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Der Tempel des Glücks.
E i n T r a u m.
(Verfolg.)
Hierauf fiel mir ein sehr tiefes Com» pkiment von einem alten Bettler in die Augen, der seinen Körper kaum mit eiv tilgen schwarzen Lumpen bedecken konnte. Ich fragte ihn nach seinem Stande und Schicksale. „Ach mein Herr, antwortete er, ihre durchdringenden Blicke sprechen mit so viel Scharfsinn, daß ich beim Apoll und bei den Musen schwören darf, daß sie sogleich ihres geringen Dieners Geschäfte werden erratden haben." Es war ein Gelegenheitsdichter, der noch keine Hochzeit hatte vorbeigehen lassen, vhne Amorn mit Hymen zu versöhnen, und kein Leichenbegängnis, ohne die grausame Faust des Todes auszufilzen. Er war vor so mancher Thür des Tempels gewesen, aber seine unvernünftigen Bewohner hatten ihm nie erlaubt, weiter als bis an die Schwelle zu kommen. Iezt war seine poetische Ader durch den beständigen Gebrauch etwas verdorret, nnd sein glühendes Angesicht zeigte genugsam , mit welcher Hippokrene er seine Lebensgeister zu erfrischen suchte. Nach vielen Umschweifen bat er mid) endlich in Versen um ein, Viatikum ; und es war mir sehr angenehm, daß ick) mit so leichter Mühe mich von ihm losmachen konnte.
Allmahlig ward ich dieser Originale überdrüssig. Id) vermied einige Frauenspersonen von häßlichem Ansehen, die in diesem Haufen waren, sorgfältig, und faßte den Entschluß, wie es mir auch geben möchte, nie den Weg zum Laza- xeth des Glücks zu wählen.
In diesem Entschlüsse ward ich nod) mehr bestärkt, da wir gleich darauf auf ein paar Wanderer stiessen, die allein
den Weg betraten, der zürn Wohnplatze der Zufriedenheit führte. Welch ein Unterschied war nicht unter diesen und den andern? Eine unverzagte, obgleich gedrückte Tugend schien aus ihrem ganzen Wesen hervor. Der eine war ein Knegs- mann, ein Greis voll Narben , dessen schlechte Kleidung verneth, daß er mit seinem fürs Vaterland vergossenen Blute sich nur Mangel und Verachtung erkauft hatte. Der andere hatte den besten Tbeil. seiner Lebenszeit hingebracht, jungen Leuten den Weg zum Tempel des GlückS durch ihre Geschicklichkeit und Verdienste leicht zu machen. Viele batten es blos ihm zu danken, daß sie hineinqekommen waren, aber alle hatten vergessen, ihm dieselbe Wohlthat zu erweisen. Arete selbst hatte sich vergebens bemüht, diese Männer in den Tempel zu bringen , und itzt war beider Sinn allein auf die Wohnung der Zufriedenheit, und den Tempel der ewigen Glückseligkeit gerid)tcr. Sie gaben sich alle Mühe, mich zu überreden, ihnen nachznfolgen^ Id) war auch einige Augenblicke zweifelhaft. Allein der glänzende Tempel des Glücks, dem ich jetzo so nahe war, erlaubte mir nicht lauge zu zweifeln, 'Sie musten sich damit begnügen lassen , daß id) meinen Unwillen über die Unbesonnenheit, die mid) von Areten getrennt hatte, bezeigte^ und daß ich ihnen versprach, mid) nach ihrem Ercrnpel nur an Areten zu halten, um in den Tempel hineinzukommen, und wenn dies mir nicht glückte, als» denn meine Zuflucht zur Wohnung der Zufriedenheit zu nehmen. Sie sagten mir nod), ehe wir uns trennten, daß Arete mir ihrem Gefolge schon beim Tempel an- gekommen, und sogleich zu der allgemeinen Thüre gegangen wäre, die auf der andern Seite des Tempels lag. Sie belehrten mid) ferner, daß diese Thüre, welche hie größte von allen war, deswegen


