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Die

Eroberung von Giessen a. 1527.

( Verfolg.)

Die Mainzischen Krieger mit ihren Bundesgenossen, den Ziegenhainern, Fuldern, Wittgensteinern, Solmsern, verzweifelten bereits, daß sie die Feste zu überwältigen vermöchten. Man stand überhaupt in jenem Zeitalter in der Kunst der Belagerung der Städte noch weit zurück. Da erschien Erzbi­schof Balduin von Trier, eingeborner Graf von Luxenburg, Bruder des hel- denmuthigen Kaisers Heinrich VH., bei dessen Feldzügen, besonders in Ita­lien, er sich als einen erfahrnen Feld­herrn gezeigt hatte. Dieser stand mit bem Erzbischof von Mainz in einem Schuz- und Truzbündnis, besonders wenn es weltliche Herrn und wider­spenstige Städte galt. Er brachte ein auserlesenes Heer alter versuchter Sol­daten mit; man lies aufs neue und wiederholt stürmen, und war so glück­lich, die Mauer zu ersteigen. Den Be­lagerten, nachdem sie sahen, daß aller Widerstand umsonst sey, blieb nichts übrige als sich in die Gnade und den Gehorsam der Sieger zu ergeben.

Matthias zwang die Bewohner der eroberten S'adt, ihm zu huldigen, be­legte sie mit einer Besatzung, und eilte mit seinem Bundesgenossen, dem Erz­bischof Balduin, die Smdt Boppard, welche sich wider die Trierrsche Herr, schäft aufgelehnt hatte, zum Gehor­sam zu bringen.

Die Mainzische Besatzung betrug sich in der Stadt mit vielem Ueber- muth und erlaubte sich Ausschweifun­gen mancher Art. Der Hessische Ge­schichtschreiber Winkel mann Be- fchr. von Hessen B. L führt davon fol­gendes an:

Wie diese Statt von dem Erzbk-

schoss Matthia zu Mainz belagert, be­

stürmet und erobert seye, und wie sich die Burger derselben Trangsal durch ihre Mannheit erlediget, wird im letz­ten Theil zu lesen seyn."

Im VI. Therie sagt er:nach Er­oberung der Stadt zu den Giessen ha­ben die darrnn gelegenen Erzbrschöfti- chen Völker allerhand Muthwillen ver­übet, gefressen, gesoffen, Jungfrauen geschändet und also grausam gehan­delt, daß die Bürger sich ihrer zu be- machttgen, sie herauszuschiagen, und sich ihrem rechtmäslgen Landesherr» seldsten wieder zu unterwerfen sind be­wogen worden."

S ch m i n ck e Monim. Hass. II. S« 464. erzählt. Soviel ist gewis, daß Glesien sich hat vor Mainz beugen müs­sen. Wellen aber die Besatzung die Bürgerschaft allzuhart druckte, beraubte, loor schlug, ihre Weiber und Töchter schändete; so verschwuren sich die Bur­ger gegen dle feindliche Völker, gris/en sie unvermuthek an, und tagten sie zu dec Stadt hinaus."

Die Bedrängnisse, welche die Ein­wohner von Glessen durch den Ueber- muth der Mainz.scheu Völker zu erdul­den hatten, brachten in ihnen einen hetdeumüthlgen Entschluß zur Reife. Im Gefühle ihrer Kraft verbanden sie sich insgeheim, lieber einen ehrenvolle» Tod zu suchen , atS das Joch eines Eroberers tanHr zu tragen : schon hatte die Belagerung und Besetzung der Stadt beynahe zehn Wochen ge­wahrt. Sie schickten insgeheim eine Botschaft an deo Landgrafen nach Mar­burg, thaten ihm ihren Entschluß kund baten, daß er an dem bestimmten Tage mit einer hinreichenden Mannschaft r» ihrer Nähe erscheinen möchte. An dem verabredeten Tage und Stunde über­fielen hierauf sämmtitche waffeniähkge Bewohner von Giessen die Mainzische

Be-