Ausgabe 
10.1.1769
 
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r4 Giesslsche wSchenEch-gemekttnStzige Ättrergt»

tzm andern -ine majestätische Leibesgestalt, einer laßt sich von schwarzen, der andre von blauen Augen blenden. Sind darum blaue Augen weniger schön weil unser Mädgen schwarze Augen hat? oder ist darum eine jede Blondine häßlich, weil uns eine gewisse Brünette besser gefallt- ,

So wie es unter vornehmen Personen Schönheiten giebt, die in al^ ser Pracht des Anzugs glasen, so giebt es im Gegentheil auch in den niedrigsten Hütten nußbraune Mädgen die, wenn sie gleich von der Kunst nichts entlchnen können, doch oft eben so sehr mzen , als manche Prin- zeßin, die ein Original zu dem Gemahlde der Liebesgöttin abgeben könnte. Die körperliche Schönheit ist nicht an eine gewisse Art der Leibesgestaltoder Farbe gebunden, noch über einerlei) Leisten geschlagen. Die kleine Phyllis reizt durch ihr unschuldiges Gesicht, Sylvia durch ihre schalkhafte Mine/ Sulpitia durch ihren edlen und göttlichen Gang.

Man wird eg einem Menschen nicht leicht vergeben, wenn er eine ge­wisse Wissenschaft als zum Bevspiel die Mathematik verachtet, weil er kei­ne Neigung zu derselbigen bey sich empfindet, oder sich keinen Fall Vörstet­ten kan, worinnen er sie in seiner künftigen Lebensart nothwendig hätte. Man wird ihn billig fragen ob er wisse, was für Wissenschaften unter der­selbigen begriffen sind , was für Materien darinnen abgehandelt werden, und ob er sich so weit darinnen umgesehen habe, daß er die Gründe ange­ben kan, warum er dieses oder jenes vor entbehrlich und überllüßig ansieht. Untersucht und ungeprüft etwas zu verachten ist sehr leicht, ober jederzeit das Kennzeichen eines kleinen Geistes gewesen.

Man muß die Wissenschaften nicht von einander trennen : sie sind alle nothwendig und wichtig, eine jede in ihrer Art, und nach gewissen Umständen. Man sieht nicht so weit in die Zukunft, daß man behaup­ten könnte, man werde dieses oder jenes niemahls nöthig haben. Man muß die Gründe von sehr vielen Dingen innen haben, wenn man in der Welt fortkommen will: damit man, wenn der Fall vorkommt, darauf weiter bauen kan, und nicht durch Unwissenheit derselben in Verlegenheit, Schaden oder wenigstens Schande versezt wird.

Wollte man sich nur die Mühe geben die schönen Wissenschaften nach ihren mancherley Theilen und Hauptmaterien einigermassen zu durchlauffen, so würde man finden, daß zwar auch Kleinigkeiten indenjelbigen enthalten sind, die entweder ein besonderes und seltnes Genie voraussezzen, ober doch wenigstens nicht einem reden in gleichem Grade nothwendig sind, daß aber auch im GegentheiL unendlich viele Hauptmoterien Vorkommen, darinnen

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