Ausgabe 
16.4.1856
 
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Beilage zu Nr. 31 des Anzeigeblattes.

Von der Wahl, dem Gebrauch und dem Nutzen der ! verschiedenen Arten von Brillen für kurzsichtige, weit­sichtige und schwache Augen.

- Von der großen Wichtigkeit des Gesichtssinnes überhaupt zu sprechen, halte ich für unnöthig, da Jedermann, ohne darauf auf- r merksam gemacht zu werden, dieselbe deutlich genug selbst erkennt. Dow da es nicht selten der Fall ist, daß Leute, die ohne Anwen­dung künstlicher Mittel den rechten Gebrauch von ihrem Gesichtssinn nicht mehr machen können, bei der Wahl der Augengläser bedeu­tende Mißgriffe machen, so möchte es nicht ungern gesehen werden, das Wichtigste von der Brechung der Lichtstrahlen und von der Be­schaffenheit der Augengläser in kurzer Andeutung in diesen: Blatte gesagt zu finden. Es wird diejenigen, die von Brillen Gebrauch machen müssen, aufmerksam machen, wie sic ihre Wahl in Bezug auf dieselben zu bestimmen haben.

Das weitsichtige Auge und das convexe Glas.

Bei herannahendem Alter verliert die krystallinische Feuchtigkeit nach und nach ihre Rundung und wird, nach vorne zu, mehr platt, die Lichtstrahlen fahren daher allzuweit auseinander, und die krystal­linische Feuchtigkeit ist nicht mehr im Stande, sie hinten int Auge zu vereinigen; man muß daher den Gegenstand, den man betrachten will, weit von sich halten, damit die Vereinigung der Strahlen am gehörigen Orte, nämlich auf der Sehhaut, geschieht; oder man muß sich eines dünnen, linsenförmigen (convexen) Glases bedienen, auf welches die Lichtstrahlen so nahe zusammenfallen, daß die kry-^ stallinische Feuchtigkeit im Stande ist, sie hinten int Auge gänzlich zu vereinigen. Will man nun die Strahlen zusammenbringen, so kann man dieses schon, wenn man sich eines einfachen Werkzeuges bedient, das blos aus zwei engen Röhren mit Oeffnungen besteht. Durch solche Vorkehrungen samnteln sich die Lichtstrahlen und fallen erweitert auf den rechten Ort der Netzhaut; doch kann nur ein ein­ziger Lichtstrahl auf einmal durch ein solches Werkzeug auf die Netz­haut dringen. Aitdeis aber ist eS mit einem Glase; denn hat dasselbe eine solche Gestalt, daß die Strahlen eines jeden Kegels, die von einem Objecte auf dasselbe fallen, gerade Aren bilden, so gehen eine Menge Lichtstrahlen in das Netzhäutchen hindurch, und stellen den Gegenstand viel Heller und lebhafter dar, folglich, je näher die Strahlen dem Centro oder der Are des Glases cinfalleu, desto gera­der sind sie, desto stärker dringen sie durch, desto weniger werden sie gebrochen und desto Heller und lebhafter repräsentircn sie die Ge­stalten der sichtbaren Dinge.

Je weiter sie aber von dem Centro oder der Are nach der Peri­pherie des Glases hin einfallcn, desto schiefer und schwächer sind sic, desto mehr brechen sie sich und laufen ordentlicher zusammen.

Diese Brechung entsteht nicht sowohl von der Dichte und Dicke des Glases, welche letztere gemeiniglich nur geringe ist, als inson­

derheit von seiner convexen oder concaven Figur, die cs von gewissen Segm-nten einer Sphäre, Rundung oder Kugel überkommen, nach welchen die Schüssel formirt, darin es geschliffen wurde. Diese Figur des Glases macht, daß die Strahlen, je schiefer sie einfallcn und von dcm Centro dcs Glases abweichcn, dadurch stärker gebro­chen werden. Je kleiner aber der Sehwinkel ist, je geringer ist die Refraction.

Es ist schon oben bemerkt, daß, wenn der Strahl zu schief aufficle, so ccssirten die ordentlichen Gesetze der Refraction. Dieses gilt auch bei den geschliffenen Gläsern; denn, wenn diese gar zu convex sind, und der Brechungswinkel zu groß wird, so würden sich die Sonnenstrahlen nicht auf einen Punkt bringen, sondern es würde sich um den Focus hcrum ein falsches Licht sehen lassen, Ver­schiebungen verursachen, wie auch durch solche Gläser Farben und andere Irregularitäten Vorkommen. Jever Punkt an einer Sache ist als ein strahlender Punkt anzusehcn, mithin hat auch ein jcder Punkt eine ihm eigene Stellung und einen eigenen Brennpunkt. Daher entsteht die Verwirrung dcr vielen Bilder int Auge, welche eins das andere schwächen und vernichten, wenn man das Linsen­glas nicht in diejenige Stellung gegen das Auge bringt, welche die zu einem deutlichen Bilde gehörigen Strahlen in guter Ordnung mit einander vereinigt, und daher wird durch das Glas die Deutlichkeit und Helligkeit dcr bctrachtctcn Gegenstände bewirkt. Damit man aber in der Wahl der Gläser keinen Mißgriff thue, hat man bei denselben genau auf die vcrhältnißmäßige Converität dcs Glases mit dem Grade dcr Blödigkcit dcs Gesichtes zu sehen. Wenn also Je­mand, dcr noch keine Augengläser gebrauchte, sich derselben bedienen muß, so hat er genau darauf zu achten, daß die Gläser, wovon er Gebrauch machen will, die Gegen-stände verdeutlichen, nicht aber stark vergrößern. Kann Jemand mit bloßen Augen mittelmäßige Schrift in einer gewissen Entfernung noch lesen, für den wird ein geschliffenes RadiuSglas von 40 Zoll Brennweite dienlich sein, durch welches die Blödigkcit nach und nach gchoben wird, wenn nicht Nervenschwäche, Steifheit dcr Muskeln u. s. w. die Ursache davon ist. Kann aber Jemand ohne Gläser gar nichts mehr lesen, so sollte er doch kein Nadiusglas unter 7 Zoll Brennweite gebrauchen. Hat endlich Jemand ein ganz verblödetes Gesicht, so kann er Gläser bis zu 4% Zoll Brennweite ohne Schaden gebrauchen. Der Er­fahrung gemäß ist es, daß Nadiusgläser, wegen besserer Refraction, die Objecte deutlicher als bloße Schaaken - Gläser darstellen.

(Schluß folgt.)

Wem aber eine weitere Unterredung und Ausdehnung dieses Stoffes lieb sein sollte, dem werde ich gern zu Diensten stehen und der hat täglich hier in Gießen, im Gasthof zum Einhorn, Zimmer Nr. 23, zwei Treppen hoch, Gelegenheit dazu.

I. Nris, Oculist und Optiklts aus Nymwegcn.

an

die Groscherzoglichcn Bürgermeistereien im Landgerichtsliezirk Lich.

Wir haben Sie bereits durch unsere Bekanntmachung vom 20. December 1854 (Anzeigeblatt Nr. 102) von der bevorstehen­den Umwandlung des Sparkassevereins zu Lich in eine unter Staatsaufsicht gestellte öffentliche Anstalt in Kenntniß gesetzt