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Nr.XXXXV.

»o. Novcmbr. 1798#

Gresser Jnttlligenzblatk.

Allgemeine

Gedanken über Sie Vorurteile. Etwas zur Beherzigung der höheren Stände und der grdiloeten Scaatsklasieli.

. Die Vorurtdeile , oder vorgefaßten Meinungen, gehören unter die zahlreichen, aber nothwendigcn, ichmöchtesagen, nütz­lichen Uebel der Welt, können mit Recht zu der großen Reihe der moralischen Krank­heiten des Menschengeschlechts gezählt wer­den. So wahr dieser Satz an sich ist, so gefährlich, und meiner Meinung nach so gut als unmöglich, ist die gänzliche Aus- rottug dieser Uebel.

Von seherhaben diesevergreißtenTy­rannen den menschlichen Geist mit mehr oder minderer Despotie beherrscht, die Menschen selbst haben sich nicht allein all der Bürde der Ketten dieser ihrer Herr­scher gewöhnt, sondern sie sogar lieb ge- tvonnen. Die Vorurtheile sind gleichsam mit der Menschheit verwachsen, ihr ange- seelt, so wie daher die Operationen drü­senartiger und geaderter Auswüchse am menschlichen Körper auserst gefährlich sind, «den so, und noch weit gefahrvoller sind die Folgen der zu schnellen Vertilgung oder Wegbeizung jener moralischen Gebrechen für den gesellschaftlichen Körper. Wer vermag für den glücklichen Ausgang der Cur jener physischen Uebel zu bürgen? auch die leichteste Hand des geschicktesten Anatomen kann gleiten, und der geübteste Wundarzt kann mit seinem Piston eine Arterie verletzen, an der der Patient sich verbluten muß. Sehr richtig kann man, tvie mich dünkt, diesen Vergleich auf die Vertilgung jener geistigen Gebrechen an­

wenden. Uebel würden hier nur durch an­dere vertrieben und suppliret werden, ja gelänge es auch den vereinten Bemühun­gen der Weisen der aufgeklärten Welt-Zo­nen, den Fürsten der Philosophie, welche durch ihren edlen Eifer die Goldbarren der Weltweisheit auözumunzen, ein so großes Verdienst um die Menschheit haben; ge­lange cs auch deren vereinten Bemühun­gen , hier und da ein Glied dieses hyder­artigen Geschöpfs durch den Kaiserschnitt abzulösen, wer weiß nicht, daß die Vor­urtheile polypenartig sind? daß scheinba­res Vergehen und Wiederaufleben zur We­senheit ihrer Natur gehören? Nicht lange, so wurden sie bald wieder ihr Haupt nur mit andern Insignien verziert erheben, und so der Kunst der Aerzte trotzen. So pa­radox dieses klingen mag, so leicht lann Erfahrung und Geschichwkunde den Beob­achter von der Wahrheit dieser scheinbaren Wagsätze überzeugen. Waö haben, so frag ich jeden Unbefangenen, die Kriege der Philosophie gegen die vereinte Macht des DeepotiSm vorgefaßter Meinungen bisher groß gefruchtet? Ist es nicht immer Ilions-Arbeit geblieben? nur ihre Ge­staltungen haben sie verändert, entwurzelt sind sie nicht, es ist ein Theil ihrer Eigen­heit, sich nach Zeilen und Umstände zu formen, ihr Gewand zu modeln, und sich so auf diesem Schleichwege zum m-nschli- ehen Herzen wieder einzulisten. Sie thro­nen zu unfern Zeiten mit mehren» Glanz als je unter uns, nur mit polirten Larven.

Indem ich über die moralischen Uebel der Welt Betrachtungen anstelle, entwi­ckeln sich in meiner Seele allmählich desto mehr Begriffe von ihrem Nutzen, verlie­ren