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traten. — Heber der Stadt erheben üch die Ruinen der Burg Klopp, über deren Erbauung man keine Nachricht hat. Schon im 13. Jahrh. erscheint sie als eine starke Burg, welche mancher Belagerung Trotz geboten und daher „das unüberwindliche Haus Klopp" genannt wurde. Im 30 jährigen Kriege (1639) ward Burg und Stadt durch die weimar'schen Truppen Unter Herzog Longeville eingenommen, aber im folgenden Jahre wieder durch die Kaiserlichen und 164.4 von den Franzosen erobert. Letztere sprengten 1689 die Burg und legten die Stadt in Asche. Erzbischof Franz Ludwig von Mainz ließ zwar die Burg wieder herstellen, da sie aber nicht mehr als Feste gebraucht werden konnte, ließ er 1713 die Mauern sprengen. Kaiser Heinrich IV. soll hier bei der Durchreise zu dem Reichstage in Mainz von seinem Sohne überfallen und lange auf der Burg in Haft gehalten worden seyn, vielleicht um ihn desto eher zur Thronentsagung zu bewegen. Jetzt ist die Burg, von den reizendsten Garten-Anlagen umgeben, gewährt herrliche Aussichten nach allen Seiten und gehört dem russischen Grafen Men gde n.
Auf dem Gipfel des Rochusberges stand bis zum Anfang des letzten Revolutionskrieges eine kleine Capelle, im Jahr 1666 während der Pest von den Bürgern Bingen's zu Ehren des heiligen Rochus gestiftet und im I. 1814 wurde sie wieder hergestellt. Das Altarbiatt, den heil. Rochus darstellend, von Louise Seidler , ist ein Geschenk Göthe' s. Die Capelle ist 360 Fuß über dem Rheinspiegel und gewährt eine herrliche Aussicht. Am 16. August, als dem Gedächtnißtage dieses Heiligen, versammeln sich hier viele Tausende, um die Feier zu begehen.
Unterhaltung
zwischen
und WrennerFe.
97 ante: Endlich, Bruder Brennecke, seh ick Dir also wieder? Wo hast Du'n so lange gestochen? Du warst woll.heesch, deß man Dir gar nicht gehört hat?
Brennecke: Ick habe acht Tage Schambergarnie gewohnt, uffen Aleranderplatz. Da halt' ick freie Miethe, freie Beköstigung un freie Aussicht nachen Hof durch die Eisenstäbe. Re scheene Jegend!
Vanie: Allo inn Ochsenkopp? — Davor wohn ick lieber inn Dhiergarten un nähre mir von Raps tin Queckenwurzeln. — Aber sage man nur, versammelter Bruder, wie bist Du denn dahin gekommen?
Brenn ecke: Na, dieser Jegenstand will mit reuiger Zartheit behandelt sin: Bei dem Kartoffel- speetakel hatte mir Eener eene Leberwurst in die Taschen gestochen und die hat ick in Gedanken ufge- gessen; denn fiel mir, als ick beim Bäcker vorbei ging, een Biergroschenbrod, vierzig Loch schwer, uffen Kopp un damit des liebe Gut nid) unter de Beene getreten
werden sollte, nahm ick et mit mir. Unterwegs stolperte ick aus Versehen inn Koosladen rinn un als ick zu Hause komme, bemerke ick mit Erstaunen, daß sich ne Mandel Heringe in meine Rocktasche verbissen hat.
97ante: Det arme Vieh wird woll durstig gewesen sind un hat in deine Rocktasche die Pulle gesucht. Ja, ja, daß die Salzsteuer ermäßigt worden ist, hat Keener mehr empfunden als die Heringe, denn die Lacke is feite em ungeheuer scharf geworden. — Hast Du denn ooch arbeiten müssen in's Hotel de Böf?
B reu necke: Na ob! Ick saß in meine Zelle untern Schutz der Gesetze und haspelte Boomwolle.
91 ante: Dämlack, denn bist Du ja een Schutz- zellner. Aber ick kann ferner mit Dir nich umgehen, denn Du bist beschottern Hast Du denn noch die Cocarde?
Brenn ecke: Ja woll — in die Tasche. Seh mal, Du verstehst mit miß, Bruder Nante. Ick bitte Dir, diesen Jrrthnm des Protokolls berichtigen zu wollen. Ick bin blos in Untersuchung gewesen un heute freigesprochen worden. Beim Verhör wollte nämlich der Anwalt beweisen, daß ick eomniunistische Ideen nähre, da hab ick ihm aber bewiesen, daß ick mir selber »ich nähren kann, viel weniger Ideen, un darrst bin ick vor nichtschuldig erklärt. Ick bitte Dir aber, diese Debatte zu verlassen, sie könnte meinem Kredit gefährlich seyn. Wie iss et denn aber mit Dir? wie ick höre, bist Du een öffentlicher Charakter geworden.
Nante: Del muß wahr sinn. Man bewirbt sich ordentlich um meine Stimme. Neulich wollte mir een Lodvetiejüngling een Viertel zur nächsten Ziehung uf- dringen, damit ick vor die Judenemancipation meine Stimme gebe.
Brennecke: Ick denke aber, die Lodderie wird abgeschafft?
Nante: Un des mit Recht. Des jroße Loos is doch man nur eene Schimäre vor uns un denn macht uns die Lodderie diefsiunig un erweckt in uns man Hoffnungen, un Hoffnungen sollen wir arme Leute nich haben.
Brenne cke: Un wat sagtest Du denn dem jol- benen Jüngling?
Nante: Ach Jott, sagt ick, ick armer Christe, sagt ick, soll euch frei machen? Ihr habt det Kies — det is det erste, wat freiinacht, un wenn ihr uf die Hengstenbergsche Zeitung abomürt, dann werdet ihr emancipirt. Uf unsre Emancipation müssen wir aber warten, bis et Kies hagelt.
Brennecke: Det is wahr. Herrjehs, wenn et neulich Kies gehagelt hätte, denn wären wir Alle niiteenanber emancipirt.
(Allgemeine Heiterkeit. Die Sitzung ist aufgehoben.)
Auslösung der Charade in *Ag 72:
C h a r a d e.
Druck und Verlag der G. D. Brühl'scheu Buch- und Steindruckerei in Gießen.


