Ausgabe 
26.11.1808
 
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Von bm ersten Grundsätzen der Rinderzucht.

( Verfolg.)

Die wichtigsten Wahrheiten, dieje- nigen, welche viel Einfluß auf die Sit- ten haben, ( «nd um andre braucht man sich noch nicht fo sehr zu bekümmern,) aile diese sind deutlich. Die Jugend hat noch nicht das Vertrauen auf ihre eigne Elnsicht, und die Starrsinnigkeit, die eine Wirkung einer langen Verderb­nis in der Denkungsart ist, und die Menichen mehr verblendet , als Unwis­senheit. Die meisten Leidenschaften sind noch nicht gefährlich, und die Vernunft hak also in dem Alter nur zwei Feinde zu überwinden. Diese sind Wollust und Trägheit. Der erste Feind würde ' nicht so gefährlich werden, als er gewöhn­lich ist, wenn wir ihn nicht selbst ver­stärkten! denn nm mäßige Begierden in dem Kinde hervorzubringen, sollte man He nicht durch gewaltsame Mittel ein- schranken. Wir können ihnen zuvorkom­men, wenn wir junge Leute zeitig zur Genügsamkeit gewöhnen, und sie die Dinge, welche die Begierden vermehren, nicht eher kennen lehren, als daö Ge- müth genug gestärkt worden, ihren Lo­ckungen zu widerstehen, und ehe es ge­wöhnt ist, sie für entbehrlich zn halten. Aber dies ist einer von unfern größten Fehlern. Wir lassen uns entweder durch .Zärtlichkeit oder Eitelkeit verleiten, junge Leute zeitig mit allen den Dingen bekannt zu machen, welche ins Auge schimmern, die Einbildungskraft, den Geschmack und das Gefühl vergnügen: wenn wir nun mit allem diesem Puppenwerke ihre Ge­danken zerstreut, ihre Begriffe verwil­dert, und die sinnliche Empfindlichkeit vermehrt haben; so wollen wir zu gewis­sen Zeiten , oder wenn uns einmal eins fällt, sie mir Gewalt zu einer Stetigkeit und einem Ernste zurückbringen, der ent

weber über ihre Kräfte hinaus gebt, oder wozu wir sie denn ohne Zwang würden gebracht haben , wenn wir sie nicht selbst erst verwöhnt hätten.

Es giebt Eltern, welche jenes Ver­fahren noch verantworten wollen, Man muß die Kinder, heißt es, zeitig Alles sehen , schmecken und geniesen lassen, als- denn wird es sie nachmals nm desto we­niger rühren. Ein groser Theil der Ver­gnügungen, dies räume ich gerne ein, hört mit der Gewohnheit aus; aber diese wirket etwas weit schlimmeres , sie ver­wandelt überflüssige Dinge in Uneiikbehr- l'.chkeiten, sie macht es uns zur andern Natur, so viel zu begehren, sie vermehrt unsre Bedürfnisse, unsre Leiden, unsre Bekümmernisse, unsre Anfechtungen, ohne unsre Glückseligkeit zu vermehren. Ein verzärtelt Kind findet wohl nicht mehr Vergnügen in allem dem was es genießt, als ein anders , da dies nie zuvor em­pfunden hatte: aber jenes weint, wird missvergnügt, und glaubt, es sey un­glücklich , so bald es das geringste da­von vermisset. Daö andre thur dies nicht. Ein verzärtelt Kind ist also dop­pelt unglücklich; es hat weniger Ver­gnügen von dem, was es genießt, und mehr Schmerz durch die Abwesenheit ei­nes Vergnügens, Man kann sich immer au dasjenige- gewöhnen, was bie ©ins nen vergnügt; allein es steht nicht alle­mal in unsrer Macht, sich das abzuge- wohnen. Je früher wir daran gewöhnt sind, desto mehr leiden wir, wenn wir einmal genöthigt sind, uns dessen zu entwöhnen; desto weniger sind wir im Stande uns selbst zu überwinden, wenn die Vernunft irgend eine Aufopferung verlangt.

Laßt uns daher, von welchem Stande und Vermögen wir auch seyn mö­gen, unsre Jugend vor allem dem bewah­ren, was die natürliche Begier vermehren