Ausgabe 
6.8.1808
 
Einzelbild herunterladen

Von den ersten Grundsätzen der Rinderzucht, i Verfolg.)

Unsre Seele bar einen eben so na­türlichen Trieb zum Lenken als das Feuer zum »rennen, und es ist daher ein groser Jrrrvuin , wenn man glaube, daß der Widerwille gegen die Wissenschaf­ten eine natürliche böse Neigung des Menschen sey. Es ist die »eschwerlich- )e,r, die mit der Anstrengung der Krakle vcrbundenist, nicht die Wissenschaft se,vst, die uns abschreckt. Lie natürliche Neu- Hirt , welche eine Folge von dein Leben der Seele und ihrer Wirksamkeit ist, hat Dielmehr eine solche Stärke, daß Kinder, die nicht bereits durch einen schlechien Um: Hang verderbt sind, eine unmäsige Be- gikrde baden, alles zu hören und zu ler- rten, was sie obne grosen Zwang und Mühe begreifen können. Stile Augen­blicke verlange» sie, daß man ihnen et­was erzählen soll; und so lange es mög­lich ist diese Neugierde zu befriedigen, »bne ihre, Denkungsart und Gedächtnis zar zu heftig anzustrengen , so lange kann man zuverlässig erwarten, von ihnen ge­hört zu werden, vornemlich wenn man lste Kunst versteht, was man ihnen ver­sagt, nicht allein leicht, sondern auch angenehm zu machen; und hierin besteht das qroie Geheimnis der Erziehung. Die wichtigsten Wahrheiten lassen sich aus Dielen kleinen Grundsätzen und Erfah­rungen beweisen. Oie deutschen Begriffe, welche uns die Wissenschaften von den allgemeinen Eigenschaften der Dinge ge­ben , lassen sich durch Ereinoel der mei­sten Dinge, die wir vor Augen seh n, erklären Die Kräfte und Triebe der Seele empfinden wir selbst , und wir ler­nen daher leicht, uns allgemeine Begriffe Don denkenden Wesen, von Gott, von uns selbst und andern machen. Die Sit- tenlehre peruyet auf klaren Begriffen.

Es kömmt bloS darauf an, daß wir diese Dinge auf eine Art vortragen, wel­che geschickt -st, die natürliche Wißbe- gierve zu unterhalten; daß man dieS durch Gespräche und Erempel zu bewerk­stelligen sucht, ohne die Aufmerksamkeit zu ermüden , und daß Gedächtnis zu be­lästigen: daß eben die Grundsätze oft, auf verschiedene Art und mit neuen Beispie­len erläutert, vorgestellet werden; daß wir uns der geringsten Gelegenheiten und der gemeinen Erfahrung bedienen, die Grundwahrbeiken deutlich zu machen, unt> die Vernunft zu gewöhnen sie anzuwens den; aber vor allein, daß wir uns nach ihren Fähigkeiten bequemen, was wir sa­gen nach den Regeln der gesunden Ver­nunft prüfen, und mit Kindern a-ö mit vernünftigen Kreaturen umgehen, ohne den Gebrauch der gesunden Vernunft durch Gewalt, Verachtung oder Beschim- psungen zu unterdrücken. Man lehrt sie nie ihre Vernunft gebrauchen, wenn mat» jeden Fehler, de» sie begehen, belacht oder tadelt; dahingegen andre, die ihre Gedanken ohne Furcht eröffnen dürfen, oft iu ihrem zarten Alter, mit Hülfe der gesunden Vernunft, solche Wahrheitea entwickeln, die einen alten, aber zugleich verderbten oder unterdrückten Verstand viel Mühe zu begreifen kosten Um in den Kindern diese gesunde Vernunft» diese Unverderbtheit des Verstandes zu bewah­ren , ohne welche alle Gelehrsamkeit mehr schadet, als nützt: muß hion sich hüten, ihnen etwas mit einem grösern Grave von Gew ß 'ut vvrzuiägeu, als mit wel­chem min sie selbst glaubt ; und wenn eS Sachen betrifft, die sie selbst entweder noch nicht begreife» können, oder welche man üverhaupt nicht vollkommen bewei­sen kann, so muß man es lieber gerade heraus sagen, daß man es nicht wisse, oder daß es ihnen noch zu schwer zu be­greifen sey, als daß man sie mit Scheins srünben gbfertigen fplUe, deren Falsch­heit