiterer Wohnungen für das 1 Frühjahr in Aussicht zn nehmen. Derselbe theilte gicichzeitig mit, daß der Bau eines Arbeiterhauses nach englischer Art, der von Ihren GK. HH. dem Prinzen und der Prinzessin Ludwig projectirt sei, gleichfalls nächstes Früh- fahr in Angriff genommen werden soll Es wird darauf das intcressante j Problem zur Lösung kommen, wie weit cs möglich ist, in dieser Art zu bauen, I so daß noch ein niedriger Miethpreis zur Verzinsung des Baucapitals hin- \ reicht. Die Versammlung drückte schließlich dem Vorstand für dessen eifrige ; und uneigennützige Thätigkeit ihren Dank aus. An unseren Mitbürgern ist es nunmehr, durch zahlreiche Zeichnung weiterer Acticn dem Vereine die Mittel zu gewähren, die zu voller Entfaltung seiner gedeihlichen Wirksamkeit noch nöthig sind. sMain.Ztg.)

14. Nov. Das hiesige Officierscorvs hatte gestern, aus Anlaß des am 16. d. erfolgenden Abzugs des Garde-Jägerbataillons nach ; seiner neuen Garnison Gießen, in den Räumen des Militär - Casinos einen : glänzenden Ball veranstaltet. Seine Königliche Hoheit der Großherzog, j II. GG. HH. die Prinzen Carl, Alexander, Ludwig und Wilhelm, sowie ! II. KK. HH. die Prinzessinnen Carl und Ludwig wohnten demselben an, und geruhte ein Theil der hohen Herrschaften bis zu dem um 11 Uhr statt­findenden Soupö zu verweilen. Der Ball zählte über 200 Thcilnehmer. Das diplomatische Corps war zahlreich vertreten.

, 13. Nvv. Wir glauben die Landwirthe auf einen vortrefflichen Auffatz des Hrn Dr. W. Hallwachs überdie Desinfection der Aborte mit Eisenvitriol" in Nr. 44 der Zeitschrift für die laudwirthschaftlichen Vereine aufmerksam machen zu müssen. Es wird in demselben, gestützt auf zahlreiche vorliegende praktische Erfahrungen und wissenschaftliche Thatsachen der schlagende Beweis geführt, daß durchaus kein Grund vorliegt zu der Be- sorgniß. der Dünger werde durch Desinfection mit Eisenvitriol irgendwie ent- werthet oder schädlich wirkend.

Gelsenkirchen, 30. Oktober. Auf dem in der Nähe telegenen Walz­werke ereignete sich gestern Morgen gegen 8' 2 Uhr ein fürchterliches Unglück. Ein junger Arbeiter von 18 Jahren, Heinrich Brommel aus Werl, war mit einer kleinen Arbeit an einer Walze beschäftigt. Plötzlich wird er von der i Verbindungs-Koppel an seiner wollenen Jacke erfaßt, mit aller Kraft mit dem ! Kopfe gegen einen am Boden angebrachten, scharfkantigen Eisenblock geschla­gen und dann durch die Walzen gezogen. Der Tod trat sofort ein. Fremde i Schuld ist nicht konstatirt.