und Nachrichten. 6z
Der Löw und die Fliege.
Eine Fabel.
Der stärkste Löw, den Lybien gezeuget, Mit Muttermilch zur Tapferkeit gesäugek, Mit Blut genährt; den nie kein Feind erschreckt; Vor dem, wer sich gewagt, bald blutig Staub geleckt; Der Thiere Fürst und Herrscher ohne Schranken: War auch an Klugheit groß, noch größer in Gedanken. Einst ging er früh dahin, wo der vergangne Tagi Des Fürsten Kampf, mit einem Tiger schaute, Der sich zu viel, zu seinem Unglück, traute, Und nun, besiegt, im Sande faulend lag.
Der Löw ging hin sein Auge zu ergehen;
(Ergeht ein todter Feind auch edler Helden Muth?) Und eine Fliege kam, sich auf daö Aas zu setzen, Und sog, aus Hunger, faules Blut.
Das sah der Löw, und rief: „du sollst den Raub nicht theilen!,, Er scheuchte sie: sie mußte hungrig eilen:
Er sprang vergnügt davon. Die Fliege, sonder Macht, War sich zu rächen doch bedacht.
Sie schwang ihr bebendes Gefieder, Sie setzte sich auf seinen Rücken nieder Und stach, mit Zorn, empfindlich zu. Solch kleines Thier sucht in der Rache Ruh. Er brüllte voller Grimm: „was stlcht mich für ein Bube?,/ Sah rückwertS um, lief fort, und fiel in eine Grube, Und brach den nie gebeugten Hals.
Sein gleicher Sohn, des Throns bestimmter Erbe, War in der Näh ein Zeuge seines Falls, Und eilte brüllend hin. Der Vater sprach: „ich sterbe, „Die Fliege stürzte mich. Wer hätte das gemeynt? „ Mein Sohn, mein Sohn I verachte keinen Feind. „ Hier röchelte der Held, und schloß sein edles Leben. Er hätte sonst dem Sohn die Lehren noch gegeben: „ S^y hungrigen nicht hart: laß Nahrung ungestört: „ n Gieb gern vom Ueberfiuß, der dir allein gehört:,,
S. Werlhofs moralische Gedichte.
tt S-Y


