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Unterhaltendes und Gemeinnütziges.
Die schone H-Hrlipprne Welser.
Romantisch Historische Erzählung aus der Mitte des löten Jahrhunderts von F. Bernhardi.
I.
Der Reichstag, welcher im Jahr 1547 nach Augsburg ausgeschrieben war und wo entschieden werden sollte, wie es in Hinsicht der Hauptpunkte des christlichen Glaubens, des Gottesdienstes und der Kirchenverbesserung bis zu einem künftigen Concilium einstweilen (interim) gehalten werden sollte, hatte in der zweiten Hälfte deS gedachten Jahres seinen Anfang genommen.
Kaiser Karl V. besuchte diesen Reichstag in Person und war von einem großen und glänzenden Hofstaate umgeben. Rächstvem begleitete ihn sein Bruder Ferdinand, der ihm später als deutscher Kaiser in der Regierung folgte und bereits seit 1531 zum römischen Könige erwählt, seit 1526 aber schon zum Könige von Böhmen und Ungarn ernannt worden war; ferner dessen Sohn, der damals 19jährige Prinz Ferdinand.
Der junge, feurige, lebensfrohe Prinz nahm weniger Interesse an den Verhandlungen des Reichstags, seine Hauptbeschäftigung war, sich den Tag über in der Stadt und Umgegend herumzutreiben, die Merkwürdigkeiten zu besehen, die Werkstätten der Künstler zu besuchen, unter welchen die Maier den ersten Rang einnahmen, welche sich auch in ziemlicher Anzahl hier Versammelt hatten.
Eines TageZ machte ihn sei» Begleiter, der junge Graf Stephani, auf die Werkstätte eines Malers aufmerksam , welcher besonders Glück im Treffen hatte und welchem bereits viele Glieder aus den angesehensten Patrizier-Familien gesessen waren, wodurch er sich einen großen Ruf erworben hatte.
Der Prinz war begierig den Künstler kennen zu lernen, welcher sich Seibling nannte. Ohne Stand und Namen anzugeben betraten er und der Graf, als Kunstfreunde die Erlaubntß sich ausbittend, die Werkstätte des Künstlers. Scibliug war ein gefälliger Mann und gerne bereit seine Produkte Jedermann zu zeigen, wer seiner Kunst Interesse schenkte.
Die Bilder, welche der Prinz hier sah, machten einen lebhaften Eindruck auf ihn und mit jedem Augenblick schien seine Achtung und Anerkennung gegen den Maler zu steigen. Endlich trat er vor ein ganz vollendetes Bild, welches Seibling, von dem Besuche überrascht, mit der Staffelei gegen die Wand gewendet hatte. Das Bild zeigte das fittsame, sittliche Gesicht eines wunderschönen Mädchens. Das frei in Locken fliegende Haar war durch eine rothe Stirnbinde umwunden. An der goldenen Kette, welche auf dem schwarz seidenen mit kostbarem Pelzwerke verbrämten Gewände glänzte, hing das Bild der heiligen Jungfrau.
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Tief ergriffen betrachtete der Prinz lange dieses Bild, ohne ein Wort zu sprechen. Die Bewunderung gab endlich seiner feurigen Seele wieder Sprache. „Vortrefflich! himmlisch schön!" rief er und ergriff in der Aufwallung seines Gefühles die Hand des Künstlers. „Und das ist Euer Werk? O, wie könnt' ich fragen, wenn ich auch nur eines gesehen hätte!"
„Nur ein höchst schwacher Versuch, ein vollkommenes Urbild zu erreichen," bemerkte Seibling.
„Also ein Bildniß?" frug rasch der Prinz, indem er mit glühenden Blicken die Malerei betrachtete. „Und diesen Engel zu malen, war Euch vergönnt? Im Anschauen dieser Reize habt Ihr stundenlang Euch berauschen dürfen? Ja man sieht in dem Werke die Begeisterung, welche dieser Anblick in Euch erweckt hat."
Der Maler fühlte sich sehr geschmeichelt durch das Entzücken des jungen Mannes. Er schien die Empfindungen zu durchschauen, welche jenen durchglühten. — Jetzt wollte er den Prinzen zu andern Arbeiten führen aber dieser sprach:
„Nein, gönnt mir noch einige Minuten für diese Engelsgestalt. Etwas Schöneres, etwas Edleres könnt Ihr mir doch nicht zeigen."
Der Maler willfahrte ihm und sah lächelnd den Flammenblicken zu, welche der Prinz auf das Bild richtete. Dieser ergriff endlich wieder das Wort und sagte:
„Also ein Bildniß? — Ja cs gehört zu denen, von denen man, ohne das Original zu sehen, sagen kann: es muß ähnlich sevn. Vielleichtaus Augsburg?"
„Ja, allerdings. Die Tochter des Patriziers Welser." „Welser?" rief der Prinz überrascht.
„Kennt Ihr die Familie?" frug der Maler.
„Allerdings. Wer sollte Bartholomäus Welser nicht kennen, den alten Geheimenrath Karls V., der, nebst dem Fugger, dem Kaiser 12 Tonnen Gold vorschießen konnte. Aber daß er eine so schöne Tochter hat, wußte ich nicht."
„Ihr irrt. Die schöne Philippine — so heißt man nämlich in Augsburg dieses Mädchen, — ist nicht die Tochter des Bartholomäus Welser, sondern seines Bruders Franz, der hier eine der ersten Stellen im reichsstädtischen Rathe inne hat."
„So," sprach der Prinz nachdenkend. Eine stumme Pause folgte. Endlich erinnerte der Graf:
„Wenn ich nicht irre, so sind wir auf diese Zeit noch an einen andern Ort bestellt."
„Ah, richtig," entgegnete der Prinz. „Nun Meister, ich will Euch nicht länger aufhalten; ich hoffe Ihr erlaubt meine Besuche zu wiederholen?"
„Es soll mir stets viele Freude machen einen so großen Verehrer der Kunst bei mir zu sehen. Doch! wollt Ihr nicht auch die Güte haben, mich mit Eurem Namen bekannt zu machen?" (Forts, folgt.) en Buch- und Steindruckerei in Gießen.


