Ausgabe 
14.7.1798
 
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Nr* XXVIII» r4. IUM. 1798.

Giesser Jiittlltgenzhlatt.

Ran» und Darf Der Arzc Allen Rranken ven wAbrscbelnlicbcn odergewiffctt Tod voranssagen?

Verfolg.

Der Rechtsgelehrte arbeitet ruhig am Pulte, das bestimmende Gesetz zur Rech­ten und die Ehilane zur Linken; derGeist- liche kann mit Muße seine Predigt aus- arbeiten, ausstreichen und hinzusetzen u. s. n>. Dec Arzt muß in Augenblicken über Leben und Tod entscheiden, Krankheiten unterscheiden, Verwickelungen aus einan­der setzen, bis ins innerste Wesen der Krankheit bringen; die Stärke der Lebens­kraft mit der Gewalt der Krankheit ver­gleichen ; aus vielen hundert Mitteln das Anwendbare wählen ; dte Menge derselben drn jedesmaligen Verhältnissen des Kör. pere und der Krankheit anpassen; sich auf zu erwartende Fälle gefaßt halten, und unerwarteten schnell Vorbeugen. Das kann der wahre Arzt, ob aber der Sieg immer auf seiner Seite sey, ob er in entgegen­gesetzten Fallen Tadel verdiene, das mö­gen die Rechtsgelehrten, die auch Prozesse verlieren, die Geistlichen, welche schlechte Predigte» halten, Kaufleute, welche sich verrechneten, und Kapitalisten, die in Kon­kurse verwickelt wurden, selbst entscheiden.

Sterben ist einmal das LooS aller Menschen , es ist die.Folge des Baues und der Zusammensetzung unsers Körpers, eine Absicht der Natur, also unvermeidlich. Wer ist im Stande da» Ziel seiner Tage jn berechnen, und den Plan seines Lebens so vcrzuzeichnen, daß sich sein unternom­mene» Geschäft mit dem Sterbetage endet 3 Zerrütten nicht unvvrherzusehrnde Krank­

heiten die innere Oekonomie des Körpers, daß eine lange Fortdauer unmöglich 'wird? Mitten im raschen Fortschreiten fallt der thätige Mann, sein angefangenes Werk bleibt unvollendet, die schönsten und durch­dachtesten Einwürfe bleiben unausgeführt, und unleugbar ist, daß mit ihm vie­les verloren geht, sowohl für die Welt, als für seine Familie und Freunde, und daß Unordnungen, Verwirrungen und kost­spielige Prozesse dadurch entstehen können»

Man glaube nicht, daß ich hier blos den Mann, der große Ehrenstellen beklei­det, verstehe. Nein! jeder Mensch, selbst der unbedeutendste arbeitet nach selbst ent­worfenen, oder ihm von Andern vorge­zeichneten Planen, und wenn er, ohne diese vollendet zu haben , stirbt, geht im Verhältnis seines Geschäfts und seiner Fa­milie viel verloren , da» wissen die Aerzte so gut als andere. Alle Kranken sind gleich, in den Augen de» heilenden Arz­tes. Das Leben des untersten Staatsdie­ners ist ihm so werth, als das Leben deS ersten Minister». Unbekümmert um die Wichtigkeit oder die Unwichtigkeit de» Ge­schäfts seiner Kranken, muß ihm ihreWie- derherstlllung über alles gehen, upd dar­um muß er alles , was der Erhaltung des Lebens hinderlich werden könnte, sorgfäl­tig abwehren. Da , wo es auf Leben und Tod ankömmt, findet keine Konvenienz statt. Der Verstorbene kann nicht wieder belebt werden, aber angefangene Arbeiten sind auch von andern zu vollenden, wenn gleich nicht so gut als von dem , 6er sie be­gann ; Irrungen sind zu schlichten, Pro­zesse kann man enden, Schatze, Goldhau-