Ausgabe 
28.7.1798
 
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Giesser Jutelligenzblatt.

Rann und darf der Arzt Allen 2xra«Fen den wahrscheinlichen oder gewissen Tod Voraussagen?

Verfolg.

Um mich des nun Verdachts, als ob ich alle Zubereitungen zum Tove für un­erlaubt und grausam hielte, zu entledi­gen , erkläre ich mich gerneTahiti: daß der Arzt einem, oder mehrern Anverwandten den gefahrvollen Zustand seines Kranken entdecken müsse, um die Zuverlässigkeit der Arzneiwiffenschaft zu beweisen, un-b seine Ehre sicher zu stellen. Denn nicht selten sucht man in dem entgegengesetzten Beneh­men einen Beweis, daß der Arzt die Krank­heit nicht müsse gehörig gekannt Haden, oder daß die Ausübung der Arzneiwissen-. schäft durch die Zweideutigkeit der Zeichen­lehre höchst ungewiß sei)

Lei alledem muß auch hier der Arzt auf seinen Kranken Rücksicht nehmen, und sich nur solchen Menschen entdecken, welche Standhaftigkeit und Behutsamkeit genug, besitzen , die mitgetheilten Nachrichten sorg­fältig zu verbergen, oder aber auf die beste Art zu benutzen. Ueberhaupt kann man durch vorsichtige Freunde dem Kran­ken seine Gefahrvolle Lage am sichersten und besten zu erkennen geben, ohne daß die mehrerwähnten gefährlichen Folgen in so hohem Grade' zu erwarten wären. Denn immer bleibt den Kranken die Hof- nung übrig, daß dieses nur Muthmasun- gen seiner Freunde und die Folge ihrer großen Besorgtheit seyn könnten, an wel­chen der Arzt gar keinen Antheil genom­men habe.

Umringen aberbloS geschwätzige, weich­herzige und verzagte Menschen das Bette

eines solchen Kranken, und muß es dec Arzt befürchten, daß diese mit Ungestüm und', heftigem Geschrei die Schreckencpost vernehmen, und in der nemlichen Axt über, bringen werden, dann ist yer gezwungen, in Gegenwart deS Kranken und seiner Freunde, den bedenklichen Zustand im Vorbeigehen, jedoch ernsthaft zu berühren, damit nicht die übertriebene Anhänglichkeit der Verwandten den Arzt mißdeute, und ihre zuweitgehende Ängstlichkeit drn Zu­stand des Kranken verschlimmere. Immer eine mißliche Lage für den Arzt, in welcher Entschlossenheit, Behutsamkeit und Mensch­lichkeit unentbehrlich sind.

Auch bin ich überzeugt: daß eben so, wie die unerwartete Todeenachrichtgefähr- liche Folgen naco sich ziehen kann , die Be­richtigung häuslicher Angelegenheiten den wohlthätigsten Einflußauf die Wiederher­stellung haben werde. Denn sehr oft stür­men der Drang innerer Leidenschaften, Unruhe und Besorgnisse, in Vereinigung mit der Krankheitsursache auf den Körper loS, und vermehren ihre Heftigkeit mit je- dem Augenblick. Hier ist die'Verminde­rung der Gefahrbringenden Urfachen von großer Wichtigkeit, der Zuspruch eines ver­nünftigen Geistlichen eine wahre Panaeee, dix Abfassung eines Testaments das beste Beruhigungsmittel für den geängsteten Kranken, und willkommen für Yen men­schenfreundlichen Arzt.

Gelingt es dem Arzt die Freundschaft seines Kranken zu gewinnen, dann kann er ihn oft unbemerkt und langsam dahin lei­ten , wo er die nahe Gefahr selbst einsieht, ohne davor zu erschrecken. Das ist mir wehr-