Ausgabe 
29.10.1808
 
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Von den ersten Grundsätzen der Rinderzucht. ( Verfolg.)

Vernünftigen Eltern kann der Rath nicht fremd scheinen, daß sie weniger auf die Bildung des Körpers , auf Schul- rvissenschafken, weniger darauf sehen sol­len, was ihre Kinder gewöhnlich von Französinnen und Schullehrern lernen, «in alle ihre Aufmerksamkeit auf etwas zu wenden, das unendlich wichtiger ist. Und waS ist denn das? Dieses, dem Willen eine gewisse Fertig­keit zu verschaffen, sich der Herrschaft der Vernunft wil­lig zu unterwerfen. Mir einem Jünglinge, der sich frühzeitig diese @i# genschaft erworben hat, mit dem kann man nachmals anfangen , was man will: dahingegen ein ganzes Leben nicht hin­reicht, nachher das auszuführen, was man in dem früher» Alter versäumt hat.

Die Biegsamkeit des Willens ist die Hauptsache in der Kinderz,>chr. Ein Mensch der nicht genug Herr über seine Einfalle und Begierden ist, um sich alle­zeit leicht zu überreden, das zu thun, was Vernunft und Pflichten je von ihm fodern mögen, der kann weder selbst sehr Klücklich, noch der Welt sehr nützlich sevn. Er muß entweder aus Trägheit, »der um seinen Leidenschaften nachzuhän­gen, manche wichtige Pflichten versäu­men oder sie doch mit groser Unlust voll­ziehen. Dort verliert das gemeine Wohl, und hier leidet- er selbst. Diejenigen, welche in der Welt irgend eine Nolle von Wichtigkeit zu spielen haben, müssen sich in den meisten Fällen selbst zu Handlun­gen antreiben , und wie kann man da er­warten, daß sie ihre Bequemlichkeit und Wollust aufopfern werden, um mühse­lige Pflichten zu erfüllen, wenn sie nicht gewöhnt sind, sich selbst zn üherwinden 3

Das wichtigste in der Erziehung ist also , dem Geiste diese Biegsamkeit zu ver­schaffen. Die Seele ist eben sowohl als der Körper in jungen Jahren sehr ge­schickt, alle Arten von Eindrücke anzu­nehmen.. Die Biegungen, welche einem alten und steifen Rucken unmöglich sind herausznbringen , werden denen ganz leicht, die von Kindesbeinen an gewöhnt sind, auf dem Seil zu tanzen und zu voltigiren. Eben die Beschaffenheit hat es mit der Seele. Der Unterschied liegt dies darin, daß wir mit ihr es seltner versuchen, weil wir in allem Betracht uns weit mehr um den Körper beküm­mern. Baume zu pflanzen und zu pfro­pfen, Pferde zu dressiren, davon hat man grose nnd weitläuftige Künste, wor­auf Menschen ihre ganze Lebenszeit ver­wenden; da wir hingegen zweifeln, ob die Kinderzucht nur eine Wissenschaft sev, und ob eben so viel Kunst dazu gehöre einen Menschen zu bilden.

Soviel glaubt man gewöhnlich wohl, daß die Biegung des Willens ein wichtiger Theil der Erziehung sey; allein selten weiß man , worin sie ei­gentlich bestehe, und man fehlt daher oft in der Wahl der Mittel. Nicht jede Biegsamkeit ist Tugend. Es giebt einen gewissen Blöosinn und Schwachheit des Gemülhs, welche machen, daß es dein geringsten Widerstände, jeden Lrohnn- gen, jeder Lockung nachgiebt. Diese Biegsamkeit ist ein Laster, und einer von den Hauptfehlern der Jugend, und wir müssen uns daher sehr hüten, ihn nicht durch die Erziehung zu vermehren. Eine Biegsamkeit, die blos durch Furcht oder Schmeicheleien gewirkt wird , ist eine kin­dische oder sclavische Eigenschaft, wobei Vernunft und Pflichten so wenig gewin­nen, daß ein junger Mensch vielmehr dadurch ungeschickter wird, nach seiner eignen Ueberzengung zu handeln, und

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