Gießen am 21. Marz 1853.
Das zu Bremen errichtete Nachweisungs-Büreau für Auswanderer.
Neber die Wirksamkeit deS vor zwei Jahren zum Schutze von Auswanderern in Bremen errichteten »Nachweisungs-Büreau für Auswanderer" liegt uns ein Jahresbericht vor, welchen Gr. Ministerium des Innern sämmilichen Kreisämtern mitgetheilt und zur Kenntuißnahtue empfoblen hat. Wir theilen hierunter einen kurzen Auszug aus demselben im Interesse des Publikums unter dem Bemecken mit, daß Jeder, welcher ausführlichere Mittheilungen wünscht, solche durch Einsichtnahme des Jahresberichtes si'lbst auf dem Kreisamte wird erlangen können. Der Zweck des Nachweisungs-Büreaus ist bekanntlich der, allen Personen, welche sich^von Bremen aus nach überseeischen Platzen begeben wollen, eine zuverlässige Belehrung über sämmtliche bei diesem Borhaben in Frage kommenden Verhältnisse zu gewähren; es ist dasselbe jeglichem Geschäftsbetriebe fremd und nur bemüht, in menschenfreundlichem Sinne gemeinnützig zu wirken; für keinerlei Mühewaltung wird irgend eine Vergütung erhoben und kein Beamter darf selbst freiwillige Geschenke annehmen. Zahlreiche Nachrichten bestätigen leider die Thatsache, daß das Unwesen eigennütziger und gewissenloser Menschen, welche die Unkunde des Auswanderers als vollkommenen Gegenstand schmutziger Speculationen aus- beutcn, immer mehr um sich greift. Kaum glaublich, indeß nur zu erwiesen ist es, mit welcher Lift, Ausdauer und Mühe, mit welchem Aufwande von Kosten der Zweck, arme, hülfsbedürftige Auswanderer ins Netz zu locken, verfolgt wird. Bei einigem Nachdenken muß Jeder sich selbst sagen, daß man für so vielfache, großartige Mittel irgend einen Ersatz und Lohn sucht, und bei weiterer Ueberlegung dürfte kein Zweifel übrig bleiben, daß das Eine wie das Andere in dem Geldbeutel der Auswanderer gefunden wird. Unter diesen Umständen verdienen wohlwollende und menschenfreundliche Justitute, wie das Nachweisungs-Büreau in Bremen besondere Beachtung und Empfehlung.
Auszug aus dem Bericht.
Die größeren Landspeculanten im Innern Amerikas Pflegen mit den Verwaltungen der verschiedenen Eisenbahn- und Dampfschiff-Gesellschaften, welche die Passagiere vom Hafenplatze weiter befördern, in Verbindung zu stehen, damit ihnen Kundschaft zugeführt werde. Jene Gesellschaften hallen Agenten, oder überlassen ihre Billets, meist mit Bewilligung eines Rabatts, an beliebige Privatpersonen, die aus dem Vertriebe im Kleinen Vortheil ziehen wollen. Zu dem Behufe treffen sie mit Wirthen, Händlern und sonstigen Personen Verabredungen, die Allen die Aussicht sichern, an der sogenannten „Fürsorge" für Auswanderer, d. h. an dem von diesen zu erwartenden Gewinne Theil nehmen zu dürfen. Ein förmliches Heer untergeordneter Mäkler und Agenten übernimmt die Aufgabe, Auswanderer auf alle Weise und aller Orten anzulocken, deshalb reist man diesen auf Dampfschiffen entgegen und bemächtigt sich ihrer mit anscheinend so treuherziger Miene und so hülfreichem Wesen, daß selbst die in der Heimath Gewarnten den ihnen gelegten Fallen selten entgehen. Das ist auch schwierig, weil hauptsächlich Deutsche zu jenem Gewerbe, ihre Landsleute zu verführen, sich hergeben. Der unter dem Namen „De ulsch e Gese llscha ft" an den vorerwähnten Plätzen bestehende Wohlthätigkeitsverein tritt dem Unfuge kräftig und nicht ohne Erfolg entgegen, unbeküm- mert um die stete Verdächtiguiig seiner Absichten und Handlungsweise. In den Verein. Staaten würde sich auch die Wahrheit Bahn brechen und der guten Dache, trotz