Ausgabe 
21.7.1798
 
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Giesser Jiitelligeuzklakk.

Rann und darf der Arzt allen Kranken den wahrscheinlichen oder gewissen Tod voraussagen?

Verfolg. 5

Sehr oft unternehmen M Ktttnken in hiesem günstigen Zeitpunkte äusserst wich< tige Geschäfte , sie entwerfen Plane und drhnen deren Beendigung so gern sehr weit aus, weil ste sich neben der Okög ichkeitder Ausführung zugleich mit der Hornung ei­ner völligen Genesung und ein s langen Lebens schmeicheln. Der Arzt kann die Unmöglichkeit von beiden recht gut einse­hen, er kann es wissen, wie sehr der Kranke sich täuscht^ Allein darf er ihm dieseryalb wohl die süße Hofnung, welche ihn für so viele Leiden schadlos halt, entreissen? Darf er ihm sagen, daß er zum Besten seiner, Familie lieber unthang bleiben soll? Und gesetzt, der Arzt wagte es, dieses zu thun, so muß er es erwarten, daß der Kranke mit unvermchheter Gnstfssiärke die Be­weise für dieses Urtheil verlangt, und nicht eher ruht, als bis ihm dieses nahe oder entfernte Ziel gezeigt wird. Ganz gewiß muß dadurch das Zutrauen..des Kranken verschwinden, und ein ungnädiges Veralt schieden die Folge dieser Ücbereilung seyn, sobald der Kranke die entdeckte bittre Täu­schung des Arztes mir der vormals Unter­haltenen süßen Hofnung vergleicht.

Immer wird es eine Grausamkeit blek- hen, wenn der Arzt die angenehmen Träume seines Kranken zur Unzeit störet; und im­mer wird es ein wahrer Glücksgrif seyn, wenn dieses ohne den augenscheinlichsten Nachtheil für den Kranken geschiehet, weil Pch die größte Besorgnis sehr oft hinter den

Anschein der Gleichgültigkeit -verbirgt. Wenn es wahr ist, daß die Freundschaft durch Eigennutz bestehe und befestigt werde, so ist das gewis der Fall zwischen Aerjten und Kranken. Der Kranke liebt seinen Arzt, als seinen besten Freund, weil er die Habdaflwerdung des edelsten Guts, nemlich die Gesundheit, durch ihn erwar­tet. Diese Zuneigung muß der Arzt durch Gegenliebe belohnen, und diese gebietet ihm die möglichste Befriedigung aller Erwar­tungen seines Freundes , also die möglichst lange Erhaltung seines Lebens. Alles also, was dessen Endigung beschleunigen kann, muß er zurückweisen und alle politische und Familienverhältnisse dürfen ihn nicht ver­mögen, die freundschaftlichen Verhältnisse zwischen ihm und dem Kranken aufzuhe­ben oder einzuschränken.

In allen hitzigen Fiebern entscheidet sich die Krankheit schneller als in den lang, wierlgen; der Arzt weiß es eher, was er zu hoffen oder zu fürchten habe, aber er weißes auch, wie viel eine heitere und ru­hige Gemüthssiimmung zurgkücklichen Hei. lung vermag, wie wichtig und wohlthätig der Einfluß der Seele auf den Körper zu der Zeit wirkt, wenn die Krankheit sich ih­rer Entscheidung nähert, und wiegefähr- lich, nachtheiliq und tödlich hingegen jede unterdrückte Leidenschaft, die Angst, Be­sorgnis, Verzagtheit und Verzweiflung wir­ken. Auch lehrt ihn die Erfahrung', daß auch dann, wenn alle Hofnung der Wie­derherstellung verschwunden zu seyn scheint, der Kampf zwischen Krankheit und Ge­sundheit, zwischen Tod und Leben schnell odrr langsam zu Gunsten des Letztern sich ent-