Ausgabe 
14.2.1807
 
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Erklärung des Unterschieds der Weis­heit und Gelehrsamkeit.

( Verfolg.)

Dieser Zustand von angenehmen Em­pfindungen und die Mittel zu demselben find gar sehr verschieden: manche äussere Umstände und Situationen sind freylich Ursachen und Mittel, sich in ihn zu ver­setze», oder darin zu erhalten, und nennt man diese die äussere Glückseligkeit, so habe ich nichts dawider, als, daß man unter einander Mittel und Endzweck ver­wechselt, da sie nichts weiter als jene Mittel und Wege, nicht aber dieser, die Glückseligkeit selbst seyn können. Sein eigues Wohl, -feine innere, und wenn man so will, seine äussere Glückseligkeit zu befördern, ist sowohl Trieb als auch Pflicht, aber beide werden oft, und jene ganz natürlich auch dadurch besonders erhöht, wenn man das Wohlseyn ande» rer nach feinem Vermögen zu befördern sich bestrebt, so daß über lang oder kurz rrothwendig Reue und Kummer den beun­ruhigen muß, der eutweder durch nu­rechte Handlungen dem Wohlseyn ande­rer entgegen gearbeitet, oder doch nicht seinen Pflichten, seinen Umständen und seinem Vermögen gemäs, andern zu die­nen und ihr Glück zu befördern sich be- strebt hat.

Soll nun die Weisheit nicht bloS eine Eigenschaft des Verstandes seyn, ist sie vielmehr auch eine Tugend des Her­zens, welches sie zugleich seyn muß; so wird sich der Weise feine eigne und die Glückseligkeit seiner Nebenmenfchen, so zum Endzwecke fetzen, daß alle seine Handlungen Mittel dazu werden.

Diese- wende man sogleich auf Ge­lehrsamkeit und Gelehrte an. Einsicht, Wissenschaft, em mit Kenntnissen ange-

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fülltet Verstand: prächtige Worte, aber viellercht leere Töne, wenn ihr Werrh nach jener Beziehung beurtheilt werden soll. Ist denn wohl der Verstand eines leben tiefsinnigen und speculativischeu Mannes mit Wahrheiten angefüllt? und mit nützlichen? und mit solchen, die andre in der That interessiren ? oder macht denn den Gelehrten seine Kenntnis nothwen- dig zu einem bessern Menschen und Bür­ger ? Es wäre zu wünschen, daß man nicht eingestehn müßte, daß vieles, ja wohl das mehrste Wrssen mancher Gelehr­ten eine Menge von dunkeln gelehrt klin­genden Worten ohne Kraft, ohne Be­deutung und ohne Wahrheit fty. Wird dieses für Gelehrsamkeit gehalten', wird es auch in Schulen für Schätze von Weisheit und Gelehrsamkeit ausgegeben von der einen bewundert, angenommen und erlernt von der andern Seite, so ist es doch wahrhaftig nicht Weisheit, da eS im Leben unnütz und unbrauchbar ist. Der tiefsinnige Helvetius merkt richtig an, daß wenn man die Begriffe eines andern schätzt, man seinen Vortheil dar­unter haben müsse, warum man es thue. Hat nun aber die ganze Wissenschaft ei­nes Mannes keine Beziehung auf den reellen Nutzen der Menschen, wie kann sie von einem Vernünftigen geschätzt und hoch geachtet werden? So ein Schatten­bild von Erudition verschwindet sobald als man eiusehen lernt, daß, so voll ge­pfropft auch immer der Verstand seyn mag, er doch leer an praktischen und nützlichen Wahrheiten sey. Hier gilt je­nes persische Sprüchwort : man hört wohl das Klappern der Mühle, aber man sieht kein Mehl. Wenn aber auch der Verstand mit vielen und wichtigen Wahrheiten angefüllt ist, wenn der Ge­lehrte weiß, was gut, edel, billig, ge­recht und löblich sey, und dennoch thue er das Gegenrheil, wenn überhaupt je­

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