Anjeigcblsll
für die
Stadt und den Kreis Gießen.
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Jfä 62 Samstag den 2. August I
Amtlicher T heil.
E i n l er d N n g
zur Betheiligung an einem Actienverein für Flachsbereitung in der Großherzoglich Hessischen Provinz Oberhessen.
Schon seit langer Zeit bildet der Flachsbau in dem größeren Theile der Provinz Oberhessen in Verbindung mit der Verarbeitung des Flachses einen Hauptbctriebszweig der ländlichen Bevölkerung und obgleich unter dem Drucke der Maschinenspinnerei mehr und mehr verfallen, werten dermalen jährlich doch noch immerhin 15,000 Morgen mit Flachs bebaut — beinahe zehnmal mehr als in dem übrigen Großherzogthum.
Es stand dieser Industriezweig mit den ganzen wirthschaftlichen Verhältnissen der ländlichen Bevölkerung in zu enger Verbindung, diese ist insbesondere durch die climatischen unv B o v e n - Ve r h äl t n i sse zu bestimmt darauf angewiesen, als daß sie sich von ihm — gewissermaßen ihrem Liebling — selbst in seiner gedrückten Lage hätte trennen mögen. Was und wie viel auch an dieser, leider nur zu bekannten, Lage theils durch äußere Umstände, theils selbst verschuldet worden sein mag, so viel ist Thatsache, daß unser Flachsproduct dermalen nur auf einem solchen Grade von Vollkommenheit steht, der ihm zwar wohl einen beschränkten Gcbrauchewerth gibt, keineswegs aber, was für ein so wichtiges Land es Product jedenfalls erstrebt werben muß, auf dem großen Markte Eingang sichern könnte, insbesondere einem allgemeinen Gebrauch zur Ma schi neu spinne re i — diese dermalen v o r t h eil h a f t est e Gelegenheit zu dessen Verwerthung.
Was unserem Flachsproduct ganz besonders abgeht, das ist eine rationelle Zubereitung vom Rotten oder Rösten an bis zum Hecheln. Es gehören dazu Kenntnisse, Fertigkeiten und Einrichtungen, welche den Händen, durch welche der Flachs dermalen während genannter Periode geht, weder zu Gebote stehen , noch von ihnen überhaupt im Allgemeinen erwartet werden können. Ueberall da, wo wir den Flachsbau auf hoher Stufe sehen, hat man die gesammtcn Zubereitungsarbeiten in besondere Hände gelegt — in eigenes dazu eingerichtete Flachsbereitungsanstalten *), welche, ausgerüstet mit der gründlichsten Sachkenntniß , den rohen Flachs vom Acker weg ankaufen, ab riffel«, sortiren, rotten, brechen, schwingen re. und als Reinflachs, als fehlerfreies, für Hand- wie für Maschienenspinnerei taugliches, Material wieder veräußern.
Dürfte der Stoff zu einem so werthvollen, so beliebten Material, wie der Linnen — der Zierde unseres Haushaltes — solches Vorgehen überhaupt nicht schon längst verdient haben? Wir können und Dürfen nicht zurückbleiben, wenn wir nicht selbst den Ländern, denen wir sonst in den hauprsächlicheren landwirthschaftlichen Reformen mit gutem Beispiele vorangingen, nachstehcn, wenn wir nicht unseren Flachsbau, mit Den darauf gegründeten Industriezweigen, vollends ganz zu Grunde gehen sehen wollen.
Anstalten der genannten Art dürfen sich eines steten, guten, großartigen Absatzes versichert halten. Ein Flachs von tadelloser Beschaffenheit ist dermalen in jedem Lande willkommen, in jedem Lande findet er freien Eingang, als die erste Lebens-Bedingung für Die überall aufblühenDe Maschinenspinnerei.
Die in Den letzten Jahren bei uns stattgehabten, zuvor nie vorgekommenen, Aufkäufe haben Dicß wohl Deutlich genug angedeutet. Wie viele alten Vorräthe, deren Wcrth schon durch Zinsenvcrlust gewissermaßen aufgezehrt war, sinD hierdurch versilbert worden !
Um viel vortheilhafter der Absatz aber Dann, wenn Die Waare sich nicht blos den beschränkten Markt wie Damals, vielmehr Durch höhere Vollkommenheit Eingang auf Dem großen Markte zu sichern vermag!
Der Betrieb solcher FlachsbercitungSanstalten verzinset reichlich Das Darin angelegte Capital, weil mit Dem Fabrikationsgeschäfte sich auch noch kaufmännische Intelligenz verbinDct und so einerseits Durch, aufs Vortheilhafteste eingerichteten, Arbeitsgang Dem Rohmaterial das höchstmöglichste Erträgniß abgewonnen, andererseits die Conjuncturen zu höchst möglichster Verwerthung in einer Weise benutzt werden, wie dies in der Regel nur die kaufmännische Intelligenz versteht.
Die Flachsbereitungsanstalten wirken ermunternd und fördernd auf den Flachsbau, weil sie auch dem größeren Gutsbesitzer Gelegenheit bieten, sich mit dem Flachsbau befassen zu können, indem sie ihm die Sorge um genügende Menschenhände zur Zubereitung des Flachses ganz benehmen. Ja es wird so der größere Gutsbesitzer, wie in den gesegneteren Gegenden, z. B. bezüglich des Rapses (Kohles), in die besondere Gunst versetzt, das Flachserzeugniß vom Acker weg zu Geld machen zu
*) Wie unter Ansei m z. B. : In Braunschweig zu Vechelde; in Preußen zu Patschfay und Hirschberg in Schlesien; in B ayern zu Weiden und Kaufbeuren; in Oesterreich zu Ullersdurf und Hannsdvrf.


