Ult- Nachrichten. Ms

noch schwerer ist, der Würde der Religion etwas zu vergeben. Und end­lich kann kein Mensch sein künftiges Schicksal vorhersehen und bestimmen. Wie mancher hat sich wider seinen Willen in eine Stadt begeben müssen, ohne die faulen Tage, die er sich bey einem Amt aus dem Land, mehr aus Unwissenheit und Einbildung, als der Wahrheit gemäß vorgesteüt hak, genießen zu können. Wer studiren will, und sich den Vezirck seiner Fa­kultät allzu enge vorstellt, der lernt gewiß nichts rechts. Die Wissen­schaften laufen untereinander: eine dienet der andern zur Vorbereitung, zur Erleuterung, zur Zierde: Man muß feine Hauptsache aus dem Grund erlernt haben, aber dadep in tausend andern Dingen nicht ganz fremd seyn.

Aus der allzugrosen Unwissenheit fliessen hernach viele schädliche Fol­gen. Der Geistliche wird ein blinder Erster, weil er die Grundsätze der Religion nicht gehörig gefaßt hat: Er verketzert und verdammt ost dasje­nige , was von seiner Meynung abweicht, wenn es oft gar mit den nem- lichen Worten in seinen symbolischen Büchern sieht. In der Moral ist er bald zu strenge, weil er weder Regeln noch Menschen kennt: bald zu gelind und nachgebend, Durch nichts kann sich ein Geistlicher mehr ver­haßt und verächtlich machen, als wenn er entweder zu nachsehend ist, oder wenn er auf der andern Seite die unschuldigsten Handlungen vor Sünde erklärt. Daher kommt es, daß man so sehr auf die äuserliche Werke, auf den Schein des Christcnthums, aufbloffe Ceremonien von menschlicher Er­findung dringt, und gleich den Pharisäern das schwerste aus dem Gesetz weglaßt. Daher kommen die ewigen Gesetzprediger und Poltrer, die nicht wissen, oder nicht wissen wollen, daß man ungleich mehr mit Sanftm uth ausrichtet. Wie will ein Mann, der weder sich selbst, noch andre Men­schen gehörig studirt hat, der sein eigens Herz nicht genug kennt, geschwei­ge denn seine Zuhörer, der keine richtige Begriffe von Pflichten, Tugen­den und Lastern gefaßt, oder sich niemals um die Granzen derselbigen be­kümmert hat, ohne weiches man doch der Sache eben so geschwind zu viel als zu wenig khun kann, wie will sage ich, ein solcher Mann treffend und erbaulich reden? Wie will er das Herz der Zuhörer rühren ? Wie kann er ihnen die Tugend angenehm und leicht machen? Wie kann er ih­nen alle ihre Ausflüchte benehmen, und alle Larven abzichen, hinter wel­che sie sich mit ihren Lastern zu verbergen pflegen? Gewiß eine Kenntniß die viel Fleiß, Nachdenken und Erfahrung erfordert, und in dem klein.

S s r sten