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die Romantik geschaffen ward und ihre reichen Blüthen entfaltete, verschwunden. Wer hat jenen süßen Traum von mittelalterlicher Treue und Courtoiste nicht mit mir geträumt? Wem schlug das Herz nicht freudig und 'bewegt, wenn die Tage vom König Arthus und seiner. Tafelrunde in ihrer ächt romantischen Erscheinung vor die Phantasie träten! O, daß zie den Ernst der Geschichte nicht zu erheitern vermag! Daß die Vergangenheit mit so blutigen Schriftzügen in den bestäubten Blättern der Chronik aufgezeichnet ist! Werste nachschlug, diese Chronik, dem entweicht mit Schmerz das schöne Nebelbild,, welches er sich von jenem Zeitalter geschaffen. Da treten Gewalt und Willkühr, Hinterlist und rohe Kraft uns entgegen, wo wir Rittcrstnn und Treue zu finden gehofft. Clio schwingt das bluttriefende.Schwert und es verschwinden plötzlich alle Gefilde der Phantasie, di- so gerne schafft, ohne zu prüfen. ,
In jenem Zeitalter bewegt sich meine Erzählung. Es ist das Jahrhundert, in welchem Jeanne d'Arc für Frankreichs Befre.iung auf dem Scheiterhaufen endete, in welchem die Geschichte so herrliche Großthaten einzelner Charaktere bewundert. Es ist aber auch das Jahrhundert, wo jene hassenswerthe Politik und Ränkesucht des elften Ludwigs sich zu entwickeln begann; wo Verrath und Grausamkeit, Treubruch und Scheinheiligkeit gewöhnliche Dinge waren und wo mit jedem Jahr der Geist, der das französische Ritterthum ehedem beseelte, mehr und mehr schwand.
Ueber keinen Regenten mögen sich die Ansichten der Geschichtschreiber verschiedenartiger gestaltet haben, als über diesen Ludwig, der im Jahr 1423 geboren ward. Die Moral hat ihn längst verdammt, während die Geschichte miU den großen Erfolgen seiner Regierung prunkt. In der That dürfte es schwer zu entscheiden seyn, ob Ludwig schlechter gewesen oder sein Jahrhundert. ,
Ich endige diese Einleitung mit den Worten Segura: Er war groß als Regent, verworfen als Mensch. — * Meine Erzählung beginnt mit dem Jahre 1460. Wir sehen den nachmaligen König von Frankreich als Dauphin, vor seinem Vater Karl VII. Schutz bei dem Herzog von Burgund suchen.
blinkenden Waffen, Itnb die Bürger schmunzelten, wenn sie daran pachten, wie sehr sich ihre Stadt durch den Besuch so hoher Gäste heben würde.
Eine Staubwolke in der Ferne kündi ste das Herannahen des Zuges an. Die Thürmer begannen auf einmal mit allen Glocken zu läuten und die Musik- bandc vor dem Stadtthor verkündete in lärmenden Fanfaren dein harrenden Volk das Herannahen der hohen Gäste. Der Dauphin war es in der That, aber von der ungeheuren Pracht, welche man sich vorgestellt hatte, war nicht die geringste Spur vorhanden. Auf einem derben, friesländischcn Gaul saß der künftige König von Frankreich in nichts weniger als ritterlicher Haltung. Sein Gewand war schlecht und um keinen Denar besser, als das der übrigen Edelleuic, welche ihn begleiteten . . . Dabei war Ludwig keineswegs schön; seine Gestchtszüge waren düster, und hinter den buschigen Augenbraunen blitzte ein tückisches Augenpaar.
(Fortsetzung folgt.)
Volksvertretung.
Heimgekehrt von seinen wetten Zügen Saß ein Landmann in der Brüder Ärew, Machte ihnen mit den frechsten Lügen Ach, die Hölle gar zu heiß.
Und er sprach von seinen Heldenthatcn, Sprach darüber lang und breit;
Sprach daneben, wie bei Wein und Braten Er dem 'Wohl des Volkes sich geweiht.
Und er zeigt, was er hat mitgenommen, Reicht das Protokoll der Sitzung hm, Und des ganzen Dörfchens Bauern kommen, Flücht'gen Schrittes in dir Schenke hin.
Zwengen ihre Brillen auf die Nasen, Und studiren lange eifrig fort.
Doch, so lange sie auch immer lasen, Von Herrn Nachbar lasen sie kein Wort. „Ei,» so fragten sie, »was hast denn du gesprochen; Denn das Buch weiß nicht ein Wort von dir; Warst du doch, wie And're, dreizehn Wochen Bei dem Landtag, unsers Dorfes Ziert» »Was,» rief er erzürnt: »Ihr Esel, sehet. Steht nicht »»allgemeines Murren»» da ( Ja, ihr könnt mir's glauben; wie ihr sehet Half ich bei dem Murren mit — '»ja!»
Charade.
Wir find's gewiß in vielen Dingen, Im Tode sind wir's immer mehr, Die sind's, die wir zu Grabe bringen, Und eben diese sind's nicht mehr. Und weil wir leben sind wir's eben Von Geist und Angesicht, Und weil wir leben sind wir's eben Zur Zeit noch nicht.
I. 1.
Zu Gemappe im Vrabantischen war an einem unfreundlichen, trüben Tag des Septembers 1460, trotz des schlechten Wetters, Alles was laufen konnte, auf den Beinen. Vor die Stadt lief Groß und Klein,. Arm und Reich, denn es hieß, der Dauphin von Frankreich zöge heute ein und wolle für längere Zeit seinen Wohnsitz in der Stadt nehmen. Man sprach an allen Orten von dcni prachtvollen Zug der Herren und Ritter, den köstlich geschmückten Pferden, den.
. Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Stemdruckerei in Gießen.


