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bis an den Saum der großen Dresdener Heide aus, der Beschaffenheit seines Bodens wegen mit dem Namen „der Sand" belegt. Des Glaubens halber aus ihrem Vaterlande vertriebene Böhmen ließen sich zuerst daselbst nieder und gründeten eine noch heute bestehende Böhmische Gemeinde, deren Glieder meistens Gärtner waren und durch eisernen Fleiß den unfruchtbaren Sandboden in gedeihliches Gartenland umwandelten. Später gesellten sich zu dem „Sand" der Theil des „neuen Anbaues", bis beide Benennungen jenes jetzt so stattliches und großen Stadtthciles in dem Namen „Antonstadt" untergingen und vielleicht nach wenig Jahren ganz vergessen seyn dürften. Natürlich waren die dem Elbstrome zunächst gelegenen Ländereien die ersten, welche von den eingewanderten Böhmen in Angriff genommen wurden, und ein allgemein unter dem Namen „das Neit'sche Stift" bekanntes, großes Gartengrundstück gehört noch heute der Böhmischen Gemeinde als Eigenthum zu und wird von deren Vorsteher verwaltet. Dieses Grundstück liegt auf dem rechten Elb- ufer zwischen dem Gebäude der Garnisonschule und demjenigen Gartenhause, das gegenwärtig von den vier Prinzessinnen von Holstein bewohnt wird. Der Verfasser erwähnt dieses Grundstücks um deßwillen so genau, weil es der Hauptschauplatz nachstehender Erzählung ist, die ihm, als völlig wahr, von einem ehrsamen Mit- gliede der Böhmischen Gemeinde mitgettzeilt worden ist und sich, wie man zu sagen pflegt, auch hören läßt.
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An einem kalten Nachmittage des Februarmonateö 1727 langte ein junger Mann, schweißgebadet und einen Schiebekarren mit aufgebautem Reißholze vor sich herschiebend, bei einem Gartenhause am rechten Elb- ufer an, das noch jetzt steht und unter dem Namen des „Neitsschen Stifts" in Dresden bekannt ist. Damals war das Holz noch nicht so selten und theuer wie in unsrer Zett und dem Unbemittelten daher vergönnt, seinen Bedarf an Brennholz auS dem nahen Walde zu holen, ohne bloß an das dürre Leseholz gewiesen zu seyn. Darum lag auch auf dem Reißig- haufen eine blanke Art oben auf, mittelst welcher manch' schöner, starker Ast von seinem Stamme getrennt worden war.
Während der junge Mann seinen Schiebekarren niedersetzte, um das Thor zu öffnen, ging ein Fenster im Dachgeschosse auf und der Kopf einer bejahrten Frauensperson zeigte sich in demselben.
„Gut, daß Du kommst, Matthäus!" rief jene ihrem Sohne entgegen; „ich habe schon wie aus Kohlen' gesessen. Die Fürstin Petrikowska hat zu heute Abend »ine Menge Blumensträuschen bestellen lassen und in meiner Augst, daß Du zu lange außenbliebest, wollte ich schon den Versuch machen, mit meinen geschwolle
nen Beinen in das Gewächshaus hinunter zu krabbeln. Da kam noch wie gerufen die Näther-Christel vorbei, die nun an meiner Statt die Blumen schneidet."
Matthäus hatte hierauf nichts Eiligeres zu thun, als sein Holz in den Hofraum zu fahren und daun sich in das Gewächshaus zu begeben, dessen gewärmte Luft die wohlthätigste für seinen gegenwärtigen Zustand der Erhitzung war.
Das Gewächshaus, zu dessen Eingang Matthäus über mehrere Stufen hinabstieg, war weder groß noch kostbar gebaut. Demungeachtet stand sein Inhalt keinem andern an Werthe nach, denn Matthäus war ein wohlerfahrener Kunst- und Ziergärtner, obschon die königlichen Hofgärtner ihn und seines Gleichen mit dem Spitznamen „Kohlhaaseu" belegten.
Es ruht ein eigener, fast zauberhafter Reiz und Werth auf allen Erstlingen, seyen solche nun durch die Natur oder Kunst hervorgebracht. Wen erfreute daher nicht der Anblick eines bunten Flors von mannigfachen Blumen, wenn draußen starker Frost die Erde gefesselt und deren Kinder in ihr gefangen hält? Mitten unter des jungen Nischeck's Blumen stand aber jetzt eine, die er nicht gezogen, aber dennoch gern die seine genannt hätte, obschon er sich selbst Ließ nicht laut zu gestehen wagte. Diese Blume hieß Christel Weiser und steckte in einer einfach schlichten Hülle von brauner Leinwand, gleich wie die reizende Sängerin Nachtigall das unscheinbarste Kleid an sich trägt.
Als Matthäus das Gewächshaus betrat, schlug ihm nicht allein wegen der gehabten Anstrengung das Herz ungestümer in der Brust, jedoch trachtete er danach, seine Wallung zu verbergen, daher er die Jungfrau leichthin begrüßte und sodann, gleich ihr, Blumen abzuschneiden begann.
„Nun kann ich wohl gehen?" fragte Christel von dem andern Ende des Gewächshauses her; „ich besorge, daß ich mehr verderbe als nütze."
„Bewahre!" versetzte Matthäus gepreßt und wischte sich die hellen Schweißtropfen vom hochgerötheteu Antlitze ; „wenn Sie sonst ein wenig Zeit übrig hat..."
„Aber wenn ich Schaden mit meinem Brechen und Schneiden anrichte?" entgegnete Christel mit besorgtem Tone.
Matthäus mußte der Jungfrau in seinem Innern Recht geben, denn dort brach und schnitt jene offenbar zu seinem Schaden, wiewohl beides ihn ganz und gar nicht schmerzte. Daher erwiderte er auch
„Ich dächte gar! Meine Faust ist ja ungleich härter als Ihre Hand, Christelchen, und darum wird eS den Blumen nicht so wehe thun, wenn sie von Ihr geschnitten oder gebrochen werden."
(Fortsetzung folgt.)
Druck und Verlag der G. D. Brühl'scheu Buch- und Steindruckerei in Gieße».