aller, kein Mittel verschmähender Angriffe der Gegner, bald die Oberhand verschaffen, wenn nicht letztere ihre Bemühungen auf einen anderen und ergiebigeren Boden, den deutschen nämlich, ausgedehnt hätten. Aber leider ist das der Fall. Zahlreiche Verbindungen mit SchiffSbesörderern, Gastwirthen und anderen Personen bringen das Plün- derungslystem schon hier zur Anwendung, indem sie je von dem Abgangs- oder Heimathsorte des Auswanderers an denselben mittelst Empfehlungen, Adressen, ober wohl gar durch besondere Begleiter immer in bestimmte, dasselbe Geschäft treibende Hände überliefern. Der Verkauf von Fahrbillets auf Eisenbahnen, Dampfschiffen oder Canalböten vom transatlantischen Hafen nach dem Innern ist theilS ein Hauptzweck, theils nur Vorwand oder untergeordnetes Mittel, um größere Vortheile zu erreichen. Außer den ständigen Agenten werde», mindestens an wichtigeren Plätzen, Special-Eommiffäre unterhalten, gewöhnlich Leute, die schon einmal jenseits des Oceans gewesen und mit den betreffenden Verhältnissen vertraut geworden sind. Die Concurrenz erhöht den Eifer und dient zugleich zur Controle. Wie schon bemerkt wurde, ist Menschenfreundlichkeit der gewöhnliche Deckmantel. Manche Inhaber amerikanischer Äesörderungsbüreaur erlassen von Zeit zu Zeit förmliche Programme, bereit einschmeichelnbe, nur dem Er- fahrenben erkennbare Zweideutigkeit die Empfehlung der „Deutschen Gesellschaft" nachzuahmen scheint, in der That aber nur darauf berechnet ist, im entgegengesetzten Sinne zu wirken. Man hat keinen Anstand genommen, in solcher Entwickelung vielen Behörden und anerkannt rein philantropischen Vereinen sich zu nähern, es liegen auch mehrere Versuche vor, mit unserer Anstalt anzu- knüpfen, hauptsächlich aber wird gegen die Privatpersonen direkt verfahren und zwar meist in verschmitztester Weise. Ein Agent des amerikanischen Spekulanten macht z. B. auf der Reise oder im Gasthause die Bekanntschaft der Auswandernden, erfährt mit welchem Schiffe und wohin dieselben abgehen, welche Freunde und Verwandte drüben sie erwarten, und begreiflich, auch über wie große Mittel |ie zu verfügen haben. Lohnt eS sich bann, so wird mit dem Damfffschiffe Alles nach Amerika berichtet und seiner Zeit dem Ankömmling gegenüber der geeignete Gebrauch davon gemacht. Ihm werden bei der Landung Grüße inib Rathschläge, an- gebkkh von seinen Angehörigen überbracht, fremde Personen als Agenten der „Deutschen Gesellschaft" oder Commis ehrenwerther Handlungshäuser, an die er empfohlen ist, vorgestellt, kurz, so viele und so künstliche Schlingen gelegt, daß ein Ausweichen wahrlich schwer ist. Der einzige Weg, der Gefahr zu entgehen und das vorgesteckte Ziel wohlbehalten zu erreichen, ist, nur an die deutsche Gesellschaft sich zu wenden, oder an Orten, wo dieser Verein fehlt, nur an den Consill des bisherigen Heimath- landes, in dessen Ermangelung an den des Schiffes, oder nöthigenfalls an eine sonstige geachtete Handlungsfirma, im Zweifel die Korrespondenten des Schiffes.
Auch in Bremen und in den benachbarten Orten gibt es Übrigens Leute, welche ein Interesse haben, die Auswanderer dem Rathe des Nachweisungsbüreaus zu entziehen, um sie desto sicherer benutzen zu dürfen, theils wenn auch in ungleich geringerem Maße, als Bevollmächtigte jener transatlantischen Industriellen, theils für Schiffsgelegenheiten ober Logirhäuser. Viele Gastwirthe unterhalten eine bebeuteube Correspoiidenz mit iulänbischen Unternehmern, damit die von diesen Engagirten ihnen zugeführt werden,


