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Der Tempel des Glücks. Eil, Traum.
( Verfolg.)
Das Tha! schien von grosem Umfange zu seyn. In der Mitte sah man den Tempel, wie eine Rotunde gebanet, wohin unzählige Wanderer von allen Seiten ihren Lauf richteten. Ich ward ganz entzückt über das Schöne und Rei» zende dieser Gegend, wo die Natur alle ihre Schatze verschwendet zu haben, und gleichsam sich selbst zu übertreffen schien. Hier bewunderte man die angenehmste Abwechslung von stolzen Cedern und Fruchtbaumen, die schwer von Früchten uiederhiengen. Hier sah man Helle Bache erst langsam rieselnd von Klippen niederschleichen , denn mit rauschendem Falle ins Thal hinunter eilen, denn wiederum langsam sich von einander theilen, und bald zwischen grünen Gebüschen hinflie- sen , deren Menge und schöne Unordnung ein anmuthiges Bild gaben, bald durch den fetten Klee, bald durch die lieblichsten Blumen, welche die Luft mit einem durchdringenden Ambrageruch erfüllten. Hier hörte man, wie Philomele jezt mit kläglichen Seufzern ihren armen Jtys beweinte, jezt mit heftigen Schlägen dem Thereus seine Grausamkeit vorwarf, jezt aber ihren Kummer vergaß , und mit unnachahmlichen Trillern sich in einen Wettstreit mit den übrigen Vögeln einließ , die vor Freude hüpfend, unablässig ihre zwitschernde Stimme gen Himmel erhoben.
Die Wanderer bestanden grösten- theils aus Jünglingen, welche in viele kleine Haufen vertheilt waren. Jeder Haufen hatte seine Anführerin, welche ihn zum Tempel des Glücks leiten sollte. Dieser leisteten sie einen blinden Gehorsam, und erwiesen ihr beinahe göttliche
Ehre. Diese Anführerinnen hiessen Af- fecten, und behaupteten albe', Are- tens Töchter zu seyn, so ungleich sie auch einander waren. Es war'auch gar nicht ausgemacht, wie nabe eine jede von ihnen sich zu Areteus Geschlechte rechnen konnte. Ich bemerkte, daß sie eine weit ernstere und mehr gebieterische Miene hatten, als Eusebie und Ar e- t e. Diese giengen mit ihren Untergebenen als mit Freunden um, aber die A f- fecten sahen die ihrigen vielmehr fii< Sclaven an. Cie befahlen, und man muste ihnen ohne Widerspruch gehorchen. Gegen die Ankömmlinge waren sie etwa einige Augenblicke gefällig, aber desto strenger waren sie gegen diejenigen, welche schon einige Zeit in ihrem Gefolge gewesen waren. Gleichwohl war cs wunderbar zu sehen, mit welchem Vergnügen sich alle ihrer Herrschaft unterwarfen, und wie eifrig selbst diejenigen, welche sich von ihren Beherrscherinnen in Ketten führen liessen, behaupteten, daß sie frey waren.
Die Lockungen, womit jede von diesen Schönen (denn sie hatten wirklich Reizungen) mich zu ihrem Haufen zu ziehen suchte, machten bald einigen Eindruck auf mein Gemüth Arete warnte zwar ihre Nachfolger, (deren Anzahl inzwischen wenig zugenommen hatte.) vor der Gesellschaft der Affecren, ungeachtet sich einige unter ihre Anführung begeben hatten, welches, wie sie hinzusetzte, sich zuweilen zutragt, aber nicht sehr lauge zu wahren pflegt. Aber ejne gewisse Betäubung, welche diese bezaubernde Gegend bey mir verursachte, machte, daß ich unvermerkt unsre himmlische Führerin aus dem Gesichte verlor, und sie auf einige Zeit vergaß. Ohne Ueberlegung nahm ich an allen Vergnü- gunge» Theil, welche der Weg und die


